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Der Bischof, der Imam - und der Frieden

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 2009 wird die Zentralafrikanische Republik durch den Konflikt miteinander verfeindeter Milizen verwüstet. Ein Erzbischof und ein Imam stehen gemeinsam gegen die Gewalt und den Krieg auf und sind durch den gemeinsamen Kampf zu engen Freunden geworden.

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Seit 2009 wird die Zentralafrikanische Republik durch den Konflikt miteinander verfeindeter Milizen verwüstet. Ein Erzbischof und ein Imam stehen gemeinsam gegen die Gewalt und den Krieg auf und sind durch den gemeinsamen Kampf zu engen Freunden geworden.

Unter den Baya, den Angehörigen eines großen Volkes, das in den Savannen von Kagabandoro im Norden der Zentralafrikanischen Republik lebt, erzählt man sich die Legende, dass Gott einst in ihrem Land das Paradies geschaffen hat - und dass die vielen Völker der Menschheit hier lange in Frieden und Harmonie miteinander wohnten. Mächtig waren die Menschen zu dieser Zeit. Sie errichteten sogar einen Turm, der in den Himmel reichen sollte. So stand nach dieser Sage der Turm von Babel also einst in Kagabandoro. Aber Gott fürchtete die Menschen. Da brachte er Streit und Unverständnis unter sie, und er verwirrte ihre Sprache, damit sie ihn nicht aus dem Himmel stürzen. Und so wurden die vielen Völker Afrikas geschaffen und verbreiteten sich über die Welt. Und weil die Verwirrung der Sprachen bei Kagabandoro begann und in dem Land, das heute die Zentralafrikanische Republik heißt, so findet man hier auch heute noch so viele verschiedene Sprachen, wie die Welt hat.

So erzählt man es sich in den Savannen. Und weil in allen Legenden ein wahrer Kern steckt, so auch in dieser. Die Baya sprechen eine von über 70 Sprachen in einem Land mit nur knapp fünf Millionen Einwohnern. Und auch der Fluch zu Streit und das Unverständnis hat sich in schrecklicher Weise offenbart - gerade in den vergangenen Jahren. Der Streit um Macht und Einfluss schlug in einen blutigen Bürgerkrieg verfeindeter Milizen um. Mord, Brandschatzung, Vergewaltigung, Vertreibung sind die Folge. Schutz vor den Kämpfen gibt es nicht. Die Armee hat sich praktisch aufgelöst, die Soldaten sind teilweise zu den Rebellengruppen übergelaufen.

Omar Layamana und Dieudonne Nzapalainga kämpfen gegen den Krieg, der seit 2009 Tausende Menschenleben gekostet hat und mehr als 200.000 Menschen zu Flüchtlingen machte. Und dass sie das gemeinsam tun, ist keineswegs selbstverständlich. Denn Nzapalainga ist katholischer Erzbischof, Layamana der oberste Imam der Zentralafrikanischen Republik.

Gemeinsam haben sie sich entschlossen, gegen alle Widerstände, Einschüchterungsversuche und Morddrohungen für den Frieden zu streiten. Sie versuchen, dem Krieg das menschliche Kapital abzusaugen, Kontakt mit den zumeist noch jugendlichen Kämpfern aufzunehmen. Mit einem Geländewagen touren sie gemeinsam durch das Land. Hunderte haben sie so bewogen, ihre Waffen abzugeben und in ihrer Dörfer zurückzukehren.

Oft kommen sie zu spät. Gerade vor wenigen Wochen, so erzählt Nzapalainga, hätten sie im Dschungel ein Gefechtsfeld entdeckt mit 50 Leichen, Kämpfer oft wenig älter als 13 Jahre. Sie waren mit Symbolen von Geistern bemalt und hatten Schutzamulette umgelegt. Ihre Kommandeure hatten ihnen weisgemacht, so gegen Gewehrkugeln immun zu sein.

Kein Religionskonflikt

In westlichen Medien wurde der Konflikt als Religionskrieg zwischen muslimischen Seleka-und christlichen Anti-Balaka-Milizen bezeichnet. Doch so einfach kann man es sich nicht machen, sagt Imam Layama: "In diesem Konflikt spielt Religion keine Rolle. Sie wird nur missbraucht, um die wahren Hintergründe zu verbergen."

Worum es tatsächlich geht, sind nicht Kirchen und Moscheen, sondern Märkte und Macht. Denn die Zentralafrikanische Republik ist reich. Reich an Diamanten, Gold und Edelholz. Allein die Vorkommen von Diamanten werden auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Doch der Reichtum wird von den Kriegsparteien und Geschäftsleuten abgezogen. Das betrifft nicht nur die Bodenschätze. Auch die Einnahmen aus Zoll oder Steuern sind seit Ausbruch der Kämpfe stark zurückgegangen.

Die Mittellosigkeit des Staates hat verheerende Auswirkungen. Auf dem Human Development Index firmiert die Zentralafrikanische Republik auf dem 185. Platz und damit an der weltweit drittletzten Stelle. Mehr als die Hälfte der fünf Millionen Einwohner ist direkt oder indirekt von humanitärer Hilfe abhängig.

Das staatliche Gesundheitssystem kann weder Krankenhäuser noch Ärzte bezahlen und schon gar nicht Aufklärungskampagnen umsetzen. Bis zu 16 Prozent der Bevölkerung sind mit Aids infiziert. Es gibt 100.000 Aids-Waise. Das Gesundheitssystem ist auch der Schlafkrankheit, der Malaria und der Lepra nicht gewachsen.

Das Schul- und Ausbildungssystem ist zusammengebrochen. Mittlerweile ist eine ganze Generation von Jugendlichen ohne jede Ausbildung oder Lehre aufgewachsen. Chancenlosigkeit und Armut treiben die Jugendlichen den Kriegsmilizen in die Hände. "Das einzige, was sie tun können, um Geld zu verdienen oder Güter zu erwerben, ist Raub und Gewalt", sagt Nzapalainga.

Den Kreislauf durchbrechen

Diesen Kreislauf gälte es zu durchbrechen. Auf der Wunschliste der beiden Geistlichen stehen unter anderem nationale Werkstätten nach französischem Vorbild. Dazu bräuchte es in weiterer Folge auch Schulen und die Verbesserung der Verkehrsnetze. Und genau hier wäre die internationale Staatengemeinschaft gefordert. Aber das Mandat einer von der EU gestellten Polizeimission ist kurz vor dem Auslaufen. Die Truppen und Ausbildner haben unter anderem erfolgreich erste Fundamente für eine reformierte Polizei und Armee gelegt. Gehen sie nun weg, so fürchten die beiden Geistlichen, wäre das, als ließe man Ertrinkende, die man gerade an Bord gezogen hat, wieder ins Wasser fallen.

Der Imam und der Erzbischof stehen nicht nur miteinander gegen den Krieg auf, sie wollen auch ein Beispiel für das Zusammenleben der Religionen sein. So hat der Erzbischof den Moslem Layama und seine Familie bei sich aufgenommen, als der Imam Morddrohungen erhielt. Seither leben sie unter einem Dach.

Die US-Zeitschrift Time hat die beiden vor kurzem unter die "100 Pioneers" der Welt gereiht. In der Laudatio hieß es: "Aufgrund ihrer Bemühungen erfährt die Welt von dem Konflikt im Land. Und mehr noch. Man erfährt, wie die Politik die Religionen missbrauchen und gegeneinander aufhetzen will. Sie erfährt aber auch, dass Religion niemals der Grund für Hass oder Krieg sein darf."

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