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Der große Lustverlust

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"Die schönste Sache der Welt" wird zunehmend als aufwendig und stressig empfunden. In Österreichs Schlafzimmern herrscht die große Flaute.

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"Die schönste Sache der Welt" wird zunehmend als aufwendig und stressig empfunden. In Österreichs Schlafzimmern herrscht die große Flaute.

Die Diskussion um Familienpolitik und "Kindergeld" erweckt den Eindruck, als ob Geld allein das Entscheidende an sinnvoller Familienförderung wäre. Eine ganze Menge anderer Probleme, die das Leben von und mit Kindern (vor allem in den vielen Alleinerzieher-Haushalten) schwierig machen, bleibt dabei ausgeblendet. So beseitigt das Kindergeld in keiner Weise die Probleme berufstätiger Frauen - im Gegenteil! Die seit Jahren nachgewiesenen Defizite der öffentlichen Kinderbetreuung und der Mangel an flexiblen Arbeitszeitmodellen, wodurch Kinder insbesondere für Frauen zum Karrierehindernis werden, bleiben unangetastet. Kinder können aber auch ungeachtet der finanziellen Verhältnisse zu Stolpersteinen werden: So engt die heutige individualisierte "Risikogesellschaft" (Ulrich Beck), deren idealtypischer Arbeitnehmer ja der ungebundene, allzeit flexible Single ohne jede familiäre Verpflichtungen ist, Platz und Zeit für Familie und Kinder merklich ein.

Knapper Spielraum Wer dies nicht sieht und die Österreicher/innen mittels "Kindergeldes" auch wieder zu vermehrtem "Kindersegen" ermuntern will, wird Schiffbruch erleiden: die Geburtenrate, deren Förderung ja auch Ziel dieser Maßnahme ist und die übrigens in jenen Ländern am höchsten ist, die die besten Kinderbetreuungsstrukturen bieten, folgt anderen Gesetzen: Die Entscheidung für oder gegen Kinder hängt en gros sicher nicht vom Geld, sondern von jenen Faktoren ab, die Eltern und Familien mehr Bewegungsspielraum ermöglichen. Haben Eltern zu wenig davon, werden Kinder gar nicht mehr eingeplant, nicht zuletzt deshalb, weil die Hetze in der modernen Gesellschaft zunehmend jene Lebensbereiche infrage stellt, die schließlich die reproduktive Grundlage des Kinderkriegens darstellen: nämlich Partnerschaft und Sexualität!

So empfinden immer mehr Menschen heute ein "low sexual desire" (LSD), zu deutsch: Lustlosigkeit. Ohne dass wirklich zuverlässige Daten über das Sexualverhalten vorliegen, zeigt der Zulauf zu therapeutischer Hilfe und zu entsprechenden Vortragsveranstaltungen, dass den Leuten dieses Thema unter den Nägeln brennt - und nicht nur jenen mit längeren Partnerschaften!

Schon sehr junge Menschen beklagen neben dem alltäglich härter werdenden Leistungsstress in Schule, Lehre, Beruf und auch in der "Freizeitindustrie" einen sich oft schon nach wenigen Monaten einstellenden Lustverlust: "Es ist einfach alles zu viel", sagte mir eine knapp 20-Jährige, deren sexuelle Beziehung nach kurzer Dauer auf dem Nullpunkt angelangt war. Der brutaler werdende berufliche Konkurrenzkampf raubt der "schönsten Sache der Welt" jene Zeit und Muße, die zu ihrem Genuss und Erhalt unabdingbar sind. Mehr oder weniger bewusste Existenzängste führen tendenziell zu einer "geschwisterlichen Lebensbewältigungsgemeinschaft" (Eberhard Schorsch), die die Atemluft für das Sexuelle und damit die reproduktive Grundlage für das Bevölkerungswachstum dünn werden lässt.

Internet-Sex & Porno Irritierte Sexualität und verletzlicher gewordene Beziehungen aber erhöhen die Trennungswahrscheinlichkeit, wobei die Leidtragenden der rapide steigenden Scheidungsziffern wiederum die Kinder sind. Warum also überhaupt welche "anschaffen"? Dieser Trend kann sich zu einem wirklichen bevölkerungspolitischen Problem auswachsen. Jetzt schon nutzen immer mehr Menschen (noch sind es vor allem Männer) aus Unsicherheit "unverbindliche", "schnelle" Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung in Form des kommerziellen Sex-Angebots aus Pornographie und Prostitution und aus dem boomenden Internet-Sex.

Dies führt wahrscheinlich zu einer weiteren Aushöhlung zwischenmenschlicher Sexualität: Schon erheben manche Sexualforscher die Masturbation - befreit vom ehemals schamhaft besetzten Ersatzcharakter - zu einer neuen, selbstständigen Sexualitätsform. Und beileibe nicht nur bei einsamen Menschen, sondern auch innerhalb von Partnerschaften.

Sexualität scheint neben der Mühsal postmoderner Existenz zu einer zusätzlichen Anstrengung und einer (auch durch geänderte Geschlechterverhältnisse!) unsicheren Sache geworden zu sein. "Beziehungsarbeit" wird vielen zu aufwendig: "So richten sich viele mehr oder weniger behaglich in ihren Party- und Single-Familien ein. Man lebt enthaltsam oder pflegt den (verhüteten) Sex mit dem Ex, man masturbiert", heißt es in einer neueren Studie über die Sexualität jüngerer Menschen.

Bleibt die Frage, inwieweit Familien- und Kinderpolitik einzelner Länder überhaupt eine Chance haben, sich gegen diese letztlich globalen Trends zu stemmen. Wenn es aber eine gibt, dann besteht sie sicher nicht in populistischen finanziellen Häppchen, die sich bei genauerer Untersuchung als leeres Versprechen erweisen, weil die bewusste und unbewusste Bereitschaft, Elternschaft auf sich zu nehmen, mangels Unterstützung weiter schwindet ...

Der Autor ist Psyhchoanalytiker und Psychotherapeut in Innsbruck.

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