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1945 1960 1980 2000 2020

Der Konkurrenzkampf nimmt zu und die Arbeitsbedingungen auf Flusskreuzfahrtschiffen werden immer härter. Unterwegs auf der Schattenseite eines Boom-Sektors.

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Der Konkurrenzkampf nimmt zu und die Arbeitsbedingungen auf Flusskreuzfahrtschiffen werden immer härter. Unterwegs auf der Schattenseite eines Boom-Sektors.

Hoorn, Ijsselmeer, Mitte Juli. Die MS Amadeus Elegant ist am späten Vormittag angekommen. Die ersten Passagiere haben sich an Land umgeschaut und kommen jetzt zurück. Einige machen Fotos vom blütenweißen Schiff am Anleger. "110 Meter Länge, 11,4 Meter Breite", steht auf dem Rumpf, und dass 150 Passagiere an Bord Platz haben. Die begeben sich nun im Salon zu Tisch.

Vom Steg aus sieht man, wie Kellnerinnen in hellen Hemden und dunklen Westen das Essen hineintragen. Oben an Deck, wo die Liegestühle nun verwaist sind, schrubben drei Matrosen in blaugrüner Arbeitskleidung die Reling. Um die 30 sind sie, ihr Englisch brüchig. Wo sie herkommen? "Rumänien."

Eine klassische Szene auf einem Flusskreuzfahrtschiff, wie sie sich, zumal im Sommer, täglich auf Donau, Rhein, Elbe und ihren Nebenflüssen abspielt. Die Branche boomt, sagt der Hafenmeister von Hoorn, ein pittoreskes Städtchen, das oft gemeinsam mit dem nahen Amsterdam angelaufen wird. "Es ist nicht lange her, da legten hier 70 Schiffe im Jahr an. Nun sind es 430." In Europa, das inzwischen dem Nil und Russland den Rang abgelaufen hat, sind heuer 315 Schiffe auf 250 Routen unterwegs. Allein auf dem Rhein stieg ihre Zahl seit den 1990ern von 20 auf 250. Doch mit der Masse änderten sich die Arbeitsbedingungen vieler Angestellter auf den Schiffen drastisch. Dumpinglöhne und unbegrenzte Arbeitszeit sind zum Teil Dauerzustand. Nur manchmal regt sich Widerstand dagegen.

Janusz Koslowski und Susan Weber (Namen geändert), beide Anfang 30, haben die Entwicklung aus der Nähe erlebt. 2008 heuerte Janusz Koslowski, ehemals Kellner in Polen, auf dem Rhein an, später landete er auf der Donau. 2009 wurde er Barchef. Ein Jahr später wechselte auch Susan Weber, zuvor als Vertretung auf verschiedenen Routen in Restaurants beschäftigt, auf die Donau. Dort traf sie auf Janusz, Amor schoss seine Pfeile auf die beiden ab, die fortan auf den gleichen Schiffen arbeiteten, erst auf der Donau, dann auf der Elbe. 2014 wurde Susan, zuvor als Saisonnier in Alpen-Hotels beschäftigt, noch zur Restaurant-Managerin befördert. Am Anfang der nächsten Saison gingen sie gemeinsam von Bord, mitten auf einer Fahrt.

"Wir waren unterbesetzt", erinnert sich Susan ein Jahr später in einem Café in Aachen. Dort hat sich das Paar, inzwischen verheiratet, niedergelassen. Zum Arbeitsdruck kamen Probleme mit dem Operation Manager. "Der blaffte uns nur an, wie bei der Armee, wir würden nicht genug arbeiten." Angesichts der geleisteten Überstunden ein gewagter Vorwurf: Vor allem seit ihr Arbeitgeber, Branchenführer Viking River Cruises, ab 2012 auf Expansion setzte, hätten beide gut 90 Stunden pro Woche gearbeitet. Ohne freien Tag und jenseits der vertraglich festgelegten Stundenzahl unbezahlt.

"Hier", sagt Janusz und zieht aus einer Dokumenten-Mappe die Verträge. Daraus gehen 40 bzw. 48 Stunden Wochenarbeitszeit hervor. Verschlechtert, sagt er, hätten sich die Bedingungen 2012. Damals seien die bestehenden Luxemburger Verträge durch schweizerische ersetzt worden, was die Netto-Gehälter von 1.500 auf 1.270 senkte. Dazu kam schon seit einigen Jahren immer mehr osteuropäisches Personal an Bord. "Für sie sind 1.200 Euro natürlich viel besser als in Polen oder Ungarn 500 Euro zu verdienen", so Susan. "Und die Neuen wissen nicht, dass es früher, mit den alten Verträgen, mehr Gehalt gab."

Rückblickend denkt Susan, dass sie und ihr Mann zu lange in der Branche waren. Für sich selbst, weil sie schon seit Jahren ans Aufhören dachten. Und für den Arbeitgeber. "Sie wollen lieber jüngeres Personal, denen sie mehr Druck machen können." Auch die steigenden Zahlen asiatischer Arbeitskräfte ordnet sie in diesen Kontext ein. "Die Philippinos kommen von weit her, um zu arbeiten, darum haben sie Angst etwas zu sagen. Sie haben auch keinen Urlaub und bekommen weniger Trinkgelder als die Europäer."

Eigeninitiativen

Diese Zustände rufen seit Jahren Gewerkschaften auf den Plan (siehe Interview). Im April 2016 sind deshalb verschiedene Vertretungen des Transport- und nautischen Sektors nach Amsterdam gekommen, neben Köln, Wien und Budapest eine der europäischen Flusskreuzfahrt-Hochburgen, um zum Saisonbeginn eine Öffentlichkeits-Kampagne zu starten. Am "Passenger Terminal" nahe des Bahnhofs haben sie Banner mit Forderungen für faire Arbeitsbedingungen aufgehängt.

Kleine Empfangszelte mit dem Logo von AMA Waterways begrüßen die neuen Fahrgäste, die von Reisebussen hier am Ufer des IJ abgesetzt werden. Zwei AMA-Angestellte empfangen sie, dazu gibt es einen "Offenen Brief an die Passagiere" von den Gewerkschaftsmitgliedern. Darin werden die Fahrgäste über die Lage informiert und gebeten, den Schiffsmanager auf die Arbeitsbedingungen anzusprechen. Auch Janusz ist hier, um seine Geschichte zu erzählen. Seit er und Susan von Bord gingen, sind sie mit der Gewerkschaft in Kontakt und erwägen, vor Gericht zu gehen.

Diesen Schritt hat Hendrik van Loon (Name geändert) schon hinter sich. Der Niederländer war Matrose bei Viking Cruises, als er Anfang 2015 eine E-Mail bekam. Darin gab die Direktion bekannt, dass nach der Aufhebung der Wechselkursbindung des Schweizer Franken an den Euro die Löhne fortan in Euro ausgezahlt würden, zum festen Kurs von Ende 2014. Im Anhang fand sich der neue Vertrag, den man, bitteschön, unterzeichnet zurückschicken sollte.

Van Loon, ein Kind des Wassers, in Delfzijl aufgewachsen und zuvor lange Jahre in der Binnenfahrt tätig, wollte sich mit 20 Prozent Gehaltseinbussen nicht abfinden. Stattdessen unterzeichnete er, wie gut 50 Kollegen, eine Petition, die ein Viking-Kapitän ebenfalls als E-Mail verschickte. Der Druck nahm zu. "Ein Vorgesetzter drohte uns: 'Unterschreibt, oder ihr werdet entlassen!' Darauf unterschrieb ich, schickte den neuen Vertrag per E-Mail und per Post ab. Gekündigt wurde ich trotzdem. Sie sagten, sie hätten weder den Brief noch die E-Mail bekommen."

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Im Frühsommer 2016 sitzt Hendrik Van Loon in der Kajüte seines Frachtschiffs bei Oldenburg. Finster wie das Gewitter, das draußen niedergeht, wird seine Miene, wenn er über den Gerichtsstreit mit seinem ehemaligen Arbeitgeber spricht.

Am Vorabend erst ist er aus Basel zurückgekommen, dem Hauptsitz von Viking Cruises. Ein Treffen mit dem Anwalt und dem einzigen verbliebenen von ursprünglich vier oder fünf Kollegen, die ihren Verdienstausfall einklagen wollten. Um 13.000 Euro geht es für ihn. "Viking hat eine Einigung angeboten und eine Zahlung von 1.300 Euro. Das können sie sich sonstwohin stecken!"

Die neue Hoffnung: dass nicht nur die Kündigung unrechtmäßig war, sondern auch die Umstellung der Gehaltswährung. Vorläufig transportiert Van Loon nun als Selbstständiger Viehfutter durch Norddeutschland. Küstenkanal, Dortmund-Ems-Kanal, Mittelland-Kanal. Immerhin dürfte er dort kaum auf Flusskreuzfahrtschiffe treffen.

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