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Helle Köpfe

Rauchende Schlote sind passé, Hirnschmalz ist gefragt: die steirische Wirtschaft im Strukturwandel.

Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl wird nicht müde, den steirischen Unternehmen mehr Offensivgeist einzuimpfen. "Wir wollen unser Land als ,Region der hellen Köpfe' etablieren", sagt er. Gleichzeitig sollen die Berührungsängste gegenüber den Nachbarn abgebaut werden, um den Standort Steiermark nach der Strukturkrise der Vergangenheit zu einer europäischen Zukunftsregion zu machen.

"Wo der Alpen-Yeti wohnt, wissen wir zwar auch nicht, ansonsten erfährt man bei uns aber alles über das Wintersportangebot in den österreichischen Bergen", sagt Markus Kümmel. Zusammen mit zwei Kollegen betreibt der 27-jährige Grazer seit eineinhalb Jahren eine Internet-Plattform, die angebots- und nachfragemäßig mittlerweile zum größten Verzeichnis österreichischer Wintersportregionen angewachsen ist. Unter www.bergfex.at kann man sich vom Übernachtungsangebot über Liftkartenpreise und Schneehöhen bis zu den Beginnzeiten rustikal-gemütlicher Hüttenabende in insgesamt 270 heimischen und 80 Schweizer Schigebieten informieren. Im Fall des Bergfex-Trios wurde der von Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl eingeforderte "Mut zu Neuem und Unerprobtem" mit Erfolg belohnt: Allein im vergangenen Februar konnten Kümmel & Co. 2,8 Millionen Zugriffe auf ihre Homepage verzeichnen.

Das alpine Auskunftsservice ist eines der vielen innovativen Mosaiksteinchen, die Paierl im Rahmen der "Styrian e-Businessplattform" zu einem sich ergänzendem Gesamtbild einer modernen Wirtschaftsregion verschmelzen will. "Die Steiermark bereit machen für das e-Business", lautet Paierls ehrgeiziges Ziel.

Ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Im Mur- und Mürztal hat die von Klein- und Mittelbetrieben dominierte steirische Wirtschaft noch immer an den Folgen des Strukturwandels der letzten Jahrzehnte zu knabbern. Die einst blühenden Produktionsstandorte der verstaatlichten Großbetriebe in der Obersteiermark mutierten zu Zeugen einer wettbewerbsuntauglichen Grundstoffindustrie. Nicht überall gelang der Übergang so erfolgreich wie beispielsweise beim Edelstahl-Hersteller Böhler-Uddeholm in Kapfenberg, der in seiner Branche weltweit zu den Marktführern zählt.

Angst vor Konkurrenz

In den Grenzregionen im Süden spürt man die Konkurrenzangst vor den slowenischen Nachbarn beziehungsweise klagt über die infrastrukturelle Unterversorgung. Dass der 580 Millionen Euro teure zweigleisige Ausbau der Bahnstrecke von Graz Richtung Marburg (Slowenien) im jüngsten Generalverkehrsplan mit "dringend" klassifiziert wird, beruhigt nach den politischen Endlosquerelen rund um den Semmeringtunnel keinen mehr so wirklich.

Gleichzeitig sorgen Meldungen über Massenkündigungen in den steirischen Filialen internationaler Großkonzerne in regelmäßigen Abständen für Aufregung. War es zuletzt die Schließung des Bildröhrenwerks von Philips in Lebring bei Graz oder der Mitarbeiterabbau beim Handy-Zulieferer Artesyn in Kindberg, steht mittlerweile auch das Ende des Braunkohletagbaus im weststeirischen Köflach ab 2004 fest.

Die steirische Arbeitslosenquote kletterte damit im Vergleichzeitraum zum Vorjahr von 5,5 Prozent auf 6,1 Prozent. Sie liegt aber noch immer unter dem Österreichschnitt von 6,2 Prozent. "Die Steiermark erweist sich als etwas konjunkturresistenter", diagnostiziert Michael Steiner vom Institut für Technologie- und Regionalpolitik der Forschungseinrichtung Joanneum Research. Er blickt durchaus optimistisch in die Zukunft. Nach dem allgemeinen Einbruch vor zwei Jahren sollte die Wertschöpfung spätestens im kommenden Jahr wieder merkbar ansteigen.

Auch dabei wird jedoch der Strukturwandel deutlich: Während in der traditionellen Sachgütererzeugung (Bekleidung, Nahrungsmittel, Papier, Baustoffe, &) die Beschäftigungsentwicklung rückläufig ist, verzeichnen die Bereiche Fahrzeugbau (plus 35 Prozent) und Elektrotechnik (plus zwölf Prozent) seit Ende der neunziger Jahre starke Zuwachsraten.

Mitverantwortlich dafür ist vor allem die international anerkannte Erfolgsstory des "Auto-Clusters", einer Vernetzung von mittlerweile etwa 160 Betrieben, die im Automobilbereich tätig sind. Darunter so renommierte Unternehmen wie die AVL List GmbH oder Magna-Steyr. "Wir können in Graz auf ein unheimliches Fundament an guten Leuten zurückgreifen", schätzt auch Magna-Steyr-Chef Siegfried Wolf - selbst Steirer - die historisch bedingten Standortvorzüge seiner Heimat.

"Made in Styria"

Schon seit Mitte der 70er Jahre konzentriert man sich in jenen Werkshallen, in denen einst Fahrräder, Traktoren und der legendär-schrullige Puch 500 vom Band liefen, auf die Fertigung von Spezialfahrzeugen mit Allradantrieben. Die vorwiegend für militärische Zwecke eingesetzten Haflinger und Pinzgauer wurden "Bestseller".

Die erfolgreiche Kooperation mit Mercedes bei der Entwicklung und Produktion des Puch G zog Nachfolgeaufträge von Fiat, Opel, Alfa, Jeep, VW und zuletzt BMW nach sich. Ab 2004 werden im Grazer Werk täglich bis zu 300 allradgetriebene BMW X3-Geländewagen mit Vierradantrieb-Technologie "Made in Styria" produziert.

Im Sog des Booms profitierten einerseits bereits bestehende hochspezialisierte Zulieferbetriebe, andererseits hat sich die Zahl der Betriebsneugründungen zwischen 1995 und 2000 nahezu verdoppelt. Mit dieser Wachstumsrate liegt die als "Land der Gründer" gelobte Steiermark im Österreichvergleich an der Spitze.

Als auch für die Finanzen zuständiger Landesrat kennt Paierl aber den engen finanziellen Spielraum, in dem sich das Land im Spannungsfeld zwischen Unternehmensförderungen, Infrastrukturverbesserungen und Kaufkraftstimulierung der Bevölkerung bewegt.

Bei letzterem übt sich das Land mit einer Reform des Pensions- und Besoldungssystem seiner Landesbediensteten in Vorbildwirkung. "Wir haben das System auf den Kopf gestellt", freut sich der zuständige Personallandesrat Hermann Schützenhöfer. Zwar bleibt die Aktivverdienstsumme gleich, nur wird in Zukunft die Lebensverdienstkurve abgeflacht: junge Berufseinsteiger bekommen mehr, ältere Dienstnehmer im Vergleich zu heute weniger Geld. Österreichweit revolutionär.

Diese Vorreiterrolle wollen die steirischen Landespolitiker auch international spielen. Die Steiermark soll in den nächsten Jahren den Aufstieg aus der österreichischen Bundesliga in die europäische Champions League der Standorte schaffen, drängt Paierl zur Offensive. Die Entwicklung scheint ihm Recht zu geben: Zwischen 1993 und 1997 verbesserte sich die Steiermark im europäischen Standort-Ranking von Platz 119 auf die 53. Stelle. Ziel ist es, im Konzert der 25 Top-Standorte Europas mitspielen zu können.

Ein Schritt in diese Richtung ist die vor vier Jahren von der Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung zusammen mit dem Land gestartete multilaterale Initiative "Zukunftsregion." Vor wenigen Wochen wurde in Graz diesbezüglich ein verbindliches Kooperationsabkommen von politischen Spitzenvertretern aus den beteiligten Regionen unterzeichnet. Partner der Steiermark sind neben den österreichischen Bundesländern Kärnten und Burgenland, zwei italienischen Regionen, Slowenien, Nordkroatien sowie sechs westungarischen Komitate. Mit ihnen soll unter anderem die Zusammenarbeit in den Bereichen regionale Entwicklung, Aus- und Weiterbildung sowie ein koordinierter Ausbau der Infrastruktur forciert werden.

Südliche Zukunftsregion

Mehr als 17 Millionen Menschen leben an dieser Nahtstelle zwischen Schon-EU-Mitgliedern und potenziellen Beitrittskandidaten. "Graz soll Zentrum dieser Zukunftsregion werden", hofft die steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic auf ein Wiedererstarken von Graz als wirtschaftliche "Drehscheibe Süd-Ost".

"Die rund 1300 im Export tätigen steirischen Firmen erwirtschaften schon jetzt ein Exportvolumen von mehr als elf Milliarden Euro", rechnet Wirtschaftskammer-Präsident Peter Mühlbacher vor. Schon jetzt sind beispielsweise in Slowenien an die 200 steirischen Unternehmen mit Geschäftsstellen vertreten. Dennoch liegt die Exportquote der Steiermark insgesamt mit 26,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nur im österreichischen Durchschnitt. "Für ein Industrieland wie die Steiermark kann das nicht befriedigend sein", mahnt Peter Mayerhofer vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). Gelingt die Herausbildung eines integrierten, grenzübergreifenden Produktions- und Absatzraumes prognostiziert der Wirtschaftsforscher der Steiermark bis 2005 ein jährliches Wirtschaftswachstum, das mit 3,3 Prozent deutlich über dem Durchschnitt aller EU-Regionen liegt. Auch innerhalb Österreichs wäre die steirische Wirtschaft mit ihren knapp 50.000 Unternehmen und 430.000 Beschäftigten damit Wachstumsführer.

Die Entwicklung der Tourismusbranche - nach Gewerbe und Handel ist sie bereits die drittstärkste Sparte der steirischen Wirtschaft - spielt dabei eine vordergründige Rolle. Jedes vierte steirische Unternehmen ist bereits im Fremdenverkehr tätig. Die Steiermark soll zunehmend als "Outdoor Land" vermarktet werden.

Die "Bergfexe" rund um Markus Kümmel haben darauf schon reagiert. Sie werken bereits am Ausbau ihres Internetservices auf das Sommersportangebot der Steiermark.

Der Autor ist Steiermark-Korrespondent der "Presse".

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