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Frauen im Zeichen des Halbmondes

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Es gefallt ihnen in Österreich, aber sie gehen gerne wieder zurück. Nicht immer ist es für sie einfach, hier ihre Religion auszuüben: Islamische Frauen in Osterreich.

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Es gefallt ihnen in Österreich, aber sie gehen gerne wieder zurück. Nicht immer ist es für sie einfach, hier ihre Religion auszuüben: Islamische Frauen in Osterreich.

Ich fühle mich da drinnen wohl. Ich bin damit aufgewachsen. Aber ich muß es nicht tragen, ich hab' mich selbst entschieden”, erzählt Shain. Ihr Mann sei dagegen, daß sie hier im Westen ein Kopftuch trägt. Viele islamische Frauen würden ihr Kopftuch nach dem Verlassen des Flugzeugs weggeben. Im Iran, der Heimat von Shain, ist ein Kopftuch für Frauen vorgegeben. „Aber im Koran wird es einem frei gelassen, ob man eines benützt”, meint Shain.

Sie wohnt mit ihrem Mann Hussain und ihren beiden Kindern schon seit ein paar Jahren in Graz. Beide haben ein Auslandsstipendium bekommen: Er studiert Technische Chemie, sie Medizin. Nach ihrem Studium möchten sie wieder in den Iran zurück. Ihre Studien seien in ihrer Heimat sehr gefragt. Vor allem in kleineren Städten und auf dem Land sind Ärzte und Ärztinnen sehr gesucht.

„Am Anfang war ich sehr einsam; aber dann nach ein paar Monaten ging es mit ein wenig mehr Deutsch leichter”, erzählt Shain über die Anfangsschwierigkeiten ihres Österreich-Aufenthaltes. Nun hat sie bereits zu vielen Österreichern gute Kontakte.

In Osterreich ist das Fasten schwieriger

Doch nicht immer ist es für Muslime so einfach, in der abendländischen Kultur die „Religion des Halbmondes” zu praktizieren. „Hier ist das Fasten schwieriger”, erzählt Shain. In ihrer Heimat wird im Fastenmonat Ramadan mehr Rücksicht auf diejenigen genommen, die dieses Gebot einhalten. Es werde von ihnen weniger in Schule und Beruf verlangt.

Durch das Fasten wird der Körper gereinigt. Gleichzeitig erfahren sie, wie es den Armen geht, wenn sie nichts zu essen haben. Vom ersten sichtbaren Stern am Firmament bis zum Sonnenaufgang unterbrechen sie das Fasten. Im Westen rechnen sie sich den Zeitunterschied aus oder rufen eine Meteorologische Station an, erzählt Shain. Schon früh, beginnen auch die muslimischen Kinder zu fasten: Mädchen bereits ab zehn, Burschen erst ab 15 Jahren. Am Anfang genügt es, zwei bis fünf Stunden täglich zu fasten. „Früher als Kind war ich häufig bei meiner Großmutter. Und wenn sie fastete, dann wollte ich es auch ausprobieren”, erzählt Shain.

Nach dem Ramadan geben die Muslime den Armen Almosen. Wieviel jeder geben soll, rechnet der Imam aus. Auch hier in Österreich. Die Regel ist: zehn Prozent des Jahreseinkommens werden den Armen gegeben. „Und wenn einer wirklich gläubig ist, und den Armen diesen Teil gibt, dann bekommt er es von der anderen Seite - von Gott - wieder zurück”, ist Shain überzeugt. „Mit denen, die ihr Vermögen auf dem Weg

Gottes spenden, ist es wie mit einem Saatkorn, das sieben Ähren wachsen läßt mit hundert Körnern in jeder Ähre”, heißt es in der Sure 261 des Korans.

Der Rat der Alteren ist besonders wichtig

Gerade eben stürzen die Kinder in das Wohnzimmer herein. Seitdem die Familie in die ebenerdige Wohnung am Stadtrand von Graz gezogen ist, genießen die Kinder den sympathischen Innenhof dieser Anlage. So wie ihre Eltern sprechen die sechsjährige Awin und die vierjährige Sara perfekt deutsch. In der Schule und im Kindergarten lernen sie bereits viele christliche Bräuche kennen. Shain möchte, daß sich die Kinder später einmal selbst entscheiden, welcher Religion sie angehören wollen.

Zu Hause sprechen die Eltern mit ihren Kindern kurdisch und persisch. In persisch sprechen die Kinder ihre Eltern gewöhnlich mit der Höflichkeitsform „Sie” an. Die Achtung der Kinder gegenüber ihren Eltern ist wesentlich in ihrer Kultur und der Rat der Eltern teuer.

„Um eine Richtlinie im Leben zu haben, pflegt man sich an die Älteren anzulehnen”, erläutert der Wiener Islamwissenschaftler Smail Balic. „Das Wort der Älteren bedeutet für Muslime Anleitung und Lebensweg.” Daraus läßt sich auch die Bangordnung erklären, wenn etwa Kinder ihren Eltern einen Handkuß geben, sie zuerst begrüßen oder einen Platz anbieten. Besonders wichtig ist der Bat der Älteren bei Eheproblemen, betont Shain. In ihrer Heimat suchen sich beide Ehepartner die gleiche Person aus, um mit ihr gemeinsam zu sprechen. „Und hier krachts dann eher ...”, fügt sie scherzend hinzu.

Die Eltern von Shain und Hussain leben in einem kleinen Ort im Westen des Irans. Sie sind Kurden. Im Iran leben viele Volksgruppen. Jede mit einer anderen Sprache. Im Süden, im Golfgebiet, sind die Araber, im Nordwesten leben die Türken. In Ha-madan, im Zentrum Persiens, treffen drei Sprachen aufeinander: Kurdisch, Türkisch und Persisch. Die Staatssprache ist Persisch. Sie wird in der Hauptstadt Teheran gesprochen. Insgesamt hat der Iran rund 42 Millionen Einwohner.

Wie die Familie die islamische Be-volution Khomeinis erlebt hätte? Am Land hätte Shain nicht so viel mitbekommen. Dennoch erlebte sie Demonstrationen und sah auf der Straße

Frauen mit einem Schleier, die vorher keinen getragen hatten und sich nun in einen Chador, ein großes schwarzes Tuch, hüllten. Es ist der Schleier, den die Frauen auch zu Hause benützen, wenn sie beten und wenn ein Gast zu Besuch nach Hause kommt.

Auch Shain besitzt einen Chador, den sie für das tägliche Gebet verwendet. Die Ausübung der Religion ist für sie nicht an eine Institution gebunden. Sie hält das tägliche Gebet und den Fastenmonat ein. Wichtig ist für sie vor allem das „richtige Leben”, wie sie es nennt: nicht lügen, dem anderen keinen Schaden zufügen ... Für Männer sei allerdings das FVeitagsge-bet in der Moschee verpflichtend. Frauen und Männer beten vor Allah nicht gemeinsam. Sie haben getrennte Treffpunkte in der Moschee.

Im Islam ist vieles anders geworden

Aus der Geschichte der ersten Tage des Islams, weiß man, daß in der großen Moschee von Medina, Frauen und Männner gemeinsam zu diskutieren pflegten. Nach dem Gebet bil-

,drinnen' sind. So kann man nicht ohne weiteres alles über Bord werfen. Man muß auch zu differenzieren verstehen.”

Für die islamischen Frauen ist es auch hier im Westen wichtig, einen Ort des Austausches zu haben. Zehn Frauen kommen in der Wohnung einer iranischen Familie in einem Grazer Stadtteil zusammen, lesen den Koran und sprechen über Erziehungsund Ehefragen. Oder sie feiern mit ihren Familien Feste. „Wir vergessen alles. Wenn wir wieder nach Hause kommen, sind wir zurückgeblieben”, sagt die junge Iranerin Nasrin, die diese Gruppe vor drei Jahren gegründet hat. Nasrin ist der Name einer Blume. Unten an der Glocke steht: Akhlagi, das so viel wie gutes Benehmen bedeutet. Es ist der Familienname von Nasrin.

Bei uns zu Hause gibt es kaum Altersheime

Die Familie schätzt die Österreicher. Sie sind „fleißig, arbeiten genau und backen sehr gut”, ergänzt Nasrin, „sie sind nett...” Doch ihrscheint, daß die Familie hier nicht so wichtig ist, als in ihrem Land. „Wenn die österreichischen Kinder 18 sind, gehen sie weg”, meint sie. Auch würde es bei ihnen zu Hause kaum Altersheime geben. Die alten Leute sind in der Familie integriert.

Was ihre Lieblingsstelle im Koran sei? „Wenn der Himmel zerbricht und die Sterne sich zerstreuen, und wenn die Meere zum Ausbrechen gebracht werden und wenn die Gräber umgewühlt werden”, heißt es in der von Nasrin gewählten Sure 82, die das Leben nach dem Tod beschreibt, „dann wird jeder erfahren, was er vordeten Männer und Frauen Zirkeln, wo sie Probleme der Gesellschaft besprachen oder wo sie etwas von Gelehrten anhören konnten. Eines Tages sei Aischae, die hübsche Frau des Mohammed, zu ihrem Mann gekommen und habe sich beklagt, daß sich die Männer häufig produzieren und den Frauen das Wort wegnehmen würden. Mohammed empfahl ihr, eigene Kreise zu bilden. „Er hat nicht gesagt, daß es verboten ist, daß ihr zusammen mit den Männern sitzt. Da sieht man, daß im Islam vieles anders geworden ist”, meint der Islamwissenschafter Balic.

Der Islam ist im Laufe der Geschichte von Asien beeinflußt worden. Dies wäre heute noch in bezug auf das Verhalten der Frau spürbar, meint Balic. „Die Frau konnte im Hinduismus ihren Wert nur dadurch beweisen, indem sie den Gehorsam dem Mann gegenüber steigerte.” Das hätte auch in Teilen des Islams Einfluß gewonnen. „Es gibt aber auch in muslimischen Familien Frauen, die ganz traditionsgebunden sind, die mit ihrem Schicksal zufrieden sind, die auch einen Bereich haben, wo sie ausgeschickt und zurückgestellt hat ... Nein, ihr erklärt lieber das Gericht für Lüge. Über euch sind Hüter eingesetzt, vortreffliche, die (alles) aufschreiben, und die wissen, was ihr tut.”

Es klingek an der Tür. Eine muslimische Nachbarin bringt etwas vorbei. Für die Familien ist es normal, einander zu helfen. Nachbarschaftshilfe wird in vielen islamischen Ländern groß geschrieben.

Der Islamwissenschaftler Balic, der aus Bosnien kommt, erinnert sich, daß die Nachbarschaftshilfe wie ein Gebot der Religion war: „Fromme Leute aus meiner Nachbarschaft pflegten, wenn sie zum Beispiel etwas Gutes gekauft haben, es nicht offen zu tragen, damit nicht der Neid geweckt wird, damit der Nachbar nicht auf diese Weise provoziert wird.”

In zwei Monaten wird Nassrins Mann sein Studium beendet haben. Danach möchten sie wieder zurück in den Iran. „Wir gehen gern”, sagt Nas-srin. Ihre Kinder sind noch nicht so entschlossen. Schließlich ist ihre Tochter im Akademischen Gymnasium Klassenbeste.

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