Hausmann - © Foto: Getty Images/Apic

Raoul Hausmann: Grenzgänger zwischen den Künsten

1945 1960 1980 2000 2020

Am 1. Februar jährt sich der Todestag von Raoul Hausmann zum 50. Mal. In Wien geboren, trat der überzeugte Dadaist mit seinem breit gefächerten Werk zeitlebens gegen bourgeoise Traditionen an.

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Am 1. Februar jährt sich der Todestag von Raoul Hausmann zum 50. Mal. In Wien geboren, trat der überzeugte Dadaist mit seinem breit gefächerten Werk zeitlebens gegen bourgeoise Traditionen an.

„Ich bin immerhin der größte Experimentator Österreichs“ – so lautete das Selbstverständnis von Raoul Hausmann, der zu den vielseitigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt. Er war als Maler, Dichter, Fotograf, Erfinder und Tänzer ein Grenzgänger zwischen den Künsten. Als Mitbegründer des Dadaismus verkündete er das Ende der Hochkultur und bekämpfte den traditionellen Kunst- und Kulturbetrieb. Seine Absicht bestand darin, der Bourgeoisie „die bittere Pille des Nichts in den Rachen zu stopfen“. An die Stelle der bürgerlichen Saturiertheit sollten Spontaneität, Unmittelbarkeit oder Zufall treten. „Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe“, schrieb Hausmann in seinem Werk „Der deutsche Spießer ärgert sich“.

„Ich bin immerhin der größte Experimentator Österreichs“ – so lautete das Selbstverständnis von Raoul Hausmann, der zu den vielseitigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt. Er war als Maler, Dichter, Fotograf, Erfinder und Tänzer ein Grenzgänger zwischen den Künsten. Als Mitbegründer des Dadaismus verkündete er das Ende der Hochkultur und bekämpfte den traditionellen Kunst- und Kulturbetrieb. Seine Absicht bestand darin, der Bourgeoisie „die bittere Pille des Nichts in den Rachen zu stopfen“. An die Stelle der bürgerlichen Saturiertheit sollten Spontaneität, Unmittelbarkeit oder Zufall treten. „Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe“, schrieb Hausmann in seinem Werk „Der deutsche Spießer ärgert sich“.

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Geboren wurde Raoul Hausmann am 12. Juli 1886 in Wien als Sohn eines akademischen Malers. Seine Kindheit verlief nach eigener Aussage „recht glücklich. Man ließ mich alles tun, was mir durch den Kopf ging.“ Im Jahr 1900 erfolgte der Umzug nach Berlin, wo Hausmanns Vater Aufträge für Porträts erhielt. Der eigenwillige Jugendliche lehnte einen Schulbesuch ab und bildete sich autodidaktisch weiter. In Berlin nahm Hausmann Kontakte zu Malern wie Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Ludwig Meidner auf, malte zahlreiche Gemälde im Stil des Expressionismus und verfasste Beiträge für die Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion. Daneben setzte er sich mit verschiedenen philosophischen Strömungen auseinander. Ein wichtiger Einfluss waren die Schriften von Friedrich Nietzsche. Seinem Aufruf, „mit dem Hammer zu philosophieren“ und ideologische oder religiöse Götzen umzuwerfen, folgte Hausmann mit großer Begeisterung. „Wir wollen radikal die Ausflüchte der Schönheit, der Werte vernichten, wir wollen alles zerstören, zerreissen – um aus uns hinauszuschleudern in die neue Welt“, notierte Hausmann. Neben Nietzsche befasste er sich intensiv mit den Schriften des anarchistischen Philosophen Max Stirner, der von 1806 bis 1856 lebte. In seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ attackierte er jegliche gesellschaftliche, politische oder religiöse Institutionen und setzte sich radikal für das konkrete Ich ein. „Ich tue nur, was ich selber will“, lautete Stirners Motto.

Die dadaistische Bewegung

Die künstlerische Umsetzung des radikalen Befreiungsprojekts Stirners erfolgte in der Bewegung des Dadaismus, die 1916 von Richard Huelsenbeck, Marcel Janco, Hugo Ball und Tristan Tzara in Zürich begründet wurde. Die Dadaisten, die während des Ersten Weltkriegs Zuflucht in der neutralen Schweiz suchten, verstörten im legendären „Cabaret Voltaire“ das meist bürgerliche Publikum. Sie veranstalteten Happenings mit Klingeln, Trommeln, Kuhglocken und Schlägen auf Tische oder leere Kisten. Die dadaistische Bewegung in Berlin unterschied sich durch ihre betonte Akzentuierung des Politischen deutlich von den Happening-Künstlern in Zürich. Aktivisten wie Raoul Hausmann, Georges Grosz, Franz Jung oder Wieland Herzfelde bekämpften die 1918 gegründete Weimarer Republik, die für sie eine Wiederkehr der alten bourgeoisen Mächte unter einem neuen Etikett darstellte. Ein Teil der Berliner Dadaisten schloss sich der Kommunistischen Partei an – eine Entscheidung, mit der Hausmann nicht einverstanden war. Er wollte das Dada-Projekt der Politik nicht unterordnen, sondern verstand es als Teil einer kulturellen Revolution, die der politischen Revolution vorausgehen sollte. Er plädierte für eine „Anti-Kunst“, die sich gegen alle etablierten Kunstrichtungen auflehnte; an die Stelle von Tafelbildern traten Collagen aus Zeitungsmaterial, Fotomontagen und aus typographischen Elementen zusammengesetzte Plakate. Ein Höhepunkt der „Anti- Kunst“ Hausmanns waren die Lautgedichte, in denen eine subversive Destruktion sprachlicher Konventionen erfolgte. Durch Kreischen, Gelächter, Krähen, rhythmische Geräusche sollte eine neue Dimension der Poesie eröffnet werden. „Aus dem rhythmischen Fluss der Konsonanten und Doppellaute und der Gegenbewegung ihrer vokalischen Entsprechungen resultiert das Gedicht“, notierte Hausmann, „das Gedicht ist eine Fusion von Dissonanz und Lautmalerei.“

Gegen das Spießbürgertum

Hausmanns experimentelle „Anti-Kunst“ korrespondierte mit seinem politischen Engagement. Er sympathisierte mit dem Anarchismus und attackierte in Manifesten Kirche und Kapital, Militarismus und Klassenjustiz der Weimarer Republik. In dem 1921 publizierten Pamphlet „Hurra! Hurra! Hurra! Deutsche Satiren“ wandte sich Hausmann gegen den „deutschen Spießer“, der seine beschränkte Lebens- und Weltanschauung als Maßstab menschlichen Existierens verstand. „Es war in seiner deutschen Seele der Geist der unerschütterlichen Ordnung verankert, die ihren Kram weiter macht, ob Menschen sterben, oder ob die Welt untergeht“, schrieb Hausmann.

Hausmanns experimentelle ‚Anti-Kunst‘ korrespondierte mit seinem politischen Engagement; er sympathisierte mit dem Anarchismus.

In den 1920er Jahren setzte Hausmann seine künstlerischen und politischen Tätigkeiten fort und erweiterte sie um philosophische Spekulationen über eine Verfeinerung und Erweiterung der menschlichen Sinne. Die Spuren dieser programmatischen Erklärung tauchten später in den beiden Romanfassungen „HyleI“ und „Hyle II“ auf. Der bis heute unveröffentlichte erste Teil umfasst die Aufzeichnungen während seines Aufenthalts in Berlin, der zweite die Zeit von Hausmanns Exil von 1933 bis 1936 auf der Baleareninsel Ibiza. Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten sah sich Hausmann gezwungen, Deutschland zu verlassen, wo er als „entarteter Künstler“ diffamiert wurde. Nach Ibiza kam er in Begleitung seiner Frau Hedwig Mankiéwitz und der Geliebten Vera Broïdo, wo sie ein von bürgerlichen Konventionen freies Leben führen wollten.

Der Roman „Hyle II“, der den Titel „Ein Traumsein in Spanien“ trägt, ist keineswegs als realistischer Roman zu verstehen, sondern ein Produkt „biographischer Phantasie“. Es gibt zwar einen Handlungsrahmen, der sich auf das Zusammenleben des Dichters mit seiner Ehefrau und der Geliebten bezieht, der jedoch allmählich in das anarchische Reich der Träume abdriftet. Die Texte in „HyleII“ beziehen sich auf alltägliche Erfahrungen wie Wohnen, Arbeit, Bekanntschaften oder auf die Sexualität der drei Protagonisten. Dabei thematisiert Hausmann in assoziativer Folge die existentielle Erfahrung eines radikalen Solipsismus, die er nur zu gut aus seinem eigenen Leben kannte. „Man erzählt sich viel, doch man erzählt sich nichts Neues. Man spricht immer und überall aneinander vorbei“, heißt es in dem Roman. „Jeder will nur für sich sprechen, sich sprechen hören, vorbei am Anderen.“

Flucht nach Frankreich

Das Lebens- und Kunstprojekt Hausmanns auf Ibiza wurde durch den Spanischen Bürgerkrieg beendet. Als Anhänger der Republikaner musste er wieder emigrieren; diesmal nach Zürich, Prag und Paris. Nach der Okkupation durch deutsche Truppen floh Hausmann im Jahr 1939 in ein kleines Dorf im Departement Haute-Vienne, wo ihn die Familie seiner künftigen dritten Ehefrau versteckte. Die Endstation war
Limoges. Dort lebte Hausmann in ärmlichen Verhältnissen; am 1. Februar 1971 starb er an den
Folgen einer Gelbsucht. Hausmanns experimentelles künstlerisches Œuvre wurde von der akademischen Literaturwissenschaft wenig beachtet, was sich in den letzten Jahren geändert hat. Die kompromisslose Ablehnung tradierter literarischer Konventionen, wie sie für sein Werk wie auch für den gesamten Dadaismus charakteristisch ist, war nicht mehr zeitgemäß. Dennoch hielt Hausmann bis in sein hohes Alter am Dadaismus fest, denn „DADA ist immer DA / DADA ist eine Geisteshaltung / DADA übertraf sich selbst“.

Buch

Literaturhinweise

Hyle Ein Traumsein in Spanien
Von Raoul Hausmann
Belleville Verlag 2006 348 S., geb., € 29,90

Raoul Hausmann
Hg. von Kurt Bartsch und Adelheid Koch
Droschl 1996 419 S., kart., € 31,–

Dada Berlin Texte, Manifeste, Aktionen
Hg. von Karl Riha
Reclam 1986 184 S., kart., € 6,–

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