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Arzt und Medizin in drei Jahrtausenden
Demokedes von Kroton, selbst Sohn eines Arztes, lebte zwischen 550 und 460 v. Chr. und erlebte die äußerliche Krönung seiner Laufbahn, als er zum Leibarzt keines Geringeren als des Perserkönigs Dareios erkoren wurde. Aus Kroton in Unteritalien stammend, wo Pythagoras wirkte, verließ er, um selbständig zu werden, seine Vaterstadt und erwarb eich in Ägina durch seinen Kampf gegen die Pest seinen ersten Ruhm. Bald avancierte er nun zum Leibarzt der Tyrannen Peisi-stratos von Athen und Polykrates von Samos, ständig darauf bedacht, seine medizinischen Kenntnisse und geistigen Fähigkeiten zu erweitern, um schließlich zu Dareios zu gelangen, wo er Teichlich Gelegenheit hatte, in das Gefüge der größten Macht seiner Zeit Einblick zu nehmen. In die Heimat zurückgekehrt, geriet er in politische Wirren und floh, seine Familie verlierend, nach Palatää bei Athen. Hier nun, in freiwilliger Verbannung, gab es zwar keine Erhöhung seiner äußeren Ehren, dafür aber regen Gedankenaustausch mit Sophokles, Aischylos und anderen hervorragenden Männern der athenischen Blütezeit, und damit den geistigen Höhepunkt seines Daseins Dieser Lebensbericht ist durch Herodot überliefert und wurde von Artur Swerr zur Gundlage einer ebenso sauberen wie reichen romanhaften Schilderung gemacht, in die man sich, von Kapitel zu Kapitel um Kenntnisse bereichert, mit steigender Leselust vertieft, als Summe ein eindringliches Geschichtsbild einet entscheidenden Epoche behaltend.
Schipperges, Mediziner und Philosoph, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der Medizin in Heidelberg, der sich lange speziell mit den philosophischen und naturwissenschaftlichen Grundlagen im Werk Hildegard von Bingens beschäftigte, von der er wichtige Texte im Walter-Verlag und im Otto-Müller-Verlag herausgab, schuf mit diesem neuen Werk ein Kompendium der hervorragendsten geistigen Grundlagen der Medizin von frühester Vergangenheit bis zur Gegenwart, wie es umfassender kaum gedacht werden kann. Das Thema der Untersuchung kristallisierte sieh während eines medizinischen Seminars an der Universität Bonn, vieles ergab sich 1 durch eifriges Fragen der Stu-' denten — die Antwort wurde in einer historischen Besinnung gegeben, die die Medizin und ihren Geist als stetiges Werden offenbart.
Die behandelten Fragen, um die „rechte Lebensführung“ kreisend, grenzen wohl an Chirurgie und Pharmazie, doch der innere Lebensstil bildet das Zentrum. Über drei Jahrtausende reicht 6eit dem Corpus Hippocraticum über Spätantike, Alten Orient, arabische Medizin und europäisches Mittelalter eine nie abreißende medizinische Tradition, die erst mit dem Beginn des technischen Zeitalters endete und, im philosophisch-moralischen Bereich, ein Trümmerfeld übrigließ. Es geht um eine Neubesinmmg, es geht letztlich um die Frage, ob es ein „Leben zum Heil“ gibt, und darum, wem wir verantwortlich dafür sind, wie w|r unser Leben führen. Dies wird demonstriert an einer lebendigen Fülle von Stoff, wobei auch Humor und Satire nicht zu kurz kommen, gleichsam in einem archäologischen Stollen bis zu den Anfängen der Medizin. Ein Werk, das den Arzt und Studenten ebenso angeht wie den Laien, der sich über die GTund-phänomene des Seins Rechenschaft ablegt.
Eine besondere Kostbarkeit im schlichten Gewand des Taschenbuchs sind schließlich die klassischen hippokratischen Schriften, die mittelbar auf eine große Hippo-krates-Ausgabe im 2. Jahrhundert nach Christi zurückgehen und, in der vorliegenden vorbildlichen Auswahl, nicht nur zum Bildungsgut gehören, sondern auch mit größtem Genuß zu lesen sind.
In einer Epoche, da zahlreiche Konventionen, und zwar aus tiefliegenden geistigen und kausal-historischen Beweggründen, einer Überprüfung und Neubewertung unterzogen werden, ist das Unternehmen Taylors, die Wandlungen der Sexualität in verschiedenen Kulturbereichen vom Altertum bis zur Gegenwart darzustellen, eine einfache Notwendigkeit der Grundlagenforschung. Man darf ihm einerseits für die Fülle an Material dankbar sein und den Ernst seiner Darstellungen, die der allzu populären Sinrplifizieruitg auszuweichen sucht, mit Genugtuung verzeichnen. Anderseits entgeht der Autor an manchen Stellen nicht der Gefahr, historische Zustände durch die Brillen seiner aktuellen Absichten zu schauen. So gelangt er zu Wertungen, die überall dort schief liegen, wo 6ie nicht aus den Prämissen der jeweiligen Kultur- und Gesch'chtsperiode erfolgen. Dies wird auch in den ressentimentgeladenen Ausführungen zum, teils richtig, teils falsch gesehenen Einfluß, den das Christentum ausübte, sichtbar, denn Ressentiments stellen allemal fragwürdige Argumente dar. Ein Buch, das trotz solcher Mängel zu ernsthafter Auseinandersetzung herausfordert, auch darüber, aus welchen tieferen Gründen vielerorts bis zum heutigen Tag Ressentiments wie diese, denen Taylor unterlag, in der Luft liegen, man erinnere sich nur an das Werk „Religion und Eros“ von Schubart.
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