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Kritische Masse erreicht

Eine Fülle von Maßnahmen, Modellen und Initiativen ist in der Steiermark auf eine Vision ausgerichtet: "Zukunftsregion" als führender Wirtschafts-, Wissenschafts- und Bildungsstandort zu sein.

Vier Universitäten, mehr als zwanzig Fachhochschulstudiengänge in der FH Joanneum, ein Zentrum der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die außeruniversitäre Forschungsgesellschaft Joanneum Research, eine Konzentration von wirtschaftsorientierten Kompetenzzentren und Kompetenznetzwerken wie in sonst keinem Bundesland Österreichs, nicht einmal in einer anderen Region Europas, international renommierte Hightech-Firmen mit eigenen Forschungsabteilungen: das ist die Konstellation, die dazu geführt hat, dass inzwischen jedes zweite Hightech-Produkt Österreichs aus der Steiermark kommt und das Bundesland zu einer bedeutenden Technologie-Region Europas werden ließ.

Erfolgskonzept: Vernetzung

Das Erfolgskonzept der Steiermark heißt "Vernetzung", und deshalb ist es kaum möglich, den Anteil von Persönlichkeiten, Institutionen und Unternehmen am Erfolg zu bestimmen. Er ist in der Steiermark immer ein gemeinsamer.

Ebenso wenig ist es möglich, die Fülle der Forschungsbereiche, in denen steirische Forscher weltweit Renommé genießen, auch nur aufzulisten: von der Philosophie bis zur Geschichte, von der Kardiologie bis zum Völkerrecht, von der Literaturwissenschaft bis zur Telematik, von der Mikroelektronik bis zum Automotive Engineering.

Der Weg zur technologischen Spitzenregion begann jedenfalls Anfang der sechziger Jahre, als sich steirische Forscher das Ziel setzten, den ersten Großrechner Österreichs in Graz zu installieren. Da keine Institution stark genug war, sich einen solchen Rechner zu leisten, schloss man sich in einem Verein zusammen und erreichte gemeinsam, was keiner allein geschafft hätte: das "Rechenzentrum Graz" mit dem ersten Großrechner Österreichs wurde gegründet. Um dieses Zentrum herum wurden - der guten Erfahrung wegen - weitere Vereine für Unternehmungen gegründet, für die keine Institution allein stark genug gewesen wäre. Daraus entstand die außeruniversitäre Forschungsgesellschaft Joanneum Research, seit 1987 eine GesmbH zu 100 Prozent in Landeseigentum. Dieses Innovationsinstrument der steiermärkischen Wirtschafts- und Technologiepolitik hat im letzten Jahr im Netzwerk Innoregio mit der Steirischen Wirtschaftskammer, der Indutriellenvereinigung Steiermark und der Steirischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG ein Bündnis für Innovation in den steirischen Betrieben geschlossen.

Erfolg: Weltraumforschung

In den frühen siebziger Jahren, als die Weltraumforschung zur wissenschaftlichen Leitdisziplin avancierte, schlossen sich Professoren der Technischen Universität und der Karl-Franzens-Universität in der "ARGE Weltraumforschung" zusammen und erreichten, dass die Österreichische Akademie der Wissenschaften in Graz das Institut für Weltraumforschung gründete, das für die Anwendungsforschung bald durch das Institut für Angewandte Systemtechnik der Joanneum Research verstärkt wurde. Gemeinsam mit den einschlägigen Instituten der Universitäten und der Forschergruppe "Fernerkundung" der Joanneum Research entstand auf diese Weise ein in Europa einmaliger Forschungsschwerpunkt mit einer "kritischen Masse" von weit mehr als 100 Forschern, die es im Oktober 1991 möglich machte, die österreichische Weltraummission "Austromir" erfolgreich durchzuführen, und Graz den Ehrennamen "Weltraumhauptstadt Europas" einbrachte. Als jüngstes Kind des Netzwerks, in das längst die einschlägige steirische Industrie - zum Beispiel Magna, Maschinenfabrik Andritz, AVL, Pankl - eingebunden ist, präsentiert sich der Postgraduate Universitätslehrgang "Space Sciences".

Die Erfindung des Clusters

Einer der größten Meilensteine auf dem Erfolgsweg der Steiermark war 1989 die Initiative von Landeshauptmann Waltraud Klasnic (damals war sie Wirtschaftslandesrätin), alle damals 72 (!) steirischen Firmen, die mit der Entwicklung und Herstellung von Autos zu tun hatten - voran das Motorenforschungsunternehmen AVL und Steyr Daimler Puch (heute Magna) als Leitfirmen -, an einen runden Tisch zusammenzurufen: Das war die Geburtsstunde jenes Netzwerks, das von Klasnics Nachfolger als Wirtschaftslandesrat, Herbert Paierl, schließlich als "Automobilcluster ACstyria" realisiert wurde und zur Ansiedlung von Weltfirmen wie Magna und Chrysler und die Produktion von Fahrzeugen der Marken Mercedes, Saab und BMW in der Steiermark geführt hat. Gleichzeitig war dieses Projekt das Vorbild aller Cluster, die seither gebildet wurden. Anzumerken ist noch, dass der Automobilcluster der erfolgreichste von allen ist. Die Philosophie dazu lieferten Forscher des Instituts für Technologie- und Regionalpolitik der Joanneum Research.

Auf diese Vernetzungserfahrung aufbauend, war es keine Überraschung, dass in der Steiermark 1999 auch das erste österreichische Kompetenzzentrum K+ mit dem Namen "Materials Center Leoben" eingerichtet wurde: das Rückgrat dafür bildet die Montan-Universität Leoben, deren Forscher gemeinsam mit den Kollegen der TU Graz dafür verantwortlich sind, dass Österreich als das Zentrum der internationalen Werkstoff-Forschung geachtet ist. Inzwischen hat die Steiermark die meisten Kompetenzzentren in Österreich, und alle Forschungsgebiete weisen in die Zukunft: das KNOW-Center (Schwerpunkt Wissensmanagement), Evolaris (e-business), Biokatalyse, Kunststoff (Leoben), das "virtuelle Fahrzeug" (Simulation), Biomasse, Autoakustik &

Bei Zukunftsthemen vorne

Was die Werkstoff-Forschung betrifft, hat in der Steiermark übrigens längst die Zukunft begonnen: Ausgehend vom Joanneum Research Institut für Nanostrukturierte Materialien und Photonik in der Bezirkshauptstadt Weiz hat sich unter dem Namen "Nanonet Styria" ein Netzwerk für Nanostrukturforschung entwickelt, in dem alle Universitäten der Steiermark und alle einschlägigen Unternehmen miteinander kooperieren, um Nanotechnologien der steirischen Wirtschaft schneller verfügbar zu machen, als es anderswo geschieht, und ihr so einen Vorsprung im globalen Wettbewerb zu verschaffen. Nanostrukturforschung beschäftigt sich mit der Manipulation und den Möglichkeiten der Selbstorganisation einzelner Atome und Moleküle zur Schaffung neuer "maßgeschneiderter" Werkstoffe. Die Idee wurde vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung aufgegriffen und wird derzeit auf ganz Österreich erweitert.

Was im Bereich der Werkstoffe die Nanotechnologie, ist für den Erhalt der Umwelt der Forschungsbereich "Nachwachsende Rohstoffe". Das mittelfristige Ziel ist die Umstellung von sich erschöpfenden fossilen Ressourcen auf regenerierbare, die auch der Landwirtschaft neue Erwerbschancen geben sollen. Auch auf diesem Gebiet ist die Steiermark ein europäisches Zentrum: Ausgehend vom Institut für Verfahrenstechnik der Technischen Universität in Graz wurde als "nachhaltiger Arm" das Institut für nachhaltige Techniken und Systeme bei Joanneum Research gegründet, von dem aus inzwischen im Auftrag der Europäischen Union nachhaltiges Denken auch in Südost-Asien implementiert werden soll. Und alle Nachhaltigkeitsforscher der Steiermark zusammen haben als Abstimmungs- und Kooperations-Plattform den Verein ARENA gegründet. Auf dessen aktueller Agenda steht unter anderem das Forschungsziel, Tiermehl umweltgerecht und wertschöpfend zu verwerten.

Medizinische Forschung

Auch wenn die medizinische Fakultät der Universität Graz nach dem Willen des Wissenschaftsministeriums in Kürze als eigene Universität ausgegliedert wird - die Verknüpfung mit allen anderen Forschungseinrichtungen in der Steiermark braucht dadurch weder in Frage gestellt noch gefährdet sein. Es gibt nämlich bereits ein Organisationsmodell steirischer Kooperationskultur, wie die gemeinsame Forschung im Interesse der Patienten in Zukunft stattfinden kann: das Institutes für Medizinische Systemtechnik und Gesundheitsmanagement der Joanneum Research Forschungsgesellschaft. In diesem Institut erforschen junge Wissenschafter, die aus dem Klinikum der medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität kommen, gemeinsam mit Kollegen von der Technischen Universität die Zuckerkrankheit (Diabetes) und entwickeln entsprechende Therapien, auch zentrale Komponenten für die "künstliche Bauchspeicheldrüse". Vierter im Bunde der Kooperateure ist die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft mbH.

EU-Forschungs-Integration

Der Prozess der Netzwerkbildungen wird derzeit in der Steiermark im Sinne eines Modells für die EU-Osterweiterungsländer weiter vorangetrieben, um das Land bei seinem Ziel zu unterstützen, Zentrum der "Zukunftsregion" zu sein. Diese wurde von Landeshauptmann Waltraud Klasnic politisch konzipiert und umfasst die Steiermark, Kärnten, Ungarn, Slowenien, Kroatien und die norditalienischen Provinzen. Seit Mitte Dezember 2001 wird beispielsweise im Auftrag des Technologiereferenten, Landeshauptmannstellvertreter Leopold Schöggl, das Netzwerk "Öko-Energie" entwickelt, dessen Kern eine Wissensdatenbank sein wird, welche alle verfügbaren Technologien alternativer Energieerzeugung beinhalten wird.

Mit Netzknoten in Pordenone/ Italien, Kroatien, Slowenien, Kärnten und Tirol bereits international konzipiert wurde das Joanneum Research Kompetenznetzwerk "Wasser", das beim Bundesministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten beantragt wurde und zur weltweiten Sicherung dieses "Goldes der Zukunft" beitragen soll. Wie wichtig das Thema ist, zeigt sich gerade in diesem heißen und trockenen Sommer in weiten Teilen Europas.

Aber alles das sind nur Beispiele, Beispiele aus einer Fülle von Maßnahmen, Initiativen und Modellen, die alle auf eine einzige Vision hin ausgerichtet sind: auf einen führenden Wirtschafts-, Wissenschafts- und Bildungsstandort "Zukunftsregion" mit der Steiermark als Zentrum. Ein Bundesland, das seinen Platz unter den ersten der Welt anstrebt.

Der Autor ist Geschäftsführer für den wissenschaftlichen Bereich von Joanneum Research.

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