Ferdinand Magellan - Ferdinand Magellan - © Foto: Getty Images / Leemage / Corbis
Feuilleton

Die fehlenden Strophen des Weltgedichts

1945 1960 1980 2000 2020

Stefan Zweigs historische Miniaturen haben noch immer Einfluss auf das Bild „unserer“ vermeintlich ­heroischen Vergangenheit. Wie das Beispiel Ferdinand Magellan zeigt, beschränkte sich der Autor aber nicht auf bloße Tatsachen-Berichte.

1945 1960 1980 2000 2020

Stefan Zweigs historische Miniaturen haben noch immer Einfluss auf das Bild „unserer“ vermeintlich ­heroischen Vergangenheit. Wie das Beispiel Ferdinand Magellan zeigt, beschränkte sich der Autor aber nicht auf bloße Tatsachen-Berichte.

Was Stefan Zweig von Schriftstellern vergleichbaren Nachruhms unterscheidet, ist, dass er auch heute noch von vielen tatsächlich gelesen wird. Man denke etwa an Lion Feuchtwanger oder Jakob Wassermann, die in der Zwischenkriegszeit ebenfalls als „meistgelesene“ Autoren galten, deren Werke aber nur mehr einem überschaubaren Publikum näher bekannt sein dürften. Vor allem Zweigs historisches Œuvre erfreut sich anhaltender Beliebtheit, an erster Stelle seine Erinnerungen an „Die Welt von Gestern“, aber auch die Bio­grafien, die er Maria Stuart, ­Marie Antoinette und anderen geschichtlichen Figuren widmete. So formt Stefan Zweig, der aus Europa schmählich Vertriebene, im brasilianischen Exil unglücklich Dahingeschiedene, auch bald 80 Jahre nach seinem Tod das Bild, das sich Menschen von der Vergangenheit machen.

Exzellenter Historiker

Offenkundig besaß Zweig die doppelte Gabe, sich für seine Themen zu begeistern und seine Begeisterung in eine elanvolle, überschwängliche Sprache zu gießen, sodass sie in jeder Zeile spürbar ist. Ebenso unübersehbar sind seine exzellenten Geschichtskenntnisse. Zweigs Biografien und historische Miniaturen sind durchwegs – wie man heute sagt – sehr gut recherchiert, aber als literarische Texte begnügen sie sich nicht mit der Darstellung dürrer Fakten.

In einem 1939 geschriebenen Vortragsmanuskript hat der Dichter die Geschichte selbst eine Dichterin genannt, allerdings eine Dichterin, die ihren Stoff nur bruchstückhaft der Nachwelt überliefert und die auch nicht imstande ist, pausenlos Meisterwerke zu schaffen. Die fehlenden Strophen in diesem Weltgedicht zu ergänzen, sei der Künstler berufen, der freilich „auf jedes Fabulieren“ zu verzichten und „dem überlegenen Geist der Historie“, das heißt dem „Weltgeist“, zu dienen habe. Um dessen Logik zu verstehen, müsse der Künstler „Psychologe sein, er muss eine besondere Art des Lauschens, des sich Tief-in-das-Geschehnis-Hineinhorchens besitzen“. Das Seelenleben seiner Heldinnen und Helden hat Zweig immer sehr farbig ausgemalt. Auch dies dürfte zur andauernden Popularität seiner historischen Werke beitragen, glaubt man doch bei der Lektüre die handelnden Personen lebendig vor Augen zu haben. So auch jenen Seefahrer, den Zweig 1938 in „Magellan. Der Mann und seine Tat“ porträtierte.

Mit Magellans Namen ist die Geschichte der ersten Umsegelung der Erde verbunden. Im September war es fünfhundert Jahre her, dass der Portugiese mit fünf Schiffen und rund 240 Mann Besatzung von Spanien aus in See stach. Vor allem in Spanien und Portugal ist das Jubiläum mit Pomp gefeiert worden, aber auch hierzulande hat es beachtliches Medienecho hervorgerufen. Dabei trat zutage, wie sehr Zweigs „Magellan“ die Wahrnehmung dieses Ereignisses bis heute prägt: Er wurde vielfach zitiert, im Radio vorgelesen und diente unverkennbar mehreren feuilletonistischen Nacherzählungen als Blaupause.

Zweigs Magellan ist ein einsamer Held, ein „Genius“, der sich in den Kopf gesetzt hat, „das bisher unmöglich Geglaubte zu vollführen [...], nämlich die Erde auf einer einzigen Fahrt zu umrunden“. Diese Idee hat der Mann „einzig mit sich allein durchgedacht“ und sie schließlich „in wahrhaft heroischer Selbstaufopferung“ in die Tat umgesetzt. Indem Magellan auf seiner Fahrt – „die herrlichste Odyssee in der ­Geschichte der Menschheit vielleicht“ – den gesamten Erdumfang ausmaß, habe er der ganzen Menschheit „ihre eigene Größe bewusst“ gemacht.

Was Stefan Zweig von Schriftstellern vergleichbaren Nachruhms unterscheidet, ist, dass er auch heute noch von vielen tatsächlich gelesen wird. Man denke etwa an Lion Feuchtwanger oder Jakob Wassermann, die in der Zwischenkriegszeit ebenfalls als „meistgelesene“ Autoren galten, deren Werke aber nur mehr einem überschaubaren Publikum näher bekannt sein dürften. Vor allem Zweigs historisches Œuvre erfreut sich anhaltender Beliebtheit, an erster Stelle seine Erinnerungen an „Die Welt von Gestern“, aber auch die Bio­grafien, die er Maria Stuart, ­Marie Antoinette und anderen geschichtlichen Figuren widmete. So formt Stefan Zweig, der aus Europa schmählich Vertriebene, im brasilianischen Exil unglücklich Dahingeschiedene, auch bald 80 Jahre nach seinem Tod das Bild, das sich Menschen von der Vergangenheit machen.

Exzellenter Historiker

Offenkundig besaß Zweig die doppelte Gabe, sich für seine Themen zu begeistern und seine Begeisterung in eine elanvolle, überschwängliche Sprache zu gießen, sodass sie in jeder Zeile spürbar ist. Ebenso unübersehbar sind seine exzellenten Geschichtskenntnisse. Zweigs Biografien und historische Miniaturen sind durchwegs – wie man heute sagt – sehr gut recherchiert, aber als literarische Texte begnügen sie sich nicht mit der Darstellung dürrer Fakten.

In einem 1939 geschriebenen Vortragsmanuskript hat der Dichter die Geschichte selbst eine Dichterin genannt, allerdings eine Dichterin, die ihren Stoff nur bruchstückhaft der Nachwelt überliefert und die auch nicht imstande ist, pausenlos Meisterwerke zu schaffen. Die fehlenden Strophen in diesem Weltgedicht zu ergänzen, sei der Künstler berufen, der freilich „auf jedes Fabulieren“ zu verzichten und „dem überlegenen Geist der Historie“, das heißt dem „Weltgeist“, zu dienen habe. Um dessen Logik zu verstehen, müsse der Künstler „Psychologe sein, er muss eine besondere Art des Lauschens, des sich Tief-in-das-Geschehnis-Hineinhorchens besitzen“. Das Seelenleben seiner Heldinnen und Helden hat Zweig immer sehr farbig ausgemalt. Auch dies dürfte zur andauernden Popularität seiner historischen Werke beitragen, glaubt man doch bei der Lektüre die handelnden Personen lebendig vor Augen zu haben. So auch jenen Seefahrer, den Zweig 1938 in „Magellan. Der Mann und seine Tat“ porträtierte.

Mit Magellans Namen ist die Geschichte der ersten Umsegelung der Erde verbunden. Im September war es fünfhundert Jahre her, dass der Portugiese mit fünf Schiffen und rund 240 Mann Besatzung von Spanien aus in See stach. Vor allem in Spanien und Portugal ist das Jubiläum mit Pomp gefeiert worden, aber auch hierzulande hat es beachtliches Medienecho hervorgerufen. Dabei trat zutage, wie sehr Zweigs „Magellan“ die Wahrnehmung dieses Ereignisses bis heute prägt: Er wurde vielfach zitiert, im Radio vorgelesen und diente unverkennbar mehreren feuilletonistischen Nacherzählungen als Blaupause.

Zweigs Magellan ist ein einsamer Held, ein „Genius“, der sich in den Kopf gesetzt hat, „das bisher unmöglich Geglaubte zu vollführen [...], nämlich die Erde auf einer einzigen Fahrt zu umrunden“. Diese Idee hat der Mann „einzig mit sich allein durchgedacht“ und sie schließlich „in wahrhaft heroischer Selbstaufopferung“ in die Tat umgesetzt. Indem Magellan auf seiner Fahrt – „die herrlichste Odyssee in der ­Geschichte der Menschheit vielleicht“ – den gesamten Erdumfang ausmaß, habe er der ganzen Menschheit „ihre eigene Größe bewusst“ gemacht.

Mit Magellans Namen ist die Geschichte der ­ersten Umsegelung der Erde verbunden.

Leider hat der Held das Ende der Reise nicht erlebt. Der „größte Seefahrer der Geschichte“ wurde unterwegs aufgehalten von einem „braunen Lümmel, der keine ungeflickte Matte in seiner dreckigen Hütte hat“, er wurde „gefällt durch ein lächerliches Menscheninsekt“. Gemeint ist Lapulapu, zu Magellans Zeit Fürst von Mactan und heute ein Nationalheld der Philippinen. Nachdem Magellan im Frühjahr 1521 diese Inselgruppe erreicht hatte, versuchte er, sie der spanischen Krone zu unterwerfen – nicht ganz so uneigennützig, wie Zweig behauptet, denn König Karl I. hatte seinem Diener reichen Lohn in Aussicht gestellt, falls er irgendwelche Länder für ihn er­obern würde. Doch Lapulapu und sein Volk wehrten sich – und töteten Magellan.

Wie man sieht, konnte Zweig sehr ungehalten werden, wenn sich seinem Menschheitshelden ein Vertreter derselben Spezies in den Weg stellte, der nicht den Weltgeist verkörperte. Dieser wehte eben nicht überall gleichermaßen. Er blies aus Europa, und wenn er wie ein Zyklon über andere Erdteile hinwegfegte, so lag das in der „Logik der Geschichte“. Diese Logik war für Zweig zwingender als die Evidenz historischer Fakten.

Im Faktencheck

Denn sobald der Weltgeist auf außereuropäische Kulturen traf, nahm der Dichter es mit dem „Res­pekt vor den Tatsachen“, den er in seinem Vortrag von 1939 beschworen hatte, nicht mehr so genau. Auch da nicht, wo er die ers­ten Begegnungen zwischen Europäern und Einwohnern des südlichen Kegels von Amerika schildert, von Magellan nach den Monstern in einem Ritterroman „Patagoni“ genannt. Die Begegnungen verliefen lan-
ge friedlich, bis es Magellan einfiel, ein paar „Patagoni“ zu kidnappen, um sie in Europa herzuzeigen. Zweig spinnt die Geschichte so, dass der Seefahrer in Spanien den Auftrag erhalten hätte, „von allen neuen Menschenspezies [...] einige Exemplare heimzubringen“. Und weil die Matrosen, die den Auftrag ausführen sollen, sich vor den hochgewachsenen „Patagoni“ fürchten, „ersinnen sie eine gemeine List“.

Es geht hier nicht darum, über Stefan Zweig den Stab zu brechen. [...] Viel interesanter ist die Frage, warum Zweigs historisierender Edelkitsch noch heute so begeistert gelesen wird.

Nichts daran stimmt. Niemand hatte Magellan den Auftrag gegeben, Menschen zu entführen, und derjenige, der die arge List ersann, war er selbst. Wie auch an anderen Stellen in seiner Erzählung schiebt Zweig hier anderen etwas in die Schuhe, das unleugbar sein Held zu verantworten hatte. Dafür schreibt er ihm umso eifriger Dinge zu, die sich nicht belegen lassen, zum Beispiel, dass Magellan geplant habe, die Erde zu umrunden. Als Magellans Schiffe schließlich in die Meerenge an der Südspitze Amerikas segeln, die heute seinen Namen trägt, feiert Zweig den historischen Moment mit folgenden Worten: „Ein sonderbarer, ein gespenstischer Anblick muß es gewesen sein, wie zum erstenmal die vier ers­ten Schiffe der Menschheit leise und lautlos in diese schweigsame, schwarze, seit ewigen Zeiten noch nie von einem Irdischen befahrene Straße hineingleiten.“ Auch diese Passage wirft Fragen auf: die ersten Schiffe der Menschheit? Noch nie von einem Irdischen befahren? An den Ufern der Magellanstraße lebten bereits seit Urzeiten Menschen, die, wie etwa Darwin berichtete, auf kunstvoll gebauten Fahrzeugen übers Wasser fuhren. Auch Zweig blieb ihre Existenz nicht verborgen. Wenige Sätze später erwähnt er ihre nächtlichen Feuer, deretwegen die Gegend heute „Feuerland“ heißt. „Die Feuerländer“, wusste Zweig, konnten als „kulturell völlig niedere Rasse“ noch kein ­Feuer anzünden und brannten daher „Tag und Nacht in ihren Hütten Holz und dürres Gras“.

Es geht hier nicht darum, über Stefan Zweig den Stab zu brechen. Das haben schon andere, Hannah Arendt zum Beispiel, mit mehr Berechtigung getan. Zweig war ein Kind des 19. Jahrhunderts, der bürgerlichen Gesellschaft, und als diese ab 1914 ihr mörderisches Gesicht offenbarte, hat er gegen diese Offenbarung angeschrieben und ist später, wenn man so will, an ihr zugrunde gegangen. Viel interessanter ist die Frage, warum Zweigs historisierender Edelkitsch noch heute so begeistert gelesen wird, obwohl sein „Magellan“ mit der geschichtlichen Person hinter diesem Namen nicht mehr gemein hat als Winnetou mit einem echten Apache. Liegt es wirklich nur daran, dass er so grandios schreiben konnte? Oder passt er einfach gut in unser postfaktisches Zeitalter?

Der Begriff der „Menschheit“

Anscheinend ist das Bedürfnis, in der Geschichte, zumal in der „eigenen“, ­wahre Helden vorzufinden, noch immer sehr verbreitet. Man mag dieses Bedürfnis für menschlich halten, aber man wird nicht umhin können, in einem Helden wie Zweigs „Magellan“ die Werte einer Gesellschaft wiederzuerkennen, die den Konkurrenzkampf zum Naturgesetz erhebt und individuellen Erfolg über alles stellt. Aber so sehr Magellans Ehrgeiz historisch verbürgt ist, so wenig eignet er sich zur idealistischen Verklärung. Mit dem Begriff der „Menschheit“, den Zweig wie ein Panier vor sich herträgt, haben wir heute dieselben Probleme wie weiland der große Humanist. Eigentlich ein universaler Begriff, der alle Menschen einschließt, droht er stets die auszugrenzen, die nicht unserem, in der europäischen Kultur vorgezeichneten Menschenbild entsprechen. So wie Magellan scheinbar „keine andere Wahl“ hatte, als den „störrischen“ Lapulapu zu bekriegen, so hält es auch heute mancher für gerechtfertigt, Gewalt gegen jene anzuwenden, die sich der Logik der Geschichte nicht fügen.

In einem Zeitungsbeitrag von 1930 hat Siegfried Kracauer die literarische Form der Biografie, die Zweig so virtuos beherrschte, als „Zeichen der Flucht; genauer: der Ausflucht“ diagnostiziert. Als Eskapismus, um sich mit den sozialen und ökonomischen Kräften, die in der Geschichte am Werk sind, nicht auseinandersetzen zu müssen. Wer die historischen Quellen studiert, die Magellan und seine Mitstreiter hinterlassen haben, findet dort keine Spur von selbstlosem Entdeckergeist. Wenn diese Männer irgendein Ideal verfolgten, dann allenfalls die Verbreitung des Christentums. Aber auch darum geht es in den Dokumenten, die auf uns gekommen sind, nur am Rande. Stattdessen kreisen sie immer wieder um dieselben Dinge: Ländereien, Gold, Profit und die Mittel, diesen zu erzielen, als da waren Schifffahrt, Handel und Waffen.

Der Autor ist Historiker und veröffentlichte 2019 das Buch „Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde“.