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Ein „Knoten“ für Hochtechnologie

Oberösterreich, noch in der späteren Nachkriegszeit eine klassische Industrieregion, ist heute auf dem besten Weg zum „Technologieland“. Zwar wurden in Oberösterreich schon in der industriellen Gründerzeit und in den ersten siebzig Jahren dieses Jahrhunderts bedeutende technologische Leistungen vollbracht, doch würde dies zumindest nach heutigen Maßstä-

ben für eine Qualifikation zum „Technologieland“ nicht ausreichen. Diese verlangt wohl, über technische Spitzenleistungen in der Industrie hinaus, die zunehmende Verbreitung persönlicher Aufgeschlossenheit gegenüber der Technik und vor allem den ehrlichen Willen, Technologiepolitik als strukturpolitisches Instrument für die Wirtschaft einzusetzen.

Die Eröffnung des Linzer Innovations- und Gründerzentrums (LIG) durch die Handelskammer Oberösterreich im Sommer 1986 ist ein Meilenstein in der Entwicklung Oberösterreichs zum Technologieland. Heute, nach dreijährigem

Betrieb, ist das LIG ein selbstverständlicher Bestandteil der europäischen Technologieszene. Bei seiner Gründung als zweites österreichisches Technologiezentrum nach dem Steirischen Technologiepark in Graz wurde es vielfach noch als ein Experiment einzelner Wirtschaftspolitiker angesehen.

Das Zentrum, dessen bauliche Gestaltung vom Land Oberöster-reichgef ordert wurde, hat sich stürmisch entwickelt: Waren in ihm im Herbst 1986 sieben Firmen mit zusammen zehn Beschäftigten tätig, beherbergt es heute zehn zumeist mit industrieller Software befaßte kleine und mittlere Unternehmen mit mehr als achtzig Beschäftigten sowie eine von der Handelskammer und der Universität gemeinsam betriebene Technologietransferstelle. Die meisten LIG-Firmen stehen in enger Kooperation untereinander, mit anderen technologieorientierten Firmen sowie mit Forschungsinstituten und sind stark exportorientiert.

Das LIG erfüllt aber nicht nur eine Rolle als Inkubator für neugegründete Unternehmungen, es hat auch vertrauensbildend für die Technologiepolitik in Oberösterreich und imagebildend für Oberösterreich in ganz Europa und dar-

über hinaus gewirkt. Ein Symptom dafür ist, daß Linz auf Initiative des LIG als Standort für das 5th International Technical Innovation and Entrepreneurship Symposium, eines weltweit bedeutenden Technologie- und Innovationskongresses im Jahr 1990, ausgewählt wurde. Ein Grund für diese Wahl war auch die stürmische gesellschaftliche Entwicklung in Osteuropa, an deren Nahtstelle Linz liegt. Es ist zu hoffen, daß die Organisatoren des Kongresses diesem Thema in konstruktiver Weise Rechnung tragen werden.

Die seit 1966 bestehende Johannes Kepler Universität Linz erweist sich zunehmend als ein Motor der regionalen Strukturpolitik. Ohne die praxisbezogenen Leistungen der Universität auf wirtschaftlichem Gebiet, vor allem aber ohne ihre Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät wäre die heutige Dynamik in der oberösterreichischen

Technologieszene nicht möglich gewesen. Die in die vier Fachbereiche Chemie, Informatik, Mathematik und Physik gegliederte Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät mit zehn Instituten, drei universitärenForschungsinstituten (FIM, Forschungsinstitut für Mikroprozessortechnik; RISC, Forschungsinstitut für Symbolisches Rechnen; Forschungsinstitut für Optoelektronik) und etwa zweieinhalbtausend Studenten konnte man bisher als klein, aber fachlich äußerst leistungsfähig bezeichnen. Einige aktuelle Entwicklungen werden dieses Bild, soweit es die Kleinheit betrifft, in Kürze ändern.

In einer im Auftrag der Handelskammer und der Arbeiterkammer erstellten Studie des Wirtschaftsforschungsinstitutes war 1987 festgestellt worden, daß in der oberösterreichischen Wirtschaft ein Mangel an akademisch qualifizierten Technikern besteht. Dies hat eine Gruppe von Wirtschafts- und Technologiepolitikern unter Führung von Universitätsprofessor Peter Weiß veranlaßt, ein Konzept für einen „Studienversuch Interdisziplinäres Technik-Studium (Mechatronik)“, eine Synthese von Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik, Physik, Chemie, Biologie und Mathematik, auszuarbeiten. Bereits ab Herbst 1990, finanziell unterstützt von Bund, Land und Stadt Linz, wird das neue Studium in Linz möglich sein. Dadurch wird sich die Technisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, nach etwa fünf Jahren ihrer Größe nach etwa verdoppeln.

Kürzlich ist das Forschungsinstitut RISC in das auf Kosten des Landes renovierte Schloß Hagenberg nordöstlich von Linz eingezogen. In dem fünfzehn Autominuten vom Stadtzentrum entfernten Hagenberg soll ein „ Softwarepark “, ein Konglomerat von Softwareorientierten Forschungsinstituten und Firmen, entstehen. Neben dem RISC sind bereits das neue universitäre „Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung“ und zwei Softwarefirmen in Hagenberg tätig. Zur Entwicklung des Softwareparks wird in den nächsten Wochen vom Land, der Handelskammer und der Stadt Linz eine Entwicklungsgesellschaft errichtet werden, die auf den Erfahrungen des Linzer Innovationsund Gründerzentrums aufbauen wird.

Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Linzer Universität und der Gründung des Softwareparks in Hagenberg hat die Stadt Linz gemeinsam mit dem Land, der Handelskammer, der Arbeiterkammer und einigen Industriefirmen die Initiative zur Errichtung eines „Hochtechnologieknotens“ in Linz ergriffen. Dort sollen auf hochmodernen Automaten für flexible Fertigung Kapazitäten zur Herstellung von Präzisionsteilen im Auftrag von Unternehmungen und ein mit der Universität kooperierendes Forschungszentrum für Fertigungsautomation geschaffen werden.

In Oberösterreich wird seit langem eine dezentral orientierte wirtschaftliche Entwicklungspolitik' betrieben. Deshalb muß auch die Technologiepolitik als Instrument zur Entwicklung des ganzen Landes gesehen werden. Hagenberg, das trotz seiner Nähe zu Linz bereits im politischen Bezirk Freistadt liegt, ist ein wesentlicher Schritt in diese Richtung. Man kann es heute schon, wie die Universität, auch als Relaisstation einer neuen „Technologieroute“ entlang der Mühlviertler Autobahn verstehen.

Diese Route wird in nächster Zeit ein Pendant im Raum Steyr erhalten. Derzeit ist in Steyr ein „For-schungs und Ausbildungszentrum für Arbeit und Technik (FAZAT)“ im Bau. Berücksichtigt man die in Steyr durch die Steyr-Daimler-Puch AG mit einem eigenen Technologiezentrum (TZS), die Motorenfabrik von BMW sowie einige international bekannte Mittelbetriebe gegebene wirtschaftliche und technische Potenz und die dort in leerstehenden historischen Industriebauten gegebenen Ansied-lungsmöglichkeiten für Forschungsinstitute und technologieorientierte Unternehmungen, kann man heute schon die Entstehung dieser neuen Achse vorausahnen.

Nicht nur in Linz, sondern in fast allen Bezirksstädten werden derzeit Pläne für die Errichtung von Unternehmerzentren mit unterschiedlich ausgeprägter Technologieorientierung gewälzt. Durch das Vorhandensein einer Reihe von technologisch hochentwickelten Betrieben außerhalb des Linzer Raumes, und die Nähe westlicher und nördlicher Bezirke des Bundeslandes zu den Universitäten Salzburg und Passau erweist sich auch das als erfolgversprechender Ansatzpunkt für eine dezentral ausgerichtete Technologiepolitik. Deshalb wird dieser Ansatz von der Handelskammer Oberösterreich, die bereits die technischen Schulungsmaßnahmen ihres Wirt-schaftsförderungsinstitutes massiv dezentralisiert, intensiv verfolgt.

Der Autor ist Wirtschaftspolitiker in der Handelskammer Oberösterreich und Verfasser des kürzlich veröffentlichten Buches „Morgen am Markt. Wirtschaftspolitische Vorschläge für Oberösterreich“.

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