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Hochzeit: Warum heiraten Paare noch?

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Hochzeitsfeiern sind heute ein Mix aus Kommerz, „glokalisierten“ Ritualen und dem Bedürfnis nach Individualität. Über die Heirat und ihre Begleitumstände.

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Hochzeitsfeiern sind heute ein Mix aus Kommerz, „glokalisierten“ Ritualen und dem Bedürfnis nach Individualität. Über die Heirat und ihre Begleitumstände.

Die Hochzeitsdienstleistungsbranche gehörte in den vergangenen zwei Pandemie-Jahren zu den am schwersten getroffenen Wirtschaftsbereichen überhaupt – und die Abhängigkeit der Dienstleistungsbranche vom Hochzeitsgeschäft ist Folge stetiger Kommerzialisierung. Laut Experten dürfte diese etwa Mitte der 1980er Jahre eingetreten sein. So greift das Hochzeitsbusiness seither – inspiriert durch Filme, Serien und zuletzt durch Social Media – vieles auf, das vor allem dem anglo-amerikanischen Raum entsprungen ist. 2022 dürfte sich der Wirtschaftszweig laut Prognosen der Hochzeitsportal-Betreiber Bernhard Fichtenbauer (hochzeits-location.info) und Roland Pöll (hochzeit. click) sowie Erhebungen aus Deutschland auf Vorkrisenniveau einpendeln.

Zurückzuführen ist das einerseits auf zwei Jahre Corona-Pause (viele Hochzeiten aus 2020 werden nun nachgeholt). Andererseits geht aus Zahlen der Statistik Austria hervor, dass es vor dem Corona-Ausbruch einen bemerkbaren Trend zu mehr Eheschließungen gab, der sich fortzusetzen scheint. Ivana Miskovic (33) und Gregor Berthold (30) sind eines jener Paare, die sich in den kommenden Wochen trauen werden. Zuerst standesamtlich, ein paar Wochen später in einer Kirche in Niederösterreich. „Die Ehe ist für uns eine besondere Art der Liebeserklärung und unterstreicht noch einmal die Bedeutung unserer Beziehung“, sagt der Bräutigam in spe über die Entscheidung. Vor allem die kirchliche Zeremonie sieht das Paar als Symbol der Sichtbarkeit ihrer Liebe. „Es ist ein öffentliches Bekenntnis zueinander“.

„Greenwedding“ als Trend

In den vergangenen Monaten mussten sich die beiden aber nicht nur mit der emotionalen Komponente ihres Vorhabens auseinandersetzen, sondern vor allem auch mit der kommerziellen. Wer sich heute dazu entscheidet, eine Hochzeit zu planen, muss sich mit einer Fülle diverser Dienstleister und zahlreicher Ratschläge im Internet auseinandersetzen. Die Pandemie hat an diesem Faktor nichts geändert. Im Gegenteil: Die Palette reicht vom ausgelassenen Junggesell(inn)en-Abschied über das perfekte „First-Sight-Photoshooting“ bis hin zur „Do-it-yourself-Dekoration“.

Dass das Überangebot für „den perfekten Tag“ den eigentlichen Grund für die Hochzeit in den Hintergrund zu drängen scheint, sieht etwa die Brauchtumsforscherin Waltraud Ferrari durchaus kritisch: „Da geht es wirklich nur ums Geschäft“, sagt sie. Sie gibt zu bedenken, dass die Kommerzialisierung zu einer Überlagerung der Sache selbst und traditioneller Bräuche führt. Erkennen lässt sich das in der Hochzeitsplanung. Während früher die ganze Familie oder sogar das ganze Dorf eingebunden worden war, übernehmen heute vor allem in urbanen Gebieten immer öfter Hochzeitsplaner(innen) diese Aufgabe. Eine von ihnen ist Cornelia Willerroider von „Wedding Dreams“ aus Salzburg. Bei einer durchschnittlichen Gästezahl von 80 Personen beginnen die Budgets ihrer Paare derzeit im Schnitt bei 25.000 Euro, nach oben hin gibt es keine Grenzen. Sie versucht dabei, den Spagat zwischen aktuellen Trends und Individualität zu schaffen.

Freie Trauungen

Generell rät sie davon ab, sich Trends hinzugeben, jenen des „Green-Wedding“ empfiehlt sie aber. Hier gehe es nämlich um „Leihen statt kaufen sowie Regionalität und Nachhaltigkeit“. Dennoch macht auch sie immer wieder die Erfahrung, wie sehr die Unterhaltungsindustrie die Bedürfnisse ihrer Kund(inn)en prägen. Traditionelle Bräuche spielen laut Willerroider dabei meist keine Rolle, dafür aber das Bestreben, seinem Leben mittels eines Rituals eine Richtung zu geben – und zwar auch dann, wenn sich das Brautpaar gegen eine religiöse Zeremonie entscheidet. Möglich wird das durch „Freie Trauungen“, also Hochzeitszeremonien außerhalb einer religiösen Stätte oder auch außerhalb des Standesamtes, bei der freie Redner(innen) individuell auf das Paar angepasste Feiern gestalten. Paare, die sich für eine freie Trauung entschieden haben, begründen ihre Entscheidung oft damit, dass auch sie ihrer Liebe in einem spirituellen Rahmen feiern wollen. In der Kulturwissenschaft wird das einem Bedürfnis nach Transzendenz, nach etwas, das den eigenen Horizont übersteigt, in dem man sich dennoch wohlfühlt, zugeordnet.

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