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Ein Amt, vom Leben gezeichnet

Erschüttert erlebt Österreich das Ende der Ära Klestil: Im Tiefschlaf - und wieder einmal mit dem Tod ringend - scheidet der Bundespräsident aus dem Amt. Die Bilanz seiner zwölf Präsidentenjahre hat über Nacht eine tragische Dimension erhalten.

Hillary, komm her", rief Bill Clinton im UNO-Hauptquartier, als er Thomas Klestil erblickte, "Hillary, das ist der Präsident, der mir heute so spannend vom Balkan und von Osteuropa berichtet hat." Was der US-Präsident verschwieg: Dass er den Gast aus Wien noch Stunden vorher in Washington - am Höhepunkt der Lewinsky-Affäre - aus seinem Besuchsprogramm kippen wollte. Dass wir - seine Mitarbeiter*) - beinahe mit Brachialgewalt zumindest einen Handschlag für Photographen im Oval Office erkämpft hatten. Dass Clinton dem Österreicher anfangs kaum mit halbem Ohr zugehört und uns zur Türe hinaus gewünscht hatte. Bis Thomas Klestil alle Register zog: 45 lange Minuten eroberte er sich die Aufmerksamkeit. Er kannte nicht nur die Themen, die den ersten Mann des Westens interessierten - er hatte sich auch in die englische Sprachfärbung des Präsidenten eingeschlichen.

Derselbe Thomas Klestil erwarb sich beim Franzosen Mitterrand eine fast väterliche Sympathie, bei seinen Präsidenten kollegen in Zentraleuropa die unbestrittene Rolle des größeren Bruders - und beim ersten österreichischen Staatsbesuch in Israel zelebrierte Klestil mit Hunderten orthodoxen Juden die Wiederentdeckung der alten Nähe mit Umarmungen und nassen Augen.

Spielerische Leichtigkeit

Ja, wir, die Mitarbeiter, wir waren oft stolz auf ihn: Auf die spielerische Leichtigkeit, mit der er Staatsmänner für Österreich gewann. Auf seinen Umgang mit heimischen Medien, denen er sich oft schutzlos auslieferte - um so ihre Beißhemmung zu stärken. Auf seine Entschlossenheit, die Mauern der Hofburg zu überwinden - unterwegs zu Amtstagen und Volksmusikfesten, zu Promotionen und Behinderten-Treffen. Auf die Sicherheit, mit der er - auch unter politischem Druck - immer rotweißrot war. Unvergessen sein Götz-Zitat für einen VP-Spitzenmann, der ihm eine Namensliste zustecken wollte, um das traditionell rot eingefärbte Personal der Hofburg neu aufzumischen.

Kein Zweifel: Thomas Klestil war mit außergewöhnlichen Gaben angetreten. Er war welterfahren und vielsprachig. Er war parteipolitisch ungeprägt - und entschlossen, alte Zöpfe abzuschneiden. Und er übernahm die Präsidentschaft 1992 in spannender Zeit: Europa begann zusammenzuwachsen. Österreichs Weg in die Union ebnete sich. Und viele Staatsmänner atmeten auf - ihre (vielen peinliche) Distanz zum Österreich der Waldheim-Zeit war zu Ende.

Klestil nützte die Chancen: Lud zu mitteleuropäischen Präsidententreffen; startete in Salzburg eine zentraleuropäische "Filiale" des Davoser Weltwirtschaftsforums; sah Österreich als "Andockplattform" für die jungen Demokratien - und wagte sich sogar auf das Minenfeld der österreichischen Sicherheitspolitik ("Von der Neutralität zur Solidarität").

Ein erprobter Weltbürger - und ein begeisterter Österreicher. Wenn die Bundeshymne erklang, saßen seine Tränen locker. Alles an ihm war großkoalitionär geprägt - und doch war klar, was er mit seinen vielen Appellen zum "Aufbruch aus Versteinerungen" meinte: Schluss mit dem totalen Durchgriff der Großparteien! Hinter seinem Kampf, die Bestellung von Höchstrichtern und Schuldirektoren zu objektivieren, stand sein Wahlversprechen: "Macht braucht Kontrolle".

Wann genau der Höhenflug des Thomas Klestil an Leichtigkeit verlor, ist im Rückblick kaum zu sagen. Als er die Parteisekretariate durch zu ständige Kritik am etablierten Proporz reizte? Als er zu vielen Menschen anvertraute, dass unsere Verfassung ein stärkeres Präsidentenamt stütze - und dazu eigene Gutachten vorlegte? Als er seinen Sympathiewerten in bunten Magazinen einen plebiszitären Wert zumaß? Als er sich beim EU-Beitritt in Korfu seine künftige Teilnahme am Europäischen Rat erkämpfen wollte - und am Ende (durch sozialdemokratische Regie) beim Gala-Diner beinahe ohne Sitzplatz blieb?

Distanz zur Öffentlichkeit

Wer so gegen Österreichs "Realverfassung" anrennt, braucht einen besonders stabilen Rückhalt bei Volk und Medien. Beides hätte ein Thomas Klestil in Hochform vielleicht für sich gewinnen können. Aber da war zu Jahresbeginn 1994 etwas geschehen, was ihn - fast über Nacht - kraftlos und für zu viele Freunde und Mitstreiter beinahe ehrlos machte: die Trennung von seiner Frau Edith, weit mehr aber noch die völlig verunglückte Art der Bekanntgabe.

Was anfangs nur ein Zwischenspiel zu sein schien, erwies sich als Dauerschaden. Beide, Präsident und Öffentlichkeit, rückten auf Distanz. Der Boden dazwischen war tief und nachhaltig vergiftet. Und ein enthemmter Boulevard verletzte alle Tabuschranken - und rückte das Bild des Staatsoberhauptes an den Rand der Lächerlichkeit.

Neue politische Freunde

Seiner Wirkung unsicher geworden, zog sich Thomas Klestil hinter einen Schutzwall von Protokoll und Repräsentation zurück. Seiner alten, bürgerlichen Hausmacht verlustig, suchte er neue politische Freunde - und geriet ins Minenfeld von Dankbarkeit und Zweck-Allianzen. Die Auseinandersetzungen um die spätere Ehefrau Margot, die medialen Verletzungen und starker privater Druck - all das veränderte seine Persönlichkeit nachhaltig. In einer Atmosphäre von Argwohn und Außensteuerung gingen Freundschaften zugrunde. Thomas Klestil, zu dessen stärksten Kraftquellen die Zuneigung anderer gehört, erlebte diese Zeit besonders bitter. Er verlor an Energie und Gestaltungswillen.

Zwei Jahre später war sein Körper den Belastungen nicht mehr gewachsen. Eine heimtückische, lebensbedrohende Krankheit hielt die Nation für Monate in Bann. Wieder lief zunächst alles schief: Auf dem Nährboden seines Argwohns wuchs zu viel Geheimhaltung und zu wenig Information - gegenüber Regierung, Öffentlichkeit, ja selbst gegenüber engsten Mitarbeitern. Hart schrammte der Staat an einer Verfassungskrise vorbei. Klestil trug die Folgen seiner Erkrankung mit großer Disziplin, wurde aber - auf ärztliches Anraten - in seinen Außenkontakten noch restriktiver, mied zunehmend Nähe und Ansteckung.

Sein Verhältnis zu Regierung und Parlament war schon unter Vranitzky und Klima, Kostelka und Khol massiven Schwankungen unterworfen. Die Reibungsflächen zur VP unter Wolfgang Schüssel aber erwiesen sich als noch brisanter. Klestil selbst hatte Schüssel zwar den Wechsel vom Wirtschafts- ins Außenministerium empfohlen. Bald aber begann ein Zermürbungskrieg - genährt aus Selbstgefälligkeiten, gegenseitigen Verletzungen, Klestils neuer Achse mit Wiener SP-Granden und hierarchischen Verwirrungen um die im Außenamt tätige neue "First Lady". Auch nach dem Wechsel Schüssel/Ferrero-Waldner gelang keine Waffenruhe.

Sorge um das Land

Unter diesen Vorzeichen wurde das Ringen um eine neue Bundesregierung an der Wende 1999/2000 zu Klestils bitterster Erfahrung. "Die Sorge um das Land" war ihm, wie er später sagte, "ins Gesicht geschrieben", als er nach 123 quälenden Verhandlungstagen genau jene Koalition vereidigte, die nie seinen Segen bekommen hatte - und die ihm zutiefst zuwider war. So peinlich sein Mienenspiel beim Angelobungsakt war, so respektabel waren Klestils Motive: Er hielt eine Regierungsbeteiligung der FPÖ für verfrüht. Er fürchtete um die Stabilität der Republik. Er fühlte sich als Sachwalter jener jüdischen Altösterreicher, die er als Diplomat in den USA mit der alten Heimat versöhnt hatte und denen er keine neue Entfremdung zumuten wollte. Und er wusste offenbar um erste EU-Signale, die auf Sanktionen deuteten. Zugleich aber fehlte ihm der Mut, das Angebot der neuen Regierungspartner - "Wenn Du kein Vertrauen zu uns hast, dann gelobe uns nicht an" - tatsächlich anzunehmen. Denn auch das war klar: Neuwahlen hätten dem Aufschwung der Haider-FPÖ nur neue Unterluft gebracht.

Was im letzten Drittel seiner Amtszeit von Thomas Klestil zu lesen und zu sehen war, ist schnell beschrieben: viele Staatsbesuche samt eindrucksvoller Ankurbelung von Exportgeschäften; brüderliche Umarmungen mit Politikern wie Putin und den Saudi-Prinzen; Herz-Schmerz-Berichte über geschenkte Araberhengste und Hündchen; und ein intensiver Auszeichnungsregen. Viele Medien - handsortierte Journalisten ausgenommen - hatten Klestils Wirken jahrelang kritisch kommentiert, dann ihr Interesse an der Hofburg verloren - und zuletzt ihr Mitgefühl mit einem Präsidenten neu entdeckt, der sehr viele Begabungen ins Amt mitgebracht hatte; der sich zwölf lange Jahre auch unter schwersten gesundheitlichen Belastungen bemüht und recht genau gewusst hatte, woran es in Österreich krankt. Dem aber zu oft das eigene Leben mit seinen bitteren Überraschungen und Unwägbarkeiten dazwischen geraten ist.

Das Drama der vergangenen Tage hat die Tragik Thomas Klestils auf die Spitze getrieben: Im Tiefschlaf zwischen Leben und Tod ist ihm weder der verdiente Dank der Republik gegönnt, noch die Freude, eine Nation mit all ihren guten Wünschen hinter sich zu wissen.

*) Furche-Herausgeber Heinz Nußbaumer war von 1992 bis 2000 Sprecher von Bundespräsident Klestil.

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