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Blowin’ in the Wind

Zu den angenehmen Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren, gehört es, regelmäßig überschätzt zu werden. Jetzt aber hat mich mein Herausgeberkollege Wilfried Stadler ausnahmsweise unterschätzt: Er hält - siehe seine Kolumne der Vorwoche - meine Kenntnis von Bob Dylan für begrenzt. Weit gefehlt, lieber Freund - wiewohl ich gerne zugebe, Dylans schönste Songs noch lieber von Joan Baez, Judy Collins und anderen zu genießen.

Von Ökonomie sprach Kreisky nie

Gerne aber bekenne ich, dass ich in vielen ökonomischen Fragen gegenüber Wilfried Stadler schwer im Hintertreffen bin. Und nicht selten frage ich mich selbstkritisch, wie ich mich gerade in Finanz- und Wirtschaftsfragen so unkundig durch ein langes Berufsleben schlängeln konnte. Gottlob war diese Schwäche während der Kreisky-Ära kein existenzielles Problem - der Langzeit-Kanzler hat uns Medienleute zwar gerne gemahnt, Geschichte zu lernen, von Ökonomie aber war nie die Rede.

So bleibt mir bis heute ein Phänomen gänzlich rätselhaft, das Wirtschaftsexperten vermutlich spielend erklären können: Nahezu täglich grüble ich nämlich, wohin all das öffentliche Geld verschwunden sein könnte, das in vergangenen - und wirtschaftlich weit schwierigeren - Zeiten offenkundig noch vorhanden war.

Da ist keine Behörde, keine wohltätige, kulturelle oder außeruniversitäre Institution in Österreich (und anderswo), der nicht vom Staat mangels Budgetmittel die Subventionen gekürzt werden. Da wird zurückgestutzt, eingespart, abgebaut, wohin das Auge blickt - mit massiven Auswirkungen auf unser Leben.

Auslandsvertretungen werden zugesperrt, Entwicklungshilfegelder ohne Rücksicht auf menschliches Elend gestrichen. Viele unserer Postämter und Gendarmerieposten müssen schließen. Und wer sich vom nächsten Bahnhof eine Auskunft erhofft, der wird an die Warteschlange eines anonymen "Callcenters“ verwiesen: "Nein, Ihr Bahnhof ist telefonisch nicht mehr erreichbar.“

Als kritischer Bürger glaube ich natürlich, dass es durchaus Sparpotenziale gäbe - immer und überall. Aber diese Vermutung beantwortet letztlich nicht meine Frage: Wieso konnten wir Österreicher - in Bund, Ländern und Kommunen - uns einst Dinge leisten, die heute unfinanzierbar geworden sind?

Obwohl wir doch eher mehr Steuern zahlen als damals. Obwohl wir doch heute nicht weniger fleißig sind. Obwohl sich unsere Wirtschaft doch wieder einer stabilen Auftragslage und hoher Beschäftigungszahlen erfreut. Und: Erstarrte Strukturen, die unnötig Geld fressen und nach Verwaltungsreform schreien, hat es doch auch damals - in "besseren“ Zeiten - gegeben.

Wie und wohin verschwindet Geld?

Um es ganz blauäugig auf den Punkt zu bringen: Wer sitzt heute auf dem Geldsack, aus dem der Staat einst seine Wohltaten regnen lassen konnte? Wo ist vieles davon gelandet: Auf den Konten undurchsichtiger Konzerne? In den Taschen von Zockern? Wo sonst? Und überhaupt: Wie verschwindet Geld?

Wilfried Stadler & Co sind herzlich gebeten, mir das zu erklären.

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