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Hochzeitstradition: Weltkrieg als Wende

1945 1960 1980 2000 2020

Der 2. Weltkrieg brachte bezüglich Tradition eine Wende mit sich, sagt Brauchtumsexpertin Ferrari. Warum auch der Vertrauensverlust hineinspielt, erklärt sie im Interview.

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Der 2. Weltkrieg brachte bezüglich Tradition eine Wende mit sich, sagt Brauchtumsexpertin Ferrari. Warum auch der Vertrauensverlust hineinspielt, erklärt sie im Interview.

Viele moderne Hochzeitsbräuche haben traditionelle Ursprünge. Ein Gespräch mit Brauchtumsforscherin Waltraud Ferrari über das Bedürfnis, große Feste zu feiern, Hochzeits-Brauchtum im Wandel und eine universelle Bildsprache.

DIE FURCHE: Inwiefern spielt Brauchtum bei Hochzeiten heute noch eine Rolle?
Waltraud Ferrari:
Es kommt darauf an, wo man lebt. Ein großer Unterschied besteht zwischen urbanem und ländlichem Lebensstil. Auf dem Land sind Traditionen noch verwurzelter, was ursprünglich mit dem bäuerlichen Lebenswandel und dem Kalenderjahr zu tun hat. Die Trennung Mensch/Natur gab es früher so nicht, die wichtigen Feste des Lebens wurden bewusst begangen.

DIE FURCHE: Worauf ist es also zurückzuführen, dass das in modernen Gesellschaften verschwindet?
Ferrari:
Durch den Bruch, den der Zweite Weltkrieg verursachte, ging einiges verloren. Wissensträger sind gestorben, außerdem wurde Brauchtum stark vom Nationalsozialismus vereinnahmt, was später zu Ablehnung und Tabuisierung führte. Man merkt das heute noch, wenn etwa die Aussage getätigt wird, wer Tracht trägt, sei ein Nazi. Das sind völlig unsinnige Vereinnahmungen, die mit dem Ursprünglichen nichts zu tun haben.

DIE FURCHE: Wieso gehen gerade in der Stadt Bräuche verloren?
Ferrari:
Am Land hat man trotz Modernisierungen noch Lebensgemeinschaften, ein Dorf muss zusammenhelfen, man braucht einander. Man kennt sich, man ist vertraut. In der Stadt sind all diese Notwendigkeiten nicht mehr gegeben. Wir haben eine große anonyme Stadt, in der man zu jeder Tages- und Nachtzeit alles tun kann, man braucht eigentlich keine Gemeinschaft in dem Sinn mehr. Dadurch geht auch das Wissen darum verloren und manches gilt dann als nicht mehr schick. Und: Im Dorf weiß man, wo man die Straße absperren kann oder zu welchem Wirt man geht, wenn man die Braut entführt. Das ist in einer Stadt schwierig durchzuführen.

DIE FURCHE: Viele Elemente einer Hochzeit sind heute stark kommerzialisiert. Wie konnten sich die Menschen früher ihre teils viel größeren Hochzeiten leisten?
Ferrari:
In einer ursprünglichen Gemeinschaft war es so, dass jeder irgendwie etwas beigetragen hat bzw. dass man zusammengelegt oder gespart hat - eine macht die Torte, die nächste die Bäckereien etc. Die Tauf- oder Firmpaten spielten dabei oft eine wichtige Rolle.

DIE FURCHE: Welchen Unterschied macht Brauchtum bei einer Hochzeit?
Ferrari:
Was heute der Wedding-Planer ist, war früher der Hochzeitslader. Ein echter Hochzeitslader weiß, was viele heute nicht mehr wissen: Ein Fest braucht etwas, das man Emotionsführung nennt. Das heißt, spüren, wann die Stimmung absinkt, wann es ein lustiges Spiel braucht oder die Musik langsamer spielen soll. Der Unterschied zu einer Hochzeit heute, bei der zwar alles sehr schick und teuer ist: Es ist niemand da, der die Emotionsführung vornimmt. Irgendwann sackt die Stimmung ab und oftmals bricht sich Langeweile Bahn.

DIE FURCHE: Es gibt in Österreich regional ganz unterschiedliche Hochzeitsbräuche: Woran liegt das?
Ferrari:
Das hat mit ganz einfachen regionalen Bezügen zu tun, etwa damit, was in der Gegend besonders vorhanden war – an Lebensumständen und auch an Lebensmitteln. Brauchtum ist immer lebendig und fließend. Das Entstehen neuer Bräuche muss nicht immer etwas Magisches sein.

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