Religion

Polarisierung um Notre-Dame

1945 1960 1980 2000 2020

GASTKOMMENTAR. In den Debatten über den Wiederaufbau nach dem Brand der Pariser Kathedrale steckt viel gesellschaftlicher Sprengstoff. Signale der Entschärfung täten in dem ohnedies gespaltenen Land dringend Not.

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GASTKOMMENTAR. In den Debatten über den Wiederaufbau nach dem Brand der Pariser Kathedrale steckt viel gesellschaftlicher Sprengstoff. Signale der Entschärfung täten in dem ohnedies gespaltenen Land dringend Not.

Der Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame und die Reaktionen darauf haben in kürzester Zeit einen Streit um Moral, Identität und Zugehörigkeit zutage gefördert, der schon längst in Europa und anderen Teilen der Welt ausgefochten wird. Noch während des Brands hat sich die Bevölkerung nicht nur in Frankreich, sondern darüber hinaus in zwei Gruppen geteilt: jene, die entsetzt und traurig reagierten und jene, die gleichgültig oder gar schadenfroh waren.

Nach dem Brand hat sich diese Kluft verschärft, als sich die französische Regierung und einige sehr wohlhabende Einzelpersonen öffentlich bestürzt zeigten und große finanzielle Unterstützung für die Renovierungsarbeiten zusagten. Die Zusagen wurden umgehend von einigen als Heuchelei interpretiert: Die Reichen würden sich sofort um ein zu renovierendes Bauwerk kümmern, aber das Schicksal von Flüchtlingen oder Menschen in Kriegsgebieten sowie Armen im eigenen Land würde sie kalt lassen. Umgekehrt wurden jenen, die sich über den Brand der Kathedrale nicht traurig zeigten, Patriotismus und kulturelles Feingefühl abgesprochen. In vielen Kommentaren hieß es sinngemäß oder gar wörtlich, dass der neidische, unkultivierte Pöbel nun auf die Barrikaden steige. Viele ärgerten sich darüber, dass die eine Katastrophe mit einer anderen aufgerechnet wurde und beklagten die moralische Keule, die sie geschwungen sahen. Die Verhärtung der Fronten spiegelte rasch wider, was wir in den letzten Monaten und Jahren bereits kennengelernt haben: eine Polarisierung zwischen Mili­eus und Meinungen, die sich nicht so leicht entkrampfen lässt.

Wem gehört ein Nationalsymbol?

Dass ein solcher Brand politisch genutzt, anderen politischen Ereignissen und Entwicklungen gegenübergestellt und moralisch verhandelt wird, ist historisch betrachtet keine Neuigkeit. Man sollte sich darüber umso weniger wundern, als es um ein Nationalsymbol und um Geld gleichzeitig geht. Wie sollte das nicht zum Politikum werden, an dem sich alle gesellschaftlichen Gruppen abarbeiten?
Ein Nationalsymbol hat die Funktion, den nationalen Zusammenhalt materiell darzustellen, eine Klammer der nationalen Identität zu bilden. Nun ist Notre-Dame offenbar und unbestritten ein solches Symbol für Frankreich. Die große Mehrheit der in Frankreich lebenden Menschen würde das wohl unterschreiben. Sie fühlen sich durch dieses Symbol einer Gruppe verbunden und zugehörig, in diesem Fall dem französischen Staat und der christlichen Glaubensgemeinschaft. Das haben jene explizit unterstrichen, die umgehend Millionen zugesagt haben. Ihre Unterstützung zeigt: Hier geht es um „unser Symbol“. Sie sagen damit: „Notre-Dame gehört zur Familie und wir lassen ein Familienmitglied nicht hängen.“ Aber das gilt eben nicht für alle. Es gibt Menschen, die zwar in Frank­reich leben, denen dieses Symbol aber nichts bedeutet. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein: Vielleicht sind sie erst seit Kurzem zugewandert und wissen nichts über die Historie des Bauwerks. Vielleicht leben sie schon lange in Frankreich, aber am Rande der Gesellschaft und ohne die Perspektive, dort jemals als zugehörig erachtet zu werden. Vielleicht stehen sie dem französischen Staat abgeneigt gegenüber, weil er ihnen keine oder zu wenige Chancen bietet. Vielleicht ist Notre-Dame als Symbol des Christentums für manche gerade kein Identitätsstifter, weil sie einer anderen Religion angehören oder weil sie Religion überhaupt ablehnen. Es scheint zumindest nachvollziehbar, dass diese Menschen die Trauer über den Brand nicht im gleichen Ausmaß teilen können. Die kollektive Trauer der anderen führt ihnen umso mehr vor Augen, dass sie nicht dazugehören. Sie können den Eindruck gewinnen, dass ihr Schicksal in Frankreich dem französischen Staat und der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung weit weniger wichtig ist als das Schicksal von Notre-Dame. Sie können den Eindruck gewinnen: „Ich gehöre nicht zu dieser Familie dazu. Mich wird keiner renovieren, wenn ich verbrenne.“

Worüber geweint wird

Auch viele religiöse Menschen haben den Eindruck, dass dem Geringsten der Brüder und Schwestern hier weniger Bedeutung beigemessen wird als einem Bauwerk. Papst Franziskus hat im Jahr 2013 auf Lampedusa gefragt: „Wer hat ge­weint um diese Menschen, die im Boot waren?“ In Anspielung auf zwei Hauptwerke von Victor Hugo hieß es, dass Notre-Dame mehr Aufmerksamkeit zuteil werde als den Elenden („Les Misérables“). Anders formuliert: Wer hat so um die Elenden getrauert wie um Notre-Dame? Diese Frage klingt für viele Ohren ungerecht. Was einen betrifft und zu Tränen rührt, ist nicht steuerbar und kann viele Hintergründe haben. Wer bei den Bildern der brennenden Kirche traurig war, war es wahrscheinlich auch bei den Bildern der gestrandeten Kinder, der überfüllten Flüchtlingsboote oder der anderen Leiden der letzten Jahre. Dem Vergleich wird daher entgegen gehalten, dass man diese Dinge nicht aufrechnen kann. Das wäre moralisch ungerechtfertigt.

In Hinblick auf die Frage der Zugehörigkeit könnte der Präsident Signale setzen, etwa die Renovierung als breit angelegten Prozess inszenieren, über Religionsgrenzen hinweg.

Tatsächlich ist der Vorwurf, hier würde mit zweierlei Maß gemessen oder heuchlerisch agiert, nicht grundsätzlich angebracht oder gar richtig. Das gilt auch gegenüber den wohlhabenden Personen, die viel Geld zur Renovierung zur Verfügung stellen. Denn wer weiß schon, wie viele Millionen möglicherweise genau dieselben Spender in ihrem Leben bereits für wohltätige Zwecke ausgegeben haben, wie sehr sie mit den Armen dieser Welt mitleiden oder nicht. Wie unsinnig wäre es, eine Spende für das eine nur dann gelten zu lassen, wenn auch für alles andere gespendet würde. Nie könnte man es dann moralisch richtig machen. Unbeantwortbare Fragen würden sich aufwerfen: Wie viel müsste man für Kinder in Not spenden im Vergleich zum Klimaschutz oder zum Schutz des Kulturerbes oder für die Freiwillige Feuerwehr, den Samariterbund oder „Ärzte ohne Grenzen“? Wenn man dies ständig aufrechnen würde, müsste man verzweifeln und könnte am Schluss für nichts mehr spenden, obwohl freilich auch diese Entscheidung eine moralische Verfehlung wäre. Die einzelne Person anzuklagen für das, was sie unterstützt oder nicht, kann also keine Antwort sein.

Anders verhält es sich mit dem Staat und der Politik. Theodor Adorno hat in seinen moralphilosophischen Abhandlungen darüber geschrieben, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe. Er argumentierte, dass moralische Fragen niemals vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt diskutiert werden können. Alles ist demnach politisch, ganz besonders das Moralische. Die Frage nach dem richtigen Leben sei nichts anderes als die Frage nach der richtigen Politik. Und Judith Butler fügt dem die Frage hinzu: Wessen Leben zählt? Und schließt, dass Ungleichheit und Ungerechtigkeit in keinem Politikfeld außer Acht gelassen werden dürfen. Man könnte hinzufügen: auch nicht im Politikfeld des Kulturerbes oder der Nationalsymbolik.

Verdinglichung und Personalisierung

Hat man diesen Blickwinkel auf die Diskussionen einmal eingenommen, so erkennt man rasch die Umkehrung der Subjektzuschreibung, die in unserer arbeitsteiligen kapitalistischen Gesellschaft so präsent ist und sich im vorliegenden Fall so deutlich äußert. Während die Kathedrale beweint wird, als wäre sie ein lebendiges Wesen, gilt die menschliche Arbeitskraft häufig als Ding, als Instrument zur Steigerung des Profits. Die Angestellten und Arbeiter in einem Unternehmen sind austauschbar und können von anderen oder gar von Maschinen ersetzt werden. Notre-Dame hingegen gilt als einzigartig, mit einer Seele und einem verletzlichen Körper. Um sie wird geweint, die verdinglichten Arbeitnehmer ersetzt man. Klar wird ein solcher Vergleich von vielen hämisch belächelt und als absurd abgetan. Allein, dass Menschen sich verdinglicht fühlen, ist keine Fantasie, sondern in sozialwissenschaftlichen Studien x-fach belegt. Und im bunten Spektrum der französischen Gegenwart gibt es nicht wenige, die genau diese Verdinglichung beklagen. Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie haben es mehrfach im Zuge der Gelbwesten-Proteste beschrieben. Wer sich als Ding behandelt fühlt und gleichzeitig die Vermenschlichung eines Bauwerks wahrnimmt, wird sich über diese Umkehrung empören.

Was bleibt dann aber? Wahrscheinlich muss man feststellen, dass es unmöglich ist, es allen recht zu machen. Dennoch wären Handlungsalternativen denkbar, um die Polarisierung ein wenig zu entschärfen. In Hinblick auf die Frage der Zugehörigkeit zu Frankreich könnte der Präsident Signale setzen, etwa die Renovierung von Notre-Dame als breit angelegten Prozess inszenieren, über die Religionsgrenzen hinweg – oder es wenigstens versuchen. Die Umdeutung der Kirche zum Symbol eines pluralistischen Frankreich ist gewiss nicht einfach, aber im Dialog mit allen Gesellschaftsgruppen und Religionsgemeinschaften nicht unmöglich. Um eine Antwort auf die Ungleichheit in Frankreich kommt Emmanuel Macron ohnehin nicht herum. Der Eindruck, dass eher um ein Bauwerk als um Menschenleben ge­weint wird, mag ungerechtfertigt sein, aber er ist jedenfalls dringend zu vermeiden. Das lässt sich durch soziale Maßnahmen und Prozesse der Inklusion erreichen. Was im Zuge des Grand Débat begonnen wurde, müsste allen Bevölkerungsgruppen zugänglich sein.

Der Autor ist Politikwissenschaftler in Salzburg

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