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Gesellschaft

Die Technokratie des KÜMMERNS

1945 1960 1980 2000 2020

Unter dem provokanten Titel "Entprofessionalisieren wir uns!" geißelt ein Sammelband den Managerjargon in der Pflege. Eine kritische Lektüre.

1945 1960 1980 2000 2020

Unter dem provokanten Titel "Entprofessionalisieren wir uns!" geißelt ein Sammelband den Managerjargon in der Pflege. Eine kritische Lektüre.

Es war am 12. Mai, dem Internationalen Tag der Pflege, als gleich vier Gewerkschaften für Gesundheits- und Sozialberufe in Wien auf die Straßen gingen. "Die Belastungen für Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflegeheimen und in der mobilen Pflege steigen ständig", erklärte Willibald Steinkellner, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft "vida". Um die Situation zu verbessern, brauche es dringend eine "Personalbedarfsberechnung", nur so könne man "Mindeststandards und faire Arbeitsbedingungen sicherstellen." Ganz ähnlich die Kritik von ÖGB-Vizepräsident Norbert Schnell: Die derzeitige Lage in der Pflege sei bestimmt durch "viel zu wenig Personal sowie den falschen Einsatz im 'skills and grade'-Mix". Wenig qualifiziertes Personal muss also das Fehlen von Fachkräften kompensieren. Gewerkschafterin Christa Hörmann von der "Younion" forderte schließlich eine adäquate Bezahlung für die rund 80.000 Pflegekräfte in Österreich: "Ich sehe nicht ein, dass Arbeit an Maschinen mehr wert ist als an Menschen."

"Verdinglichung von Zuwendung"

Am Ende kam es also doch noch zur Sprache: das M-Wort. Es sind ja schließlich Menschen, die dringend Hilfe und Pflege benötigen; und es sind auch Menschen, die sich um diese Hilfs-und Pflegebedürftigen kümmern. Dass es deutlich mehr Personen bräuchte, die dazu bereit wären, gilt als unbestritten. Für den in Gießen lehrenden Soziologen Reimer Gronemeyer und die in Ludwigshafen tätige Sozialwissenschaftlerin Charlotte Jurk geht das Problem freilich weit über mangelnde "personelle Ressourcen" hinaus. Sie üben grundsätzliche Kritik an jenem Prozess, der in den vergangenen 20 Jahren "aus der Sorge für andere zunehmend ein ökonomisiertes, verfahrenstechnisch geprägtes Instrument" gemacht habe. "Unter dem Vorwand der Optimierung sozialer Dienstleistung" sei eine "radikale Verdinglichung mitmenschlicher Zuwendung" betrieben worden, meinen sie. Und der deutlichste Ausdruck dafür sei die Sprache..

Um dies zu dokumentieren, haben die beiden unter dem provokanten Titel "Entprofessionalisieren wir uns!" ein "kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit" herausgebracht. In 32 Beiträgen deklinieren die Autorinnen und Autoren die gängigsten Begriffe durch, die die moderne "Versorgungsindustrie" prägen. Es sind keine klassischen Wortanalysen, die sich hier finden; es sind eher "subjektive Äußerungen", wie es im Vorwort heißt - um nicht zu sagen Pamphlets, die zu einem Gutteil auf das Denken Ivan Illichs zurückgehen (siehe Buchtipp).

Der 1926 in Wien geborene Philosoph und Theologe, der 1969 auf Grund der vatikanischen Südamerika-Politik sein Priesteramt niedergelegt hatte, sagte schon Anfang der 1970er-Jahre den Institutionen der Industriegesellschaft den Kampf an. Er forderte eine "Entschulung der Gesellschaft" (1971), rief zum Kampf gegen die "Enteignung der Gesundheit" durch die moderne Medizin auf (1975) und plädierte im Begriff der "Konvivalität" für einen lebensgerechten Einsatz des technischen Fortschritts - ohne die Zwischenschaltung "entmündigender Experten". Deren Wirkmacht wollte Illich ebenso brechen wie die Macht jener diffusen, aber umso wirkmächtigeren Begriffe, die der Freiburger Sprachwissenschafter Uwe Pörksen später als "Plastikwörter" beschreiben sollte.

Ist Dokumentation wichtiger als alles?

Einer dieser Begriffe, der sämtliche sozialarbeiterischen und administrativen Milieus durchdrungen hat und im "kritischen Wörterbuch" lustvoll seziert wird, ist Qualität. Ursprünglich als Ausdruck für eine -gute oder schlechte -Eigenschaft verwendet, drückte das Wort später im kaufmännischen Bereich die Beschaffenheit einer Ware aus. Erst Anfang der 1990er-Jahre begann sein Siegeszug durch die öffentliche Verwaltung und landete schließlich auch bei den sozialen Dienstleistungen. Der Kern der Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen - "die Begegnung mit Patienten, die Beziehung zum Kranken, Blicke, Gespräche, Ungeplantes" - kämen freilich in der Logik von Qualitätskontrollen oder Qualitätsmanagern nicht vor, kritisiert Charlotte Jurk in ihrem Beitrag: "Die Dokumentation eines Ereignisses wird wichtiger als das Ereignis selbst." Im Endeffekt würden "Menschen in sozialen Institutionen, die sich als Experten für die diversen Wechselfälle des Lebens ausbilden lassen, die beraten, pflegen, betreuen, zuhören, in Krisen eingreifen, zu Entmündigten im eigenen Haus". Wer gute Arbeit machen wolle, so Jurk, solle daher Qualität aus seinem Wortschatz streichen.

Ähnlich lautet der Ratschlag bezüglich Standard. Dieses Allerweltswort und der aus ihm abgeleitete Tätigkeitsbegriff "Standardisierung" sei heute "zu einem generellen, umfassenden Kriterium zur Feststellung und Beurteilung von Qualität verallgemeinert" worden, schreibt Marianne Gronemeyer, emeritierte Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden - und wie ihr Ehemann Reimer Gronemeyer vom Denken Ivan Illichs geprägt. Mit der Wirklichkeit von lebendigen Menschen stünden sie aber "nicht in Kontakt". Am Ende seien sie "Luftnummern ohne jede Bodenhaftung. Sie geben vor, Grenzen zu markieren, in Wirklichkeit installieren sie willkürlich Grenzwerte, deren Gültigkeit bewacht, deren Übertretung bestraft und deren Verwechslung mit gutem Leben geschürt werden muss."

Zugespitzt und mit eine guten Portion Kulturpessimismus gewürzt: So präsentieren sich auch die meisten anderen Beiträge des "kritischen Wörterbuchs". Im Text über Ambient Assisted Living (Elektronische Assistenzsysteme) warnt Reimer Gronemeyer davor, dass "die vollautomatisierte Pflege mit totalisierter Überwachung und Kontrolle aller Körperfunktionen und seelischen Regungen das Seniorenbusiness der Zukunft" werden dürfte; die Sozialpädagogin und Hospizbegleiterin Thile Kerkovius beklagt im Beitrag über Case Management, dass Krankheiten nur noch als "Fehler, als Störungen in einem geordneten Produktionsprozess" erscheinen würden - und nicht auch als persönliche Krisen, in denen es um Identität und Sinnfindung gehen könnte; und in ihrem Artikel über Angehörigenarbeit kritisiert Kerkovius, dass der professionelle Blickwinkel "den unmittelbaren und respektvollen Zugang zu den Angehörigen verstellen" und diese allzu schnell zu "Adressaten therapeutischer Bemühungen" machen könnte.

Wie steht es um die "Sterbequalität"?

Experten, die Menschen entmündigen, Zuwendung, die nur noch als Dienstleistung verstanden wird, Innovationen, die im Dienste steten Wachstums reine "Vermüllung" werden -und am Ende gar bizarre Entwicklungen wie internationale Rankings über Sterbequalität: All das nimmt das Wörterbuch mit Fug und Recht aufs Korn. Dass mehr Eigenverantwortung auch gut und wichtig ist; dass Professionalität und Abgrenzung für die herausfordernde Arbeit in der Pflege unverzichtbar sind, um nicht aufgerieben zu werden; dass Empathie und Mitgefühl auch ihre dunklen Seiten haben, wie der deutsche Kulturwissenschafter Fritz Breithaupt erst jüngst in einem Buch beschrieben hat; und dass überhaupt früher nicht alles besser war als heute, bleibt dabei leider unterbelichtet. Auch die Frage, wie man das Pflegesystem denn sonst konkret gestalten sollte, bleibt unbeantwortet.

Eine Anregung für die Diskussion über "gutes Leben bis zuletzt" ist diese Streitschrift aber allemal - wie auch ein wichtiges Plädoyer für eine achtsame Sprache abseits technokratischer Jargons. Auch die Gewerkschaften könnten sich darum bemühen. Es geht eben nicht nur um Mindeststandards oder Personalbedarfsberechnungen - sondern immer noch um Menschen.

Entprofessionalisieren wir uns!

Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit.

Von Reimer Gronemeyer und Charlotte Jurk (Hg.). transcript 2017. 260 S., kart., € 30,90

Ivan Illich

Denker und Rebell.

Von Thierry Paquot. Beck 2017.185 Seiten, brosch., € 15,40

Es war am 12. Mai, dem Internationalen Tag der Pflege, als gleich vier Gewerkschaften für Gesundheits- und Sozialberufe in Wien auf die Straßen gingen. "Die Belastungen für Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflegeheimen und in der mobilen Pflege steigen ständig", erklärte Willibald Steinkellner, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft "vida". Um die Situation zu verbessern, brauche es dringend eine "Personalbedarfsberechnung", nur so könne man "Mindeststandards und faire Arbeitsbedingungen sicherstellen." Ganz ähnlich die Kritik von ÖGB-Vizepräsident Norbert Schnell: Die derzeitige Lage in der Pflege sei bestimmt durch "viel zu wenig Personal sowie den falschen Einsatz im 'skills and grade'-Mix". Wenig qualifiziertes Personal muss also das Fehlen von Fachkräften kompensieren. Gewerkschafterin Christa Hörmann von der "Younion" forderte schließlich eine adäquate Bezahlung für die rund 80.000 Pflegekräfte in Österreich: "Ich sehe nicht ein, dass Arbeit an Maschinen mehr wert ist als an Menschen."

"Verdinglichung von Zuwendung"

Am Ende kam es also doch noch zur Sprache: das M-Wort. Es sind ja schließlich Menschen, die dringend Hilfe und Pflege benötigen; und es sind auch Menschen, die sich um diese Hilfs-und Pflegebedürftigen kümmern. Dass es deutlich mehr Personen bräuchte, die dazu bereit wären, gilt als unbestritten. Für den in Gießen lehrenden Soziologen Reimer Gronemeyer und die in Ludwigshafen tätige Sozialwissenschaftlerin Charlotte Jurk geht das Problem freilich weit über mangelnde "personelle Ressourcen" hinaus. Sie üben grundsätzliche Kritik an jenem Prozess, der in den vergangenen 20 Jahren "aus der Sorge für andere zunehmend ein ökonomisiertes, verfahrenstechnisch geprägtes Instrument" gemacht habe. "Unter dem Vorwand der Optimierung sozialer Dienstleistung" sei eine "radikale Verdinglichung mitmenschlicher Zuwendung" betrieben worden, meinen sie. Und der deutlichste Ausdruck dafür sei die Sprache..

Um dies zu dokumentieren, haben die beiden unter dem provokanten Titel "Entprofessionalisieren wir uns!" ein "kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit" herausgebracht. In 32 Beiträgen deklinieren die Autorinnen und Autoren die gängigsten Begriffe durch, die die moderne "Versorgungsindustrie" prägen. Es sind keine klassischen Wortanalysen, die sich hier finden; es sind eher "subjektive Äußerungen", wie es im Vorwort heißt - um nicht zu sagen Pamphlets, die zu einem Gutteil auf das Denken Ivan Illichs zurückgehen (siehe Buchtipp).

Der 1926 in Wien geborene Philosoph und Theologe, der 1969 auf Grund der vatikanischen Südamerika-Politik sein Priesteramt niedergelegt hatte, sagte schon Anfang der 1970er-Jahre den Institutionen der Industriegesellschaft den Kampf an. Er forderte eine "Entschulung der Gesellschaft" (1971), rief zum Kampf gegen die "Enteignung der Gesundheit" durch die moderne Medizin auf (1975) und plädierte im Begriff der "Konvivalität" für einen lebensgerechten Einsatz des technischen Fortschritts - ohne die Zwischenschaltung "entmündigender Experten". Deren Wirkmacht wollte Illich ebenso brechen wie die Macht jener diffusen, aber umso wirkmächtigeren Begriffe, die der Freiburger Sprachwissenschafter Uwe Pörksen später als "Plastikwörter" beschreiben sollte.

Ist Dokumentation wichtiger als alles?

Einer dieser Begriffe, der sämtliche sozialarbeiterischen und administrativen Milieus durchdrungen hat und im "kritischen Wörterbuch" lustvoll seziert wird, ist Qualität. Ursprünglich als Ausdruck für eine -gute oder schlechte -Eigenschaft verwendet, drückte das Wort später im kaufmännischen Bereich die Beschaffenheit einer Ware aus. Erst Anfang der 1990er-Jahre begann sein Siegeszug durch die öffentliche Verwaltung und landete schließlich auch bei den sozialen Dienstleistungen. Der Kern der Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen - "die Begegnung mit Patienten, die Beziehung zum Kranken, Blicke, Gespräche, Ungeplantes" - kämen freilich in der Logik von Qualitätskontrollen oder Qualitätsmanagern nicht vor, kritisiert Charlotte Jurk in ihrem Beitrag: "Die Dokumentation eines Ereignisses wird wichtiger als das Ereignis selbst." Im Endeffekt würden "Menschen in sozialen Institutionen, die sich als Experten für die diversen Wechselfälle des Lebens ausbilden lassen, die beraten, pflegen, betreuen, zuhören, in Krisen eingreifen, zu Entmündigten im eigenen Haus". Wer gute Arbeit machen wolle, so Jurk, solle daher Qualität aus seinem Wortschatz streichen.

Ähnlich lautet der Ratschlag bezüglich Standard. Dieses Allerweltswort und der aus ihm abgeleitete Tätigkeitsbegriff "Standardisierung" sei heute "zu einem generellen, umfassenden Kriterium zur Feststellung und Beurteilung von Qualität verallgemeinert" worden, schreibt Marianne Gronemeyer, emeritierte Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden - und wie ihr Ehemann Reimer Gronemeyer vom Denken Ivan Illichs geprägt. Mit der Wirklichkeit von lebendigen Menschen stünden sie aber "nicht in Kontakt". Am Ende seien sie "Luftnummern ohne jede Bodenhaftung. Sie geben vor, Grenzen zu markieren, in Wirklichkeit installieren sie willkürlich Grenzwerte, deren Gültigkeit bewacht, deren Übertretung bestraft und deren Verwechslung mit gutem Leben geschürt werden muss."

Zugespitzt und mit eine guten Portion Kulturpessimismus gewürzt: So präsentieren sich auch die meisten anderen Beiträge des "kritischen Wörterbuchs". Im Text über Ambient Assisted Living (Elektronische Assistenzsysteme) warnt Reimer Gronemeyer davor, dass "die vollautomatisierte Pflege mit totalisierter Überwachung und Kontrolle aller Körperfunktionen und seelischen Regungen das Seniorenbusiness der Zukunft" werden dürfte; die Sozialpädagogin und Hospizbegleiterin Thile Kerkovius beklagt im Beitrag über Case Management, dass Krankheiten nur noch als "Fehler, als Störungen in einem geordneten Produktionsprozess" erscheinen würden - und nicht auch als persönliche Krisen, in denen es um Identität und Sinnfindung gehen könnte; und in ihrem Artikel über Angehörigenarbeit kritisiert Kerkovius, dass der professionelle Blickwinkel "den unmittelbaren und respektvollen Zugang zu den Angehörigen verstellen" und diese allzu schnell zu "Adressaten therapeutischer Bemühungen" machen könnte.

Wie steht es um die "Sterbequalität"?

Experten, die Menschen entmündigen, Zuwendung, die nur noch als Dienstleistung verstanden wird, Innovationen, die im Dienste steten Wachstums reine "Vermüllung" werden -und am Ende gar bizarre Entwicklungen wie internationale Rankings über Sterbequalität: All das nimmt das Wörterbuch mit Fug und Recht aufs Korn. Dass mehr Eigenverantwortung auch gut und wichtig ist; dass Professionalität und Abgrenzung für die herausfordernde Arbeit in der Pflege unverzichtbar sind, um nicht aufgerieben zu werden; dass Empathie und Mitgefühl auch ihre dunklen Seiten haben, wie der deutsche Kulturwissenschafter Fritz Breithaupt erst jüngst in einem Buch beschrieben hat; und dass überhaupt früher nicht alles besser war als heute, bleibt dabei leider unterbelichtet. Auch die Frage, wie man das Pflegesystem denn sonst konkret gestalten sollte, bleibt unbeantwortet.

Eine Anregung für die Diskussion über "gutes Leben bis zuletzt" ist diese Streitschrift aber allemal - wie auch ein wichtiges Plädoyer für eine achtsame Sprache abseits technokratischer Jargons. Auch die Gewerkschaften könnten sich darum bemühen. Es geht eben nicht nur um Mindeststandards oder Personalbedarfsberechnungen - sondern immer noch um Menschen.

Entprofessionalisieren wir uns!

Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit.

Von Reimer Gronemeyer und Charlotte Jurk (Hg.). transcript 2017. 260 S., kart., € 30,90

Ivan Illich

Denker und Rebell.

Von Thierry Paquot. Beck 2017.185 Seiten, brosch., € 15,40