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Von der umgekehrten Gewalt

Religion und Gewalt: Das Thema hat den französischen Kulturwissenschafter René Girard, der seit 1947 Jahren in den USA lehrt, bekannt gemacht. In seinem neuen Buch beleuchtet Girard das Christentum aus dieser Perspektive.

René Girard ist ein seltsames Phänomen. Seit dreißig Jahren taucht er in verschiedenen Ländern jeweils für einige Zeit in den Massenmedien auf, um dann bald wieder aus den Schlagzeilen zu verschwinden. Jedesmal bleiben aber Nachwirkungen und sein Denken hinterlässt immer deutlichere Spuren in allen human-, sozial- und religionswissenschaftlichen Bereichen und in der Theologie. Woher die gemischten Reaktionen? Girard schreibt aus der religionskritischen Atmosphäre französischer und nordamerikanischer Universitäten, bekennt sich jedoch deutlich zum Christentum und verstört damit die meisten seiner Kollegen. Ein Professor von der École Polytechnique in Paris meinte: "Viele lesen heimlich Girard. Bevor aber der Hahn einmal kräht, sind sie bereit, dreimal zu schwören, dass sie ihn nicht kennen."

In der christlichen Welt sind die Reaktionen ebenfalls gemischt. Warum? Durch seine Theorie der Nachahmung (Mimesis) problematisiert er das moderne Dogma vom autonomen Menschen, das auch in christlichen Kreisen weiten Anklang gefunden hat. Manche werfen ihm ferner einen Monismus der Gewalt vor. Einige seiner Aussagen können, wenn man sie aus dem Kontext seiner Werke löst und isoliert betrachtet, tatsächlich leicht missverstanden werden. In Wirklichkeit haben wir es aber mit einem äußerst spannungsreichen Denken zu tun. Girard spricht von einer universellen Neigung der Menschen zur Gewalt, nimmt jedoch keinen Aggressionstrieb an, sondern zeigt, wie Menschen das Begehren anderer instinktiv nachahmen und so ungewollt in Rivalitäten und Konflikte hineingezogen werden. Er betont die Rolle kollektiver Entladungen von Gewalt auf zufällige Opfer (Sündenbockmechanismus), schreibt aber diesem Vorgang nur deshalb eine so große Bedeutung zu, weil er davon ausgeht, dass für die Menschen ein friedliches Zusammenleben das höchst irdische Gut ist. Er wertet rituelle Verhaltensweisen positiv, sieht in ihnen aber nur vorläufig gelingende Ordnungskräfte angesichts eines universalen Verlangens nach Frieden und stets drohender Konflikte.

Weder rechts noch links

Das Denken Girards passte in den letzten Jahrzehnten weder zum rechten noch zum linken Lager, weder zu den Konservativen noch zu den Progressiven. Mit den letzteren teilte er die radikale Kritik und das Ideal einer gewaltfreien Gesellschaft und mit den ersteren betonte er die Notwendigkeit ordnender Strukturen. Die Voraussetzung aller kontinuierlichen menschlichen Tätigkeiten ist die Sicherstellung eines halbwegs friedlichen Lebensraumes.

Die meisten Theorien reflektieren kaum über diese Grundvoraussetzung. Für Girard ist das halbwegs friedliche Zusammenleben aber nichts Selbstverständliches. Seine Analysen versuchen vielmehr zu zeigen, wie prekär es ist und wie es dennoch - trotz Krisen und Katastrophen - immer wieder auf vorläufige Weise gelingen kann. Eine Diskussion über seine Theorie ist deshalb nur dann sinnvoll, wenn diese Grundfrage nicht übersprungen wird.

"Das Heilige und die Gewalt", so lautet der Titel eines seiner frühen Werke (1972). Girard stellt darin einen engen Zusammenhang zwischen der religiösen und der gesellschaftlichen Problematik und zwischen sakralen Vorstellungen und kollektiven Gewaltvorgängen her. Dies hat viele christliche Leserinnen und Leser verstört. In allen späteren Veröffentlichungen hat Girard jedoch gezeigt, dass er die Zusammenhänge sehr komplex sieht und die Lösung des Problems letztlich von den alt- und neutestamentlichen Offenbarungstexten her erwartet.

Jüdisch-christliche Mythen

Dieser Thematik ist auch sein neuestes Buch, "Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums" gewidmet.

Die Religionswissenschaft des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts hat Ähnlichkeiten zwischen heidnischen Mythen und jüdisch-christlichen Vorstellungen und Erzählungen entdeckt und daraus geschlossen, das Christentum sei nur eine Variante der mythischen Welt. Die dialektische Theologie nach dem Ersten Weltkrieg (Karl Barth, Rudolf Bultmann, u. a.) reagierte darauf mit der These vom Gegensatz zwischen (christlichem) Glauben und (heidnischer) Religion und es entwickelte sich in diesem Kontext das große Programm der Entmythologisierung der Bibel, das über die Nachwirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils auch in die katholische Theologie eingedrungen ist. In den Achtziger Jahren begann das Pendel aber zurückzuschwingen. Die Mythen wurden wieder hoffähig und auch christliche Theologen begannen den Unterschied zwischen den Religionen herunterzuspielen.

Girard folgt keinem der Pendelschläge. Mit der Religionswissenschaft sieht und betont er die Ähnlichkeiten zwischen Mythen und jüdisch-christlichen Texten.Gleichzeitig arbeitet er aber heraus, wie gleiche Vorgänge und ähnliche Vorstellungen in den biblischen Texten einen völlig neuen Sinn erhalten. Die Mythen erzählen von der Entladung kollektiver Gewalt auf zufällige Opfer und von der wunderbaren Rückkehr des Friedens in die bedrohte Gemeinschaft aus der Perspektive siegreicher Mehrheiten mit ihren verzerrten Sichten.

Bibel auf Seite der Opfer

Die biblischen Texte stellen sich hingegeben im fortschreitenden Maße auf die Seite der Opfer und geben diesen gegen die zunächst siegreiche Mehrheit eine hörbare Stimme. In ihnen vollzieht sich so eine schrittweise Umkehr und Umdeutung von innen heraus, die ihren Höhepunkt im Kreuz Jesu findet, bei dem es einmal mehr zu einer Zusammenrottung der vielen gegen den einen kam. Doch dies geschah in einer Welt, die längst durch die Offenbarungsgeschichte bearbeitet war und keine Sakralisierung des Opfers durch die für den Augenblick siegreiche Mehrheit mehr zuließ.

Das Opfer handelte auch ganz anders, als es die Opfer üblicherweise tun. Es ließ sich von der Mehrheit nicht anstecken, beantwortete die Gewalt mit verzeihender Hingabe und übergab sein Leben und sein Lebenswerk dem ihn führenden und auferweckenden Gott. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, wurde so zum Eckstein (vgl. Mk 12). Dieses biblische Wort dient Girard als hermeneutischer Schlüssel, um sowohl den Umschwung im Geschick Jesu als auch die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Geschick des Gekreuzigten und den mythischen Opfern deutlich zu machen.

Seine Exegese muss dabei keinen "garstigen Graben" (vgl. Lessing) zwischen damals und heute überbrücken, denn sie sieht die Offenbarungsereignisse im engsten Zusammenhang mit Grundfragen menschlichen Zusammenlebens, die damals und heute ähnlich sind. Das Wort von Kajaphas bei der Verurteilung Jesu, "Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht" (Joh 11,50), fügt sich ja nahtlos in die Grundprinzipien heutiger Realpolitik ein, nach der es ebenfalls besser ist, wenn ein Mann oder ein Volk rechtzeitig angegriffen wird, bevor es andere bedrohen kann. Dem gegenüber vertritt das Christentum - trotz vieler eigener Fehler - hartnäckig die Sorge um die Opfer.

Die Exegese Girards kennt, auch wenn dies heute nicht populär ist, eine Entmythologisierung, die allerdings nach seinem Verständnis nicht durch die Aufklärung äußerlich an die biblischen Schriften herangetragen wird, sondern sich in ihnen selber vollzieht.

In Girards Buch geht es gleichzeitig um eine Verteidigung der Grundwahrheiten des christlichen Glaubens und um ein Nachzeichnen, wie die biblische Rede vom Satan und von den Mächten und Gewalten sich im Geschick Jesu selber klärt. Im Zusammenhang mit dem Wirken seiner Jünger sieht Jesus, wie der Satan, der ihn früher versucht hat, nun wie ein Blitz vom Himmel fällt (Lk 10,18). Danach werden im Leiden Jesu und durch seine Auferweckung die satanischen Mächte auf dieser Erde ihrer kollektiven täuschenden Kraft und ihrer Bosheit überführt.

Für Christus, gegen Dionysos

All diese Zusammenhänge, und diese ist eine der provozierenden Thesen in Girards neuem Buch, hat der folgenreichste moderne Kritiker des Christentums, Friedrich Nietzsche, gegen Ende seines Lebens, wie entsprechende Aphorismen zeigen, selber deutlich gesehen. Er hat das Gemeinsame und das Unterscheidende zwischen Dionysos und Christus klar genannt, sich aber eindeutig für Dionysos entschieden und dafür in seinem Leben die Folgen getragen.

Auf der Linie Nietzsches und seiner Umwertung aller Werte sieht Girard auch den tiefsten Grund für die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus: "Das geistige' Ziel des Hitlertums lag meiner Auffassung nach darin, zuerst Deutschland und dann ganz Europa der ihm aus der religiösen Tradition zugewachsenen Berufung, nämlich der Sorge um die Opfer, zu entreißen".

Girard ist kein Theologe und er will es bewusst nicht sein. Sein Thema ist eine umfassende Anthropologie, die aber nach ihm nur im Zusammenhang mit der religiösen Frage entfaltet werden kann. Aus theologischer Sicht sind zentrale Weiterführungen und gewisse Differenzierungen notwendig. Girard liefert aber einen anthropologischen und gesellschaftlichen Einstieg in die religiöse Frage, der nur um den Preis starker Verengungen und der Tabuisierung wichtiger Fragen übergangen werden kann.

Der Autor ist Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.

Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz.

Eine kritische Apologie des Christentums. Von René Girard, Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh, mit einem Nachwort von Peter Sloterdijk, Hanser Verlag, München 2002, 256 S., geb., e 22,10

Tipp

Die Zukunft des ländlichen Raumes

Dialogforum im Zuge der Vorbereitung des Ökumenischen Sozialwortes der 14 christlichen Kirchen in Österreich.

Teilnehmer: Bischof Dr. Alois Schwarz/ Klagenfurt, Metropolit Michael Staikos und Oberin Christine Gleixner/Ökumenischer Rat der Kirchen, Minister Dr. Wilhelm Molterer, Dr. Josef Riegler/Ökosoziales Forum u. a.

Termin: Freitag, 8. Nov., 9 bis 17 Uhr

Ort: Chorherrenstift Vorau, Stmk. Infos: Katholische Sozialakademie Österreichs, Tel.: 01/3105159

Web: www.sozialwort.at

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