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Vorsicht Wert - los?

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Welche Werte verteidigen wir - Menschen, Grenzen, Eigentum, Ideale?

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Welche Werte verteidigen wir - Menschen, Grenzen, Eigentum, Ideale?

Warum löst die Verteidigung von Werten im ausgehenden 20. Jahrhundert eigentlich so oft das große Gähnen aus? Ohnehin wird man die nackte Haut und das Eigentum zu schützen wissen. Natürlich werden die Menschen, die in diesem Land verwurzelt sind und Besitz angeschafft haben, diesen auch verteidigen. Notfalls auch mit der Waffe. Ein Volk von Schrebergärtnern und Fertigteileinfamilienhausbauern verteidigt seine Schrebergärten und Fertigteileinfamilienhäuser. Gegen einen Aggressor. Womöglich aus dem Osten. Wo bleiben denn da die Werte?

Deren Zeit scheint sowieso vorbei zu sein. Zu oft wurde uns sogenannten jungen Menschen von Essayisten und Feuilletonisten, die ihre Midlife Crisis zwar schon längst hinter sich haben, aber mit ihrer Feder phantastischerweise noch immer die Worte der Jugend wiederzugeben glauben, ein Defizit an Werten und politischem Engagement attestiert. Was für Recyclingargumente werden da nicht aus der Schublade gezogen, mit denen die jeweils nächste Generation bereits seit der Antike rhetorisch niedergeknüppelt wurde: Verwöhnt sei sie, hätte sich nie etwas hart erkämpfen müssen und habe folglich auch völlig verdrehte Wertvorstellungen. Das soziologische Phänomen, daß es die vorangegangene Generation immer viel schwerer gehabt haben müsse als die nachfolgende wird seid jeher herangezogen, um einen dramatischen Werteverfall zu illustrieren.

Aber nicht Wertelosigkeit, sondern ein gesundes Mißtrauen gegenüber "allgemeingültigen" Werten, die oft in hohlen Phrasen und ideologischen Stehsätzen enden, ist gefordert. Wir erinnern uns sehr wohl, daß die beiden letzten großen Kriege auf europäischem Boden als Verteidigungskriege von zweifelhaften Werten ihren propagandistischen Anfang nahmen, sei es als Reaktion auf fiktive polnische Grenzverletzungen oder "weu uns die G'frasta einfach ka andere Wahl lassen ham ...", wie es Karl Kraus in den Letzten Tagen der Menschheit so vortrefflich beschreibt. In weiterer Folge war eine Ideologie selten so schwülstig, wertüberladen wie die des Nationalsozialismus, und selten sind abendländische Werte und das Gespenst von deren Bedrohung auf fruchtbareren Boden gefallen: "Wir haben nur die deutschen Grenzen verteidigt, und die Grenze ist dort wo die Front ist", waren die durchaus ernstgemeinten Worte eines Kriegsteilnehmers anläßlich der überhitzten Waldheim-Diskussion. Nicht nur das. Der Mann, der Werte wie "Ehre", "Treue" und "Vaterland" hochhielt, war überzeugt ebendiese Werte pflichtgemäß verteidigt zu haben. Auch wenn ihn diese "Verteidigung" originellerweise bis an den Ural geführt hatte.

Die Verteidigung von Werten ist es, die oft im Rahmen von Ideologien den Handlungen einer Führungsschicht eine moralische Rechtfertigung verleiht. Wenn aber erst einmal "der feierliche Ernst der Stunde" über uns hereingebrochen ist, eine aufgeklärte Gesellschaft auf "ein starkes, einiges Volk" reduziert worden ist und sich in aller Augen "ehrliche Begeisterung" spiegelt, dann hat die mediale Stimmungsveränderung bereits gegriffen, die eine Inthronisierung von unantastbaren Werten möglich macht. Dann ist es zu spät. Dann muß "Serbien sterbien - ob's da wüll oder net". Und niemand möge anführen, daß ein derartiger Stimmungsumschwung im Namen gewisser Werte, eine subtile Veränderung der gesellschaftlichen Tonlage, heute nicht möglich wäre.

Wer soll da noch jugendlichem Mißtrauen einen Vorwurf machen? Müßten wir nicht dankbar sein, wenn uns Wertelosigkeit unterstellt wird und wir nicht mehr im starren Wertekorsett wohlmeinender Vätergenerationen gefangen sind, für die bereits die Möglichkeit einen "Zivildienst" abzuleisten, das erste Tor zur Hölle darstellen mag und die uns heute als großen, bleibenden Wert den shareholder value hinterlassen wird ?

Gemeinsame Werte stellen bedauerlicherweise nur den kleinsten gemeinsamen Nenner auf der individuellen Werteskala dar. Sich für diesen zu begeistern ist naturgemäß schwierig, noch dazu wo viele Ziele bereits so abstrakt scheinen, daß ein Eintreten für sie schwer vorstellbar ist. Zynisch könnte man den Vorwerfern entgegenhalten, daß wir eben nicht das Privileg haben, uns für Freiheit und Demokratie erschießen lassen zu müssen wie Robert Blum im vielstrapazierten Jubiläumsrevolutionsjahr 1848. Daraus abzuleiten, daß Demokratie und Freiheit in unserer Werteskala nach dem Auto und der Fernreise auf die letzte Stelle rutschen, ist aber sicherlich unrichtig.

Wir werden uns für verordnete Werte nicht mehr kompromißlos begeistern lassen. Schon gar nicht für die Lächerlichkeit einer Grenze. Meine Kinder werden Grenzen nach Italien, Deutschland und vermutlich auch zu den östlichen Nachbarländern nie kennenlernen. Man wird hingegen Dinge verteidigen, die man schätzt: eine pluralistische Gesellschaft, die für alle offen ist, in der Frauen die gleichen Chancen wie Männer haben, in der demokratische und zukunftsweisende Politik gemacht wird und in der man auch Spaß haben kann.

Zu allgemein ? Warum eigentlich ? Ein wenig Utopie, mag sein. Doch davon sind wir in diesem Land ohnehin nicht so weit weg. Und für eine Utopie kann man schon auf die Barrikaden gehen und es finden sich auch Werte, die zu verteidigen man bereit ist.

Wir sind vielleicht orientierungsloser, aber eben auch mißtrauischer geworden. Wer kann beim Treuegelöbnis schon so sicher sein, daß er der "bestellten Bundesregierung immer Treue und Gehorsam leisten" werde, wo man ja nie weiß, wer aller 1998 angekündigterweise Kanzler werden könnte? Ich kann mir, wie gesagt, durchaus vorstellen dieses Land zu verteidigen. Ich konnte allerdings auch nicht umhin während der Angelobung meine Finger fest zu überkreuzen, was ja, wie alle oftmals leichtsinnig eidbrüchig gewordenen Kinder wissen, einen Treueschwur zumindest etwas relativiert. Sicher ist sicher!

Hannes Loimer Der gebürtige Wiener, Jahrgang 1972, maturierte 1990 am Bundesrealgymnasium in der Rahlgasse (Wien VI) und begann nach dem Präsenzdienst und einem Sommeraufenthalt in Montreal 1991 mit dem Studium der Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur in Wien. 1996/97 besuchte Loimer, bisher schon Autor in Studentenzeitschriften und Fachmagazinen, die University of Guelph, Ontario, und kehrte dann an die "Boku" zurück.

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