Natur - © Foto: iSotck/Yurii Sliusar

69. Pädagogische Werktagung: Natur erleben statt belehren

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz Lockdowns schreitet die Erderwärmung voran. Wie können (junge) Menschen lernen, nachhaltig zu leben und zu handeln? Die 69. Pädagogische Werktagung stellt sich dieser Frage.

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Trotz Lockdowns schreitet die Erderwärmung voran. Wie können (junge) Menschen lernen, nachhaltig zu leben und zu handeln? Die 69. Pädagogische Werktagung stellt sich dieser Frage.

Jeden Tag wird ein Fass Erdöl mit 50 Zentimetern Durchmesser gefördert. Nur: Dieses Fass wäre 76.000 Kilometer hoch und enthielte 15 Milliarden Liter fossile Energie. In jeder Sekunde sprudeln 173.000 Liter des schwarzen Goldes aus der Erde hervor. Mehr als die Hälfte davon verbrennt in Motoren, wird zu CO₂, entweicht in die Atmosphäre und beschleunigt die Erderwärmung mit unabsehbaren Folgen: Wetterkapriolen, Dürren und Missernten, Orkane, Klimaflüchtlinge etc. Vor dieser „unbequemen Wahrheit“ – so der Titel eines mehr als nachdenklich stimmenden Dokumentarfilmes von Davis Guggenheim und dem Präsidentschaftskandidaten Al Gore aus dem Jahre 2006 – darf und kann Pädagogik die Augen nicht länger verschließen.

Zu Recht wird seit etlichen Jahren nachhaltiges Lernen gefordert, um das zu gewährleisten, was die Mitgliederstaaten der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro im Jahre 1992 als „nachhaltige Entwicklung“ bezeichneten: eine solche, die sowohl ökonomisch und ökologisch als auch sozial dauerhaft tragbar ist und es ermöglicht, die Lebensgrundlagen und Lebenschancen der Menschheit auf Dauer sicher zu stellen. Es soll – im Hinblick auf zukünftige Ressourcen – nicht „nach uns die Sintflut“ sein, sondern Enkelgerechtigkeit herrschen.

Kein erhobener Zeigefinger!

Wie lässt sich zu einem Handeln motivieren, das umweltgerecht und ressourcenschonend ist? Wenig wirksam wäre der erhobene Zeigefinger. Gemäß der sozialpsychologisch gut gesicherten Theorie der Reaktanz neigen Menschen dazu, mit Widerstand zu reagieren, wenn – offen oder subtil – auf sie Druck ausgeübt wird. Vielfach wird genau das Gegenteil erreicht: „Jetzt z‘ Fleiß!“ Nicht ausreichend scheint auch die Vermittlung von relevantem Wissen. Denn die meisten wissen, dass der massiv angestiegene CO₂-Ausstoß Mutter Erde ins Schwitzen bringt und dass Wale verenden, weil ihre Mägen wegen des geschluckten Plastiks platzen.

Und trotzdem fahren viele mit dem Auto zur 500 Meter entfernten Bäckerei und kaufen in den Supermärkten Käse und Gemüse in Plastik eingeschweißt. In den letzten Jahren erfolgte in der Psychologie eine emotionale Wende, nachdem sie sich intensiv mit den menschlichen Kognitionen und Denkprozessen beschäftigt hatte. Es ist aber nur zu wahr, dass wir nicht immer denken. Aber wir befinden uns stets in bestimmten Gefühlslagen und Emotionen. Wichtige Entscheidungen werden im Bauch getroffen, und der Kopf wird dann dafür bemüht, argumentativ zu rechtfertigen, was emotional entschieden wurde. Vor allem Lernprozesse hängen in einem ungleich stärkeren Maße von Emotionen ab als traditionell angenommen. Welches Gefühl könnte besonders nachhaltig zu ökologischem Lernen und Handeln motivieren? Seit wenigen Jahrzehnten untersucht die Ökopsychologie die Naturverbundenheit, das Gefühl, mit der uns umgebenden Natur eins, zumindest aber ein Teil von ihr zu sein.

Die deutsche Schriftstellerin Malwida von Maysenburg (geb. 1816) erlebte dies stark: „Ich fühlte mich eins mit den Gräsern, den Bäumen, Vögeln, Insekten, mit allem in der Natur. Ich geriet in Erhebung durch das reine Faktum der Existenz, ein Teil von allem zu sein.“ Für Naturverbundenheit entwickelten Ökopsycholog(inn) en Messinstrumente, mit Items wie: „Ich spüre mich mit allen lebenden Dingen und der Erde sehr verbunden.“ In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen: Menschen, die sich mit der Natur eng verbunden fühlen, sind glücklicher, fühlen sich in diesem Kosmos existenziell geborgener, sind weniger ängstlich, haben einen höheren Selbstwert, sind gesünder, denken ganzheitlicher und kreativer und verfügen über ein leistungsfähigeres Gedächtnis.

Jeden Tag wird ein Fass Erdöl mit 50 Zentimetern Durchmesser gefördert. Nur: Dieses Fass wäre 76.000 Kilometer hoch und enthielte 15 Milliarden Liter fossile Energie. In jeder Sekunde sprudeln 173.000 Liter des schwarzen Goldes aus der Erde hervor. Mehr als die Hälfte davon verbrennt in Motoren, wird zu CO₂, entweicht in die Atmosphäre und beschleunigt die Erderwärmung mit unabsehbaren Folgen: Wetterkapriolen, Dürren und Missernten, Orkane, Klimaflüchtlinge etc. Vor dieser „unbequemen Wahrheit“ – so der Titel eines mehr als nachdenklich stimmenden Dokumentarfilmes von Davis Guggenheim und dem Präsidentschaftskandidaten Al Gore aus dem Jahre 2006 – darf und kann Pädagogik die Augen nicht länger verschließen.

Zu Recht wird seit etlichen Jahren nachhaltiges Lernen gefordert, um das zu gewährleisten, was die Mitgliederstaaten der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro im Jahre 1992 als „nachhaltige Entwicklung“ bezeichneten: eine solche, die sowohl ökonomisch und ökologisch als auch sozial dauerhaft tragbar ist und es ermöglicht, die Lebensgrundlagen und Lebenschancen der Menschheit auf Dauer sicher zu stellen. Es soll – im Hinblick auf zukünftige Ressourcen – nicht „nach uns die Sintflut“ sein, sondern Enkelgerechtigkeit herrschen.

Kein erhobener Zeigefinger!

Wie lässt sich zu einem Handeln motivieren, das umweltgerecht und ressourcenschonend ist? Wenig wirksam wäre der erhobene Zeigefinger. Gemäß der sozialpsychologisch gut gesicherten Theorie der Reaktanz neigen Menschen dazu, mit Widerstand zu reagieren, wenn – offen oder subtil – auf sie Druck ausgeübt wird. Vielfach wird genau das Gegenteil erreicht: „Jetzt z‘ Fleiß!“ Nicht ausreichend scheint auch die Vermittlung von relevantem Wissen. Denn die meisten wissen, dass der massiv angestiegene CO₂-Ausstoß Mutter Erde ins Schwitzen bringt und dass Wale verenden, weil ihre Mägen wegen des geschluckten Plastiks platzen.

Und trotzdem fahren viele mit dem Auto zur 500 Meter entfernten Bäckerei und kaufen in den Supermärkten Käse und Gemüse in Plastik eingeschweißt. In den letzten Jahren erfolgte in der Psychologie eine emotionale Wende, nachdem sie sich intensiv mit den menschlichen Kognitionen und Denkprozessen beschäftigt hatte. Es ist aber nur zu wahr, dass wir nicht immer denken. Aber wir befinden uns stets in bestimmten Gefühlslagen und Emotionen. Wichtige Entscheidungen werden im Bauch getroffen, und der Kopf wird dann dafür bemüht, argumentativ zu rechtfertigen, was emotional entschieden wurde. Vor allem Lernprozesse hängen in einem ungleich stärkeren Maße von Emotionen ab als traditionell angenommen. Welches Gefühl könnte besonders nachhaltig zu ökologischem Lernen und Handeln motivieren? Seit wenigen Jahrzehnten untersucht die Ökopsychologie die Naturverbundenheit, das Gefühl, mit der uns umgebenden Natur eins, zumindest aber ein Teil von ihr zu sein.

Die deutsche Schriftstellerin Malwida von Maysenburg (geb. 1816) erlebte dies stark: „Ich fühlte mich eins mit den Gräsern, den Bäumen, Vögeln, Insekten, mit allem in der Natur. Ich geriet in Erhebung durch das reine Faktum der Existenz, ein Teil von allem zu sein.“ Für Naturverbundenheit entwickelten Ökopsycholog(inn) en Messinstrumente, mit Items wie: „Ich spüre mich mit allen lebenden Dingen und der Erde sehr verbunden.“ In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen: Menschen, die sich mit der Natur eng verbunden fühlen, sind glücklicher, fühlen sich in diesem Kosmos existenziell geborgener, sind weniger ängstlich, haben einen höheren Selbstwert, sind gesünder, denken ganzheitlicher und kreativer und verfügen über ein leistungsfähigeres Gedächtnis.

Gemäß der Theorie der Reaktanz neigen Menschen dazu, widerständig zu reagieren, wenn auf sie Druck ausgeübt wird.

Vor allem aber stärkt Naturverbundenheit die Bereitschaft zu ökologisch verantwortlichem Handeln. John See, ein Umweltaktivist, begründete sein Engagement in Brasilien wie folgt: „Ich bemühte mich, mir klar zu werden, dass nicht ich den Regenwalt zu schützen versuche. Vielmehr bin ich ein Teil des Regenwaldes, der sich selber schützen will.“ Zahlreiche Studien belegen: Naturverbundene kaufen eher schonend hergestellte Produkte, auch wenn sie mehr kosten, reisen öfters mit Bahn oder Bus. Landwirte bemühten sich umso stärker um Biodiversität und streuten umso weniger Kunstdünger aus, je tiefer sie sich mit der Natur verbunden fühlten. Schon in jungen Jahren fördert Naturverbundenheit umweltschonendes Verhalten.

Die Ökopsychologen Cheng und Monroe erfragten bei 1432 Schulkindern Naturverbundenheit mit Items wie „Menschen sind ein Teil der Natur“, aber auch, ob sie bereit sind, Müll zu trennen, während des Zähneputzens den Wasserhahn abzudrehen, das Licht zu löschen, wenn es nicht benötigt wird. Tatsächlich fanden sie eine hohe Korrelation zwischen Naturverbundenheit und ökologischem Handeln. Wie kann Naturverbundenheit – eine in vielem nützliche und wünschenswerte Befindlichkeit – vertieft werden? Zunächst: „Kinder werden mit einem natürlichen Gefühl der Verbundenheit mit der Natur geboren“– so der Umweltpsychologe Ulrich Gebhard. Sie interessieren sich für Lebendiges mehr als für Artifizielles, schon früh für Tiere. Auch durchlaufen sie eine Phase des Animismus, in der sie jeweils die Sonne mit einem Gesicht malen, die Umwelt beleben und in den Wolkenfluchten Gestalten sehen.

Vertieft wird Naturverbundenheit zumal durch vielfältiges Naturerleben, wenn Kinder durch Wälder wandern, durch Gebüsche streifen, im Zoo ausgeschlüpfte Küken streicheln, in einem Bach aus Steinen eine kleine Staumauer errichten, mit nackten Füssen nach einem Regenschauer über den Campingplatz laufen, sodass die glitschige Erde zwischen den Zehen hochquillt. Eltern können dies verstärken, indem sie sich mit ihren Kindern oft ins Freie begeben, im Urlaub nicht eine ausgeflieste Wohnung mieten, sondern ein Zelt aufstellen, sodass Kinder ganz nahe an der Erde schlafen und stets an der frischen Luft sein können, in der Sonnenglut wie in der Abendkühle.

Quelle des Glücks

Der Naturverbundenheit bei Kindern besonders förderlich ist, wenn sie Haustiere halten dürfen, welche unterschätzte Quellen von Kindheitsglück sind und auch die Verantwortung für das Leben generell stärken können. Wobei auch klar gemacht werden muss, dass sie für dieses Tier nachhaltig sorgen müssen.

Ein junger Umweltaktivist erzählte: „Als ich Kind war, erwarb meine Familie eine kleine Hütte an einem See in den Bergen von Colorado. Ich verbrachte viel Zeit in den Wäldern, fütterte Vögel und Eichhörnchen. Das machte mich zu einem Fürsprecher der Tiere, des Lebens und der Natur.“

Solche Naturerfahrungen, zu deren Wesen es gehört, dass jede(r) sie selber machen muss, können selbstverständlich durch altersgemäß angebotene Informationen flankierend vertieft werden – etwa darüber, wie sehr in der Natur alles miteinander verbunden und aufeinander angewiesen ist; und wir sehr wir Menschen darauf angewiesen sind, dass Pflanzen denjenigen Sauerstoff ausatmen, ohne den wir nicht leben können.

Der Autor ist Prof. für Religionspädagogik an der Uni Salzburg und Präsident der Internat. Pädagogischen Werktagung Salzburg.

Veranstaltung

Nachhaltig leben lernen

Die 69. Päd. Werktagung findet bis 16. 7. statt:
bildungskirche.at/werktagung

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