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Wenn sich alles ins Wunderbare wendet

Vom unverlangt eingesandten Manuskript zum Überraschungserfolg: der märchenhafte Debütroman "Mittelstadtrauschen“ der österreichischen Autorin Margarita Kinstner ist gefällig und effektvoll konstruiert.

Margarita Kinstner ist mit ihrem Debütroman "Mittelstadtrauschen“ ein Überraschungserfolg geglückt. Schon knapp zwei Wochen nach Herbstbeginn sprach Christine Westermann im WDR von einem "der schönsten Bücher dieses Herbstes“. Das öffnete dem Buch die Türen der deutschen Buchhandlungen und Medien. Sogar die Kieler Nachrichten berichteten vom "fulminanten Debütroman“ der österreichischen Autorin. Mitte November verkündete Profil, das News in der Ranking-Kompetenz zunehmend den Rang abläuft, dass der Roman einen Tag lang auf Platz 39 der Amazon-Verkaufswertung firmierte; derartige Wertungen zu problematisieren kann man von dieser Zeitschrift nicht mehr erhoffen. Unbestritten aber ist der Erfolg, über 10.000 Exemplare sollen bis Mitte November verkauft worden sein, und das ist für einen österreichischen Erstling in jedem Fall beachtlich.

Als Leser in einen Sog gezogen

Der WDR kolportierte auch die Anekdote von der Praktikantin, die das Manuskript aus einem Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte gefischt hat und sofort begeistert war. Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.

Tatsächlich entwickelt das Buch von Beginn an einen Sog, wie bei einem guten Krimi, will man wissen, wie die Dinge weitergehen. Die Sprache ist unkompliziert, erlaubt sich aber immer wieder kleine Ausflüge ins Tiefgründige, die manchmal erst bei genauerem Hinsehen ein wenig hinken. "Milchig weiß lehnt sich der Novembernebel gegen die Fensterscheiben und konserviert Gedanken zwischen Stahlbetonwänden“, heißt es einmal oder, wie in einem Literaturblog als Exempel für besonders "harmonische Phrasen“ und geglückte "bildhafte Metaphern“ zitiert: "Draußen werfen Männer ihr dumpfes Lachen gegen Häuserwände und fangen es wieder auf.“

Zum Spannungsaufbau trägt schon das Cover bei, das in stilisierter Form Akteure, Requisiten und Schauplätze des Buches vorstellt und mit verbindenden Linien auch gleich die Beziehungsnetze skizziert. In der Mitte thront die Kaffeetasse, die im spektakulären Romanauftakt vor Jakob auf dem Kaffeehaustisch steht und von Marie umgeschüttet wird, was die beiden mit zwei gleichfalls abgebildeten (Liebes-)Blitzen verbindet: Einer ist rot, einer schwarz. Der rote gehört Jakob, er verliebt sich spontan und bedingungslos, seine Lebensabschnittsbegleiterin Sonja sofort vergessend.

Der schwarze gehört zu Marie, die etwas weniger überzeugt in die Affäre einsteigt, immer stärkere Zweifel bekommt, ob der an einer Dissertation über "Quantenteleportation auf lange Distanz“ arbeitende Jakob auf lange Distanz gesehen wirklich der richtige (Gesprächs-)Partner für sie ist. Denn leider darf die Lehrerin Marie nicht sehr klug sein. "Quantentele … wie? Davon hab ich ja noch nie etwas gehört“, muss sie gleich zu Beginn der Begegnung sagen, eine Unkenntnis, die für Zeitung lesende Zeitgenossen heute schon ein gewisses Kunststück darstellt. Vielleicht findet Jakob Marie genau deshalb so attraktiv.

Verbindungsfäden

Eigentlich aber hängt Marie immer noch an Joe. Was ihn charakterisierte, formuliert Marie von ihrem neuen Partner aus gesehen so: "Jakob rennt nicht mit albernen Puppen durch die Stadt und stellt sich nicht mit alten Weingläsern, die er am Flohmarkt gesammelt hat, auf eine Brücke.“ Joe, der Puppen- und Wasserorgelspieler war eine Art Luftmensch mit zeittypischem Talent zum Show-Effekt. Seinen Selbstmord via Brückensprung organisiert er vor den Augen seines Freundes Gery. Der wird der Nachfolger bei der armen Sonja, aber dann doch bei Marie, dank einer ebenfalls einigermaßen schräg inszenierten Testamentseröffnung im Prater, wo sich alles irgendwie ins Wunderbare wendet.

Dann gibt es noch die alte Hedi Brunner, die das Thema NS-Vergangenheit einbringt - sie musste ihren Erstgeborenen, das Kind einer Affäre mit einem russischen Besatzungssoldaten, aus Familienraison weggeben. Das hat sie ihren beiden Töchtern späterhin nie verziehen oder sich selbst oder ihren Eltern. Gery wiederum jobbt beim Sozialdienst und bringt ihr täglich das Essen auf Rädern; ihre beiden Töchter, eine davon ist Jakobs Mutter, sind genauso unheilvoll in die Gesamthandlung hineinverstrickt wie Joes Mutter und Jakobs Professor als böser Geist im Hintergrund. Von ihrer aller Vorgeschichten erfahren wir genau so viel, wie zum Knüpfen der Verbindungsfäden nötig ist. Dass die Kritikerin vom WDR gestand, es wäre ihr anfangs schwer gefallen, die Figuren auseinander zu halten, ist einigermaßen verwunderlich.

Märchenhaftigkeit

Denn es gibt kein loses Ende in diesem Personengeflecht, alles ist streng aufeinander hin konstruiert, so gefällig wie effektvoll, "fulminant und trivial in einem Guss“, urteilte Helmuth Schönauer, der mit seinen schlanken Befunden dem Geist eines Buches oft erstaunlich nahe kommt, und "die Moral dieser quirligen Aufwallung quer durch die Stadt“ sei: "Es gibt keinen Plan, wir sind alle bloß Partikel, die über das geographische Geviert geblasen werden. Das Mittelstadtrauschen ergibt sich aus dem Zusammenprall mittelmäßiger Individuen in einem mittelmäßigen Ambiente“. Das aber ist genau das Entlastende bei der Lektüre, die Menschen gleichen "spielerischen Apps“ und beunruhigen daher ebenso wenig wie die eingebauten Sentenzen. "Mit der Liebe ist es so eine Sache“, heißt es einmal; das ist unbestreitbar richtig, und was immer darauf folgt, wird einen wahren Kern haben, so wie der Generalbefund über Hedi Brunner und ihre Generationskolleginnen: "Alte Frauen haben zwei dumme Eigenschaften, sie lesen zu viel Konsalik und trinken zu wenig Mineralwasser - Angewohnheiten, die im Sommer das Leben kosten können.“

"Aber wie gesagt: Das kommt sehr selten vor. Und klingt auch ganz und gar unwahrscheinlich.“ Mit diesem Satz entlässt die Autorin ihre Leser und eröffnet damit die Option, das Buch in seiner Märchenhaftigkeit einfach stehen zu lassen. Oder man liest es, nach dem Ort der eigenwilligen Testamentseröffnung, als unterhaltsames Kasperltheater - mit dem Professor als Krokodil.

Mittelstadtrauschen

Von Margarita Kinstner, Deuticke 2013.

288 Seiten, gebunden,

* 20,50

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