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Qualkampf

Hartberg - © Fotos: Florian Bayer
Politik

So nah, so fern

1945 1960 1980 2000 2020

Hartberg und Pinkafeld trennen nur 15 Kilometer auf der Südautobahn, politisch aber kleine Welten – auch wenn es um die beiden aktuell prominentesten Söhne der zwei Städte geht: Werner Kogler und Norbert Hofer. Ein Lokalaugenschein.

1945 1960 1980 2000 2020

Hartberg und Pinkafeld trennen nur 15 Kilometer auf der Südautobahn, politisch aber kleine Welten – auch wenn es um die beiden aktuell prominentesten Söhne der zwei Städte geht: Werner Kogler und Norbert Hofer. Ein Lokalaugenschein.

Es ist paradox: Pinkafeld gilt als freiheitliche Bastion, obwohl der Bürgermeister seit 2002 rot ist und die SPÖ 14 von 25 Gemeinderatssitzen hält. Dennoch stimmten fast 35 Prozent der Pinkafelder bei der Nationalratswahl 2017 für die FPÖ, neun Prozent mehr als bundesweit. Damit wurden die Freiheitlichen dort stimmenstärkste Partei und verwiesen die SPÖ auf Platz zwei (30,9 Prozent). Ein Grund, wenn auch nicht der alleinige: Pinkafeld ist Heimat von Norbert Hofer, dem Bundesparteiobmann der FPÖ. Von einem neuerlichen Erfolg am Sonntag ist auszugehen, denn bei dieser Nationalratswahl ist Hofer erstmals Spitzenkandidat der von Ibizagate zwar personell veränderten, in Umfragen dennoch ziemlich stabilen FPÖ. „Herr Hofer schneidet bei Bundeswahlen gut ab, ich bei Gemeinderatswahlen“, beschreibt Bürgermeister Kurt Maczek (SPÖ) beim Kaffee die Ausgangslage. Der Gastraum des Hotels am Pinkafelder Hauptplatz ist Samstagvormittag noch spärlich besucht, ein paar ältere Herren spielen Karten. Der Bürgermeister begrüßt die Gäste einzeln per Handschlag. Man kennt sich.

„Nahtstelle europäischer Integration“

Der frühere Profifußballer, ehemalige HTL­Lehrer für Geschichte und nunmehrige Bürgermeister, 64, kennt den 48­jährigen Hofer schon seit dessen Jugendtagen und sieht ihn alle paar Wochen im Ort, der nach wie vor Hofers Hauptwohnsitz ist. Privat sieht man ihn in der Gemeinde öfter auf dem Rad unterwegs, beim Sporteln oder auch Rasenmähen, erzählt der Bürgermeis ter – und natürlich auch am örtlichen Segelflugplatz. „Ich schätze seine Persönlichkeit und Handschlagqualität“, sagt Maczek über den früheren Bundespräsidentschafts­Anwärter, der bis vor Kurzem Verkehrsminister der Regierung Kurz war. Überhaupt seien die burgenländischen Freiheitlichen viel verlässlicher und konstruktiver als die „Ibiza­Truppe“. Auch im Ort hört man nur wenig Kritik an Hofer, dessen Frau für die FPÖ im Gemeinderat sitzt. Seiner Politik könne sie durchaus etwas abgewinnen, sagt eine Dame nahe dem Hauptplatz: „Man muss Flüchtlingen zwar helfen, aber es gibt schon auch sehr viele Wirtschaftsmigranten. Die können wir nicht alle reinlassen.“

Es ist paradox: Pinkafeld gilt als freiheitliche Bastion, obwohl der Bürgermeister seit 2002 rot ist und die SPÖ 14 von 25 Gemeinderatssitzen hält. Dennoch stimmten fast 35 Prozent der Pinkafelder bei der Nationalratswahl 2017 für die FPÖ, neun Prozent mehr als bundesweit. Damit wurden die Freiheitlichen dort stimmenstärkste Partei und verwiesen die SPÖ auf Platz zwei (30,9 Prozent). Ein Grund, wenn auch nicht der alleinige: Pinkafeld ist Heimat von Norbert Hofer, dem Bundesparteiobmann der FPÖ. Von einem neuerlichen Erfolg am Sonntag ist auszugehen, denn bei dieser Nationalratswahl ist Hofer erstmals Spitzenkandidat der von Ibizagate zwar personell veränderten, in Umfragen dennoch ziemlich stabilen FPÖ. „Herr Hofer schneidet bei Bundeswahlen gut ab, ich bei Gemeinderatswahlen“, beschreibt Bürgermeister Kurt Maczek (SPÖ) beim Kaffee die Ausgangslage. Der Gastraum des Hotels am Pinkafelder Hauptplatz ist Samstagvormittag noch spärlich besucht, ein paar ältere Herren spielen Karten. Der Bürgermeister begrüßt die Gäste einzeln per Handschlag. Man kennt sich.

„Nahtstelle europäischer Integration“

Der frühere Profifußballer, ehemalige HTL­Lehrer für Geschichte und nunmehrige Bürgermeister, 64, kennt den 48­jährigen Hofer schon seit dessen Jugendtagen und sieht ihn alle paar Wochen im Ort, der nach wie vor Hofers Hauptwohnsitz ist. Privat sieht man ihn in der Gemeinde öfter auf dem Rad unterwegs, beim Sporteln oder auch Rasenmähen, erzählt der Bürgermeis ter – und natürlich auch am örtlichen Segelflugplatz. „Ich schätze seine Persönlichkeit und Handschlagqualität“, sagt Maczek über den früheren Bundespräsidentschafts­Anwärter, der bis vor Kurzem Verkehrsminister der Regierung Kurz war. Überhaupt seien die burgenländischen Freiheitlichen viel verlässlicher und konstruktiver als die „Ibiza­Truppe“. Auch im Ort hört man nur wenig Kritik an Hofer, dessen Frau für die FPÖ im Gemeinderat sitzt. Seiner Politik könne sie durchaus etwas abgewinnen, sagt eine Dame nahe dem Hauptplatz: „Man muss Flüchtlingen zwar helfen, aber es gibt schon auch sehr viele Wirtschaftsmigranten. Die können wir nicht alle reinlassen.“

Rendi-Wagner hat ihre eigenen Standpunkte, wir haben im Burgenland die unsrigen“, sagt SPÖ-Bürgermeister Maczek.

Nicht weit davon steht das Team Kurz am Hauptplatz und lädt zu Würsteln und Smalltalk – ein Angebot, dass eine immer größer werdende Menschentraube gegen Mittag gern annimmt. 24,2 Prozent hat die ÖVP in Pinkafeld bei den Nationalratswahlen erreicht, deutlich weniger als bundesweit (31,5 Prozent). Gemeinsam kommen TürkisBlau dennoch auf knapp 70 Prozent, wenn es nach den Pinkafelder Wählern geht. Auch Rot­Blau würde sich mit einer Zweidrittelmehrheit locker ausgehen. Sozialdemokratie und Freiheitliche gehen im Burgenland besser zusammen als im Rest Österreichs, scheint es. Auch wenn das Südburgenland kaum von der Flüchtlingskrise 2015 betroffen war: Das Thema Sicherheit spielt hier eine größere Rolle als anderswo. „Die Grenzkontrollen des Bundesheers sind wieder weitgehend aufrecht und das ist gut so“, sagt Bürgermei ster Maczek. Heute leben rund 70 Flüchtlinge im Ort, die meisten davon privat untergebracht, einige auch bei der Hilfsorganisation BIP (Begegnung in Pinkafeld) und im SOS Kinderdorf. Die Familien seien überwiegend gut integriert, bei den Jugendlichen gebe es aber immer wieder Probleme, sagt der rote Bürgermeister. Welche? Das will Maczek nicht verraten.

Will man den Stellenwert des Sicherheitsthemas verstehen, kommt man nicht um den Fall des Eisernen Vorhangs herum, ist doch die ungarische Grenze keine 20 Kilometer entfernt. „1989 ist das Burgenland von einer Bruchstelle zwischen zwei Machtblöcken zur Nahtstelle der Europäischen Integration geworden“, sagt Maczek. Pinkafeld habe sich seither zur Erfolgsgeschichte entwickelt: Hohes Wirtschaftswachstum, Beschäftigungsrekorde, Stromautarkie durch erneuerbare Energien, Bildung. Heute könne von der „Bildungsschande Burgenland“ (Theodor Kery, Landeshauptmann 1966–1987) keine Rede mehr sein, ist doch Pinkafeld nicht nur wichtige Schulstadt, sondern auch zweiter Standort der FH Burgenland. In den vergangenen Jahren haben sich vermehrt auswärtige Firmen hier niedergelassen, auch dank des direkten Autobahnanschlusses, wie ihn kaum eine zweite Gemeinde im Südburgenland hat und der die Stadt mit Wien und Graz in etwas mehr als einer Stunde verbindet. Was unterscheidet die Sozialdemokratie im Burgenland von der im restlichen Österreich?

„Wir haben immer einen eigenen, volksnahen, konsequenten Weg verfolgt“, sagt Maczek. „SPÖ­-Chefin Rendi­Wagner hat ihre eigenen Standpunkte, wir haben im Burgenland die unsrigen. Da sind wir oft nicht konform“, sagt der Bürgermeister. Er rechnet damit, dass sich die für die SPÖ ungünstigen Umfragen bestätigen werden. Mit weniger als 25 Prozent der Wählerstimmen in eine Koalition zu gehen, hielte er für falsch: „Der Kompromiss wäre zu hoch. Dann ist Opposition besser.“ Er freue sich jedenfalls, dass burgenländische Ideen nun auch in der Bundespolitik diskutiert würden: Ein Mindestlohn von 1700 Euro netto, den bereits Landeshauptmann Hans Peter Doskozil vor einem Jahr gefordert hatte, aber auch Gratiskindergärten, wie sie das Burgenland ab November 2019 flächendeckend eingeführt hat. Als größtes Problem sieht Maczek im pannonischen Flachland die Abwanderung: Je weiter südlich, desto schlimmer sei sie: „Weil es zu wenig Verkehrsinfrastruktur gibt, siedeln sich auch kaum Firmen an.“ Die in Bau befindliche Fürstenfelder Schnellstraße S7 soll die Situation zwar verbessern, bis zur Fertigstellung dauert es aber noch mindestens vier Jahre. An das Zugnetz ist Pinkafeld wie der Großteil des Südburgenlands nicht angebunden. Aber Pinkafeld steht bei konstanten 5300 Einwohnern, Abwanderung ist hier (noch) kein allzu großes Thema: Neue Betriebe am Ortsrand bringen aktuell 300 neue Jobs. Auch von den 25 Millionen, die das Land in den Ausbau der FH am Standort Pinkafeld investieren will, erhofft sich Maczek bleibende Effekte.

ÖVP-Kernland um Hartberg

Ähnlich gelagert ist die Situation im nahegelegenen Hartberg, ebenfalls an der Südautobahn gelegen, ebenfalls wichtige Schulstadt und mit 6700 Einwohnern nur geringfügig größer, wenngleich Bezirkshauptstadt des 90.000 Menschen zählenden Bezirks Hartberg­Fürstenfeld. Die gesamte Region ist ÖVP­Kernland und auch in Hartberg stimmten 2017 satte 38 Prozent für die Volkspartei, gefolgt von der FPÖ mit 32 Prozent. Eines der Probleme hier: „Wir haben überdurchschnittlich viele Unter­Zwanzigjährige im Ort. Nach der Schule verlassen uns aber die meisten Richtung Graz und Wien“, sagt Bürgermeister Marcus Martschitsch (ÖVP). Nachsatz: „Und sie kommen oft nicht mehr zurück.“ Wäre Zuwanderung eine mögliche Lösung, die freien Stellen zu besetzen? Bei Hilfskräften teilweise, bei Fachkräften wohl nicht, sagt der Bürgermeister. Die Frage stelle sich aber gar nicht, denn „wir waren und sind keine Zielgemeinde“, sagt Martschitsch, der Zuwanderer und Flüchtlinge durchaus mit offenen Armen empfangen würde.

ÖVP-Bürgermeister Martschitsch ist zwar einige Jahre jünger als Werner Kogler, saß mit dem heutigen Spitzenkandidaten der Grünen aber gemeinsam im Schulbus nach Gleisdorf.

Martschitsch ist zwar einige Jahre jünger als Werner Kogler, saß mit dem heutigen Spitzenkandidaten der Grünen aber gemeinsam im Schulbus nach Gleisdorf, wo beide das Gymnasium besuchten. „Die älteren, auch Kogler, durften sitzen, während wir aus den unteren Klassen stehen mussten“, erinnert er sich. Danach verloren sich die beiden aus den Augen und sahen sich nur mehr selten wieder. Kogler habe Hartberg in einem Radiointerview aber positiv erwähnt, konkret die InnenstadtInitiative und Bemühungen um Nachhaltigkeit. „Das hat mich gefreut“, sagt der Bürgermeister. In der kleineren Nachbargemeinde St. Johann in der Haide sorgte Kogler Mitte der 1980er, noch im Studentenalter, mit seiner Bürgerinitiative gegen eine Mülldeponie für gehörigen Aufruhr weit über den Bezirk hinaus. Das ist aber lange her – mittlerweile ist der Grüne nur mehr selten hier, weder in seiner Geburtsstadt Hartberg noch im beschaulichen St. Johann, wo er die Volksschule besuchte und aufwuchs. Kaum jemand kennt ihn persönlich, und die Mülldeponie regt auch längst niemanden mehr auf. In Hartberg scheint man außerdem nicht allzu glücklich mit der Bundespolitik zu sein. „Können wir nicht die Übergangsregierung behalten? Die streiten wenigstens nicht andauernd“, hört man von einer Spaziergängerin, die im Sozialbereich arbeitet und kürzlich aus dem Südburgenland hierher gezogen ist.

Problematische Zersiedelung

Ein älteres Ehepaar kann der Politik der Grünen durchaus etwas abgewinnen, sorgt sich aber mehr um das aussterbende Ortszentrum als um die Bundespolitik. Und tatsächlich, geht man am Samstagnachmittag durch die städtische Fußgängerzone, ist das Problem augenscheinlich: Viele geschlossene Geschäfte und trotz strahlenden Sonnenscheins kaum Menschen auf den Straßen oder in den Cafés. Einer der Gründe ist das große Einkaufszentrum am Stadtrand, das viele Geschäfte in Innenstadtlagen zusperren ließ. Ein weiterer die Zersiedelung: „Heute gibt es strenge Auflagen, doch in den letzten Jahren hat man viele Fehler gemacht“, sagt der Bürgermeister, der auch eine der beiden örtlichen Fahrschulen betreibt – „klimaaktiv mobil“ übrigens, mit mehreren Elektroautos im Fuhrpark. Gegen das Ortskernsterben geht er vor, indem er 13 Ärzte ins Zentrum geholt und hier gehalten hat, aber auch durch Feste und Bauernmärkte am großen Hauptplatz mit der spätbarocken Stadtpfarrkirche, dessen Postkartenidylle nur einige parkende Autos stören.

Den Platz autofrei zu machen, das wollte Martschitsch den verbliebenen Geschäftsleuten doch nicht zumuten. Immerhin gibt es auch am Hauptplatz eine E-Tankstelle, die auch genutzt wird. Der örtliche Autobahnanschluss sei übrigens Gold wert, sagt Martschitsch. Wie auch in Pinkafeld kranke es aber an den öffentlichen Verkehrsmitteln. Zwei Stunden braucht der Zug für die 130 Kilometer nach Wien – „das geht ja gerade noch“. Genauso lang dauert die Fahrt aber auch ins nur 75 Kilometer entfernte Graz, weswegen der ÖVP-Politiker gemeinsam mit anderen Gemeinden eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen hat, die den Ausbau der S-Bahn von Graz bis Hartberg fordert. Trotz dieser durchaus grünen Forderungen und obwohl allerorten Werner Kogler von den Plakaten blickt, haben die Grünen in Hartberg noch – diplomatisch formuliert – Luft nach oben: Bei den letzten Nationalratswahlen haben sie lediglich 3,2 Prozent erreicht. ÖVP-Bürgermeister Martschitsch rechnet beim Urnengang am Sonntag mit einem Heimvorteil Koglers, der erstmals als grüner Spitzenkandidat antritt. Und wünscht den Grünen auch den Wiedereinzug ins Parlament: „Da gehören sie schon hin.“ Auf Bundesebene fände er Schwarz-Grün übrigens durchaus spannend, wie er sagt: „ich bin überzeugt, dass auch weite Teile der ÖVP den Umweltgedanken in sich haben.“