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Tálos: Der Austrofaschismus in Österreich

'Das austrofaschistische Österreich' von Emmerich Tálos ist allen zu empfehlen, die sich für die österreichische Zeitgeschichte 1933 bis 1938 interessieren.

Dreifach ist der Schritt der Zeit: "Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, ewig still steht die Vergangenheit."

So dichtet Schiller in den Sprüchen des Konfuzius. Aber die Bedeutung und Bewertung der Vergangenheit steht nicht ewig still, sondern bewegt sich mit der Gegenwart fort in die Zukunft. In der Geschichte unseres Landes gibt es viele umstrittene Zeiten. Die Jahre 1933/34 bis 1938 gehören dazu. Helmut Wohnout hat einige Fragen aufgelistet: Hat das Dollfuß-/Schuschnigg-Regime bereits eine faschistische Herrschaft begründet, die 1938 nur durch die andere, noch viel brutalere Form den deutschen Faschismus in Form des Nationalsozialismus ersetzt wurde, oder hat nicht gerade die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus die Selbstständigkeit Österreichs zumindest vom Frühjahr 1933 bis zum Frühjahr 1938 aufrechterhalten?

Der politische Charakter

Was war der politische Charakter des Systems? War es ein "christlicher Ständestaat", wie die Regierung vorgab? War es nicht eher eine österreichische Spielart des Faschismus nach dem Vorbild der Diktatur nach Mussolini in Italien? Oder war es ein Diktaturregime sui generis, das 1933/34 errichtet wurde?

Unbestritten war es eine Diktatur. Neisser und ich haben in der Monografie "Der Bundeskanzler im österreichischen Verfassungsgefüge", 1971, den Staatsstreich auf Raten des Engelbert Dollfuß und den schrittweisen Übergang von der demokratisch-parlamentarischen Verfassung 1920 zu einer regierungsdiktatorischen 1934 analysiert. Dieser Prozess ist bemerkenswert, weil er geradezu ein Modell darstellt.

Die Kanzlerdiktatur war ein Werk Dollfuß', der unter dem Schutz und Schirm der katholischen Kirche und aufbauend auf Traditionen aus der Monarchie ein autoritäres System sui generis erschuf. Manches erinnert an den Neoabsolutismus, aber auch an Versuche, Gewaltanwendung und Legalität zu versöhnen, die bonapartistischer Taktik entsprachen. Die Verwundbarkeit liberaler und demokratischer Institutionen ist evident. Manche mag es überraschen, wie man mit massenhaft rechtswidrig erzeugtem Recht regieren und verwalten kann, wenn keine gerichtlichen Kontrollen bestehen, politische Gegengewichte wie der Bundespräsident zu schwach sind und keine widerstandsfähige und -willige Zivilgesellschaft besteht. Protestaktionen von Universitätsprofessoren sind zu wenig.

Dazu kam, dass die Bedrohung durch den Nationalsozialismus immer größer wurde. Zu Beginn des Jahres 1933 war Hitler an die Macht gekommen. Bald war das selbstständige Österreich unter Dollfuß sein Ziel.

Die Regierung führte im Inneren und nach Außen einen Abwehrkampf. Sie verfolgte unter Druck Mussolinis auch die Linken, vor allem Sozialisten. Dieser doppelte Bürgerkrieg wird oft vergessen. Die Regierung hatte keine Massenbasis -aber immerhin hatte die Vaterländische Front rund drei Millionen Mitglieder.

Außenpolitisch war sie weitgehend isoliert. Mussolini unterstützte sie anfangs, vor allem im Kampf gegen die Linken, aber bald näherte er sich dem Deutschen Reich unter Hitler.

Beide verband auch eine expansive imperialistische Strategie. Das lag der österreichischen Regierung fern. "Imperial" war sie im Übernehmen monarchischer Traditionen, in der Förderung aristokratischer Schichten und einer Österreichideologie.

Die Dollfuß-Diktatur

Nach der Ausschaltung aller Verfassungsorgane, die der Regierung hinderlich gewesen wären, konnte Dollfuß seine Diktatur und seine autoritäre Regierung durchsetzen, Bürokratie, Polizei und Heer kooperierten, das Mehrparteiensystem war abgeschafft worden, die Gesellschaftsordnung wurde nach dem Führerprinzip aufgebaut.

Nachdem der sozialistische Aufstand im Februar 1934 niedergeschlagen worden war, kam es wieder durch mehrere Rechtsbrüche zu einer neuen Verfassung, die sich auf Gott berief und nicht mehr das Volk als rechtschaffende Autorität einsetzte. In ihr wurde das Ziel einer Harmonie der Stände in einem autoritär geführten Staat angestrebt.

Zur neuen Verfassung vom 1. Mai 1934 kam auch ein neues Konkordat mit der katholischen Kirche. Mehrmals erhielt Dollfuß den Segen von Papst Pius XI. Nach seiner Ermordung durch Nationalsozialisten im Juli 1934 kam es zu einer Art Kult um den toten Bundeskanzler. Die Regierungsbzw. Kanzlerdiktatur, in der alle Staatselemente einschließlich des gefügigen Bundespräsidenten beim Kanzler konzentriert waren, setzte Bundeskanzler Schuschnigg fort.

Von der Deutschen Verfassung wurde die Richtlinienkompetenz für den Kanzler übernommen. Paramilitärische Organisationen mit Uniformen und die Schaffung der "Vaterländischen Front" waren weitere Versuche der Diktatur.

Emmerich Tálos charakterisiert dieses österreichische Herrschaftssystem als Austrofaschismus und das Land von 1933 bis 1938 als das austrofaschistische Österreich. Das österreichische Regime 1933 bis 1938 weist nach ihm "trotz aller Eigenständigkeiten und Abweichungen durchaus eine Nähe zu und Gemeinsamkeiten mit Entwicklungen in Nachbarstaaten" auf. Kurz gesagt, es stelle "eine Variante faschistischer Herrschaft dar". Dies wird genau beschrieben und analysiert.

Emmerich Tálos hat es sich zur Aufgabe gemacht, seinen Begriff des Austrofaschismus inhaltlich zu begründen und gegen Relativierungen zu verteidigen. Er versucht, eine politisch-polemische Darstellung zu vermeiden und eine wissenschaftlich fundierte Orientierung zu geben.

Die Theorie des Autoritären

Der deutschnationale Staatsrechtslehrer an der TU Wien Hans von Frisch brachte 1938 ein Buch heraus: "Gewaltherrschaft in Österreich 1933-1938", ein Buch das dem Gauleiter Bürckel gewidmet ist und mit "Heil Hitler" endet. Austrofaschismus kommt darin nicht vor, es wäre ihm möglicherweise zu positiv erschienen. Der später weltberühmte Eric Voegelin publizierte 1936 das Buch "Der autoritäre Staat" , das er einen Versuch über das österreichische Staatsproblem nannte. Darin legitimiert er "die österreichische Theorie von der Autorität (Dollfuß)" durch den Hinweis auf den französischen Staatslehrer Hauriou.

Auf diese beiden Bücher nimmt Emmerich Tálos keinen Bezug, obwohl ansonsten die vorhandene Literatur weitgehend vollständig wiedergegeben wird. Das gilt auch für die Quellen. "Das austrofaschistische Österreich" von Emmerich Tálos ist allen zu empfehlen, die sich für eine der zentralen Epochen der österreichischen Zeitgeschichte, nämlich 1933 bis 1938, interessieren. Das gilt auch für alle seine anderen Bücher, die sich auf diesen Zeitabschnitt beziehen.

In diesem Buch ist Tálos bemüht, ein objektives Bild der Zeit zu geben, wie er sie sieht, und in diesem Sinn aufzuklären. Mir ist so manches klarer geworden.

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