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"Man wird nicht alleine"

1945 1960 1980 2000 2020

Sie arbeitet mit Musikern und bildenden Künstlern: Schriftstellerin Lisa Spalt im Gespräch über Sprache, Selbstinszenierungen, die Verbindung von Gefühl und Ökonomie und die Erfahrung des Widerspruchs.

1945 1960 1980 2000 2020

Sie arbeitet mit Musikern und bildenden Künstlern: Schriftstellerin Lisa Spalt im Gespräch über Sprache, Selbstinszenierungen, die Verbindung von Gefühl und Ökonomie und die Erfahrung des Widerspruchs.

Lisa Spalt, geboren 1970 in Hohenems, veröffentlicht seit 1998 Prosa und Hörspiele, darunter die Bücher "Grimms", "Blüten", "Dings", "Ameisendelirium", "Die zwei Henriettas". Im Rahmen der Gesprächsreihe WERK. GÄNGE in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur sprach sie über Sprache und Themen.

DIE FURCHE: Sie haben einmal gesagt, dass die Sprache immer nur entweder akustisch oder optisch da ist und sich die Verbindungen zu Musik und bildender Kunst daher von selbst ergeben. Welche Schwierigkeiten können aber auftreten, wenn man wie Sie als Sprachkünstlerin mit Musikern zusammenarbeitet?

Lisa Spalt: Musik ist etwas, was in der Sprache manchmal extrem stören kann. Ich habe das bemerkt, als ich mit Clemens Gadenstätter das erste Stück geschrieben habe. Das hat Streitereien verursacht und wir haben festgestellt, dass wir Schwierigkeiten haben, die Zeitlichkeit festzulegen. Wenn es ein Metrum gibt, dann habe ich das Problem, dass der Puls die Sprache stört. Gleichzeitig gibt es das Problem, dass ich in dem Moment, in dem ich anfange, Sprache zu singen, nichts mehr verstehe. Wir haben dann versucht, verschiedene Beziehungen auszuloten zwischen Musik und Sprache. Zum Beispiel in manchen Partien der Musik das Dirigat zu lassen, und in manchen der Sprache. Oder wir haben versucht, Störungen bewusst zu lassen und damit etwas zu machen. Aber man muss jedes Mal das Verhältnis neu bestimmen. Wir schreiben jetzt gerade an einem Stück über Nero, über aus den Fugen geratene Politiker. Da geht es um Repräsentation. Nero wollte sich ständig darstellen, er wollte ja ein Künstler sein. Da habe ich nun fast nur Sprache gewählt, die von anderen stammt und die in verschiedenen Versmaßen geschrieben ist. Clemens Gadenstätter muss jetzt damit leben, dass in jedem Vers das Metrum wechselt und er nun irgendwie darauf reagieren muss.

DIE FURCHE: Wie sehr hat diese Zusammenarbeit mit einem Musiker zurückgewirkt auf das eigene Schreiben für ein Buch?

Spalt: Wenn Sprache rhythmisch nicht funktioniert, dann stört sie mich prinzipiell beim Lesen. Das kommt vielleicht auch daher, dass ich lange in einem Orchester gespielt habe, und die klangliche Seite der Sprache für mich sehr präsent ist und ich auch das Gefühl habe, dass man Sprache kneten kann und dann bestimmte Formen entstehen. Das lässt sich leider schwer erklären, wenn jemand selber das nicht spürt, dass Sprache verschiedene Oberflächen und auch eine gewisse Musikalität hat, die viel Bedeutung tragen kann. Je nachdem, in welchem Rhythmus eine Sprache daherkommt, bedeutet sie etwas völlig anderes. Ich kann den Rhythmus zum Beispiel bewusst abdrehen, so dass er völlig in den Hintergrund tritt, und ihn dann wieder aufdrehen -dann bedeutet das aber etwas. Es ist, wie wenn ich plötzlich einen Werbejingle einschalte.

DIE FURCHE: Jene, die nur einen Plot suchen, enttäuschen Sie. Was ist "Erzählen" für Sie? Spalt: Zusammenhänge schaffen. Netze, in denen Dinge Sinn und Platz bekommen. Ich denke ja immer, dass ich erzähle, nur sehen das andere oft nicht so. Was ich nicht schaffe, ist, eine lange zusammenhängende Erzählung zu kreieren. Für mich hat die Realität damit nichts zu tun. Es sind immer so Inseln, die sich ineinander verflechten. Wenn ich ein Buch erschöpfen kann, indem ich es nacherzähle, wenn das alles ist, was in dem Buch interessant ist, dann wäre mir das zu wenig. Auf der anderen Seite denke ich, dass Erzählen ganz wichtig und etwas ist, das sich die Politik unter den Nagel gerissen hat, wo es eigentlich nicht hingehört oder nicht auf die Weise, in der es betrieben wird. Wir müssen uns in jeder Situation, um handeln zu können, eine Geschichte spinnen. Wenn ich die Situation nicht als Geschichte deute, kann ich damit nichts anfangen. Daher gibt es ein natürliches Bedürfnis nach Geschichten, so wie es ein Bedürfnis nach Essen gibt, abseits vom bloßen Überleben. Meine derzeitige etwas krude Theorie ist, wenn das nicht da ist, dann gelangen wir genau dort hin, wo wir jetzt sind, zu Verschwörungstheorien und Realitätskonstruktionen. Das geht so weit, dass Politikerinnen Menschen erfinden, so wie Sarah Huckabee Sanders diesen Jungen erfunden hat, der einen Brief an Trump geschrieben haben soll, weil er unbedingt dessen Rasen mähen wollte. Da werden Figuren erfunden, die eine bestimmte Rolle in einer Geschichte spielen. Und es wird verwischt, was ausgemachte Realität ist, die ich demokratisch aushandeln muss, und was Erfindung, die ich irgendwo hinstelle.

DIE FURCHE: Ein Beispiel für eine Erzählung, die man auf unterschiedliche Weise einsetzen und nützen kann, ist das Märchen. Sie haben sich 2007 in "Grimms" dieses Genre vorgenommen.

Spalt: Wenn ich gut aufpasse und das Märchen richtig verstehe, dann weiß ich, was man zu tun hat, was richtig ist. Das habe ich als Folie herausgenommen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Werbung genauso funktioniert. Wenn ich das und das Produkt anwende, wird aus mir ein glücklicher Mensch und dann kommt das Happy End. Auch bei der Werbung geht es nie über den Hochzeitstag hinaus, die Muster sind ähnlich. Und wenn ich mir die richtige Theorie aneigne, komme ich ins Nirwana der Wissenschaften. Es gibt so viele Angebote, was man alles richtig machen kann und welche Gebote man lernen muss, um zum Glück zu gelangen. Seit meiner Jugend bin ich in verschiedenen Gesellschaftsschichten unterwegs, jede hat ihre eigenen Regeln und Wege, wie man zum Glück kommt. Bei dem einen muss man das anziehen, bei dem anderen das. Da muss man das essen, bei den anderen darf man das nicht essen. Diese Regelwerke, die versprechen, dass man, wenn man das alles einhält, glücklich wird, haben mich immer sehr interessiert.

DIE FURCHE: Ihre Art damit umzugehen, wie würden Sie die bezeichnen? Spalt: Bösartig. Alle Wege durcheinander mischen. Und vor allem der Sprache nachgehen, die damit zu tun hat.

DIE FURCHE: Eine thematische Spur, die ich in Ihren Werken finde, ist die Verknüpfung von Ökonomie und Gefühl. Spalt: Ja, zum einen dieser Utilitarismus, der mit den Gefühlen verbunden ist, oder auch das Gefühl, dass man alles kaufen kann. Das Thema zieht sich durch meine Werke, auch diese Notwendigkeit sich ständig anzupassen und zu versuchen, das Bild nach außen aufrecht zu erhalten, um sich halbwegs verkaufen zu können. Damit eng verknüpft ist die Angst unterzugehen und einen Fehler zu machen, sich nicht optimal darzustellen. In meinem neuen Text geht es auch darum, mit der Peinlichkeit nach außen zu gehen, um diese Selfiegesellschaft zu stören.

DIE FURCHE: "Identität durch Ausschließung des Fremden anstelle einer Verschmelzung mit ihm?", heißt es am Ende von "Grimms" erschreckend aktuell.

Spalt: Ja, das Jahr 2000 war damals nicht weit weg. Wir haben ein Land, in dem das Thema zyklisch immer wieder auftaucht. Das ist etwas, was mich, wie es jetzt wieder aufgetaucht ist, schockiert und auch gelähmt hat. Auch von daher kommt mein "Ausufern", das im Moment gerade darin besteht, mit möglichst vielen Menschen zusammenzuarbeiten und gemeinsam Dinge auszuprobieren. Eben nicht diese Ich-AG-Geschichte zu fahren. Meine Schüler schreiben in jedem Aufsatz: "Ich bin so individuell." Ich kann das nicht mehr hören. Ich fände es interessanter, wenn man versucht, sich zu verbinden. Man wird nicht alleine. Man wird nur im Zusammenhang mit anderen und es ist ziemlich schwierig, das zu tun.

DIE FURCHE: Die Thematik "wir" und "ich" führt zu "Ameisendelirium", 2015 erschienen. Ein Ameisenbau sieht geordnet aus.

Spalt: Wenn man so einen Ameisenhaufen ansieht, dann sieht es gar nicht so aus, als wäre das geordnet. Da zieht eine Ameise an einem Pflanzenstückchen in die Richtung, lässt es liegen, dann kommt eine andre, die zieht das woanders hin. Sie ziehen in verschiedene Richtungen, nur am Schluss hat das Ganze eine Ordnung. Das fand ich interessant. Bei meiner Unterrichtstätigkeit merke ich, wie viele unterschiedliche Meinungen zum Beispiel über die politische Situation da sind. Jeder zieht in eine andere Richtung, aber am Schluss hat der Staat eine Geschichte. Wie funktioniert das überhaupt? Es gibt ja keinen großen Plan, sondern jeder hat irgendeine Momentanmeinung und am Schluss kommt etwas Höheres, Gemeinsames heraus oder es sieht von außen nach etwas Gemeinsamem aus. Was mich dann noch interessiert hat: Dass das auch noch innerhalb von einem selber ständig passiert. Dass ich selber ständig umdeute, jetzt im Moment sehe ich es so, dann sehe ich es so. Meine Frage ist: Wie agieren in der Welt? Und mein Problem ist: die Notwendigkeit, eine Feststellung zu treffen, um zu wissen, was ich tun soll. Und bei der Feststellung hapert es halt schon.

DIE FURCHE: Und das führt dann zu dem, was in Rezensionen "verschachtelte Sätze" genannt wird.

Spalt: Im "Ameisendelirium" war das Prinzip, dass sich Satzteile widersprechen. Dass man zu keiner klaren Aussage kommt. Wobei es interessanterweise dann immer so wirkt, als hätte man etwas gesagt. Aber es widerspricht sich in sich alles. Das wäre der Versuch gewesen, aber das ist offensichtlich nicht immer wirklich durchgedrungen.

DIE FURCHE: Die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, wird in "Die zwei Henriettas" befragt, 2017 erschienen.

Spalt: Da ging es darum, dass ich Geschichten herstellen wollte, um für die Gegenwart einen sinnvollen Plan zu kriegen. In dieser Zeit ist mir eingefallen, dass ich einen Großonkel hatte, der in den USA Missionar war. Ich habe angefangen, dem nachzuforschen. Ich fand ziemlich spannend, dass es über so jemand wirklich nicht Bekannten im Internet allerlei Daten gibt. Ich habe zum Beispiel eine detaillierte Beschreibung seiner letzten vier Lebenstage gefunden, in der sein Tod genau beschrieben ist. Das fand ich doch eine intimere Angelegenheit. Ich habe dann herausgefunden, dass er nicht der einzige Großonkel war, der in die USA ausgewandert war. Ich habe versucht, die Geschichte zu rekonstruieren, Leute kontaktiert in den USA, die haben mir Materialien geschickt. Da ist ein Foto aufgetaucht von einer Henrietta, sie sollte die Frau des einen Großonkels sein. Es hat sich schnell herausgestellt, dass es zwei Personen gibt, die so heißen, und ich konnte nicht herausfinden, welche von den beiden die echte ist. Ich habe immer mehr Daten gefunden, aber es war immer unklarer, wer diese Person eigentlich war. Die Frage, was unsere Geschichte im Netz ist, hat mich nicht mehr losgelassen. Auf der einen Seite ist alles verfügbar, auf der anderen Seite kann man nichts feststellen über ihr Leben, weil sich alles widerspricht.

Lisa Spalt

Die Autorin studierte Germanistik und Romanistik und lebt, wie sie schreibt, als "Institut für poetische Alltagsverbesserung" in Linz. Als solches ironisiert sie die utilitaristische Vorstellung, Literatur müsse zu irgendetwas nütze sein. lisaspalt.info

Lisa Spalt, geboren 1970 in Hohenems, veröffentlicht seit 1998 Prosa und Hörspiele, darunter die Bücher "Grimms", "Blüten", "Dings", "Ameisendelirium", "Die zwei Henriettas". Im Rahmen der Gesprächsreihe WERK. GÄNGE in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur sprach sie über Sprache und Themen.

DIE FURCHE: Sie haben einmal gesagt, dass die Sprache immer nur entweder akustisch oder optisch da ist und sich die Verbindungen zu Musik und bildender Kunst daher von selbst ergeben. Welche Schwierigkeiten können aber auftreten, wenn man wie Sie als Sprachkünstlerin mit Musikern zusammenarbeitet?

Lisa Spalt: Musik ist etwas, was in der Sprache manchmal extrem stören kann. Ich habe das bemerkt, als ich mit Clemens Gadenstätter das erste Stück geschrieben habe. Das hat Streitereien verursacht und wir haben festgestellt, dass wir Schwierigkeiten haben, die Zeitlichkeit festzulegen. Wenn es ein Metrum gibt, dann habe ich das Problem, dass der Puls die Sprache stört. Gleichzeitig gibt es das Problem, dass ich in dem Moment, in dem ich anfange, Sprache zu singen, nichts mehr verstehe. Wir haben dann versucht, verschiedene Beziehungen auszuloten zwischen Musik und Sprache. Zum Beispiel in manchen Partien der Musik das Dirigat zu lassen, und in manchen der Sprache. Oder wir haben versucht, Störungen bewusst zu lassen und damit etwas zu machen. Aber man muss jedes Mal das Verhältnis neu bestimmen. Wir schreiben jetzt gerade an einem Stück über Nero, über aus den Fugen geratene Politiker. Da geht es um Repräsentation. Nero wollte sich ständig darstellen, er wollte ja ein Künstler sein. Da habe ich nun fast nur Sprache gewählt, die von anderen stammt und die in verschiedenen Versmaßen geschrieben ist. Clemens Gadenstätter muss jetzt damit leben, dass in jedem Vers das Metrum wechselt und er nun irgendwie darauf reagieren muss.

DIE FURCHE: Wie sehr hat diese Zusammenarbeit mit einem Musiker zurückgewirkt auf das eigene Schreiben für ein Buch?

Spalt: Wenn Sprache rhythmisch nicht funktioniert, dann stört sie mich prinzipiell beim Lesen. Das kommt vielleicht auch daher, dass ich lange in einem Orchester gespielt habe, und die klangliche Seite der Sprache für mich sehr präsent ist und ich auch das Gefühl habe, dass man Sprache kneten kann und dann bestimmte Formen entstehen. Das lässt sich leider schwer erklären, wenn jemand selber das nicht spürt, dass Sprache verschiedene Oberflächen und auch eine gewisse Musikalität hat, die viel Bedeutung tragen kann. Je nachdem, in welchem Rhythmus eine Sprache daherkommt, bedeutet sie etwas völlig anderes. Ich kann den Rhythmus zum Beispiel bewusst abdrehen, so dass er völlig in den Hintergrund tritt, und ihn dann wieder aufdrehen -dann bedeutet das aber etwas. Es ist, wie wenn ich plötzlich einen Werbejingle einschalte.

DIE FURCHE: Jene, die nur einen Plot suchen, enttäuschen Sie. Was ist "Erzählen" für Sie? Spalt: Zusammenhänge schaffen. Netze, in denen Dinge Sinn und Platz bekommen. Ich denke ja immer, dass ich erzähle, nur sehen das andere oft nicht so. Was ich nicht schaffe, ist, eine lange zusammenhängende Erzählung zu kreieren. Für mich hat die Realität damit nichts zu tun. Es sind immer so Inseln, die sich ineinander verflechten. Wenn ich ein Buch erschöpfen kann, indem ich es nacherzähle, wenn das alles ist, was in dem Buch interessant ist, dann wäre mir das zu wenig. Auf der anderen Seite denke ich, dass Erzählen ganz wichtig und etwas ist, das sich die Politik unter den Nagel gerissen hat, wo es eigentlich nicht hingehört oder nicht auf die Weise, in der es betrieben wird. Wir müssen uns in jeder Situation, um handeln zu können, eine Geschichte spinnen. Wenn ich die Situation nicht als Geschichte deute, kann ich damit nichts anfangen. Daher gibt es ein natürliches Bedürfnis nach Geschichten, so wie es ein Bedürfnis nach Essen gibt, abseits vom bloßen Überleben. Meine derzeitige etwas krude Theorie ist, wenn das nicht da ist, dann gelangen wir genau dort hin, wo wir jetzt sind, zu Verschwörungstheorien und Realitätskonstruktionen. Das geht so weit, dass Politikerinnen Menschen erfinden, so wie Sarah Huckabee Sanders diesen Jungen erfunden hat, der einen Brief an Trump geschrieben haben soll, weil er unbedingt dessen Rasen mähen wollte. Da werden Figuren erfunden, die eine bestimmte Rolle in einer Geschichte spielen. Und es wird verwischt, was ausgemachte Realität ist, die ich demokratisch aushandeln muss, und was Erfindung, die ich irgendwo hinstelle.

DIE FURCHE: Ein Beispiel für eine Erzählung, die man auf unterschiedliche Weise einsetzen und nützen kann, ist das Märchen. Sie haben sich 2007 in "Grimms" dieses Genre vorgenommen.

Spalt: Wenn ich gut aufpasse und das Märchen richtig verstehe, dann weiß ich, was man zu tun hat, was richtig ist. Das habe ich als Folie herausgenommen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die Werbung genauso funktioniert. Wenn ich das und das Produkt anwende, wird aus mir ein glücklicher Mensch und dann kommt das Happy End. Auch bei der Werbung geht es nie über den Hochzeitstag hinaus, die Muster sind ähnlich. Und wenn ich mir die richtige Theorie aneigne, komme ich ins Nirwana der Wissenschaften. Es gibt so viele Angebote, was man alles richtig machen kann und welche Gebote man lernen muss, um zum Glück zu gelangen. Seit meiner Jugend bin ich in verschiedenen Gesellschaftsschichten unterwegs, jede hat ihre eigenen Regeln und Wege, wie man zum Glück kommt. Bei dem einen muss man das anziehen, bei dem anderen das. Da muss man das essen, bei den anderen darf man das nicht essen. Diese Regelwerke, die versprechen, dass man, wenn man das alles einhält, glücklich wird, haben mich immer sehr interessiert.

DIE FURCHE: Ihre Art damit umzugehen, wie würden Sie die bezeichnen? Spalt: Bösartig. Alle Wege durcheinander mischen. Und vor allem der Sprache nachgehen, die damit zu tun hat.

DIE FURCHE: Eine thematische Spur, die ich in Ihren Werken finde, ist die Verknüpfung von Ökonomie und Gefühl. Spalt: Ja, zum einen dieser Utilitarismus, der mit den Gefühlen verbunden ist, oder auch das Gefühl, dass man alles kaufen kann. Das Thema zieht sich durch meine Werke, auch diese Notwendigkeit sich ständig anzupassen und zu versuchen, das Bild nach außen aufrecht zu erhalten, um sich halbwegs verkaufen zu können. Damit eng verknüpft ist die Angst unterzugehen und einen Fehler zu machen, sich nicht optimal darzustellen. In meinem neuen Text geht es auch darum, mit der Peinlichkeit nach außen zu gehen, um diese Selfiegesellschaft zu stören.

DIE FURCHE: "Identität durch Ausschließung des Fremden anstelle einer Verschmelzung mit ihm?", heißt es am Ende von "Grimms" erschreckend aktuell.

Spalt: Ja, das Jahr 2000 war damals nicht weit weg. Wir haben ein Land, in dem das Thema zyklisch immer wieder auftaucht. Das ist etwas, was mich, wie es jetzt wieder aufgetaucht ist, schockiert und auch gelähmt hat. Auch von daher kommt mein "Ausufern", das im Moment gerade darin besteht, mit möglichst vielen Menschen zusammenzuarbeiten und gemeinsam Dinge auszuprobieren. Eben nicht diese Ich-AG-Geschichte zu fahren. Meine Schüler schreiben in jedem Aufsatz: "Ich bin so individuell." Ich kann das nicht mehr hören. Ich fände es interessanter, wenn man versucht, sich zu verbinden. Man wird nicht alleine. Man wird nur im Zusammenhang mit anderen und es ist ziemlich schwierig, das zu tun.

DIE FURCHE: Die Thematik "wir" und "ich" führt zu "Ameisendelirium", 2015 erschienen. Ein Ameisenbau sieht geordnet aus.

Spalt: Wenn man so einen Ameisenhaufen ansieht, dann sieht es gar nicht so aus, als wäre das geordnet. Da zieht eine Ameise an einem Pflanzenstückchen in die Richtung, lässt es liegen, dann kommt eine andre, die zieht das woanders hin. Sie ziehen in verschiedene Richtungen, nur am Schluss hat das Ganze eine Ordnung. Das fand ich interessant. Bei meiner Unterrichtstätigkeit merke ich, wie viele unterschiedliche Meinungen zum Beispiel über die politische Situation da sind. Jeder zieht in eine andere Richtung, aber am Schluss hat der Staat eine Geschichte. Wie funktioniert das überhaupt? Es gibt ja keinen großen Plan, sondern jeder hat irgendeine Momentanmeinung und am Schluss kommt etwas Höheres, Gemeinsames heraus oder es sieht von außen nach etwas Gemeinsamem aus. Was mich dann noch interessiert hat: Dass das auch noch innerhalb von einem selber ständig passiert. Dass ich selber ständig umdeute, jetzt im Moment sehe ich es so, dann sehe ich es so. Meine Frage ist: Wie agieren in der Welt? Und mein Problem ist: die Notwendigkeit, eine Feststellung zu treffen, um zu wissen, was ich tun soll. Und bei der Feststellung hapert es halt schon.

DIE FURCHE: Und das führt dann zu dem, was in Rezensionen "verschachtelte Sätze" genannt wird.

Spalt: Im "Ameisendelirium" war das Prinzip, dass sich Satzteile widersprechen. Dass man zu keiner klaren Aussage kommt. Wobei es interessanterweise dann immer so wirkt, als hätte man etwas gesagt. Aber es widerspricht sich in sich alles. Das wäre der Versuch gewesen, aber das ist offensichtlich nicht immer wirklich durchgedrungen.

DIE FURCHE: Die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, wird in "Die zwei Henriettas" befragt, 2017 erschienen.

Spalt: Da ging es darum, dass ich Geschichten herstellen wollte, um für die Gegenwart einen sinnvollen Plan zu kriegen. In dieser Zeit ist mir eingefallen, dass ich einen Großonkel hatte, der in den USA Missionar war. Ich habe angefangen, dem nachzuforschen. Ich fand ziemlich spannend, dass es über so jemand wirklich nicht Bekannten im Internet allerlei Daten gibt. Ich habe zum Beispiel eine detaillierte Beschreibung seiner letzten vier Lebenstage gefunden, in der sein Tod genau beschrieben ist. Das fand ich doch eine intimere Angelegenheit. Ich habe dann herausgefunden, dass er nicht der einzige Großonkel war, der in die USA ausgewandert war. Ich habe versucht, die Geschichte zu rekonstruieren, Leute kontaktiert in den USA, die haben mir Materialien geschickt. Da ist ein Foto aufgetaucht von einer Henrietta, sie sollte die Frau des einen Großonkels sein. Es hat sich schnell herausgestellt, dass es zwei Personen gibt, die so heißen, und ich konnte nicht herausfinden, welche von den beiden die echte ist. Ich habe immer mehr Daten gefunden, aber es war immer unklarer, wer diese Person eigentlich war. Die Frage, was unsere Geschichte im Netz ist, hat mich nicht mehr losgelassen. Auf der einen Seite ist alles verfügbar, auf der anderen Seite kann man nichts feststellen über ihr Leben, weil sich alles widerspricht.

Lisa Spalt

Die Autorin studierte Germanistik und Romanistik und lebt, wie sie schreibt, als "Institut für poetische Alltagsverbesserung" in Linz. Als solches ironisiert sie die utilitaristische Vorstellung, Literatur müsse zu irgendetwas nütze sein. lisaspalt.info