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Dämonen der Freiheit

Mazedonien - © Foto: APA / AFP / Robert Atanasovski
International

Gemeinsam im Gegeneinander

1945 1960 1980 2000 2020

Europas Nationalismus hat tiefere historische Wurzeln als angenommen. Ein neues Buch schafft Aufklärung.

1945 1960 1980 2000 2020

Europas Nationalismus hat tiefere historische Wurzeln als angenommen. Ein neues Buch schafft Aufklärung.

Geschichte, darüber wird man sich schnell einig sein, entsteht durch Geschichten. Etwa dadurch, dass jemand mitteilen will, wie er von hier nach da gekommen ist oder was wann wo geschehen ist. Wenn wir uns also Europa vorstellen und dann sagen – „Europas Geschichte“ –, dann könnte das doch eigentlich die Summe der Geschichten von heute 550 Millionen Menschen mit ihrem „von hier nach da“ und ihrem „wann was wo“ sein. So wie 1989 und die Revolution im „Ostblock“ als eine Geschichte von Millionen Menschen erzählt wird. Das wäre eine Art Idealzustand einer Europäischen Geschichte. Aber so wird Geschichte nicht erzählt und auch nicht geschrieben.
Sie wird hingegen oft als eine unablässige Abfolge von Schlachten zwischen Völkern entworfen und diese Geschichte wird über Lehrbücher an die nächsten Generationen weitergegeben. Im Handumdrehen geht es nicht mehr um die Geschichten von 550 Millionen Menschen, sondern um ein paar Dutzend großer Kriegsgesänge, die Hass auf Hass und Ressentiment auf Ressentiment türmen.

Offene Rechnungen

Konrad Kramars Buch „Neue Grenzen, offene Rechnungen“ zeigt diese in vielen Belangen mörderische Geschichtsschreibung auf, die man nach 1989 und später nach der EU-Erweiterung eigentlich für beendet halten wollte. Doch sie ist es nicht. Das zeigt der Journalist Kramar in seiner Reportagenreise quer durch den Kontinent – vom Balkan nach Großbritannien, von Katalonien nach Tschechien, aber auch nach Kärnten und Slowenien. Überall also, wo der Nationalismus seine fröhlichen Urständ feiert, wachsen die Dämonen aus der Vergangenheit ins Aktuelle herein und wuchern in die Debatten und Auseinandersetzungen. Diese politischen Zombies sind die „offenen Rechnungen“, die die Schotten mit den Briten, die Briten mit Europa, die Serben mit den Kosovaren, die Nordmazedonier mit den Griechen haben.