Kurt Jungwirth - © David Prabitz

Kräftig und gerade über das Spielfeld rauschen

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Der leidenschaftliche Schachspieler Kurt Jungwirth, Gründer der „Styriarte“ und langjähriger Motor der kulturellen Entwicklung der Steiermark, über Kulturpolitik und Lebenskultur.

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Der leidenschaftliche Schachspieler Kurt Jungwirth, Gründer der „Styriarte“ und langjähriger Motor der kulturellen Entwicklung der Steiermark, über Kulturpolitik und Lebenskultur.

Sprache, Schach und Politik: Am 3. September begeht Kurt ­Jungwirth seinen 90. Geburtstag. Der ­steirische Kulturpolitiker im Interview über die schöpferische Kraft des Menschen, über die Seitenblicke-­Kultur der österreichischen Politik und ­darüber, dass Kulturkampf immer auch ­Sozialkampf ist.

DIE FURCHE: Herr Professor Jungwirth, beginnen wir das Interview mit einer Frage aus dem Bereich des Schach. Sie waren nicht nur über vier Jahrzehnte ­Funktionär, sondern sind von Kindheit an auch aktiver Schachspieler. Welche Schachfigur ist ­Ihnen persönlich die allerliebste?
Kurt Jungwirth: (lacht) Eine interessante Frage, die ich mir so noch nie gestellt habe. Ich sollte wohl antworten: die Dame, weil sie die stärkste Figur ist. Doch von Kindesbeinen an gefällt mir der Turm. Eigentlich unerklärbar, warum mir diese Figur immer so sympathisch war … Womöglich erschien mir die Dame immer kompliziert, weil man vor ihren Zügen so viel rechnen muss. Der König ist nur repräsentativ, der Gegner darf ihn nicht einmal ­berühren. Nein, es ist der Turm, der in einer Linie über das Spielfeld rauscht, ­kräftig und ­gerade.

DIE FURCHE: Das Bild vom geradlinigen Turm, der fest verankert ist und allen Stürmen widersteht, hatte womöglich auch ÖVP-Politiker Josef Krainer senior vor Augen, als er Sie 1970 als Quereinsteiger in die steirische Landespolitik geholt hat. Mit welchem politischen Verständnis sind Sie dem Ruf des „alten“ Krainer damals gefolgt?
Jungwirth: „Was ist der Mensch?“ Diese Frage war für mich ein wesentlicher Einstieg in die steirische Kulturpolitik. Im Menschen ein kreatives Wesen sehen – egal, ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt. Aufgabe der Politik soll sein, dem Menschen zu einem gelungenen Leben zu verhelfen, und dazu ist es nötig, seine schöpferischen Kräfte zu wecken und zu fördern. Zu finden sind diese Kräfte natürlich in den Küns­ten, in der Kunst – ihr Ursprung liegt allerdings im Alltag. Schon bei der Deckung grundlegender Bedürfnisse wie dem nach Essen, Trinken oder dem Sich-Kleiden werden die Talente eines Menschen offenkundig und zeigen sich im wahrsten Sinn des Wortes in der Alltagskultur. Als Kultur- und Bildungslandesrat habe ich immer wieder betont, dass ich nicht nur zuständig bin für den „Steirischen Herbst“ und für die Oper – das ist alles sehr wichtig. Aber Kultur fängt schon viel früher an: bei der Kleiderkultur, bei der Kochkunst, beim alltäglichen Handwerk. Mitzuhelfen, dass Talente sich entwickeln können, ist letztendlich auch die Aufgabe von Schule. Mein Bild von Gesellschaft ist letztendlich eines, in dem auch der Bub und das Mädchen aus dem hintersten Gebirgstal Zugang haben zu einem Weg, der ein Bildungsweg ist und der ihn und sie dabei unterstützt, den eigenen Lebensweg zu finden.

DIE FURCHE: Von Kindergärten über Volkskultur bis hin zu experimenteller Musik des Musikprotokolls im Steirischen Herbst: Als Kultur- und Bildungslandesrat haben Sie – bis heute – einen offenen Kulturbegriff vertreten. Welche Rolle spielt Kultur heute in der Politik?
Jungwirth: Aktuell sehe ich in der Politik wenige Inhalte von Kultur und Kunst. Beides scheint für wahlwerbende Politikerinnen und Politiker vor allem dort wichtig, wo es Stimmen bringt. Kultur lebt dann in der Seitenblicke-Kultur – als Kultur vor der Adabei-Kamera. Es ist schon klar, dass Kulturinhalte oft sehr spezialisiert sind, wenig massentauglich und selten Thema für die öffentliche Diskussion. Doch indirekt spielt das Thema Kunst eine bedeutende Rolle – nämlich dort, wo es letztendlich um die freie Zeit des Menschen geht, um ein Arbeitszeitgesetz oder den Zwölfstundentag. Der Kampf um Freizeit ist ein Sozialkampf und weil der Mensch in seiner Freizeit Kultur erleben kann, ist der Kampf um die Arbeitszeit immer auch Kulturkampf und damit immer auch ein Kampf um Lebenskultur. Das darf man, glaube ich, nicht übersehen. Für den Kulturpolitiker ist es nicht befriedigend, wenn sich die Freizeit von Menschen lediglich darauf beschränkt, passiv zu schauen, vor der Glotze zu sitzen oder stundenlang zu klicken – aus welchen Gründen er das auch immer tut. Hier sollte die Politik im Menschen ­Interessen wecken und kreative Kräfte fördern. Das ist immer auch schon Teil von Kulturpolitik.

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