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Gesellschaft

Böse Politiker und nützliche Idioten

1945 1960 1980 2000 2020
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Nach dem Schock von Genua: Die Mächtigen der Welt dürfen sich in Zukunft nicht mehr einbunkern, abgeschirmt vom Rest der Welt.

Wir sehen aus wie die acht gepanzerten Bösen, die die Völker verhungern lassen", klagte der gedemütigte Gastgeber. "Dabei wollten wir doch genau das Gegenteil!" Das pathetische Jammern von Italiens Minis-terpräsident Silvio Berlusconi zeigte, dass er das Image begriffen hatte, in das er und seine sieben Gäste gestellt wurden. Sein Problem dabei: Der erste Satz stimmte. So werden die G-8 von den Globalisierungkritikern tatsächlich gesehen. Den zweiten Satz hingegen glaubte ihm niemand.

Aber auch die selbsternannten "Guten", die Demonstranten, haben jetzt ein Imageproblem: Ihre simple Polarisierung wirkt nach den Bildern von Terror, Brutalität und Zerstörung nicht mehr ganz so überzeugend wie bisher. Mehr als hunderttausend "friedliche Marschierer" für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt haben sich ein weiteres Mal als nützliche Idioten und Schutzschilder für ein paar Hundert Hooligans missbrauchen lassen. Sie werden sich überlegen müssen, welche Folgerungen sie daraus ziehen. So wie bisher kann es jedenfalls auch für sie nicht weitergehen.

Die andere Seite, die Sicherheitskräfte unter dem Befehl des Innenministers, scheinen ebenfalls nicht begriffen zu haben, welches Brutalitätspotential da seit geraumer Zeit bei solchen Veranstaltungen unterwegs ist. Was für ein Albtraum: zwei im eingekeilten Jeep eingeschlossene Carabinieri, eingekreist von einer Meute Vermummter, die mit dicken Holzlatten durch die zerschlagenen Autoscheiben stochern. Bevor einer von denen auch noch den schweren Feuerlöscher ins Wageninnere schleudern kann, trifft ihn eine Kugel in den Kopf, abgefeuert aus dem Wageninneren. Notwehr oder Überreaktion - das werden vielleicht die Untersuchungen zeigen.

Aber eine wesentliche Frage werden auch sie nicht klären: Wie oft müssen sich Polizisten noch der Gefahr aussetzen, von hasserfüllten Wahnsinnigen malträtiert zu werden? Sind die Bilder des französischen Gendarmen David Nivel schon vergessen, der am Rande der Fußball-WM 98 bei einem ähnlichen Gewaltrausch von Hooligans halbtot getreten wurde und seither schwerst behindert ist? Die Lust an der Gewalt hat sich offensichtlich längst verselbstständigt und kotzt sich am Fußballfeld genauso ab wie dann, wenn "die acht bösesten Menschen der Welt" zusammensitzen. Man fragt sich schon, wie können solche Leute an die Spitze einer friedlichen Demonstration gelangen, die sich angeblich Besseres wünscht. Trotz Jahrzehnten des antifaschistischen Predigens sind sie also wieder da, die Fratzen der Unmenschlichkeit.

Flucht in die Wüste

Schock und Ernüchterung allerorts. Aber wie lange? Natürlich werden sich auch in Zukunft junge Leute aufmachen, um den "Mächtigen" wieder kräftig einzuheizen. Egal, wohin diese sich flüchten: ob aufs Meer hinaus oder in die Wüste oder - wie beim nächsten Treffen - in einen abgelegenen Winkel der kanadischen Rocky Mountains.

Natürlich wissen auch die Mächtigen genau, dass es für sie so wie bisher nicht mehr weitergehen kann. Das wurde auch von allen bekräftigt. Und sie wissen, dass sie es mit einer zunehmenden Opposition zu tun haben werden, denen die Richtung der Globalisierung nicht passt.

Machtverlust

In den Augen der Globalisierungskritiker gehen einige wenige daran, sich die ganze Welt nach ihren Bedürfnissen einzurichten, ohne dass die Betroffenen auch nur ein Auge auf die im engsten Kreis ausgeschnapsten Abmachungen werfen können.

Ob diese Anschuldigung so auch wirklich stimmt, ist die Frage. Immerhin war auch in Genua zu sehen, dass sich die Mächtigen selbst händeringend fragen, was sie denn überhaupt noch miteinander tun können. Hat nicht auch die Politiker selbst ein Machtverlust getroffen und nicht nur die sich ohnmächtig fühlenden Bürgerinnen und Bürger?

Namhafte Autoren versuchen inzwischen nachzuweisen, dass die populäre Parole von den mächtigen Konzernchefs in Wirklichkeit gar nicht stimmt. Das sei ein schlauer Propagandatrick der Wirtschaftsbosse. Die sonnen sich darin, dass Politiker glauben, sie seien ohnehin nur mehr Marionetten der Wirtschaft.

Beide Totalparolen sind nicht wahr. Die Politiker sind nicht ganz so ohnmächtig, wie sie sich darstellen lassen, und die Wirtschaftsbosse sind nicht ganz so mächtig, wie sie allen weismachen wollen.

Natürlich sind auch Kräfte am Werk, die sich jeglicher Steuerung entziehen. Als das Spiel der Globalisierung begonnen wurde, hätte vielleicht noch besser eingegriffen werden können. Aber die geöffneten Märkte haben längst eine gnadenlose Konkurrenz in Gang gesetzt, bei der sich letztlich alle als Getriebene sehen. An der Spitze stehen Manager, die sich als geschwindigkeitsversessene Einpeitscher erweisen, die in ihrem Effizienzsteigerungswahn ganz blind geworden sind für die sozialen Folgen ihres Tuns. Alle sollen derzeit möglichst ohne Widerspruch hinnehmen, was jetzt im Zuge der Globalisierung verlangt wird. Wir brauchen doch nicht nur in die Dritte Welt zu schauen. Die Härten der Globalisierung erfahren wir täglich am eigenen Leib, ohne dass jemand deswegen schreit oder brüllt.

Rest von Moral

Der Gipfel in Genua wurde unter anderem mit Zusagen für die Aids-Hilfe und Entschuldungsaktionen für die Entwicklungsländer abgeschlossen. Das zeugt von einem Rest an Verantwortungsgefühl. Aber die Nöte der Globalisierungsbetroffenen in allen anderen Ländern und Gesellschaften wurden wieder nicht angesprochen. Dabei gibt es untrügliche Anzeichen, dass die Welt noch komplizierter und gespaltener wird.

Es wäre daher ein Fehler, die Demonstranten für lästige, aber letztlich unbedeutende Mahner zu halten. Denn sie artikulieren ein Unbehagen, das sehr weit über den Kreis des organisierten Protestes hinausgeht. Sie werden sich jedenfalls demnächst wieder auf den Weg machen. Nach Genua können sich die Politiker aber nicht mehr in ihren Festungen einbunkern und den Rest der Welt ignorieren.

Nach dem Schock von Genua: Die Mächtigen der Welt dürfen sich in Zukunft nicht mehr einbunkern, abgeschirmt vom Rest der Welt.

Wir sehen aus wie die acht gepanzerten Bösen, die die Völker verhungern lassen", klagte der gedemütigte Gastgeber. "Dabei wollten wir doch genau das Gegenteil!" Das pathetische Jammern von Italiens Minis-terpräsident Silvio Berlusconi zeigte, dass er das Image begriffen hatte, in das er und seine sieben Gäste gestellt wurden. Sein Problem dabei: Der erste Satz stimmte. So werden die G-8 von den Globalisierungkritikern tatsächlich gesehen. Den zweiten Satz hingegen glaubte ihm niemand.

Aber auch die selbsternannten "Guten", die Demonstranten, haben jetzt ein Imageproblem: Ihre simple Polarisierung wirkt nach den Bildern von Terror, Brutalität und Zerstörung nicht mehr ganz so überzeugend wie bisher. Mehr als hunderttausend "friedliche Marschierer" für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt haben sich ein weiteres Mal als nützliche Idioten und Schutzschilder für ein paar Hundert Hooligans missbrauchen lassen. Sie werden sich überlegen müssen, welche Folgerungen sie daraus ziehen. So wie bisher kann es jedenfalls auch für sie nicht weitergehen.

Die andere Seite, die Sicherheitskräfte unter dem Befehl des Innenministers, scheinen ebenfalls nicht begriffen zu haben, welches Brutalitätspotential da seit geraumer Zeit bei solchen Veranstaltungen unterwegs ist. Was für ein Albtraum: zwei im eingekeilten Jeep eingeschlossene Carabinieri, eingekreist von einer Meute Vermummter, die mit dicken Holzlatten durch die zerschlagenen Autoscheiben stochern. Bevor einer von denen auch noch den schweren Feuerlöscher ins Wageninnere schleudern kann, trifft ihn eine Kugel in den Kopf, abgefeuert aus dem Wageninneren. Notwehr oder Überreaktion - das werden vielleicht die Untersuchungen zeigen.

Aber eine wesentliche Frage werden auch sie nicht klären: Wie oft müssen sich Polizisten noch der Gefahr aussetzen, von hasserfüllten Wahnsinnigen malträtiert zu werden? Sind die Bilder des französischen Gendarmen David Nivel schon vergessen, der am Rande der Fußball-WM 98 bei einem ähnlichen Gewaltrausch von Hooligans halbtot getreten wurde und seither schwerst behindert ist? Die Lust an der Gewalt hat sich offensichtlich längst verselbstständigt und kotzt sich am Fußballfeld genauso ab wie dann, wenn "die acht bösesten Menschen der Welt" zusammensitzen. Man fragt sich schon, wie können solche Leute an die Spitze einer friedlichen Demonstration gelangen, die sich angeblich Besseres wünscht. Trotz Jahrzehnten des antifaschistischen Predigens sind sie also wieder da, die Fratzen der Unmenschlichkeit.

Flucht in die Wüste

Schock und Ernüchterung allerorts. Aber wie lange? Natürlich werden sich auch in Zukunft junge Leute aufmachen, um den "Mächtigen" wieder kräftig einzuheizen. Egal, wohin diese sich flüchten: ob aufs Meer hinaus oder in die Wüste oder - wie beim nächsten Treffen - in einen abgelegenen Winkel der kanadischen Rocky Mountains.

Natürlich wissen auch die Mächtigen genau, dass es für sie so wie bisher nicht mehr weitergehen kann. Das wurde auch von allen bekräftigt. Und sie wissen, dass sie es mit einer zunehmenden Opposition zu tun haben werden, denen die Richtung der Globalisierung nicht passt.

Machtverlust

In den Augen der Globalisierungskritiker gehen einige wenige daran, sich die ganze Welt nach ihren Bedürfnissen einzurichten, ohne dass die Betroffenen auch nur ein Auge auf die im engsten Kreis ausgeschnapsten Abmachungen werfen können.

Ob diese Anschuldigung so auch wirklich stimmt, ist die Frage. Immerhin war auch in Genua zu sehen, dass sich die Mächtigen selbst händeringend fragen, was sie denn überhaupt noch miteinander tun können. Hat nicht auch die Politiker selbst ein Machtverlust getroffen und nicht nur die sich ohnmächtig fühlenden Bürgerinnen und Bürger?

Namhafte Autoren versuchen inzwischen nachzuweisen, dass die populäre Parole von den mächtigen Konzernchefs in Wirklichkeit gar nicht stimmt. Das sei ein schlauer Propagandatrick der Wirtschaftsbosse. Die sonnen sich darin, dass Politiker glauben, sie seien ohnehin nur mehr Marionetten der Wirtschaft.

Beide Totalparolen sind nicht wahr. Die Politiker sind nicht ganz so ohnmächtig, wie sie sich darstellen lassen, und die Wirtschaftsbosse sind nicht ganz so mächtig, wie sie allen weismachen wollen.

Natürlich sind auch Kräfte am Werk, die sich jeglicher Steuerung entziehen. Als das Spiel der Globalisierung begonnen wurde, hätte vielleicht noch besser eingegriffen werden können. Aber die geöffneten Märkte haben längst eine gnadenlose Konkurrenz in Gang gesetzt, bei der sich letztlich alle als Getriebene sehen. An der Spitze stehen Manager, die sich als geschwindigkeitsversessene Einpeitscher erweisen, die in ihrem Effizienzsteigerungswahn ganz blind geworden sind für die sozialen Folgen ihres Tuns. Alle sollen derzeit möglichst ohne Widerspruch hinnehmen, was jetzt im Zuge der Globalisierung verlangt wird. Wir brauchen doch nicht nur in die Dritte Welt zu schauen. Die Härten der Globalisierung erfahren wir täglich am eigenen Leib, ohne dass jemand deswegen schreit oder brüllt.

Rest von Moral

Der Gipfel in Genua wurde unter anderem mit Zusagen für die Aids-Hilfe und Entschuldungsaktionen für die Entwicklungsländer abgeschlossen. Das zeugt von einem Rest an Verantwortungsgefühl. Aber die Nöte der Globalisierungsbetroffenen in allen anderen Ländern und Gesellschaften wurden wieder nicht angesprochen. Dabei gibt es untrügliche Anzeichen, dass die Welt noch komplizierter und gespaltener wird.

Es wäre daher ein Fehler, die Demonstranten für lästige, aber letztlich unbedeutende Mahner zu halten. Denn sie artikulieren ein Unbehagen, das sehr weit über den Kreis des organisierten Protestes hinausgeht. Sie werden sich jedenfalls demnächst wieder auf den Weg machen. Nach Genua können sich die Politiker aber nicht mehr in ihren Festungen einbunkern und den Rest der Welt ignorieren.