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Feuilleton

Frontromane und Nachkriegsliteratur

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ein derartiges Editionsgewitter zum Ers ten Weltkrieg hat wohl niemand erwartet, und es dauert mittlerweile schon gut ein Jahr an, schließlich haben die ganz Schlauen schon 2013 Buch um Buch herausgebracht. Unübersehbar ist die Liste der historischen Neubesichtigungen und Detailstudien. Aber auch literarische Neuauflagen sind eine Möglichkeit zur Revision unseres Bildes vom Großen Krieg beizutragen und können vergessene und übersehene Romane und Autoren neu zur Debatte stellen.

Der Aufbau Verlag hat nicht gekleckert sondern gleich eine vierbändige Kassette herausgebracht, die auf den ersten Blick durchaus anspricht. Nicht Erich Maria Remarques bekannter Roman "Im Westen nichts Neues", sondern Ludwig Renns "Krieg", von Arnold Zweigs Romanzyklus "Der große Krieg der weißen Männer" nicht den häufiger aufgelegten ersten Band "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (1927), sondern den zweiten "Junge Frau von 1914"(1931), dazu das Tagebuch Egon Erwin Kischs über sein erstes Kriegsjahr in Serbien. Es erschien 1922 unter dem sachlichen Titel "Soldat im Prager Korps". 1929, im Sog der neuen Kriegsromane, ließ Kisch es neu auflegen, versehen mit einer marketingstarken Gründungslegende als Titel: "Schreib das auf, Kisch!" Band vier ist die Anthologie "Es muss einer den Frieden beginnen. Jahrhundertautoren gegen den Krieg". Hier hieß das Motto offensichtlich, ein Maximum an Texten aus dem Verlagsfundus zu verwenden, immerhin acht, von den verbleibenden sieben sind vier rechtefrei. Das ist ökonomisch und organisatorisch von Vorteil, entzieht eine Anthologie als Gesamttext aber tendenziell auch einem kritischen Urteil, weil sie offensichtlich primär verwertungstaktischen Zielstellungen folgt.

Beschreibung des für uns Evidenten

Überraschend aber ist, dass die beiden Romane einer neuen Lektüre nicht standhalten. Bei Ludwig Renn ist es vielleicht das prinzipielle Problem von Frontromanen. Sie machen nichts sichtbar, außer dem - im Rückblick -Offensichtlichen, und sie arbeiten mit einem stereotypen Set an Figuren. Das ist durchaus realistisch, wie in Schulklassen differenziert sich in jeder Gruppe rasch eine gewisse Rollenverteilung aus, der Clown, der Rudelführer, die Sanfte usw., im monogeschlechtlichen Militärzusammenhang reduziert sich das zwangsweise noch ein wenig mehr. Beim Lesen aber wird das leicht langweilig, genauso wie die Beschreibung der Sinnlosigkeit und Brutalität des Kriegsgeschehens: die endlosen Truppenverschiebungen, die opferreichen Vorstöße, um ein paar Meter verwüstetes Land zurückzuerobern, die Unzahl der dabei hingeschlachteten Menschenleben. All das ist für uns Nachgeborene einfach von vornherein evident, was bei Erscheinen 1928 noch anders gewesen sein mag.

Bei Arnold Zweigs "Junge Frau von 1914" wiederum schafft man es nur schwer, sich für das reiche Geschwisterpaar zu interessieren. Lenore versucht sich von ihren Eltern zu distanzieren, kann und will jedoch aus rationalen ökonomischen Gründen nicht radikal mit ihnen brechen. Trotzdem wird sie gegen den Willen der Eltern die Geliebte des jungen Schriftstellers Werner Bertin, eine der Zentralfiguren des Zyklus. Der findet den Kriegsausbruch keineswegs als Katastrophe: Seine Karriere kommt nicht voran, die Beziehung scheint aussichtslos, da entlastet die Militärmaschine von Entscheidungen und bietet Kameradschaft. Dass die junge Frau dafür mit einer ungewollten Schwangerschaft und einer Abtreibung bezahlen muss, ist tragisch. Immerhin machen es die ökonomischen Verhältnisse und die kundige Hilfe des Bruders möglich, dass die beste medizinische Versorgung garantiert ist. Insgesamt kommt man keiner der Figuren nahe, und das nicht, weil der Roman ,antiquiert' breit erzählt wird. Vielleicht hätte ein entsprechendes Nachwort - statt des allgemeinen Textes von Marcel Reich-Ranicki über Arnold Zweig -helfen können, den Roman und den Zyklus für eine Neulektüre aufzubereiten.

Es muss einer den Frieden beginnen Jahrhundertautoren gegen den Krieg. Von Ludwig Renn, Arnold Zweig, Egon Erwin Tisch, Aufbau Verlag 2014.1376 Seiten, gebunden, € 51,30

Ein derartiges Editionsgewitter zum Ers ten Weltkrieg hat wohl niemand erwartet, und es dauert mittlerweile schon gut ein Jahr an, schließlich haben die ganz Schlauen schon 2013 Buch um Buch herausgebracht. Unübersehbar ist die Liste der historischen Neubesichtigungen und Detailstudien. Aber auch literarische Neuauflagen sind eine Möglichkeit zur Revision unseres Bildes vom Großen Krieg beizutragen und können vergessene und übersehene Romane und Autoren neu zur Debatte stellen.

Der Aufbau Verlag hat nicht gekleckert sondern gleich eine vierbändige Kassette herausgebracht, die auf den ersten Blick durchaus anspricht. Nicht Erich Maria Remarques bekannter Roman "Im Westen nichts Neues", sondern Ludwig Renns "Krieg", von Arnold Zweigs Romanzyklus "Der große Krieg der weißen Männer" nicht den häufiger aufgelegten ersten Band "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (1927), sondern den zweiten "Junge Frau von 1914"(1931), dazu das Tagebuch Egon Erwin Kischs über sein erstes Kriegsjahr in Serbien. Es erschien 1922 unter dem sachlichen Titel "Soldat im Prager Korps". 1929, im Sog der neuen Kriegsromane, ließ Kisch es neu auflegen, versehen mit einer marketingstarken Gründungslegende als Titel: "Schreib das auf, Kisch!" Band vier ist die Anthologie "Es muss einer den Frieden beginnen. Jahrhundertautoren gegen den Krieg". Hier hieß das Motto offensichtlich, ein Maximum an Texten aus dem Verlagsfundus zu verwenden, immerhin acht, von den verbleibenden sieben sind vier rechtefrei. Das ist ökonomisch und organisatorisch von Vorteil, entzieht eine Anthologie als Gesamttext aber tendenziell auch einem kritischen Urteil, weil sie offensichtlich primär verwertungstaktischen Zielstellungen folgt.

Beschreibung des für uns Evidenten

Überraschend aber ist, dass die beiden Romane einer neuen Lektüre nicht standhalten. Bei Ludwig Renn ist es vielleicht das prinzipielle Problem von Frontromanen. Sie machen nichts sichtbar, außer dem - im Rückblick -Offensichtlichen, und sie arbeiten mit einem stereotypen Set an Figuren. Das ist durchaus realistisch, wie in Schulklassen differenziert sich in jeder Gruppe rasch eine gewisse Rollenverteilung aus, der Clown, der Rudelführer, die Sanfte usw., im monogeschlechtlichen Militärzusammenhang reduziert sich das zwangsweise noch ein wenig mehr. Beim Lesen aber wird das leicht langweilig, genauso wie die Beschreibung der Sinnlosigkeit und Brutalität des Kriegsgeschehens: die endlosen Truppenverschiebungen, die opferreichen Vorstöße, um ein paar Meter verwüstetes Land zurückzuerobern, die Unzahl der dabei hingeschlachteten Menschenleben. All das ist für uns Nachgeborene einfach von vornherein evident, was bei Erscheinen 1928 noch anders gewesen sein mag.

Bei Arnold Zweigs "Junge Frau von 1914" wiederum schafft man es nur schwer, sich für das reiche Geschwisterpaar zu interessieren. Lenore versucht sich von ihren Eltern zu distanzieren, kann und will jedoch aus rationalen ökonomischen Gründen nicht radikal mit ihnen brechen. Trotzdem wird sie gegen den Willen der Eltern die Geliebte des jungen Schriftstellers Werner Bertin, eine der Zentralfiguren des Zyklus. Der findet den Kriegsausbruch keineswegs als Katastrophe: Seine Karriere kommt nicht voran, die Beziehung scheint aussichtslos, da entlastet die Militärmaschine von Entscheidungen und bietet Kameradschaft. Dass die junge Frau dafür mit einer ungewollten Schwangerschaft und einer Abtreibung bezahlen muss, ist tragisch. Immerhin machen es die ökonomischen Verhältnisse und die kundige Hilfe des Bruders möglich, dass die beste medizinische Versorgung garantiert ist. Insgesamt kommt man keiner der Figuren nahe, und das nicht, weil der Roman ,antiquiert' breit erzählt wird. Vielleicht hätte ein entsprechendes Nachwort - statt des allgemeinen Textes von Marcel Reich-Ranicki über Arnold Zweig -helfen können, den Roman und den Zyklus für eine Neulektüre aufzubereiten.

Es muss einer den Frieden beginnen Jahrhundertautoren gegen den Krieg. Von Ludwig Renn, Arnold Zweig, Egon Erwin Tisch, Aufbau Verlag 2014.1376 Seiten, gebunden, € 51,30