Magellan
Feuilleton

Die Gier nach Profit und Wissen

1945 1960 1980 2000 2020

Am 10. August 1519 legten fünf Schiffe in Sevilla ab, um via Atlantik einen Seeweg nach Asien zu finden. Eine epische Fahrt begann, deren Ausgang sich als Meilenstein der Globalisierung herausstellen sollte.

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Am 10. August 1519 legten fünf Schiffe in Sevilla ab, um via Atlantik einen Seeweg nach Asien zu finden. Eine epische Fahrt begann, deren Ausgang sich als Meilenstein der Globalisierung herausstellen sollte.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen von Ihrem Arbeitgeber eine Dienstwohnung, die hat Meerblick, Parkettboden und ist mehr als 150 Quadratmeter groß. Klingt nicht schlecht, oder? Aber die Sache hat einen Haken: Sie müssen diese Wohnung mit 50 anderen Bewohnern teilen und dürfen sie in den nächsten zwei Jahren, oder solange Ihr Arbeitsverhältnis eben dauert, allenfalls stundenweise verlassen. Dafür kommen Sie viel an die frische Luft, denn die Wohnung ist nur teilweise überdacht. Es gibt darin kein fließendes Wasser, weder Bad noch Toilette, keinen Strom, und nachts darf man kein Licht anzünden.

Ihr Arbeitgeber sorgt indessen für Ihre Ernährung, die im Wesentlichen aus Zwieback, Hülsenfrüchten, Stockfisch und Olivenöl besteht. Aber Sie müssen das Essen selbst zubereiten, und die Rationen sind keineswegs üppig. Ausnahme: der Wein, von dem man Ihnen jeden Tag einen Liter spendiert. Wenn Ihre Arbeitsbedingungen damit zutreffend umschrieben sind, dann sind Sie gewiss ein Seefahrer des 16. Jahrhunderts, und Ihre Dienstwohnung ist ein Schiff, genauer gesagt eine spanische oder portugiesische „Nao“: hölzerner Rumpf, gute 25 Meter lang von Bugspriet bis Heck, sechs Meter breit, drei Masten, die vorderen mit Rahsegeln getakelt. Auf Fahrzeugen dieser Bauart segelte Vasco da Gama nach Indien, Amerigo Vespucci nach Brasilien, und am Vormittag des 10. August 1519 legten fünf solche Schiffe vom Puerto de las Muelas in Sevilla ab und ließen sich den Guadalquivir hinabtreiben bis zu dessen Mündung in den Atlantik. Dort, bei Sanlúcar de Barrameda, warfen sie Anker, um Proviant, Kanonen und billige Tauschwaren zu laden und auf ihren Befehlshaber zu warten: den portugiesischen Edelmann und Komtur des Ordens von Santiago, Fernão de Magalhães, heute besser bekannt als „Magellan“.

Aufbruch ins Ungewisse

Magellan hatte mit dem spanischen König Karl I. – bald Kaiser Karl V. – einen Vertrag geschlossen. Er sollte finden, was seit Kolumbus eine ganze Generation von Seefahrern vergebens gesucht hatte: einen westlichen Seeweg nach Asien. Dieser würde dem spanischen König endlich gebührenden Anteil an den Schätzen Asiens bescheren, die seinen Schwager, den portugiesischen Herrscher Manuel I., steinreich gemacht hatten. Unter Manuels Ägide hatten Portugiesen eine Schiffahrtsroute nach Indien erschlossen und damit das Handelsmonopol der Venezianer gebrochen. Seither importierte Portugal die Gewürze des Orients – Pfeffer, Zimt, Nelke, Muskat – säckeweise nach Europa, wo man die exotischen Spezereien mit Gold aufwog.

Um sich bei ihren Erkundungs­ und Eroberungsfahrten nicht ins Gehege zu kommen, hatten Spanien und Portugal 1494 in Tordesillas einen Vertrag unterzeichnet, der das Erdenrund in zwei gleich große Hälften teilte. Ausgehend von einer imaginären Linie, die rund 2200 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln von Pol zu Pol gezogen wurde, sollte die östliche Hälfte Portugal gehören und die westliche Spanien. Von diesem Arrangement profitierte Portugal zunächst am meisten, konnten seine Seefahrer doch ungeniert um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien und wieder retour segeln, während alle spanischen Vorstöße nach Westen bisher an einer riesigen Landbarriere gescheitert waren, für die sich der Name Amerika einbürgern sollte. Magellan hoffte, im Süden dieser Landbarriere eine Wasserstraße zu finden, die ihm die Weiterfahrt nach Asien gestatten würde. Auf diesem Weg wollte er für Spanien die Molukken in Besitz nehmen: eine Gruppe von Eilanden im Südmeer, die so weit im Osten lag, dass sie nach Magellans Auffassung bereits wieder zum Westen, das heißt zur spanischen Erdhälfte gehörte. Damals waren die Molukken der einzige Ort weltweit, wo der Nelkenbaum Früchte trug, und die aromatischen „Nägelchen“ daher das teuerste aller Gewürze. Im Falle des Erfolges war Magellan fürstlicher Lohn gewiss.

Stürme und Flauten, Tropenhitze und antarktischer Winter, Hunger und Durst, Navigation vor unbekannten Gestaden ...

Am 20. September 1519 legten seine fünf Schiffe von Sanlúcar de Barrameda ab, mit Kurs auf Teneriffa und von dort nach Brasilien. Es würde den Rahmen dieser Zeitungsseite sprengen, auch nur einen Abriss all der Abenteuer geben zu wollen, die Magellan und die rund 240 Männer, die mit ihm in See stachen, in den folgenden drei Jahren zu bestehen hatten: Stürme und Flauten, Tropenhitze und antarktischer Winter, Hunger und Durst, Navigation vor unbekannten Gestaden, unter einem unvertrauten Sternenhimmel, Meuterei, Desertion und Schiffbruch; die manchmal friedliche, allzu oft gewaltsame Konfrontation mit fremden Kulturen, mit deren Sprachen, Kleidung, Speisen und Bräuchen.

Nach einer zermürbenden Überwinterung an der patagonischen Küste fanden Magellan und seine Crew am 21. Oktober 1520 bei 52° Süd die Einfahrt in eine Wasserstraße, die sich nach langem Herumprobieren als die ersehnte Durchfahrt nach Westen entpuppte – die heute nach Magellan benannte Meerenge zwischen dem südamerikanischen Festland und Feuerland. Sie überquerten als erste Europäer den „Pazifischen Ozean“, dem sie seinen Namen gaben, und erreichten im März 1521, ebenfalls als erste Europäer, einen großen Archipel vor der Ostküste Asiens, der bald darauf nach dem Sohn Karls V. benannt werden sollte: die Philippinen. Im Versuch, den Archipel für Spanien in Besitz zu nehmen und seine Einwohner zu Christen zu machen, fand Magellans Reise ein abruptes Ende. Er fiel im Kampf, Dutzende seiner Mitstreiter fanden den Tod. Die übrigen konnten fliehen und erreichten nach monatelanger Irrfahrt die Molukken.

Verlustreicher Triumph

Da waren nur noch zwei Schiffe übrig. Eines davon, die Trinidad, versuchte über den Pazifik nach Osten zurückzufahren – und scheiterte. Das andere nahm, den Bauch voller Gewürznelken, Kurs nach Südwesten, überquerte den Indischen Ozean, passierte das Kap der Guten Hoffnung und lief, nach einem Zwischenspiel auf den Kapverden, am 6. September 1522 wieder Sanlúcar de Barrameda an. Sein Kapitän, der Baske Juan Sebastián Elcano, schrieb umgehend dem Kaiser, dass „wir mit achtzehn Männern auf nur einem von den fünf Schiffen, die Deine hohe Majestät ... zur Entdeckung der Gewürzinseln entsandt hat, zurückgekehrt sind ... Deine hohe Majestät möge jedoch wissen, was wir am höchsten erachten: dass wir die gesamte Rundung der Welt entdeckt und umrundet haben, indem wir nach Westen abgereist und von Osten zurückgekehrt sind.“

Das Schiff aber, das die Fahrt vollendet hatte, hieß Victoria: „Sieg“. Für Magellan kam der Sieg mit 300 Jahren Verspätung. Erst das 19. Jahrhundert hat ihn in den Heldenhimmel emporgehoben und ganze Galaxien nach ihm benannt, wobei vor allem Antonio Pigafetta als Gewährsmann diente. Der Italiener war mit Magellan gefahren und hatte nach seiner glücklichen Heimkehr einen Reisebericht verfasst, in dem er seinen verstorbenen Chef zum geistigen Vater der ersten Erdumsegelung erklärte – eine Zuschreibung, die sich historisch nicht belegen lässt. Wenn wir uns heute an diese epische Fahrt erinnern, so denken wir an einen Meilenstein der Globalisierung, die seither ein Ausmaß erreicht hat, das sich Magellan und seine Zeitgenossen in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen konnten.

Ihre Welt war noch von Gott geschaffen und endete mit dem Jüngsten Gericht, und dennoch dachten sie bereits im Wortsinn global. Die hölzernen Kähne, in denen sie sich aufs Meer wagten, und die primitiven Instrumente, mit denen sie ihren Weg fanden (oder oft auch nicht fanden), mögen aus der Rückschau von 500 Jahren geradezu rührend anmuten. Und doch waren diese Männer offenbar von derselben Gier nach Profit und Wissen getrieben, die auch heute noch als Motor fungiert für das, was wir – mit wachsender Skepsis – Fortschritt nennen.

Magellan
Buch

Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde

Von Christian Jostmann
C.H. Beck 2019 336 S.,
geb. € 25,70

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