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Die Macht der Vergebung

1945 1960 1980 2000 2020

schon die Genesis, das erste Buch der Bibel, erzählt Geschichten von der schuld der Menschen und von deren Überwindung.

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schon die Genesis, das erste Buch der Bibel, erzählt Geschichten von der schuld der Menschen und von deren Überwindung.

Das Buch Genesis ist eines der Grundbücher der Menschheit. Es hat eine religionsgeschichtliche Karriere um die ganze Welt gemacht - und um die ganze Welt geht es in ihm auch. Es macht mit der Schöpfung Gottes einen Anfang, der gut ist und alles auf geordnetes Leben abstellt. Aber es dauert nicht lange, und das Paradies stellt seinen Betrieb ein.

Verführt von der Aussicht, wie Gott zu sein (Gen 3,5), probiert das erste Menschenpaar aus, was ihm verboten ist. So macht es die Entdeckung einer Schuld, die unverzeihlich erscheint: Der Mensch beansprucht den Gottesstandpunkt. Er nimmt eine Macht in Gebrauch, die er nicht beherrschen kann, die vielmehr ihn beherrscht. Macht, die sich verselbstständigt, hat etwas Verzehrendes. Die Konsequenz beschreibt Paulus: "Der Tod ist der Sünde Sold" (Röm 6,23). Alles, was im Buch Genesis folgt, hängt davon ab: die Schuldgeschichte des ersten Mordes und menschlicher Verwerfungen, von Noah und der Sündenflut bis zum Turmbau zu Babel.

Dennoch bleibt der Gott der Schöpfung in der Genesis ein Gott des Lebens. Noch angesichts von Schuld hält Gott am Projekt Mensch fest. Aus den Szenarien der Gewalt und der Vernichtung gehen neue Lebensfolgen hervor. Das Buch Genesis fasst sie in Geschlechterketten, die von Abraham über Isaak und Jakob eine Genealogie der Verheißung bilden. Sie kommt auf Umwegen ans Ziel, und sie ist an Geschichten von Schuld und Scheitern gekoppelt.

Eine Geschichte der Kultivierung Gottes

Eine dieser Geschichten hat Thomas Mann mit seiner Tetralogie von "Joseph und seinen Brüdern" nacherzählt. Es handelt sich um eine Geschichte der Kultivierung Gottes, der "Umfunktionierung des Mythos ins Humane". Die Episoden ungehemmter Gewalt, mit der JHWH auf Verstöße gegen seine Schöpfungsordnung antwortet, werden in eine theologische Grammatik übertragen, in der sich auch die Macht Gottes verwandelt. Sie nimmt humane Formen an - sei es bei der Ersetzung des Menschenopfers, das Abraham als Probe darbringen soll (Gen 22), sei es im Kampf des Jakob mit Gott am Jabbok (Gen 32,23-33). Hier treten sich Mensch und Gott auf Augenhöhe gegenüber. Aus der Auseinandersetzung, die folgt, geht keiner als Sieger hervor. Die Lektion ist anspruchsvoll: Man muss mit diesem Gott streiten, und genau darin liegt ein Segen.

Dieser Segen hat es in sich. Jakob hat ihn sich erschlichen, bevor er ihn Gott nachträglich abrang. Bekanntermaßen hatte er den älteren Bruder um das Erstgeburtsrecht betrogen und Schuld auf sich geladen. Der späteren Versöhnung zwischen beiden gehen Esaus Mordpläne voraus. Aber der Segen bleibt auf Jakob, weil er sich Gott stellt und nicht von ihm lässt. Das erschließt Leben angesichts seiner möglichen Vernichtung. Weil dieser Gott geben, aber auch vergeben kann. Weil seine schöpferische Lebensmacht alles verwandeln kann - wenn man sich auf ihre Logik einlässt.

Diese Erzählkomposition gibt dem Buch Genesis seine Struktur. Sie stellt eine narrative Ordnung her, die sich schließlich im Chaos der vielen Schuldgeschichten durchsetzt. Zwar bleibt das Paradies verloren, aber mit der Ankunft in Ägypten kann der Segen Jakobs an seine zwölf Söhne übergehen. Schuld wird nicht radiert, sondern verwandelt. Wenn man vom Ausgang der Josephs-Novelle her das Buch Genesis liest, erschließt sich sein Sinn aus der permanenten Verwandlung tödlicher Schuld in Leben -und zwar an Orten und in Situationen, wo man es nicht erwarten kann. Der Segen Gottes erweist sich nicht als harmonischer Besitz. Man muss ihn sich erarbeiten, nicht zuletzt dadurch, dass sich die Segensträger ihrer eigenen Schuld stellen und sie verwandeln lassen.

Juda als Beispiel einer zerrissenen Existenz

Thomas Mann entwickelt seine Erzählung über dieses Problem. Der Jakobs-Segen geht am Ende an Juda, der in keiner genealogischen Folge an erster Stelle steht. Aber er ist es, "der sich auf Schuld am meisten verstand". Darum "war er zum Reden berufen", als die Brüder in Ägypten vor Joseph standen, ohne ihn zu erkennen. Juda ist eine zerrissene Existenz im Widerspruch: gegen sich selbst, weil er mit seiner Sexualität zu kämpfen hat; gegen den Vater, weil von Juda der Vorschlag kam, Joseph zu verkaufen (Gen 37,26f).

Radikal auf seine Schuld zurückgeworfen, ist Juda aber auch ganz auf Gnade angewiesen. Er ist empfänglich für Vergebung. Für die des verkauften Bruders wie für die des Vaters. Juda weiß darum, und das macht ihn sprachfähig: Er verstand sich auf Schuld. Gegenüber Joseph bringt er sie zu Sprache, als man - erneut im Zuge einer Intrige - einen Becher aus Jakobs Besitz im Gepäck Benjamins, des verbliebenen Jakob-Lieblings - gefunden hat. "Gott hat die Schuld deiner Knechte ans Licht gebracht", heißt es im Buch Genesis (44,16). Judas Eingeständnis hat im weiteren Verlauf etwas Offenbarendes -es markiert, dass man sich nicht selbst vergeben kann, sondern sich verwandeln lassen muss. Und dass dies auch den Schuldner verwandeln kann. Joseph gibt sich am Ende unter Tränen zu erkennen, als ihm Juda vom unerträglichen Leid des Vaters spricht. Seine Maske fällt.

Auf dem dramatischen Höhepunkt der Erzählung schlägt mythischer Wiederholungszwang in theologische Aufklärung um. Das wird möglich, weil die Akteure im Wissen um ihre Schuld sprachfähig werden. So kann Joseph seinen Brüdern vergeben, weil er noch in der eigenen Versklavung eine Lebensspur Gottes entdeckt - sein Weg nach Ägypten hat in der Hungersnot Leben gerettet.

Was das Buch Genesis als Vorsehung auslegt, unterzieht Thomas Mann theologischer Kritik. Denn sein Joseph hat schon auf dem Weg nach Ägypten begriffen, dass ihn die Wut der Brüder nicht ohne eigene Schuld traf. Im Brunnen, in den sie ihn warfen, kommt er allmählich zu Bewusstsein. Im Abgrund der eigenen Schuld ist Joseph auf sich zurückgeworfen. Hier gibt es keine Beschwichtigung. Natürlich ist er das Opfer. Diese Verhältnisse müssen anerkannt werden, und das tun die Brüder, namentlich Juda.

Verwandlung von Schuld in Lebenssegen

Thomas Mann setzt aber im Brunnen ein, um die Verwandlung von Schuld in Lebenssegen entwickeln zu können. Joseph muss den Standpunkt des Todes einnehmen, um sich zum eigenen tödlichen Schuldmoment zu verhalten. Das rettet ihn später davor, dem Vater ein weiteres Mal einen oder gar alle Söhne zu nehmen. Das rettet ihn vor der Versuchung der Macht des ohnmächtigen Opfers, das aus der Ohnmacht des Opfers das Recht eines Täters ableitet.

Bei Thomas Mann wird das im Übrigen nicht moralisiert. Sein Joseph hinterlässt keine Pflicht zur Vergebung. Die kann es nicht geben. Vergebung kann sich nur ereignen, und sie entspricht damit dem, was theologisch am Anfang von allem steht: Sie bedeutet ein schöpferisches Ereignis. Es wird möglich, wo man sich auf die grenzüberschreitende schöpferische Lebensmacht Gottes einlässt. Ihr entspricht die schöpferische Macht der Vergebung, die jede vernünftige Grenze überschreitet, aber deshalb menschliches Leben an seinen tödlichen Begrenzungen eröffnet.

Humanität ist ein Exzess. Für Jesus von Nazaret verlangt das, sieben mal siebzig mal zu vergeben, wenn man mit der Bitte um Vergebung konfrontiert ist (Mt 18,22). Diese Bitte braucht es aber. Sie ist ein Anfang, der etwas kostet - denn wer bittet, muss mit Ablehnung rechnen und sich im Unsagbaren eigener Schuld auf das Unaussprechliche der Vergebung einstellen. So wie der Juda Thomas Manns, der sich auf Schuld verstand und deshalb zu einem Segen werden konnte. Genau darin aber vollzieht sich Humanisierung: "reine Menschlichkeit in Form von Vergebung"(Th. W. Adorno).

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg

TIPP: Die Macht der Vergebung Vortrag von Gregor Hoff beim Symposium "Macht. Freiheit. Menschsein" der Salzburger Festspiele. Mo 31.7., 10 Uhr, Schüttkasten, Salzburg/Altstadt, Herbert-von-Karajan-Platz Infos &Anmeldung: kombinat3.eu/event/macht-freiheit-menschsein/

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