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Eine Anleitung zur "grünen" Weihnacht

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Das neueste Smartphone oder schon wieder ein neues Paar Schuhe? Vom unreflektierten Kauf solcher Produkte, deren Lebenszeit immer kürzer wird, ist nur abzuraten. Weniger zu konsumieren, und wenn, dann bitte sinnvoll und nachhaltig, lautet das Gebot der Stunde.

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Das neueste Smartphone oder schon wieder ein neues Paar Schuhe? Vom unreflektierten Kauf solcher Produkte, deren Lebenszeit immer kürzer wird, ist nur abzuraten. Weniger zu konsumieren, und wenn, dann bitte sinnvoll und nachhaltig, lautet das Gebot der Stunde.

Meine Frau und ihre Tochter haben mir letztes Jahr zu Weihnachten einen Esel geschenkt. Keinen echten und auch keinen aus Stoff, sondern einen symbolischen. Der wirkliche Esel ging an eine Kleinbauernfamilie in einem afrikanischen Land, vermittelt über ein Projekt der Caritas. Manche denken, diese Art zu schenken, sei unpersönlich. Mich hat der Esel sehr gefreut. Kann so im Sinne des geteilten Anliegens einer gerechteren Welt durchaus Verbundenheit zwischen Schenkendem und Beschenktem ausgedrückt werden.

Denn das Schenken wird in einer Gesellschaft, in der die meisten bereits alles, ja schon zu viel haben, immer schwieriger. Wirtschaft und Handel sehen im Weihnachtsgeschäft freilich die große Chance, die Jahresbilanz noch aufzubessern. Und sie dürfen zu Recht hoffen: Laut einer Meinungsumfrage planen die Österreicherinnen und Österreicher hier im Schnitt knapp 350 Euro für Weihnachtsgeschenke auszugeben, rund 40 Euro mehr als im vergangenen Jahr. Der Online-Handel übernimmt indessen die Aufgabe des Christkinds oder Weihnachtsmannes.

"Grüne" Weihnachten unmöglich?

Wie lassen sich also "grüne" Weihnachten hinkriegen? Surft man im Netz, findet man viele Ratschläge für eine ökologische Ausrichtung des Weihnachtsfestes. Es gibt Tipps für Holzspielzeug aus der Region, nachhaltige Weihnachtsbäume und ebensolchen Weihnachtsschmuck. Man erfährt, dass Wurzelbäumchen in Erde nicht unbedingt ökologischer sind als geschnittene Christbäume, da sie meist nicht überleben. Die umwelt-und ressourcenschonendere Variante sei die Rückkehr zum christlichen Gabenbaum, der meist aus irgendeinem Laubbaumgeäst bestand. Und statt Plastikkugeln kann man durchaus zum klassischen Baumschmuck zurückkehren: Zapfen von Fichten, Lärchen oder Kiefern, leuchtend roten Hagebutten oder Berberitzfrüchten. Auch ökologisches Geschenkpapier und LED-Lämpchen für die Weihnachtsbeleuchtung werden angeboten.

Aber noch wichtiger als die Art des Christbaums und seines Schmucks ist, was am Tag der Bescherung darunter liegt. Das Ritual des Schenkens hat(te) in der Knappheitsgesellschaft den Sinn, einander mit Dingen zu erfreuen, die durchaus Gebrauchswert haben, aber über den Alltagsbedarf hinausweisen. In einer Gesellschaft des Massenkonsums kommen diese Gelegenheiten abhanden. Selbst Kinder werden immer öfter von immer mehr Erwachsenen mit Spielsachen überhäuft. Mussten sich in der früheren Großfamilie viele Kinder ein begrenztes Geschenkbudget teilen, so fallen in der modernen Großfamilie in der Regel auf wenige Kinder die bedeutend größeren Geschenkbudgets, nicht nur der Eltern und Großeltern, sondern immer öfter auch von Urgroßeltern sowie kinderlosen Tanten und Onkeln.

Wie kann Schenken also gelingen? Nachhaltig schenken heißt, sich schon früh genug Gedanken darüber zu machen, was gewünscht werden könnte und tatsächlich Verwendung findet. So fällt nicht nur ein wesentlicher weihnachtlicher Stressfaktor weg, sondern man vermeidet auch unnötigen Müll. Das österreichische Umweltministerium rät: "Nachhaltige Geschenke zeichnen sich dadurch aus, dass sie lange Freude machen, und sich der Schenkende Gedanken macht, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte schon bei der Produktion erfüllt sind."

Mehr Mut zur Reduktion

Beides scheint nicht ganz einfach zu sein. Denn alle materiellen Güter sind mit Ressourcenverbrauch verbunden, jedes Geschenk muss produziert, transportiert und irgendwann entsorgt werden: Rohstoff, Energie, menschliche Arbeit stecken hinter jedem Kauf. Es braucht also den Mut und die bewusste Entscheidung, dem Schenken Grenzen zu setzen. Weniger, dafür durchdacht, bringt auch unter dem Weihnachtsbaum mehr. Greifen wir zwei Top-Runner der Weihnachtswunschliste heraus, um diese auf ihre Nachhaltigkeit abzuchecken: Bücher zählen neben Kultur-oder Zeitschriftenabos noch immer zu den Klassikern. Sie haben einen eher geringen Öko-Fußabdruck, zeichnen sich durch lange Lebensdauer aus, können von mehreren Menschen gelesen werden und dienen der Unterhaltung ebenso wie der Bildung.

Anders sieht die Sache bei den nicht weniger beliebten Elektronikunterhaltungsmedien aus. Diese sind nicht nur rohstoffintensiv in der Herstellung - ein Computerchip wiegt unter 0,1 Gramm, sein Öko-Rucksack jedoch 20 Kilogramm. Ein großes Problem stellt der häufig unreflektierte Kauf solcher Geräte dar, deren Lebenszeit wie jene von Möbeln, Schuhen oder Kleidern immer kürzer wird. Mit dem Unterschied, dass bei Elektronikgeräten noch höherwertige Rohstoffe verloren gehen und der wachsende Elektronikmüll immer mehr Probleme bereitet. Laut Schätzungen werden auch heuer wieder über 4000 Tonnen Elektronikgeräte unter Österreichs Christbäumen zu finden sein. Die Seite des Umweltministeriums verweist nicht nur auf nachhaltiges Spielzeug oder Naturkosmetik, sondern auch auf "Elektronik, die mehr kann" - Geräte, die mit einem EU-Ecolabel ausgezeichnet sind.

Zwei Tonnen CO2 pro Fernreise

Viel mehr Sinn macht da die Möglichkeit des "Schenkens durch Spenden" diverser Hilfsorganisationen. Neu ist die Option, Menschen mit Beeinträchtigung in Österreich eine Therapie-oder Reitstunde und damit ein paar Stunden Glück zu ermöglichen. Originell ist auch die Idee des Vereins Arche Noah, der sich um den Erhalt seltener oder gefährdeter Obstsorten in Österreich kümmert. Um diese zu retten, werden Paten gesucht. Inkludiert sind eine Urkunde, eine Beschreibung der Obstsorte, ein Lageplan zum Baum und die Teilnahme an einem eintägigen Obstbaumschnitt- oder Veredelungskurs.

Die alles andere als nachhaltige, wenn auch immer beliebter werdende Form, Weihnachten zu verbringen, ist die Flucht in den warmen Süden. Denn ganze zwei Tonnen CO2 fallen für eine Fernreise an; jenes Kontingent, das bei stringenter Klimagerechtigkeit jedem Erdenbewohner im Jahr zustehen würde. Weihnachten ganz klassisch zuhause im Kreis seiner Lieben zu verbringen, ist daher auch für die Zukunft angeraten - ob mit oder ohne Schnee. Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, verfehlt dabei wohl nie sein Ziel.

Der Autor ist Nachhaltigkeitsforscher der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen

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