Kirche und ksoe: Der Stachel im Fleisch

1945 1960 1980 2000 2020

Die Sorge ist groß, dass die katholische Kirche ihren wichtigsten und unbequemsten sozialpolitischen Thinktank eliminiert. Man sollte ihn im Gegenteil verbreitern und vertiefen.

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Die Sorge ist groß, dass die katholische Kirche ihren wichtigsten und unbequemsten sozialpolitischen Thinktank eliminiert. Man sollte ihn im Gegenteil verbreitern und vertiefen.

Es war erst zu Pfingsten, als sich Österreichs Bischöfe nach Wochen coronabedingten Verschwindens mit einer starken Botschaft zu Wort meldeten. In einem Hirtenwort plädierten sie für eine „geistvoll erneuerte Normalität“, für einen neuen Geist der Dankbarkeit und Demut, der Wertschätzung und Lernbereitschaft, der Aufmerksamkeit und Solidarität. Angesichts der neuen Herausforderungen brauche es einen „nationalen Solidaritätspakt, um für alle in Österreich lebenden Menschen eine gute Zukunft zu ermöglichen“, schrieben die Bischöfe.

Ein solcher Pakt lasse sich nicht verordnen, doch „auf der Basis eines guten Dialogs, mit kreativen Beteiligungsprozessen und mit der aktiven Einbindung der Zivilgesellschaft“ könne dies gelingen. Umso mehr überraschte, was vergangene Woche publik wurde: Im Rahmen ihrer letzten Vollversammlung habe die Bischofskonferenz beschlossen, die „Katholische Sozialakademie Österreichs“ (ksoe) inhaltlich und strukturell „neu aufzustellen“. Anlass für diesen „Relaunch“ seien finanzielle Probleme, die sich coronabedingt verschärft hätten, hieß es. Während der einjährigen Sanierungsphase werde der bisherigen Direktorin, Magdalena Holztrattner, ein zweiter Direktor zur Seite gestellt.

Es war erst zu Pfingsten, als sich Österreichs Bischöfe nach Wochen coronabedingten Verschwindens mit einer starken Botschaft zu Wort meldeten. In einem Hirtenwort plädierten sie für eine „geistvoll erneuerte Normalität“, für einen neuen Geist der Dankbarkeit und Demut, der Wertschätzung und Lernbereitschaft, der Aufmerksamkeit und Solidarität. Angesichts der neuen Herausforderungen brauche es einen „nationalen Solidaritätspakt, um für alle in Österreich lebenden Menschen eine gute Zukunft zu ermöglichen“, schrieben die Bischöfe.

Ein solcher Pakt lasse sich nicht verordnen, doch „auf der Basis eines guten Dialogs, mit kreativen Beteiligungsprozessen und mit der aktiven Einbindung der Zivilgesellschaft“ könne dies gelingen. Umso mehr überraschte, was vergangene Woche publik wurde: Im Rahmen ihrer letzten Vollversammlung habe die Bischofskonferenz beschlossen, die „Katholische Sozialakademie Österreichs“ (ksoe) inhaltlich und strukturell „neu aufzustellen“. Anlass für diesen „Relaunch“ seien finanzielle Probleme, die sich coronabedingt verschärft hätten, hieß es. Während der einjährigen Sanierungsphase werde der bisherigen Direktorin, Magdalena Holztrattner, ein zweiter Direktor zur Seite gestellt.

Will die Kirche nicht nur im ,inner circle‘ gehört werden, muss sie kritische Stimmen wie die ksoe zulassen.

Doris Helmberger-Fleckl

Das Kuratorium der ksoe zeigt sich kooperativ, doch viele kirchlich Engagierte reagierten empört – auch und gerade ob des bischöflichen Stils. „Dialog“ mit den Beteiligten? „Kreativer Beteiligungsprozess“? Fehlanzeige. Die Gerüchte begannen zu brodeln: Geht es wirklich nur ums Geld? Oder darum, eine Institution, die sich in den über 60 Jahren ihres Bestehens nicht nur einzigartige Kompetenz in sozialpolitischen Fragen erarbeitet hat, sondern die katholische Soziallehre auch durchaus zugespitzt interpretierte und damit den Regierenden oft lästig fiel, an die Kandare zu nehmen?

Solidarität und Eigenverantwortung

Tatsächlich gibt es hinsichtlich der Prinzipien der christlichen Soziallehre mannigfaltige Auslegungsmöglichkeiten, wie nicht zuletzt ein aktueller Sammelband der Politischen Akademie der Volkspartei über „Christlich-soziale Signaturen“ belegt. „Solidarität“ ist bei diesen Interpretationen nicht zwingend das vorrangige Prinzip, es geht vielfach eher um Freiheit, (Eigen-)Verantwortung, Leistung und Subsidiarität. Wie weit die Perspektiven auseinanderdriften können, offenbart ein Beitrag des wirtschaftsliberalen Philosophen, katholischen Priesters und Franziskus-Kritikers Martin Rhonheimer: Der „Solidarismus“ sei der katholischen Soziallehre nicht gut bekommen, meint er, Politik für den Menschen brauche weder „christlich“ noch „sozial“ zu sein, Kapitalismus und Marktwirtschaft regelten das besser und sorgten für Massenwohlstand. Sehr viel weiter weg kann man von der Sozial- und Umwelt-Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus kaum sein.

Globale Solidarität, vorrangige Option für die Armen und Nachhaltigkeit: Diese tragenden Prinzipien der katholischen Soziallehre sind nicht wegzuphilosophieren – und sie müssen in Zeiten von Wirtschaftskrise und drohender Klimakatastrophe noch tragender werden.

Es braucht also keine Eliminierung, sondern im Gegenteil eine Aufwertung, Verbreiterung und Vertiefung des sozialpolitischen Kompetenzzentrums ksoe. Auch, um mit jenen vielen in Kontakt zu bleiben, denen manche Lehren der Kirche zwar fremd geworden sind, die aber zentrale Anliegen wie Wahrung der Menschenwürde und Schöpfungsverantwortung leidenschaftlich teilen. Will die katholische Kirche mit ihren (Hirten-)Worten nicht nur im inner circle gehört werden, muss sie diese Offenheit aushalten und unbequeme Stimmen zulassen. Ein notwendiger Eigenbeitrag zum erhofften neuen „Geist der Aufmerksamkeit und Solidarität“.

Furche Dreieck

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