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„Sülicon-Valley” Burgenland

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Keine verlängerte Werkbank soll das Burgenland mehr sein. Wirtschaftsstandort und Tourismus werden jetzt aggressiv vermarktet.

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Keine verlängerte Werkbank soll das Burgenland mehr sein. Wirtschaftsstandort und Tourismus werden jetzt aggressiv vermarktet.

Als eine „Kriechspur” bezeichnet Burgenlands Wirtschaftslandesrat Karl Kaplan (ÖVP) die „Überholspur, die uns seinerzeit Landeshauptmann Theodor Kery weismachen wollte”. Damals sei das Burgenland nichts anderes als eine „verlängerte Werkbank” in der Textilbranche gewesen, die große Bevölkerungsteile beschäftigt hat.

Die schwierige Zeit sei auch dadurch gekennzeichnet gewesen, daß mehr als 30.000 Pendler nach Wien oder Graz an ihren Arbeitsplatz fahren mußten. „Die Tatsache, daß wir heute EU-Ziel-1 -Gebiet sind, darf uns nicht stolz machen, wenngleich wir froh sein müssen, daß wir es geworden sind”, so Kaplan zur furche. Nun könne der „größte Umstrukturierungsprozeß” im Burgenland seit Jahrzehnten stattfinden. In den vergangenen fünf Jahren hat das Burgenland 40 Prozent der Textilarbeits-plätze verloren - trotzdem wies das Bundesland neben Niederösterreich noch in der ersten Hälfte 1995 eine positive Beschäftigungsziffer auf. Mit Hilfe der EU-Förderungen können laut Kaplan qualifizierte Arbeitsplätze im Burgenland geschaffen werden, vor allem im reich der Telekommunikation.

Josef Schmidt, Vorstandsdirektor der „Wirtschaftsservice Burgenland AG” (WIBAG), ergänzt Kaplans Be-sümee der vergangenen zwei Jahrzehnte dahingehend, daß er die Leistungen der Rery-Ära als „Schaffen einer ganz primitiven Basisinfrastruktur” qualifiziert - angefangen beim Straßenbau (durchgehende Nord-Süd-Verbindung des Schlauches Burgenland), über Kanalisierung, Wasserleitungen bis hin zu Schulen. „Das ist in Ordnung”, betont Schmidt, „aber wirtschaftlich waren wir auf dem tiefsten Niveau. Wir hatten nur verlängerte Werkbänke, keine selbständigen Betriebe. Und nun hat uns die EU - und das war sehr gut - den Spiegel vor's Gesicht gehalten. Dabei hat sich das Nord-Süd-Gefälle sehr stark herausgestellt, weil der Baum um den Neusiedlersee, ausgerichtet auf Wien, doch etwas stärker war.

Jetzt haben wir die Chance, den nächsten Sprung zu wagen, einen Modernisierungsschub zu bekommen.” Die Infrastruktur muß auf ein höheres Niveau gestellt werden, Produktionsbetriebe wird es in Zukunft nicht mehr geben, da kann Burgenland nicht mit Osteuropa konkurrieren (übrigens wird sich die Konkurrenzgrenze in den nächsten fünf bis zehn Jahren über die mittelosteuropäischen Staaten hinaus in den asiatischen Bereich verschieben). Was Burgenland braucht, sind nach den Worten Schmidts nicht so sehr produktionsorientierte Betriebe, sondern Betriebe, die kommunikationstechnisch mit der ganzen Welt verbunden sind, in denen Know-how verkauft wird.

Deswegen bewertet der WIBAG-Direktor das von vielen wie ein Zauberwort gebrauchte Schlagwort „Telekommunikation” auch als „so wichtig”. In zwei Jahren wird es den durchgehenden Daten-Highway im Burgenland geben, ein erster Schritt, das Internet, wird den burgenländi-schen Haushalten schon jetzt zum Ortstarif angeboten.

Das Fehlen großer Industrialisierungsprojekte im Burgenland bewertet Schmidt letztlich als große Chance, moderne, zukunftweisende, „vom Denken dominierte Betriebe” mit dem Tourismus zu kombinieren. „Wir haben einen Vorteil, weil wir unsere Natur nicht verbaut haben. Weite Landstriche im mittleren und südlichen Burgenland, aber auch um den Neusiedlersee im Norden, im Seewinkel, können wirklich auf die Natur aufbauen. Das ist eine große Herausforderung: ein Land zu schaffen, wo man arbeitet, leben kann und gerne hinfährt.” Wirtschaftslandesrat Kaplan hält es diesbezüglich mit Trendforscher John Naisbitt, der inmitten der Globalisierung gerade den Klein- und Mittelbetrieben (KUM) größte Chancen zu-spricht.> Burgenland, so Kaplan, habe gerade nachdem es seit 1989 vom Ende der freien Welt in den Mittelpunkt Europas gerückt sei, diese Gelegenheit gut genützt. Die Zukunft sei, daß ein kleiner südburgenländi-scher Betrieb heute zum Ortstarif mit einem amerikanischen oder asiatischen Betrieb kommunizieren und kooperieren kann.

In den nächsten fünf Jahren wird das Burgenland als besonders gut geförderte EU-Begion 2,5 Milliarden Schilling zur Verfügung gestellt bekommen, die nur ausgelöst werden können, wenn sich vom Bund her weitere 2,5 Milliarden dazugesellen. Von der Förderung her werden also fünf Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, mit den dadurch ausgelösten Investitionen erwartet man ein Gesamtvolumen von elf bis zwölf Milliarden Schilling. „Um diesen

Schwung zu nützen”, so Landesrat Kaplan, „und um aus der Ziel-1-Region hinauszuwachsen, müssen wir im bildungspolitischen Bereich mehr machen. Wir werden gut daran tun, unseren jungen Leuten jene entsprechende Ausbildung zukommen zu lassen, damit es möglich ist, alle diese modernen Arbeitsplätze ins Land zu holen. Wir können nicht sagen, wir wollen im Telekommunikationsbereich punkten, wenn wir nicht ausgebildete Kräfte haben oder sie erst ins Land holen müssen.”

WIBAG-Direktor Schmidt entwickelt eine eigene Burgenland-Philosophie: „Ich komme vom Marketing her und bin viel in der Welt her-umgekomen. Das größte Problem ist jemandem, der jenseits des Äquators oder auf der anderen Seite des Globus lebt zu erklären, was das Burgenland eigentlich ist.” Es gelte, etwas zu finden, das einprägsam und leicht vorstellbar sei, etwas Neues zu erfinden sei schwer. Schmidt setzt auf einen Imagetransfer, wenn er Burgenland als „das Kalifornien Österreichs” bezeichnet. Er verweist auf die klimatischen, agrarwirtschaftli-chen und touristischen Parallelen. So gesehen möchte er gerne das Burgenland touristisch als das Surfzentrum Europas verkaufen, weil es mit dem Neusiedlersee dazu schon viele Voraussetzungen gebe. „Was wir noch brauchen, sind so Art Sillicon-Valleys hier. Noch einmal: Wir können nicht mit Produktionsbetrieben punkten, wir müssen hochbegabten Leuten so eine Lebensqualität bieten, daß sie sich sagen, da bleibe ich gleich im Burgen-land. Oder: pröduk-tionsnahe Dienstleistungen, Marketing, Qualitätskontrolle - alle diese Dinge müssen wir versuchen, hierherzubekommen.”

Thema Ausbildung

Kaplan: Gesellschaftspolitisch muß sich in unserer Bildungspolitik noch einiges ändern. Ich glaube, wir haben zuviele 1 .eute in die AHS geschickt. Wir produzieren jährlich 1.000 Maturanten, 50 Prozent kommen aus AHS. Das tut mir weh. Diese Leute fehlen in der Fachausbildung. Wir haben große Probleme mit dem Lehrlingsschwund. In den 80er Jahren haben wir über 5.000 gehabt, jetzt sind es 3.000. Von einem Jahrgang gehen nur 28 Prozent ins duale Ausbildungssystem, in Tirol sind es vergleichsweise 52 Prozent. Mein gesellschaftspolitisches Anliegen ist es, den Facharbeiter aufzuwerten. Ich sage das aufgrund eigener Erfahrung: Als mein Sohn Christian Konditorlehrling war, haben mir acht von zehn Leuten erstaunt gesagt:

Was, Dein Sohn?! Das kam mit Kreiskys Gesellschaftspolitik (mein Kind soll's besser haben, ich schicke es in die Schule); heute haben wir 350 junge Lehrerinnen und Lehrer, die daheim sitzen, weil wir sie nicht beschäftigen können. Schmidt: Wir haben zwei höhere technische Lehranstalten, in Eisenstadt und Pinkafeld, die sehr guten Zuspruch haben, die ihren Fachbereich ergänzen und erweitem. Dann gibt es noch die Fachhochschulen, die sehr gut anlaufen, wie etwa Eisenstadt über internationale Wirtschaft. Aufgrund unserer geographischen Lage haben wir ein enormes Potential für Osteuropa. Burgenland besitzt eine enorme Ostkompetenz. Universitäten brauchen wir nicht, die haben wir in Graz und in W7ien in der Nähe.

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