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Aus der Herzlage agieren

diefurche Zunächst zu einem Thema, das eher die ÖVP denn die Steiermark, aber über die Partei doch wieder Bundesland und Republik betrifft- Stei-rische ÖVP-Politiker gelten als sehr kritisch gegenüber der Wiener Politik. Gehört das zum Profil der steirischen ÖVP - oder ist das von Fall zu Fall eine notwendige starke Äußerung einer selbstbewußten Bundesländerparteiorganisation3 Zusatzfrage: Warum hat in der jüngsten schwierigen Situation der Bundespartei niemand aus der Steiermark Gesamtverantwortung übernehmen wollen3 Traut „man ” sich das dann doch wiederum nicht zu?

Landeshauptmann Josef Krainer: Seit 1945 wird in der Steiermark eine eigenständige, reformfreudige und offene Politik verfolgt, welche die Interessen des I.andes über die der Partei stellt und sie auch gegenüber den Wiener Zentralstellen entschieden vertritt. Dies ist das Profil der Steirischen Volkspartei, dies ist auch das Profil der politischen Erfolge, die wir in unserer und für unsere Steiermark seit 1945 erringen konnten. Die ist zugleich feil des Profils der gesamten Osterreichischen Volkspartei, die sich zu Föderalismus und Subsidiarität nicht nur bekennt, sondern dies auch praktiziert. Zugleich haben wir auch immer ein hohes Maß an Verantwortung für das gemeinsam Ganze getragen und Solidarität geübt. Wir haben immer für die Steiermark Partei ergriffen, wir haben aber stets auch in größeren Zusammenhängen für Osterreich und im europäischen Kontext gedacht und gehandelt.

Repräsentanten der Steirischen Volkspartei haben daher auch immer wieder ein besonders hohes Maß an Verantwortung für ganz Österreich übernommen. Ein Bundeskanzler, ein Vizekanzler, zahlreiche weitere Mitglieder der Bundesregierung legen davon Zeugnis ab. Diese solidarische Verantwortung der Steirischen Volkspartei für Österreich zeigt sich ganz besonders auch unter dem neuen Bundesparteiobmann Wolfgang Schüssel: meine Landeshauptmann-stellvertreterin Waltraud Klasnic ist die erste Stellvertreterin des Bundes-parteiobmannes, mein steirischer Landesparteiobmannstellvertreter Martin Bartenstein übt das wichtige Amt des Umweltministers aus. Beide sind profilierte steirische Persönlichkeiten, die das Team von Wolfgang Schüssel wesentlich verstärken.

Ganz besonders freue ich mich darüber, daß W'olfgang Schüssel als Bundesparteiobmann einen fulminanten Start gehabt hat

Es zeigt sich, daß dies keine der üblichen Parteitagseuphorien war, sondern eine solide politische Grund-stimmung ist, die wir gemeinsam nützen wollen. Unsere Volkspartei und die Bundesregierung haben durch Wolfgang Schüssel und sein Team eine neue Chance erhalten.

iMlRCHK: Wie definiert swh die Steiermark im heutigen Europa, wohin streckt sie ihre Fühler aus, welche Konnte gehören primär ausgebaut und wanun?

jMlÜüR: Wir sind eine Region, die in den Wendejahren 1989/90 vom äußersten südöstlichen Rand der festlichen Demokratien Europas wieder in eine Mittel- und Herzlage Serücktsind. Wir konnten diesen Auf-j*Wjh unserer Nachbarn durch aktive ^aehbarschaftspolitik und in der ^ge Alpen Adria wesentlich mitvorreiten. Zugleich haben wir uns im-m” auch als Motor der österreichi-,. er> KU-Integration gesehen und ,er P'onierhafte Schritte gesetzt. Sowohl die fortschreitende EU-Integration unseres Landes als auch der Ausbau unserer historisch gewachsenen Beziehungen zu unseren südöstlichen Nachbarländern, aber auch in den oberitalienischen Raum stehen daher im Vordergrund. Wir können hier unsere Rolle als Mittler, Brückenkopf und Drehscheibe an einer sensiblen Nahtstelle im Südosten Europas voll zum Tragen bringen und unsere historische und geopolitische Tradition als jahrhundertelange Residenz der Habsburger Ländergruppe Innerösterreich wiederaufnehmen.

diefurche: Wie ist es konkret um die regionale Zusammenarbeit bestellt? Sieht man in der Steiermark die Notwendigkeit „regional zu denken”? krainer: Wir waren, wie schon gesagt, Vorreiter in der aktiven Nachbarschaftspolitik', schon in der Zeit des „alten” Jugoslawien. Wir waren wesentliche Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Alpen Adria im Jahr 1978, der neben österreichischen Bundesländern, oberitalienischen Regionen insbesondere auch Slowenien und Kroatien und später auch west-unga-rische Komitate angehörten, wobei wir viele der Entwicklungen der Wendejahre 1989/1990 antizipieren konnten. Diese Arbeitsgemeinschaft Alpen Adria war auch in unserem mitteleuropäischen Raum Ausdruck des wachsenden regionalen Bewußtseins in Europa.

Ein sich zunehmend einigendes Europa ist nicht als zentralistischer Einheitsstaat, sondern nur in seiner ganzen geistigen, politischen und kulturellen Vielfalt; als ein Europa der Regionen vorstellbar. Insofern geben wir einerseits im EU-Ausschuß der Regionen, dem ich als steirischer Landeshauptmann angehöre, als auch in

der Arbeitsgemeinschaft Alpen Adria starke Impulse in diese Richtung. Nicht zuletzt hat die EU-Kommissarin Wulf-Mathies bei ihrem Besuch kürzlich diese Rolle der Steiermark in der interregionalen Zusammenarbeit ausdrücklich gewürdigt.

diefurche: Welche Chancen hat Graz und die Steiermark als Wirtschafts-Standort? Was erwartet man sich mittel- und längerfristig vom EU-Beitritt3 kra1xer: Wir erwarten uns selbstverständlich eine weitere Attraktivie-rung des Standortes Steiermark als dynamisches Zentrum im Südosten Europas. Wir wissen, daß dies ein leicht formulierter Anspruch ist, der sehr schwer einzulösen ist und daß immer wieder neue Probleme gemeistert werden müssen. Aber in unserer EU-Politik dürfen uns nicht Stimmungsschwankungen leiten, sondern der Wille, das Bestmögliche für unser Land im Rahmen der EU Zusammenarbeit zu erreichen.

In diesem Sinne haben wir als erstes österreichisches Bundesland bereits 1990 ein eigenes Europa-Referat eingerichtet und auch heuer in Anwesenheit des EU-Kommissionspräsidenten Jacques Santer ein Steiermark-Haus in Brüssel eröffnen können.

Besonders erfolgreich waren wir bei den Verhandlungen über die sogenannte EU-Ziel-Gebietskulisse, 828.862 Steirerinnen und Steirer, das

sind 70 Prozent der gesamten steirischen Bevölkerung, leben in solchen EU-Fördergebieten. Insgesamt werden in den Jahren von 1995 bis 1999 zirka 2,1 Milliarden Schilling an EU-Fördergeldern in die Steiermark fließen. Diese Gelder stellen eine wichtige Initialzündung dar, denn natürlich werden daneben auch das Land, der Bund und private Investoren ihre Beiträge leisten.

Unsere Teilnahme an der Europäischen Union sehen wir daher als Herausforderung an, umzugestalten und mitzuverantworten, uns bestmöglich einzubringen, unsere Erfahrungen, unsere Sichtweisen, unsere Starken und Besonderheiten.

diefurche: Was macht das Land hinsichtlich der Förderung von Techno-Parks, was tut es für regionale Betriebsansiedlungen3

krainer: Wir haben 1986 in Graz den ersten Technologiepark ganz Österreichs geschaffen, drei weitere sind mittlerweile gefolgt und wir haben die Wirtschaftsförderung auf neue dynamische Beine gestellt. Es gibt eine Vielzahl von erfreulichen Betriebsansiedelungen aller Größenordnungen.

Ein Zeichen für die erfolgreiche Profilierung des Wirtschaftsstandortes Steiermark ist zum Beispiel, daß Graz zur Automobilhauptstadt Österreichs und auch zu einem Hochtechnologiezentrum geworden ist (zum Beispiel Chrysler-Eurostar, Jeep-Cherokee, AVL, AMS et cetera).

diefurche: Wie schaut das moderne steiermärkische Verkehrskonzept aus? Was genießt Vorrang, welc/ie Straßen-und Bahnbauten sind geplant oder ins Visier genommen3

krainer: Wir streben durch die Verwirklichung des steirischen Gesamtverkehrskonzeptes die bestmögliche Anbindung unseres Bundeslandes an die dynamischen WTirtschaftsräume Europas an. Der Ausbau des hochrangigen Autobahn- und Schnellstraßennetzes ist erfreulicherweise de facto abgeschlossen. Nun gilt es insbesondere auch die Bahnverbindungen weiter und entschieden auszubauen. Der

Semmeringbasistunnel und der Ausbau der Südbahn sind dabei ein sehr wichtiges gesamteuropäisches Projekt, das das nordöstliche Mitteleuropa mit dem oberitalienischen Raum verbindet Dazu gehört längerfristig natürlich auch der Koralmtunnel, dessen Planung nun begonnen hat. Darüber hinaus geht es um Bahnausbauten insbesondere auch auf der Nord-Süd-Achse - Schoberpaß-Ennstalstrecke und Graz-Spielfeld. Sehr wichtig ist auch der laufend erfolgende Ausbau des Flughafens Graz zu einem wichtigen interregionalen Stützpunkt.

diefurche: Zur Grünen Steiermark Waldbiotope sind ein letzter Schrei Dazu braucht es eine Förderung des Landes Gübt es die und in welchem Ausmaß?

krainer: Die Steiermark ist bekanntlich das waldreichste Bundesland und wird daher oft auch als das „Grüne Herz” Österreichs apostrophiert. So ist es kein Zufall, daß die diesjährige steirische I.andesausstellung in Murau dem Thema Holz gewidmet ist. Was die Waldbiotope betrifft, läuft ein entsprechender Meinungsbildungsprozeß der steirischen Naturschutz- und W?aldfachleute überaus intensiv. Es liegt allerdings keine abschließende, fundierte Beurteilung der Vor- und Nachteile dieser Biotop Form vor. Gemeinsam mit unseren Landesräten Gerhard Hirschmann (Naturschutz) und Erich Pöltl (Agrarbereich) bin ich allerdings grundsätzlich bestrebt, alle Maßnahmen zu unterstützen, die einem sinnvollen und effektiven Schutz unserer Wälder dienen.

diefurche: Was tut das Land zur Familien- und Frauenförderung, welche Philosophie steht dahinter? Kr.unkr: Familien bilden den Kernbereich des Zusammenlebens der Menschen. Um ihre Interessen und

die Interessen der Frauen aktiv zu fördern, wurde bereits 1954 auf Initiative von Franz Maria Kapfhammer und Wilhelm Herzog der Steirische Familienbund als Anwalt der Familie gegründet, darüber hinaus gibt es seit 1959 einen familienpolitischen Beirat der die Landesregierung berät. Weiters wurde beim Amt der Steiermär-kischen Landesregierung das Referat „Frau-Familie-Gesellschaft” eingerichtet, welches unter der Leitung von Frau Ridi Steibl eine Reihe auch österreichweit beachteter Initiativen gesetzt hat. Dazu zählt etwa der Wettbewerb um den familien- und frau enfreundlichsten Betrieb, der unter dem Namen „Taten statt Worte” be kannt geworden ist und inzwischen auch in anderen österreichischen Bundesländern durchgeführt wird. Dabei werden jene privaten und öffentlichen Unternehmen ausgezeichnet, welche firmenintern beispielhaft bemüht sind, Frauen zu fördern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen wie auch Männer zu erleichtern. Seit 1990 unterstützt das Land Steiermark einkommensschwache Familien mit einer Familienbeihilfe des Landes. 1991 wurde der Steirische Familienpaß eingeführt, welcher allen steirischen Familien eine Vielzahl an Begünstigungen vor allem im Freizeitbereich bietet. Familien und Frauenförderung wird in der Steiermark nicht vom grünen Tisch aus betrieben, sondern wir sind bemüht, vor Ort sichtbar und tätig zu sein, unbürokratisch zu helfen und vor allem auch zu einer sinnvollen Vernetzung und gegenseitigen Ergänzung der vielen positiven Aktivitäten beizutragen.

diefurche: Junge Steiermark: Frau Landeshauptmannstellvertreterin Waltraud Klasnic hat unlängst das Auseinanderklaffen zwischen Qualifikationsanforderungen in Unternehmen und dem Qualifikationsniveau von Schulabgängern beklagt Wo steht die Steiermark heute im Ausbau eines gezielten Ausbildungssy Sterns, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? krainer: Erfreulicherweise werden gerade im Berufsschulwesen, also im Ressort der Frau Klasnic, sehr wichtige Impulse gesetzt, genauso wie unser Landesschulsratspräsident, Bernd Schilcher, sehr unkonventionelle Wege auch in diesem Zusammenhang beschreitet, die pionierhaft sind und österreichweit beachtet werden, etwa das Modell der mittleren Reife. Nunmehr geht es auch um den Ausbau des Fachhochschulwesens. Gleichzeitig möchte ich auch die großen Leistungen des Wirtschafts-förderungsinstitutes hervorheben. Von entscheidender Bedeutung sind auch die vier hohen Schulen unseres Landes. Insgesamt ist eine Qualifikationsoffensive auf allen Ebenen nötig. Qualifikation, Bildung und Ausbildung sind wichtige Investitionen in die Zukunft.

diefurche: Was würden Sie sich für die Steiermark angesichts der bevorstehenden Jahrtausendwende wünschen, und sollte das Wansehen helfen3 krainer: Die weitere starke Profilierung der Steiermark als dynamisches Zentrum im Südosten eines dann wirklich friedvollen Europas, als ein Brennpunkt der geistigen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Begegnung im steirischen Klima der Offenheit und Liberalität.

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