Viel geprüftes Christentum

Der Begriff "christliches Abendland" wird wieder einmal in einen Wahlkampf gezogen. Wenig überraschend, dass dabei ein verzerrtes Bild vom Christentum gezeichnet wird.

Dunkle Ungeister werfen ihre plumpen Schlagwortkombinationen an Plakatwände. Man wird erinnert an die mitteleuropäischen Zeiten vor 80, 70 Jahren. Schlagworte sind harte Reimgefüge, die in ihrem Stakkato schon die Bereitschaft physischer Gewalt wachrufen. Assoziativ ist Christenhand heute so weit weg nicht von deutscher Hand gestern. Alles in Christenhand wünscht sich faschistoide Manier heute, und man erschrickt. Starke Hand, die zuschlagen kann. Starke Hand, die führt. Man bräuchte sie heute wieder.

Der Schlagwortmonteur, der stolz schon unter JH arbeitete und dem blauäugigen HC mit gleichem Handwerk dient, selbstsicher kalkulierend, versucht sich als politischer Menschenfischer für die EU-Wahl. Gezielt wird auf die Mobilisierung der Christen gesetzt, in denen die alten antisemitischen und fremdenfeindlichen Ressentiments inkarniert sind. Das dürfte Erfolg versprechend sein. Die Nähe von fundamentalistischem Christentum und faschistoidem Denken ist bekannt und wird hier bedient.

Ein fehlgeleitetes Christentum

Doch diese Liga ist möglich nur dann, wenn Christentum missverstanden und fehlgeleitet wird. Denn dieses erstickt, wenn es regionalisiert wird auf ein romantisiertes Abendland, das es, wie viele der faschistoiden Zerrbilder von Wirklichkeit auch, längst nicht mehr gibt. Christentum ist keine Regionalreligion wie Wodans Gefüge. Christentum ist auch keine Gründerreligion (Jesus hat das Christentum nicht gegründet), sondern zieht aus Jahrtausenden herauf, ist unterwegs seit Noach, seit Abraham, seit Mose, findet seine geschichtliche Wende in Jesus und läuft weiter in die Zeiten, in denen der Islam entsteht und auf seine Weise Judentum und Christentum umschreiben wird, so wie es das Christentum mit der Tradition Israels getan hat - wenn auch nicht immer hell- und klarsichtig genug, wie die mitunter strukturellen Formen des Antijudaismus in Geschichte und Gegenwart zeigen.

Christentum gehört der Zeit und der Welt wie Judentum und Islam auch. Es ist eine verbindliche Tradition des Eingottglaubens; seine Größe lag und liegt - gerade heute wieder - in der Umwendung heidnischen Trüb- und Unsinns auf die einzige Wirklichkeit hin, die retten wird: der Gott Israels, der in allen drei monotheistischen Traditionen derselbe ist. Da mag das Ressentimentchristentum, das die Schlagwortmonteure im Blick haben, sich wenden und winden, wie es will: Dies ist des Christentums erste, letzte und tragende Bedeutung, nichts sonst. Und diese Botschaft wird früher, als man es sich im ahnenden Halbschlaf träumen lässt, die entscheidende (Über-)Lebensfrage für mehr als nur für Europa sein: Entweder man hält sich weiter an die Götzen und lässt sich von ihnen aufreiben und zerstören, oder man steigt aus und wendet sich um, zu Israels Gott hin.

Das braucht Kraft, klare Wahrnehmung, klares Denken, klares Handeln. Der Glaube an den Gott Israels fordert heute mehr als der Unglaube mitsamt dem neuen Atheismus, und gewiss mehr als die billigen Schlagworte, die nur auf nickende Gefolgschaft setzen, in der sich das Ressentiment gegen den Geist genauso schon formiert hat wie vor 70, 80 Jahren.

Deshalb bedient sich der Schlagwortmonteur auch einer Anspielung auf ein völlig herabgekommenes Christentum. Man weiß es nicht: Liegt das daran, dass man eine Karikatur aufbaut, die einem politisch nützt, oder liegt hier nicht eher ein heute weit verbreiteter religiöser Analphabetismus vor, der sich großspurig an die Wände klebt? Wie auch immer. Das macht jedenfalls die Aufgabe der jüdisch-christlichen Überlieferung geradezu unendlich und transzendent: Lernen, lernen, lernen, lernen.

Aufgabe jüdischer Menschen ist es, an jedem Schabbat in ihrem Glauben weiter und weiter zu lernen, Aufgabe der christlichen ist es, wenigstens im Sonntagsgottesdienst Abschnitte der Überlieferung ihres Glaubens zu hören.

Doch wann und was haben die Leute um HC schon gelernt, das hinausgereicht hätte über den bedrückenden Bannkreis, den der Schlagwortmonteur zieht?

* Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Wien

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