"Reden für die, die schweigen"

Das in der Schweiz ansässige ökumenische Hilfswerk "Glaube in der 2. Welt - G2W" wurde vor 30 Jahren gegründet, um im Westen über die Repression gegen Christen im damaligen Ostblock aufzuklären. Erich Bryner, der heutige Leiter von G2W, begründet im Gespräch, warum seine Organisation auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gefragt ist.

die furche: "Sowjetunion: unzählige Menschen sind wegen ihres religiösen Glaubens in Kerkern, Zwangsarbeitslagern oder in der Verbannung. Du und G2W Hilfe für die Unterdrückten." So warb das Institut "Glaube in der 2. Welt" 1975 um "Fürbitte, Verständnis und Solidarität".

Erich Bryner: Die Situation war auch dramatisch! Der Marxismus bekämpfte die Religion von allem Anfang an und sah in der Kirche, vor allem in der orthodoxen, seine Erzfeindin. Nach dem 2. Weltkrieg genoss die orthodoxe Kirche in der Sowjetunion zwar gewisse Anerkennung, unter Chruschtschow kam es 1959-64 jedoch erneut zu starken repressiven Massnahmen gegen Kirchen aller Konfessionen: Etwa die Hälfte aller Kirchen wurden geschlossen, Priester und Verantwortliche von Kirchgemeinden wurden vom Staat ihres Amtes enthoben und Priesterseminare aufgelöst. Auch auf die Gläubigen wurde massiver Druck ausgeübt.

die furche: Was wusste man im Westen von dieser Unterdrückung?

Bryner: Man war nur sehr unvollständig darüber informiert, weil die großen sowjetischen Zeitungen, die im Westen erhältlich waren das Verhältnis zwischen Kirche und Staat im Gegenteil als gut bezeichneten. In der sowjetischen Lokalpresse hingegen wurde viel über den Erfolg der atheistischen Propagandatätigkeit und Kirchenschließungen geschrieben. Dem reformierten Pfarrer Eugen Voss, der Kontakte zu Verwandten in Russland hatte, fiel diese Diskrepanz auf. Auf seine Initiative gründete 1972 der Kirchenrat der reformierten Kirche des Kantons Graubünden und der damalige Bischof von Chur, Johannes Vonderach, den Verein G2W und das dazugehörige Institut. Es sollte verlässliche Informationen über die Situation der Kirchen in den Ländern des Ostblockes liefern.

die furche: Und wie kam G2W an Informationen heran?

Bryner: Wir hatten Vertrauensleute im Osten und konnten uns auch auf unzensierte Untergrundliteratur stützen, die in den Westen gelangte.

die furche: In den Statuten von G2W heißt es, das Institut wolle "alles Geeignete für die Beseitigung der Verletzung von Menschen- und Freiheitsrechten" unternehmen. Hat die reine Informationsarbeit von G2W denn tatsächlich etwas verändern können?

Bryner: Es ist nachgewiesen, dass sich die Situation von Gewissensgefangenen, über deren Schicksal man im Westen informiert war, gebessert hat. Information erreichte also etwas. G2W-Leiter Voss war Experte der schweizerischen Delegation bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Die KSZE, bei der Länder aus West- und Osteuropa mitmachten, befasste sich intensiv mit der Frage von Religionsfreiheit im Ostblock und führte auch in den meisten kommunistischen Ländern zur Gründung von Menschenrechtsgruppen.

die furche: Der Ostblock zerbrach 1989 -91. Damit hat sich auch die Situation für die Kirchen fundamental verbessert.

Bryner: Schon in der Zeit der Perestroika unter Gorbatschow ließ die Unterdrückung der Kirchen in Russland nach, was sich auch auf die anderen Ostblockländer auswirkte. In Ungarn gab es schon ab 1985 eine relativ liberale Religionspolitik. In der Tschechoslowakei hingegen - ich nenne dieses Beispiel als Kontrapunkt - dauerte die Kirchenunterdrückung bis 1989 an.

die furche: Wenn sich nach der Wende die Situation besserte und die Religionsfreiheit heute gewährleistet ist, ist G2W doch eigentlich überflüssig geworden?

Bryner: Das haben nach der Wende viele gefunden, und wir spürten deswegen auch einen starken Einbruch bei den Spenden. Wir waren aber der Überzeugung, dass die Arbeit von G2W jetzt erst recht nötig ist. Die Informationen zur Situation der Kirchen sind zwar freier zugänglich als früher, aber es braucht immer noch eine Institution, die sie sammelt, sichtet und interpretiert. Denn mit dem Zusammenbruch des Kommunismus stellten sich ganz neue Fragen: Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, Phänomene wie religiös aufgeladener Nationalismus, Antiökumenismus und Antisemitismus.

Außerdem erhielten wir sehr viele Anfragen aus dem Osten, beim kirchlichen und sozialen Aufbau Unterstützung zu leisten. Wir hatten zwar schon in den achtziger Jahren Hilfsaktionen organisiert. 1982 wurde die Literaturhilfe ins Leben gerufen, weil religiöse und theologische Literatur im Osten Mangelware war. Wir lieferten vereinzelt Medikamente, oder wir unterstützen den Radiosender "La Voix de l'Orthodoxie", der von Westeuropa aus religiöse Programme in russischer Sprache sendete. Für G2W wurde es nach der Wende jedoch zur Herausforderung, diese spontane und sporadische Hilfe zu intensivieren und zu systematisieren.

die furche: G2W leistet auch Hilfe beim kirchlichen Wiederaufbau. Wie präsentiert sich denn das religiöse Leben im heutigen Osteuropa?

Bryner: Nicht viel anders als bei uns. Eine große religiöse Renaissance, wie sie nach der Wende erhofft wurde, hat nicht stattgefunden. Der Säkularismus hält auch im Osten Einzug.

die furche: Und westliche "Sekten" und Religionsgemeinschaften haben nach der Wende vor allem Russland als Missionsland entdeckt.

Bryner: Ich habe eine etwas bösartige Interpretation dieses Phänomens: Vor allem amerikanische Missionen versuchen den Misserfolg in ihrem eigenen Land durch forsches Auftreten in Russland zu kompensieren. Natürlich mag auch echter Missionseifer dahinter stehen. Auf jeden Fall stoßen alle derartigen Missionierungsversuche auf heftigen Widerstand der orthodoxen Kirche Russlands, die sich gegen jegliche Form des Proselytismus entschieden wehrt. Sie hat deshalb 1997 auch eine Änderung des Religionsgesetzes erreicht, das seither den religiösen "Newcomern" nicht dieselben Privilegien zugesteht wie den alteingesessenen Kirchen.

die furche: Den Vorwurf des Proselytismus, der Abwerbung von Gläubigen, macht die orthodoxe Kirche ja auch der römisch-katholischen Kirche.

Bryner: Ein heikles Thema. Die römisch-katholische Kirche erklärt, sie baue nur ihre vor der Verfolgung existierenden kirchlichen Strukturen wieder auf. Die orthodoxe Kirche hingegen betrachtet schon die alleinige Existenz einer anderen Kirche als "Bedrohung". Katholische oder auch lutherische Gemeinden können für orthodoxe oder säkulare Russen attraktiv erscheinen, weil diese Kirchen in der Bildungsarbeit und im sozialen Bereich häufig stärker engagiert sind als die orthodoxe Kirche. Wenn sich nun ein Orthodoxer oder ein Säkularer - der für die orthodoxe Kirche ein potenzieller Gläubiger ist - aus diesem Grund für die katholische Kirche entscheidet, ist das nun schon Abwerbung von Gläubigen oder nicht?

die furche: Wie ließe sich denn ein Modus für das Zusammenleben finden?

Bryner: Ein Modus vivendi ließe sich finden, wenn sich die orthodoxe Kirche Russlands zu einer pluralistischen Philosophie durchringen könnte.

Das Gespräch führte Stephan Moser/Kipa.Informationen: www.kirchen.ch/g2w

Infos und Projekte

Das Institut "Glaube in der 2. Welt" mit Sitz in Zürich leistet seit 30 Jahren eine ökumenisch orientierte Informations- und Projektarbeit über und für Osteuropa. Mit seiner Monatszeitschrift versucht G2W, über Lage und Probleme der Gläubigen und Kirchen im Osten zu informieren und den Dialog zwischen Ost und West zu intensivieren. G2W unterstützt in verschiedenen Ländern Osteuropas in ökumenischem Sinne kirchliche und soziale Aufbauarbeit und leistet mit dem Literaturhilfeprogramm "Das Internationale Theologische Buch" wichtige Unterstützung für die theologische Ausbildung. Gegründet wurde "Glaube in der 2. Welt" 1972. Der reformierte Pfarrer Erich Bryner, Titularprofessor für osteuropäische Kirchengeschichte an der Universität Zürich, leitet das Institut mit seinen acht Mitarbeitern seit 1991.

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