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Was erwartet die Kirche von den Sozialisten?

Keine Rückkehr zu jenen gewaltsamen Versuchen, auf rein organisatorischer und staatsrechtlicher Basis christliche Grundsätze verwirklichen zu wollen.

Eine freie Kirche bedeutet aber nicht eine Kirche der Sakristei oder des katholischen Ghettos, eine freie, auf sich selbst gestellte Kirche heißt eine Kirche der weltoffenen Türen und ausgebreiteten Arme, bereit zur Zusammenarbeit mit allen, zur

Zusammenarbeit mit dem Staat in allen Fragen, die gemeinsame Interessen berühren, also in Ehe, Familie, Erziehung;

Zusammenarbeit mit allen Ständen, Klassen und Richtungen zur Durchsetzung des gemeinsamen Wohls;

Zusammenarbeit mit allen Konfessionen auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens an den lebendigen Gott, Zusammenarbeit auch mit allen geistigen Strömungen, mit allen Menschen, wer immer sie seien und wo immer sie stehen, die gewillt sind, mit der Kirche für den wahren Humanismus, für .Freiheit und Würde des Menschen' zu kämpfen.“

Davon haben Sie kaum Notiz genommen. Sie haben den Kardinal sehr herausgestrichen, wenn Sie meinten, daß Sie ihn damit in Gegensatz zur ÖVP bringen könnten, Sie haben ihn in Wirklichkeit oft in eine sehr unangenehme Situation gebracht. Was aber wirklich vor sich gegangen ist im österreichischen Katholizismus, davon hat die Partei kaum etwas wahrgenommen. Sie hat sich eher an Außenseiter gehalten und sich von ihnen ein Bild der Kirche in Österreich machen lassen. Nichts gegen Außenseiter, sie sind ungemein wichtig im Leben der Kirche, aber sie sind eben Außenseiter. Sie haben den Freiheitsraum der Kirche weitgehend unterschätzt.

Der Mühe, alte Klischees beiseite zu legen, haben Sie sich vielleicht nicht im notwendigen Ausmaß unterzogen. Es ist noch nicht allzu lange her, da die „Arbeiter-Zeitung“ schrieb, für sie sei jeder katholische Akademiker ein CVer und jeder CVer ein ÖVP-Mann. Es muß das eine heute so wenig stimmen wie das andere. Und wenn es paßt, werden katholische Organisationen ungefragt zu Parteivereinen gestempelt. Wenn mein Menschen oder Organisationen, deren Grundanliegen nicht primär ein politisches ist, zu politischen Gegnern stempelt, wird es schwer sein, sie von anderen Möglichkeiten zu überzeugen.

Differenzierung statt Pauschalurteil!

Kardinal König hat einmal in einer Rede über Kirche und Demokratie gesagt, die Kirche sei heute der Notwendigkeit enthoben, im politischen und gesellschaftlichen Bereich Pauschalurteile zu fällen, sie könne heute mehr denn je differenzieren. Auf dieses Differenzieren, auf dieses Unterscheiden kommt es an. Die Zeit der Pauschalurteile wollen wir doch überwinden. Dieses Differenzieren haben wir alle notwendig. Ich glaube, hier ist Ihnen die Kirche vorangeschritten. Und noch eines: Wir müssen uns auch gegenseitig hineinversetzen und hineindenken in die Struktur des anderen. Die Kirche ist keine Partei, kein Riesenkonzern, in der alles von einer Stelle geregelt wird. Der Kardinal von Wien ist kein Generalsekretär und kein Generalmanager. Die Kirche, auch die Kirche in Österreich, ist ein viel komplexeres Gebilde. Wenn ein Pfarrer in Kärnten, in Tirol oder sonst irgendwo etwas sagt, was Ihnen nicht recht ist, oft auch uns nicht, der Kardinal kann ihn nicht zurechtweisen. Auch hier gilt es: Der Freiheitsraum der Kirche ist größer als Sie meinen.

Was kann die SPÖ erwarten?

Was können die Sozialisten mit Fug und Recht von uns erwarten, von den Katholiken, die nicht Sozialisten sind, von der Kirche? Sie können erwarten, daß die Kirche nicht in den politischen Tageskampf eingreift, daß sie den Gläubigen keine politische Uberzeugung vorschreibt. Das tut sie hierzulande schon lange nicht mehr. Die Zeit der Wahlhirtenbriefe ist längst vorüber. Aber natürlich wird

man es der Kirche nicht verwehren können, in einer entscheidenden Situation, aber nur dann, ein entscheidendes Wort zu sprechen. Wir wollen hoffen, daß dies in Österreich nicht notwendig sein wird. Das Wort von der politischen Kirche geht von falschen Voraussetzungen aus. Man darf Politik nicht mit Parteipolitik verwechseln. Wenn Politik Anteilnahme an der Gestaltung der öffentlichen Dinge ist, dann wird die Kirche immer politisch sein, wenn sie sich nicht vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückziehen will oder zurückziehen muß. Sie wird immer Politik machen, es kommt aber darauf an, in welchen Formen und mit welchen Mitteln. Der politische Katholizismus der Vergangenheit ist tot. Das hat Ihnen nicht zuletzt der Generalsekretär der ÖVP bescheinigt. Nicht tot aber darf sein die Politik der Katholiken. Sie ist heute notwendiger denn je. Wenn man Christ ist, dann sollte man es überall sein, warum nicht auch in der Politik. Aber man kann als Christ in sehr vielen Dingen, wahrscheinlich in den meisten Dingen des Gemeinwohls sehr unterschiedlicher Meinung sein. Das hat uns gerade das Konzil bestätigt.

Die Kirche kann politisch handeln nur durch die in der Welt lebenden Christen. Wenn Sie nicht wollen, daß dieses politische Handeln der Christen nur in einer Partei erfolgt, und viele von uns wollen das auch nicht, dann müssen Sie den Christen in Ihrer Partei mehr Spielraum geben, dann müssen sich die Christen in Ihrer Partei diesen Raum stärker als bisher erkämpfen, dann müssen sich die Katholiken auch bei Ihnen stärker engagieren. Das Wort von der Religion als Privatsache ist zu wenig.

Was können Sie noch von der Kirche verlangen? Daß sie mit Ihnen spricht, daß sie sich positiv mit Ihnen auseinandersetzt. Die Kirche spricht heute mit allen, auch mit Marxisten und Atheisten. Sollte sie die Fernsten suchen und die Näheren vergessen? Wie es bei Ihnen mit den Marxisten steht, darüber maße ich mir kein Urteil an. Aber es gibt bei Ihnen wahrscheinlich genauso Christen und Atheisten wie anderswo auch. Man darf im Leben aber eines nicht vergessen: die Geduld. Man kann Entwicklungen nicht vorwegnehmen. Natürlich können Sie ebenso bei uns an Geduld und Einsicht appellieren. Die heute führende mittlere Generation und vor allem natürlich die Älteren sind noch in anderen Zeiten und in anderen Vorstellungen aufgewachsen. Bei uns ebenso wie bei Ihnen. Hier überdecken, hier überschneiden sich Schichten und Linien, auch im katholischen Bereich.

Sie können von der Kirche Toleranz verlangen, Toleranz nicht im Sinne von Duldung, sondern von Achtung. Wenn Sie Anzeichen von Intoleranz spüren, wenn Sie glauben, daß in der Kirche und mit der Kirche Parteipolitik zu machen versucht wird, dann sagen Sie es laut. Aber machen Sie nicht immer die ganze Kirche verantwortlich. Appellieren Sie immer von manchen sehr unvollkommenen, sehr fehlerhaften äußeren Erscheinungsformen in der Kirche an die bessere, an die vollkommenere Kirche. Wir tun es nicht anders. Und verwechseln Sie das alles nicht mit Religion selbst. Den religiösen Glauben, den kann man nicht organisieren, nicht fördern, nicht aufdrängen. Das brauchen Sie von uns auch nicht zu erwarten, das brauchen Sie von uns auch nicht zu befürchten.

Und noch eins: Sie können von uns, von der Kirche verlangen, daß wir in einer Sprache sprechen, die Sie verstehen, über Probleme, die Sie angehen, über die Nöte, die Sie betreffen. Das werden wir alle erst lernen müssen, so zu reden, daß wir nicht aneinander vorbeireden; eine gemeinsame Sprache müssen wir erst finden. Hier können Sie mit Recht von der Kirche ein Beispiel verlangen, denn sie hat den Auftrag bekommen, zu allen Menschen zu gehen, mit ihnen zu reden in ihrer Sprache, in einer menschlichen, verständlichen und verständnisvollen Sprache.

Was erwarten wir von Ihnen? Was erwartet die Kirche, oder was erwarten die Katholiken, die keine Sozialisten sind, oder auch vielleicht die Katholiken unter Ihnen, von den Sozialisten, von der sozialistischen Partei? Zum ersten einmal: Kein Schuldbekenntnis und kein Glaubensbekenntnis, kein christliches Getue und keine pseudoreligiösen Phrasen, keine Geschäfte mit der Kirche, aber auch keine augenzwinkernde Toleranz österreichischer Art, die da meint: Streicht doch von eurem Glauben etwas ab, wir tun das auch, dann werden wir uns schon verstehen. Eine auf Null ausgehende Gleichung ist immer eine österreichische Gefahr. Was also verlangen wir von Ihnen? Nicht mehr als wir selber, nicht mehr als die Kirche zu geben bereit ist: Achtung vor der Uberzeugung des anderen, Freiheit, nach eigenem Gewissen zu leben. Wo wird diese Achtung verweigert, werden Sie sagen, wo wird diese Freiheit verletzt? Nicht auf der Ebene, auf der wir hier miteinander reden, aber lassen Sie sich nur berichten von den Zuständen in manchen Betrieben, was ein katholischer Arbeiter dort gelegentlich an Hänselei, an nicht immer freundlichem Spott mitzumachen hat. Wie selten ist der Betriebsrat, der die Kollegen zurechtweist, wie selten der sozialistische Vertrauensmann, der sagt, laßt ihn in Ruhe. Warum wird ein katholischer Arbeiter, Angestellter oder Aka-

demiker meist ungefragt als politischer Gegner betrachtet, warum wurde zur Zeit des Proporzes, sie ist in vielen Fällen noch nicht vorüber, alles Katholische ungefragt einer Partei zugerechnet? Warum verweigern sozialistisch geführte Gemeinden den katholischen Schulen noch immer die kostenlose Beistellung von Lehrmitteln, warum wird in den Kindergärten der Gemeinde Wien jedes Wort einer religiösen Erziehung ängstlich vermieden? Warum werden die Kindergärten der Caritas, die den Gemeinden eine große soziale Last abnehmen, bei Subventionen eher etwas stiefmütterlich behandelt? Aha, es geht also doch ums Geld, werden Sie sagen. Es geht nicht nur ums Geld, aber eine Einstellung kann sich auch in Geld ausdrücken.

Freundliche Distanz?

Es sind oft kleine Fälle, gewiß, und wir sollen darüber nicht vergessen, daß es auch viele Bereiche einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit gibt, fern allen politischen, so wie zum Beispiel zwischen Kinderfreunden und der Katholischen Jugend. Daß der mittlere Funktionärskader der Partei stark mit Ressentiments gegen die Kirche erfüllt ist, erklärt sich aus den Fronten der Vergangenheit. Daß die Masse der Arbeiterschaft der Kirche heute nicht mehr so feindlich wie einst gegenübersteht, wollen wir nicht unterschätzen. Daß

aus der feindseligen Frontstellung heute nur ein mehr oder weniger freundliches oder uninteressiertes Danebenstehen geworden ist, dafür liegt die Verantwortung nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei uns. Wenn man manchmal das Empfinden hat, daß die Kirche zwar nicht mehr frontal angegriffen wird, daß man aber oft mit Liebe und Sorgfalt das pflegt, was sie gelegentlich in ein schiefes Licht bringt, schmerzt das zwar sicherlich, kann aber auch sein Gutes haben. Die Kirche braucht Kritik nicht zu scheuen, am schlechtesten bekäme es ihr, wenn man sie unter einen Glassturz setzen würde. Die Wehleidigkeit, das Angerühirtsein, das Empörttun und Beleidigtspielen, dieses österreichische Nationallaster, wollen wir beide in Rechnung stellen, wollen wir aber nicht überbewerten. Sie werden uns sicher auch eine Gegenrechnung aufmachen können. Wir sollen offen miteinander reden, uns aber nicht hinter Empfindlichkeiten verstecken.

Andere Ziele als der Lebensstandard

Im Grunde haben wir es beide mit dem gleichen Volk und auch mit einem gleichen Problem zu tun. Dieses Österreich, in dem unsere Väter auf Barrikaden gegeneinander standen und zu dem wir erst heimgefunden haben, als es verloren war, hat sich nach 1945 in harter Arbeit und in einem verständnisvollen Zusammenwirken, Dinge, die man den Österreichern nicht zutraute, aus Trümmern

wieder ein wohnliches Haus gezimmert. Und nun scheint dieses Volk wieder ermattet zurückzusinken, geistig und seelisch in die Rente zu gehen. Es will die bescheidenen Früchte seiner Anstrengungen nun erst einmal genießen. Menschlich sehr verständlich. Sollen es aber wieder erst die Zuchtruten der Geschichte sein, die dieses Volk aufrütteln? Wer sagt diesem Volk, daß der Konsum nicht das Letzte, der Lebensstandard — ich weiß schon, ein sehr relativer Begriff — nicht das Höchste ist, daß das Denken des Menschen, seine Sehnsucht und sein Traum nicht allein von der Wohnung, dem Auto, dem Fernsehen, den technischen Spielereien, dem Urlaub in exotischen Ländern begrenzt sein kann. Was ist aus dem Bildungsethos der Arbeiterschaft, was aus dem Elan zur Umgestaltung der Gesellschaft geworden? Was aus dem religiösen Frühling, den wir uns einst erhofften? Wer kann dem Volk noch andere Ziele zeigen, wenn nicht wir beide, Sie in Ihrem Bereich, wir in unserem. Es wäre oberflächlich, es wäre eine gefährliche Täuschung, wenn wir die Situation der Gegenwart in einem kleinen und kleinlichen Stellungskrieg sehen, wenn wir hier Positionsschläge austauschen wollten, während die Massen ganz anderswohin auswandern. Daß der Mensch nur Mensch sein kann, wenn sein Denken und Sehnen über sich selbst hinausreicht, dieses Bewußtsein glaube ich, hat uns hier zusammengeführt. Es kann uns noch auf weite Strecken zusammenführen.

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