Kreuzzug - © Foto: picturedesk.com / British Library / Science Photo Library

Die Mär vom ach so Neuen

1945 1960 1980 2000 2020

Um 1500 hätten die Menschen in Europa begonnen, Neues zu entdecken. Mutige Forscher ließen die begrenzte mittelalterliche Welt hinter sich und brachen zu neuen Horizonten auf. Diese Erzählung liest man in Geschichtsbüchern bis heute, obwohl sie widerlegt ist.

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Um 1500 hätten die Menschen in Europa begonnen, Neues zu entdecken. Mutige Forscher ließen die begrenzte mittelalterliche Welt hinter sich und brachen zu neuen Horizonten auf. Diese Erzählung liest man in Geschichtsbüchern bis heute, obwohl sie widerlegt ist.

Nach einer oft erzählten Geschichte hätten die Menschen in Europa um 1500 begonnen, Neues zu entdecken. Nachdem ihr Dasein zuvor jahrhundertelang von der Religion bestimmt worden sei, hätten sich italienische Gelehrte und Künstler nun dem Leben im Diesseits zugewandt und – nach dem Vorbild der Antike – ein neues Menschenbild entwickelt. Eine wesentliche Folge dieser „Renaissance“, so geht die Geschichte weiter, seien die Entdeckungsfahrten europäischer Seefahrer gewesen, die zur selben Zeit, die begrenzte mittelalterliche Welt hinter sich lassend, in unbekannte Gebiete vordrangen. Auch sie hätten sich auf antikes Wissen gestützt, aber auch neue technische Geräte wie das Astrolabium eingesetzt.

Dank diesen Neuerungen sei es dem portugiesischen Prinzen Heinrich „dem Seefahrer“, dem Genuesen in spanischen Diensten, Christoph Kolumbus, und anderen Protagonisten des „Zeitalters der Entdeckungen“ möglich gewesen, ihre weltverändernden Vorhaben umzusetzen. Nachlesen kann man diese Erzählung, teilweise in denselben Worten, im aktuellen Geschichtslehrbuch des Österreichischen Bundesverlags für die dritten Klassen von Neuen Mittelschulen und Gymnasien, „querdenken 3“. Aber sie wird, mit anderen Ausschmückungen, auch in populärwissenschaftlichen Zeitschriften, Sachbüchern oder Fernsehdokus präsentiert. Demnach begann um 1500 etwas nie da Gewesenes, und dieses Novum kam in die Welt, weil mutige Forscher, befreit von den Fesseln religiöser Vorurteile, zu neuen Horizonten aufbrachen.

„Protokolonialismus“ in Pisa

Im Vergleich dazu wirkt der Aufbruch einer Schiffsflotte, die im Jahr 1015 von Pisa aus in See stach, eher unspektakulär. Die aufstrebende italienische Hafenstadt zog wieder einmal gegen die „Sarazenen“ in den Krieg: die muslimischen Seemächte, die das Mittelmeer unsicher machten. Diesmal ging es gegen den König von Denia, der Sardinien besetzt hatte. Ein Jahr später vertrieben die Pisaner mit ihren Verbündeten aus Genua die Sarazenen, und nachdem sie auch ihre Mitstreiter ausgebootet hatten, begannen sie, die rohstoffreiche Insel, besonders ihre Silbervorkommen, ökonomisch auszubeuten. 15 Tonnen des Edelmetalls sollen bis ins 14. Jahrhundert von Sardinien nach Pisa geflossen sein – pro Jahr! Ihren Reichtum stellten die Kaufleute in Monumentalbauten wie dem Dom mit seinem schiefen Campanile zur Schau. Aber das Gros der Gewinne reinvestierten sie in eigene Flotten, Handelsunternehmen und lukrative Kriegszüge, mit dem Erfolg, dass die Stadt am Arno zur Führungsmacht im Mittelmeer aufstieg.

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