Die Magie des neuen Jahrtausends

1945 1960 1980 2000 2020

Das große Fest der Jahrtausendwende entfaltet seine Strahlkraft auf die gesamte westliche Kultur. Ähnlich wie vor 100 Jahren schwankt die Stimmung zwischen Ängsten und Hoffnungen, Euphorie und bangen Erwartungen.

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Das große Fest der Jahrtausendwende entfaltet seine Strahlkraft auf die gesamte westliche Kultur. Ähnlich wie vor 100 Jahren schwankt die Stimmung zwischen Ängsten und Hoffnungen, Euphorie und bangen Erwartungen.

Wer im WorldWideWeb nach dem Stichwort "Millennium" sucht, stößt mittlerweile auf fast eine Million Einträge, die Vorbereitungen zur Zelebration der Jahrtausendwende laufen auf Hochtouren. In Rom, dem Mittelpunkt der christlichen Welt, das seinen großen Geburtstag feiert, werden im Jahr 2000 20 Millionen Touristen erwartet. In New York kümmert sich ein eigenes Komitee um die Ausrichtung einer gigantischen Jahrtausendwendeparty auf dem Times Square, auf daß die "Hauptstadt des 20. Jahrhunderts" im Mittelpunkt der Feierlichkeiten zur Jahrtausendwende stehe. Die Briten haben schon vor Jahren eine eigene Millennium-Kommission einberufen, die ein breites Spektrum an kulturellen Maßnahmen koordiniert. Neben einem "Millennium Dome" in Greenwich soll es unter anderem ein megalaomanisches Ausstellungs-Event geben, eine Millennium-Exhibition, die die Geschichte und Zukunft der Menschheit zu diesem historischen Datumseinschnitt dokumentiert.

In unserer Kultur ist die Jahrtausendwende Einschnitt und Projektionsfläche: die Zivilisation reflektiert sich selbst. Es wird Bilanz gezogen, Perspektiven und Szenarien werden entwickelt. Millenniumsgefühle sind zwiespältig: sie schwanken zwischen Abschied und Neubeginn, Bangen und Hoffen, Optimismus und Pessimismus. Damit hat auch die unterschiedliche Wahrnehmung der Datumszäsur im angelsächsischen und mitteleuropäischen Raum zu tun.

Während in den USA die Jahrtausendwendeeuphorie schon im Jahr 1975 mit der Gründung der Millennium Society, einem Verbund von Studenten, der heute im Reisegeschäft rund um die Jahrtausendwende mitmischt, eingeläutet wurde, verhielt man sich in Kontinentaleuropa eher abwartend. Erst mit der Jahreswende 1999 setzte die Wahrnehmung des historischen Ziffernsprungs, der im kollektiven Gedächtnis so etwas wie der Geburtstag der westlichen Zivilisation ist, massiv ein.

Der 1. Jänner 2000 wird ein spannender Tag. Während die Finanz- und Wirtschaftswelt den in apokalyptischen Szenarien beschriebenen "Millennium Bug", den Absturz der Computersysteme durch den Ziffernsprung von 19 auf 20 zu verhindern sucht und Silvester 1999 entgegenbangt, wird sich der Durchschnittsmensch vermutlich exzessivem Feiern nicht entziehen können. Sieben von zehn Amerikanern sind nach einer Untersuchung der Zeitschrift "American Demographics" der Überzeugung, daß Silvester 1999 die größte Party des Jahrtausends sein wird. Die Jahrtausendwende ist ein Fest des Westens. Die Christenheit feiert "the big jubilee", ihren großen Geburtstag. Aber wie werden andere Kulturen auf dieses Datum reagieren? Wird die Sogkraft des Datums auch sie in den Bann ziehen? Aufgrund der Strahlkraft des Datums und der medialen Präsenz der Ereignisse kann man davon ausgehen, daß das christliche Millennium global wahrgenommen werden wird. Ein britischer Kommentator prophezeihte: "Sogar in Kulturen, wo Silvester 1999 nicht besonders viel zählt (so wie für die Juden, für die es ungefähr die Mitte des Jahr 5760 sein wird, die Japaner, für die wir uns im 11. Jahr der Heisei-Dynasty befinden oder die Hindus, die noch im Jahr 1921 sind), ist es kaum vorstellbar, daß es irgend jemanden gibt, der an der globalen Party nicht teilnehmen will."

"Der donnernde Flutgang der Jahrtausende" (Egon Friedell) forciert dynamische Prozesse in Gesellschaften. Als Fixpunkt wird sie zu einer Art Projektionsfläche, vor der sich die Zivilisation selbst reflektiert. Das Millennium bekommt eine moralische Rolle als Rechnungsprüfer, der das Soll und Haben einer Gesellschaft beurteilt. Dieses ethische Moment findet in manchen Veranstaltungen zur Jahrtausendwende seinen Widerhall. So sind unter anderem diverse Konferenzen geplant, die unter dem Zeichen der humanitären Aspekte des Millenniums stehen.

Es ist kein Zufall, daß das Symbol der Arche zur Jahrtausendwende Konjunktur hat. Sie ist ein Symbol mit doppelter Bedeutung: einerseits versinnbildlicht sie Selektion und Aufbruch - auf die Zukunfts-Arche kommt, was in unserer Kultur Gewicht und Bedeutung hat. Andererseits eignet sich die Arche als Flaggschiff einer Kultur der Nostalgie. In ihr drückt sich eine Sehnsucht nach Bewahrung und Bewährtem aus. Rund um die Symbolik des Erbes, das erhaltenswert ist und verpflichtet, formiert sich ein Bedeutungsfeld, das den archaisch klingenden Begriff semantisch auflädt.

Eine Projektgruppe in der Schweiz versucht, diesen Aspekt in ein konkretes touristisches Millenniums-Projekt umzusetzen. Das Konsortium "Arche 2000" möchte auf dem Rigi eine Arche errichten, die über die Jahrtausendwende hinaus als Attraktionsobjekt bestehen bleiben soll. Geplant ist, sich im Rahmen von Ausstellungen mit den großen Sinnfragen der Gegenwart auseinanderzusetzen: Was nehmen wir aus den vergangenen Jahrtausenden an "Wichtigkeiten" mit auf den Weg ins nächste Jahrtausend? Welche Wege führen in die Zukunft? In 365 "Seemannskisten" soll das "Ereignis Mensch in unserer Zeit" dargestellt und für künftige ferne Zeiten aufbewahrt werden.

Der Anbruch neuer Zeiten provoziert den Ausbruch extremer Stimmungslagen. Die Aussicht, an einer Jahrtausendwende teilzuhaben, radikalisiert die Gemüter und regt - im Positiven wie im Negativen - die Phantasie der Menschen an. Endzeitstimmung, Ängste vor Umweltkatastrophen und Weltuntergang und der unreine Reim "Zeitenwende-Weltenende" gehören ebenso dazu wie Zukunftsoptimismus und Sinnesrausch.

Durch ihre zyklische Wiederkehr strukturieren Feste den Fluß der Zeit, sie teilen das Jahr in Abschnitte ein. Ein Ereignis wie die Jahrtausendwende tut dies in umfassendem, evolutionsgeschichtlichen Rahmen. Das Millennium ist nicht nur Anlaß zur großen Party, es hat auch reflexiven Charakter und symbolisiert einen Moment des Innehaltens. Kulturgeschichtlich sind Feste zwar hauptsächlich Ausdruck von Lebensfreude und Gemeinschaftsgefühl, eine gewisse didaktische Komponente schwingt aber schon bei den antiken Festmythologien mit.

Silvesterabende sind ebenso wie Geburtstage nicht nur von Glück und Überschwang begleitet, sondern auch von Reflexion, Melancholie und Rückblick. Schließlich erinnern sie den einzelnen unerbittlich daran, daß seine Lebensuhr läuft, und daß nichts und niemand sie aufhalten kann.

In der japanischen Handelsstadt Osaka - dort fiel nach dem alten Mondkalender Neujahr auf Anfang Februar - war es Brauch, daß zu Silvester die aufgenommenen Kredite mit Zinsen zurückgezahlt werden mußten. Die Zeit der Abrechnung war gekommen. In der Vergänglichkeit des Lebens bildet das rituelle Datum eine Art von tröstender Gewißheit. Ein japanisches Haiku drückt dies so aus: "Silvester - im ungewissen Leben das einzig Gewisse!"

Warum beschäftigt die magische Zahl 2000 die Phantasie der Menschen seit Jahrhunderten? Der amerikanische Evolutionsforscher Stephen Jay Gould gibt in seinem jüngsten Buch "Questioning the Millennium: 2000 Years, What's the Big Deal?" darauf eine schlüssige Antwort. Er erklärt die numerische Fixiertheit des Menschen als mentales Bedürfnis, ein Ordnungssystem in eine konfuse Welt zu bringen .

Fin de Siecle: Die Erschaffung der Jahrhundert-Wende In den Jahren vor der letzten Jahrhundertwende avancierte "Fin de Siecle", der schillernde französische Ausdruck für das zu Ende gehende Jahrhundert, in Europa zum Modewort. Die Fin de Siecle-Manie wurde durch ein Theaterstück ausgelöst. Als um das Jahr 1890 in Paris das Boulevardstück "Fin de Siecle" uraufgeführt wurde, interessierte sich niemand für den Inhalt des Dramas. Dafür machte das elegante Wortkonstrukt, das dem Stück den Titel gab, Furore und tauchte bald in allen möglichen Zusammenhängen auf. Vom Bereich der Kultur ausgehend, entwickelte sich der Begriff zum Inbegriff eines Lebensgefühls, das zwischen Fortschrittsglauben und Morbidität schwankte.

In Wien, neben Paris die zweite europäische Hauptstadt des Fin de Siecle, kursierte der funkelnde Begriff unter den Protagonisten der "Nervenkunst" der Jahrhundertwende. "Etre Fin de siecle" war ein Zeitgefühl, das sich aus Widersprüchlichkeiten und Paradoxa nährte, der Lebensstil einer Zeit des Umbruchs. Fin de Siecle behält begriffsgeschichtlich seine Nähe zur lateinischen Formulierung "finis saeculi". Sie geht auf Augustinus zurückgeht und meint das Ende der Weltzeit. Den Begriff "Fin de Siecle" umspielt eine melancholische Aura, ein Beiklang von Weltuntergangsstimmung - Morbidezza.

Zukunftsängste erlebten um das Jahr 1890 herum skurrile Gestaltungen. Der Schriftsteller H. G. Wells zum Beispiel hatte viel Erfolg mit seinem Roman "War of the Worlds". Er beschrieb darin die Beinahe-Auslöschung der Menschheit durch brutale Invasoren vom Mars. Die Menschen goutierten anscheinend auch damals schon Geschichten über Verelendung und Untergang. Auch heute befriedigen zahlreiche Werke der populären Kultur das Bedürfnis nach Horrorszenarien und Verschwörungstheorien.

1900 - Die letzte Jahrhundertwende: Jahrhundertenden rufen Sehnsüchte nach Zusammenfassungen der großen Themen hervor. Zur letzten Jahrhundertwende erschienen in zahlreichen Zeitschriften Umfragen zum Thema "Bilanz des Jahrhunderts". Und auch heute finden sich auf dem Buchmarkt zahlreiche Reihen, die sich der Bilanz des 20. Jahrhunderts verschrieben haben.

Den Rückblicken standen soziale Utopien gegenüber. Es begann der Aufstieg der Arbeiterbewegung. Rückwärtsgewandtheit und fortschrittsgläubiger Optimismus trafen aufeinander. Jahrhundertwende bedeutete, resümiert der Kulturphilosoph Thomas Kuchenbuch in seinem Buch über "Die Welt um 1900": "Sezession und Akademiekunst, Jugendstil, aber auch Kubismus und Futurismus, Telefon und Frühformen des Kinos neben Ölschinken von Makart, Gustave Eiffel, Ozeandampfern."

Die Kernprobleme der damaligen Gesellschaft erinnern strukturell an unsere Zeit: die industriell-technische Revolution und der rasante technologische Fortschritt führten zu gesellschaftlichen und sozialen Umwälzungen: während weite Teile der Land- und Industriearbeiterschaft unter dürftigen, oft auch elenden Bedingungen lebten, entstanden gleichzeitig riesige neue Vermögen. Die "soziale Frage" war damals wie heute ein beherrschendes Thema. In der Industriegesellschaft sind die alten Ständeordnungen veraltet. Sie müssen den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Die Massenzuwanderung in die Städte, wo es Arbeit gab, schuf neue Probleme, mit denen die weitgehend agrarisch geprägte Gesellschaft, in der ein gemächliches Tempo herrschte, noch nicht konfrontiert war. Mit der Emanzipationsbewegung der Frauen bahnte sich eine der größten Umwälzungen des 20. Jahrhunderts an.

Das 20. Jahrhundert wurde mit großer Ungeduld erwartet. Als würde man schon durch die wechselnde Datierung in eine neue geschichtliche Phase eintreten. Alles was als zeitgemäß galt, wurde mit den Etiketten "20. Jahrhundert", "modern" und "neu" bedacht. Die Rede war von der "neuen Frau", dem "neuen Journalismus", der "neuen Moral", es gab "Art Nouveau" und die "neue Welt". Tempo und Beschleunigung waren die gedanklichen Gegenspieler von Blasiertheit und Müdigkeit Die Industriestaaten USA, England und Deutschland stiegen zu wirtschaftlichen Großmächten auf. Die Erschließung neuer Energiequellen wie Elektrizität und Erdöl, die durch Telegrafie und Telefon erzielte Beschleunigung des Verkehrs- und Nachrichtenwesens und andere Errungenschaften der Zeit schufen die Voraussetzungen für Welthandel und Weltwirtschaft.

Herausragende Bauwerke der Epoche wie der Pariser Eiffelturm wurden zu gewaltigen Manifestationen wirtschaftlicher Macht.

Die Weltausstellung 1900 in Paris war ein epochemachendes Ereignis. Sie war nicht nur Darstellungsforum der Errungenschaften der Epoche, sondern auch Signal des Aufbruchs ins 20. Jahrhundert. Die Weltausstellung war ein gesellschaftliches und touristisches Großereignis. Eisenbahngesellschaften und Hoteliers, die Tourismusbranche insgesamt hatte schon einen bedeutenden Grad an Organisation erreicht. Besonders das Theater profitierte enorm vom gesellschaftlichen Ereignis Weltausstellung. Obwohl in der Expositon mondiale selber zahlreiche "Kostüm- und Nachtfeste" stattfanden, konnten die Theater ihre Einnahmen gegenüber dem Vorjahr verdoppeln. Neben Zerstreuungen gab es auch eine ganze Reihe philosophischer Kongresse. Es gab Radrennen, Dampferfahrten, kulinarische Attraktionen in exotischen Restaurants und in den Tempeln der französischen Küche.

Auch für die Mode und Geschmacksfragen aller Art war die Weltausstellung von enormer Bedeutung. Die Modejournale berichteten regelmäßig über die erwarteten Tendenzen, und die Pariser Haute Couture präsentierte sogar ein spezielles Kostüm für die Weltausstellung. Darüber hinaus fanden zahlreiche Kongresse der Textil- und Modebranche statt, denn es war ja für die Mode ein eigener Ausstellungsbau errichtet worden, das "Palais de Costumes" mit historischen und modernen Abteilungen.

Die Weltausstellung fand gewaltigen Widerhall in Zeitzeugnissen. Noch lange danach wurde sie als globales Ereignis empfunden. In Berichten der Paris-Korrespondenten deutscher Zeitungen, die kurz vor Ausstellungseröffnung erschienen, wurden Details berichtet wie der neue Refrain des Chansonniers Aristide Bruant, der eine wunderbare Ausrede in Paris populär machte: "Je me reserve pour l'exposition!" Binnen kürzester Zeit war die Ausrede, alles auf die Ausstellung zu schieben, zum geflügelten Wort geworden und mußte als Entschuldigung für Verzögerungen aller Art herhalten.

Von solcher Euphorie können heutige Weltausstellungsplaner- und -manager nur träumen. Das mediale Umfeld bildet eine massive Konkurrenz. Das heißt man braucht besondere Zeichen, herausragende Strategien, um sich davon abzuheben. Es geht heute wie damals um die Schaffung von Eindrücklichkeit und Einzigartigkeit, Originalität. Dies betrifft auch die Millenniumsfeiern, denn wenn jede Stadt und jeder Ort so etwas veranstaltet, muß man zwangsläufig auf Vielfalt und Differenzierung zielen. Hannover hat mit der Zahl 2000 und mit dem Marketingfaktor Millennium für seine Expo 2000 einen unüberbietbaren Startvorteil gegenüber anderen Weltausstellungen. Man muß ihn allerdings zu nutzen verstehen. Ob man einen neuen Paris-Effekt erzielen kann, wird sich erweisen. Damals wie heute spielt der Jahrhundertwechsel eine zentrale symbolische Rolle. Nicht zuletzt deshalb wird auch die Weltausstellungsarchitektur von markanter Bedeutung sein. Unser Fin de Siecle ist gleichzeitig Fin de millennium, und die stellt für die Kreativität und Qualität der Bautenplaner eine mächtige Herausforderung dar.

Das Jahr 1900 war ein Schlüsseljahr in der europäischen Kulturgeschichte. 1900 starben Oscar Wilde und Friedrich Nietzsche. Schlüsseltexte des 20. Jahrhunderts erschienen: Sigmund Freuds "Traumdeutung", Ernst Machs grundlegendes Werk über Wahrnehmungstheorie "Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen" oder Georg Simmels "Philosophie des Geldes", in dem er die neue "Macht der geldwirtschaftlichen Bewegungen" und die Auflösung feudaler Strukturen beschrieb.

Kuchenbuch verweist auf die folgenreichen Veränderungen und kulturellen Umwälzungen, die um 1900 von neuen Medien wie Fotografie, Film und Telefon ausgingen. "Damals kam der Amateurfilm in Mode, ausgelöst durch die kleinen Rollfilm-Handapparate (etwa der berühmten "Pocket Folding Kamera" Nr. 3 von Eastman-Kodak), die neben den großen Plattenkameras für Spezialzwecke auf den Markt kam. Zeitungen von damals sprechen ein wenig abschätzig vom "Amateurphotographenfieber". Das Ende des 20. Jahrhunderts ist zugleich das Ende des ersten Jahrhunderts in der Geschichte der neuen Massenmedien. Die Foto- und Filmbranche hat Anlaß genug für Bilanzen und nostalgische Rückblicke.

Die Jahrhundertwende war eine Zeit kultureller Blüte. In dieser Epoche des Umbruchs entstanden in künstlerischen und literarischen Disziplinen Leistungen, die die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts prägen sollten. Die beliebtesten Vergnügungsformen waren Variete, Cabaret, Zirkus, Tanz und Panoramen, die in Guckkastenform Frühformen des Films waren, aber auch Theater, Oper und Ballett erfreuten sich lebhaften Zuspruchs. Dabei war für den Durchschnittsmenschen die Zeit für Vergnügen knapp bemessen. Um das Jahr 1890 betrug die Arbeitszeit im Schnitt 60 Stunden pro Woche. Freie Wochenenden kannte man nicht. Gearbeitet wurde an sechs Tagen in der Woche, im Schnitt waren es zehn Stunden pro Tag.

Viele der technischen und medizinischen Errungenschaften, die für uns heute selbstverständlich sind und unser Dasein erleichtern, gab es damals nicht. Noch vor hundert Jahren lag die Lebenserwartung dramatisch unter der heutigen: Nach Berechnungen des britischen "Central Statistical Office" lag zur Jahrhundertwende die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes bei 45,5 Jahren, die einer Frau bei 49. Im Jahr 2000, nimmt man an, werden die Zahlen bei 74,5 beziehungsweise 80 liegen.

Manche Menschen reagierten auf den gesellschaftlichen Wandel, auf die Umwälzungen, die durch die Industrialisierung hervorgerufen wurden, mit Krankheitssymptomen, die man heute als "Stress" bezeichnen würde. Man nannte diesen Zustand poetisch "La Maladie du Fin de Siecle", die Krankheit des Jahrhundertendes. Empfohlen wurden Kuraufenthalte in Reizklima und Champagnerluft.

Zum Lebensgefühl der Zeitenwende gehören Nostalgie, Abschiedsstimmung und Angst vor dem Neuen. Heute, an der Wende zum 21. Jahrhundert, ist es nicht anders.

Die Autorin ist Publizistin in Wien.

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