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Zu allem fähig

"Umso tiefer ein Finanzminister in die Brieftasche der Leute greift, desto populärer wird er, sodass man schwer umhin kann, die Österreicher für ein durch und durch masochistisches Volk zu halten." Egyd Gstättner

Als ich heuer im Winter im Ruheraum der Sauna nach einem erschöpfenden Aufguss Reinhard Eberhardts Faschingszeitung durchblätterte, stach mir ein ganzseitiges Inserat der Universität Klagenfurt mit dem Slogan Klagenfurter Absolventen sind zu allem fähig ins Auge, das mit dem Porträt des heutigen Finanzministers Mag. Karl-Heinz Grasser illustriert war. Grasser ist bekanntlich nicht nur der jüngste Finanzminister der Republik und war zuvor schon der jüngste Landeshauptmannstellvertreter Kärntens, er ist summa summarum sehr jung - viel jünger als ich jedenfalls - und offenbar immer schon jung gewesen, auch als Student. Ich selbst stamme ja noch aus einer Zeit, in der diese Universität nachts unbeleuchtet und ohne Bushaltestelle auskommen musste, dafür von Wiesen und Äckern gesäumt war und nicht "Klagenfurt", sondern "für Bildungswissenschaften" hieß, die mittlerweile zu einer Minderheit geschrumpft permanent um Artenschutz kämpfen müssen. Jedenfalls habe ich Karl Heinz Grasser nie auf der Universität gesehen; er muss ein paar Jahre nach mir studiert haben und sponsiert worden sein, allerdings noch in einer Ära ohne Studiengebühren. Soviel ich weiß, entstammt er einem Haus, das wohl keine Probleme gehabt hätte, Studiengebühren schon damals zu berappen. Wie auch immer: Da wir Absolventen verschiedener Fakultäten sind und ich von Ökonomie und Finanzen mit voller Absicht rein gar nichts verstehe, kann ich natürlich nichts Seriöses über den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Finanzminister sagen. Aber das kann ich sagen, dass sich ein Finanzminister hervorragend als Schmuck und Werbeträger und Aushängeschild einer Universität eignet, wenn sie schon einen hervorgebracht hat, umso mehr, als Österreich ja traditionell für die Kuriosität bekannt ist, dass ausgerechnet seine Finanzminister immer hohe Popularitätswerte genießen, egal welche Partei sie entsandt hat. Und umso tiefer ein Finanzminister in die Brieftasche der Leute greift, desto populärer wird er, sodass man schwer umhin kann, die Österreicher für ein durch und durch masochistisches Volk zu halten, in dem jeder einzelne mindestens eine Proseminararbeit über die Venus im Pelz von Leopold von Sacher Masoch geschrieben hat. Darin ist vom "verschraubten, schwächlichen Geistesmenschen" die Rede und die in die Rolle der Sadistin geschlüpfte Wanda sagt den Satz: "Ich glaube, dass man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem nicht treu sein darf." Vielleicht ist damit wirklich das politische Konzept unserer Tage beschrieben. Interessanterweise rasten aber genau dieselben Masochisten - wie in der Zeitung immer wieder zu lesen - dann doch aus und greifen zum Küchenmesser, wenn ihr Lebenspartner sie betrügt, sich auf ihre Kosten und zu ihren Lasten anderswo vergnügt und sich sexuell sozusagen wie ein Finanzminister aufführt.

Im Wesen der Werbung liegt die Halbwahrheit. Nun will ich die Verdienste meiner Universität um die Besetzung des Chefsessels im Finanzministerium keineswegs schmälern, aber viele haben Betriebswirtschaft studiert und wenige sind auserwählt, und ich vermute, dass der entscheidende Schritt in der Karriere des Karl Heinz Grasser weniger der Abschluss seines Studiums als der richtige Urlaub und die richtige Urlaubsbekanntschaft mit dem richtigen Parteiobmann zur richtigen Zeit gewesen ist. Ich meine das Wort richtig nicht wertend. Auch wenn es mir durchaus sympathisch ist, dass man Grasser die Partei, die ihn postiert hat, überhaupt nicht anmerkt und sein Auftreten und seine Manieren geradezu als Oase in der Wüste nach unten nivellierten Benehmens interpretiert werden können, lehrt mich meine lebenslängliche Finanzministerbeobachtung doch das Wissen, dass es keinen Self-made-Finanzminister gibt, keinen Finanzminister sui generis, ihr Chefsessel ist und bleibt geborgt, und wie hervorragend ihr Wirken vielleicht auch sein mag, kommen und gehen sie trotzdem: In keinem Fall bleibt einer länger im Amt als der, der ihn kandidiert hat: Quod erat demonstrandum. Das heißt, in jedem Finanzminister schlummert ein vorweggenommener Ex-Finanzminister, und auch wenn noch keiner von ihnen über existenzielle Sorgen geklagt hätte, sinken die Popularitätswerte der Exfinanzminister so dramatisch schnell, wie sie gewachsen sind, und keine Universität der Welt geht dann noch mit ihnen hausieren.

Will sagen: Es werden Faschingszeitungen erscheinen, in denen die Universität, falls sie dann noch inseriert, andere Absolventen zum Zug kommen lassen wird, und ich bin heute schon gespannt, ob noch jemand aus meiner Generation und aus meinen Fächern für würdig befunden wird, mich in der Sauna zu treffen. Mich selbst mag ich nicht auf diese Liste setzen, nicht, weil ich gar so bescheiden wäre oder gar etwas dagegen hätte, dass meine Universität stolz auf mich ist, sondern weil es mir äußerst unangenehm wäre, wenn mich nackte Menschen in der Sauna in der Faschingszeitung aufstöbern.

Stattdessen hat es mich gereizt, darüber nachzudenken, was ich meiner Universität verdanke, falls ich ihr etwas verdanke, von den akademischen Titeln einmal abgesehen, die ja auch durch meine eigene freundliche Unterstützung zustandegekommen sind. Also: Ich verdanke der Universität einen Beruf, das heißt den Befähigungsnachweis für einen Beruf, den ich nicht ausübe und niemals ausgeübt habe, teils weil es keine Möglichkeit dazu gegeben hat, teils, weil ich auch keine besondere Lust und gar nicht die Zeit dazu gehabt habe, weil ich hauptsächlich ja schon immer das gemacht habe, was ich mache. Ich übe keinen Beruf aus, denn es ist kein Beruf, ich zu sein: Das kann man von niemandem verlangen, aber man muss, wenn man es unverlangt kann, auch niemandem dafür dankbar sein. Ich verdanke der Universität weder die Tatsache, dass ich schreibe (denn ich habe vor dem Studium geschrieben, wie ich während - manchmal: trotz - des Studiums geschrieben habe und es auch seither tue), noch die Art, wie ich schreibe (denn das ist einzig eine Frage des Wesens und damit eine Frage, vor der jede Forschung zum Glück kapitulieren muss. Es ist mir selbst ein Rätsel, wie mir Ideen für Worte und Wortstellungen, Sprachideen kommen - aber ich habe auch gar kein Verlangen, das Rätsel zu lösen, solang es bloß auf meiner Seite ist), noch verdanke ich ihr die Qualität meines Schreibens, wie groß oder klein die auch sein mag. Soviel kann ich getrost sagen, dass die Tabakindustrie für die Literatur wichtiger ist als die Germanistik.

Abgesehen davon, dass es keine Dichterschulen und Akademien gibt, dass die Germanistik am allerwenigsten eine solche ist (und das weder will, noch vorgibt), sondern dem Schreiben eher hinderlich und abträglich, kann ich mich - sieht man von vereinzelten Kaffeeplaudereien mit Alois Brandstetter und einem kurzen Gespräch mit Hermann Kinder ab - nicht erinnern, von den Germanisten in Klagenfurt jemals besondere Ermunterung, Förderung und später als Absolvent Bestätigung oder gar Würdigung erfahren zu haben. Allerdings mache ich mir selbst oft den Vorwurf, dass ich von allen Menschen ganz selbstverständlich erwarte, dass sie lesen können, was auf meiner Nasenspitze steht. Und ich bin dann jedes Mal ganz enttäuscht, wenn ich feststellen muss, dass sie dazu nicht fähig sind. Dann bleibt mir nichts übrig, als es noch einmal schwarz auf weiß niederzuschreiben, und am Papier klingt alles etwas schärfer als vorher auf der Nasenspitze. Nun könnte sie, die schweigende Mehrheit, mir sagen: Sie sind ja durch und durch ungerecht und ein purer Egozentriker. Und ich könnte sagen: Gerade daran hätte sie den Dichter erkennen können. Klagenfurter Absolventen sind zu allem fähig.

Aber ich habe der Universität - und das ist nicht wenig! - ganz einfach, weil sie viele Jahre lang Teil meines Lebensraums war, Bilder zu verdanken, Szenen, Figuren und Verhaltensweisen in reicher Zahl, Sprache (die damals in Expertenkreisen so etwas wie die kleine Tochter der Sprachlichkeit war), die Erinnerung an Animositäten, Enthusiasmen, Depressionen, gruppendynamische Prozesse, Machtspiele, einen reichen Fundus für Erzählungen und Geschichten, aus dem längst noch nicht alle Exponate und Requisiten geräumt sind. Ich habe der Universität - und dafür muss ich wirklich dankbar sein - eine ganze Menge Text zu verdanken. Nebenbei ist sie - und auch das ist viel! - eine der wenigen staatlichen Einrichtungen, in der mich niemals das Gefühl beschlichen hat, dass sie mich beschädigen will. Also gaudeamus igitur!

An mein Philosophiestudium (bei dem freilich auch viel Eigenstudium war - ob Gorgias oder Schopenhauer, Pessoa oder Unamuno: alle die Lieblingsfiguren, die später in meinen Büchern aufgetaucht sind, sind genaugenommen keine Unibekanntschaften), an etliche Vorlesungen, Seminare und - ja: Symposien habe ich noch immer eher angenehme Erinnerungen. Die Philosophen, auch die in Klagenfurt, haben immer die Kunst entwickeln und beherrschen müssen, sich Freiräume zu schaffen, die ihnen die von Effizienz und Zahlenlogik bestimmte gesellschaftliche Wirklichkeit nur ungern, wenn überhaupt zuzugestehen bereit ist. Ich glaube, ich habe ganz gut verstanden, was Manfred Moser gemeint haben muss, als er einmal vom Stolz der Inferiorität gesprochen hat. Verschiedene Quellen nennen als Begründer der Philosophie Thales von Milet, der ja dafür berühmt ist, dass er, als er einmal zu lang nach oben blickte und die Sterne beobachtete, in einen tiefen Brunnen gefallen ist. Eine Magd hat ihn verspottet: "Der will wissen, was am Himmel sei, aber es bleibt ihm verborgen, was vor ihm und zu seinen Füßen liegt!" Zu dieser Szene fällt mir ein Gerücht aus der Gründerzeit der Universität für Bildungswissenschaften ein: Beim Vorstufengebäude, das als erstes errichtet wurde, hat man an alles gedacht, nur auf die Toiletten vergessen. Zumindest während meiner Studienzeit waren die nachträglich eingebauten Toiletten so groß wie Seminarräume und ganz bestimmt die geräumigsten Toiletten aller Universitäten auf der ganzen Welt. Wäre ich Rektor meiner Universität, der ich zum Glück nicht bin, wäre ich jedenfalls so stolz auf die kuriose Einzigartigkeit, dass ich meine Werbeinserate gar nicht nur in der Faschingszeitung genau auf diese Megatoiletten gründen würde, denn ihr Symbolgehalt könnte gar nicht größer sein: Toilettenbauen kann schließlich bald einer. Aber nach den Sternen greifen wenige.

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