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Was uns angeht

Betroffenheit im Zeitalter der Globalisierung.

Die Globalisierung macht auch "Betroffenheit" schwieriger. Ferne Katastrophen sind so nahe, dass sie uns nahe gehen. Wenn aber prinzipiell nichts mehr weit genug ist, um uns kalt zu lassen, im Grunde nichts mehr uns nichts angeht - dann haben wir ein Problem. Es wurzelt in unserer psychogenetischen Grundausstattung, die darauf angelegt ist, "Fremdes", "Fernes" weniger an uns heranzulassen, als "Eigenes", "Nahes". Und es zeigt sich in der Unsicherheit im Umgang mit Ereignissen wie der Flut in Südostasien. Wieviel Silvesterlaune ist angesichts zigtausender in Wasser-, Schlammmassen, Trümmern zu Tode gekommener, angesichts ungezählter ihrer Existenzgrundlage beraubter Menschen zulässig? Darf das Neujahrskonzert stattfinden - und wenn ja, auf welche Art und Weise? Radetzkymarsch nein, Bauernpolka samt fröhlichem Lalalalala der Philharmoniker ja, kein Schlussgag mit Konfettiregen oder ähnlichem aber zündende Polkas mit lustigen Holzklappen und Rasseln?

Wir haben ähnliche Diskussionen - Stichwort: Opernball und Irakkrieg - bereits in den letzten Jahren erlebt, und es werden, so kann man annehmen, in Zukunft noch mehr werden. Der Hintergrund ist immer der gleiche: das diffuse Unbehagen, betroffen zu sein und doch nicht von allem betroffen sein zu können - oder aber: das Empfinden, dass, wenn uns alles angeht, uns nichts mehr wirklich angeht.

Nun ist es aber nicht ganz so: Wir unterscheiden, weil wir gar nicht anders können, eben doch weiterhin zwischen "nah" und "fern", nur sind das weniger denn je bloß geographische Kategorien. Mehrfach wurde schon darauf hingewiesen, dass die mediale Aufmerksamkeit der Katastrophenregion nur in diesem Ausmaß zuteil wird, weil es sich dabei - auch - um "Urlaubsparadiese" für westliche Touristen handelt. Christian Ortner hat dieses Phänomen in der Presse sehr präzise anhand eines Vergleichs zwischen Darfur und den von Seebeben verwüsteten Ländern beschrieben: Während uns die Bürgerkriegstragödie im Westsudan kaum existenziell berührt habe, starrten wir nun entsetzt auf die Bilder aus Thailand, Sri Lanka, Indonesien. Zynisch gesagt: Auf der Betroffenheitsskala rangiert "die Flut" ganz oben, ungefähr auf einer Stufe mit "9/11" oder (aus österreichischer Sicht) "Lassing" und "Galtür".

Ortner sieht darin einen Beweis für die Segnungen der Globalisierung: Im Notfall bedeute sie eben auch globalisierte Hilfe, während von der Dynamik der Globalisierung nicht erfasste Weltgegenden - wie etwa afrikanische Länder - auch in unvorstellbaren Elendslagen kaum die Wahrnehmungsschwelle der Weltöffentlichkeit überschritten. Das ist schon richtig. Nur sollte man daraus keine allgemeingültige Wahrheit basteln: Denn oft ist es eher so, dass die Globalisierung - wenn man sie denn personifizieren will - jene Verheerungen lindern hilft, die sie selbst (mit)verursacht hat. Gewiss, in diesem Fall gilt das nicht, Tsunamis sind kein Menschenwerk; die Folgen von Naturkatastrophen stehen freilich nicht selten sehr wohl im Zusammenhang mit ökonomisch-ökologischen Entwicklungen.

Vielleicht könnte die derzeitige Flutkatastrophe ja überhaupt auch ein Anlass sein, den Begriff "Globalisierung" ideologisch ein wenig zu entladen und den damit beschriebenen Prozess nüchterner zu sehen. Wenn man will, lässt sich die gesamte Menschheitsgeschichte als Globalisierung beschreiben, freilich mit einem Zuwachs an Dynamik in den letzten Sekunden, der eine nicht nur quantitative sondern auch qualitative Änderung bedeutet. Diese Dynamik hat ein unglaubliches Maß an Wohlstand und Mobilität für viele gebracht, hat totalitäre Systeme teilweise ausgehöhlt - und scheint doch immer wieder Mensch und Natur in vielfältiger Weise zu überfordern.

Zurück gibt es keines, nur den Versuch, diesen Prozess menschengerecht zu steuern. Tragfähige Lösungen haben wir noch nicht gefunden, nur soviel ist klar: Mit der Gleichzeitigkeit von Glück und Elend müssen wir leben - die Augen vor dem einen nicht verschließen und dabei das andere nicht verlernen. Ziemlich sicher werden wir 2006 beim Radetzkymarsch wieder klatschen, auch wenn jede Menge Gründe erneut dagegen sprechen dürften.

rudolf.mitloehner@furche.at

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