Er startete als Berater für Management und Vertrieb, bietet heute Seminare und Coachings an: Werner Berschneider, der auf Basis der Logotherapie arbeitet, im Interview.

Klamauk und Blödelei beherrschen TV-Programme, in der Öffentlichkeit werde manches banalisert, wirtschaftlicher Tätigkeit fehle die Abgrenzung von Sinn und Zweck. Dem allen hält Berschneider Sinn entgegen. Denn der Mensch als geistiges Wesen braucht ihn.

DIE FURCHE: Wie kamen Sie dazu, sich beruflich mit der Frage nach Sinn zu befassen?

Werner Berschneider: Als ich zu einer Schweizer Unternehmensberatung mit Schwerpunkt auf Vertriebs- und Managementseminaren gekommen bin, fragten mich Führungspersönlichkeiten häufig: "Kann ich heute Abend noch kurz mit Ihnen reden?“ Ich habe leichtfertig zugesagt. Dann haben mir die Menschen existenzielle Themen auf den Tisch gelegt. Ich hatte das Gefühl, diesen Themen nicht gewachsen zu sein. Meine Frau, eine Ärztin mit psychotherapeutischer Ausrichtung, schlug vor, bei der Frankl-Schülerin Elisabeth Lukas eine Logotherapie-Ausbildung zu machen. Das Gedankengut von Viktor Frankl und der Logotherapie ist für mich das Basismodell, mit dem ich in meinen Seminaren und in Individualcoachings arbeite.

DIE FURCHE: Was kann denn unter Sinn verstanden werden?

Berschneider: Es ist schwierig, den Begriff Sinn in eine abstrakte Definition zu fassen. Ich bin aber überzeugt, dass wir ein feines Gespür dafür haben, was Sinn macht. Elisabeth Lukas hat Sinnkriterien angegeben. Zu diesen gehört, dass eine Handlung die Chance haben müsse, Gutes zu bewirken. Sie darf nicht nur von egoistischen Motiven geprägt sein. Sie muss auch andere Menschen und die Welt insgesamt einbeziehen.

DIE FURCHE: Warum ist Sinn für den Menschen so wichtig?

Berschneider: Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl sagt, Geist braucht Sinn. Das finde ich sehr schön. Da gibt es übrigens eine Parallele zu einer anderen Schule der Psychotherapie, C. G. Jung sagte: "Die Psychoneurose ist im letzten Verstande ein Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat.“ Der Mensch ist als geistiges Wesen also darauf angewiesen, dass er die Chance hat, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Wenn wir das nicht tun, werden wir krank, depressiv oder neurotisch.

DIE FURCHE: Was bedeutet Sinn heute, in einer Zeit voller Krisen?

Berschneider: Für mich ist Sinn ein zentrales Thema, gerade weil wir in einer Zeit vieler Krisen leben und es wichtig ist, die Abgrenzung vorzunehmen zwischen Sinn und Zweck. In der Wirtschaft wird überwiegend der Zweck gelebt, und der Sinn bleibt dabei auf der Strecke. Ein typisches Beispiel sind Alkopops. Um einem Rückgang des Spirituosenumsatzes entgegenzuwirken, kamen Unternehmen wie Bacardi auf die Idee, Kinder und Jugendliche für Alkohol zu gewinnen. Diese Unternehmen haben Getränke entwickelt, die wie Limonaden schmecken, aber einen hohen Alkoholgehalt haben. Der Zweck wurde erfüllt, aber es ist nicht sinnvoll, Kinder und Jugendliche für Alkohol zu gewinnen.

DIE FURCHE: Gibt es eine historische Konstante, was den Menschen sinnvoll erscheint?

Berschneider: Die Philosophen der Antike forderten, ein tugendhaftes Leben zu führen. Wir können heute mit dem Begriff Tugend zwar nicht mehr viel anfangen, aber die zentralen Inhalte wie etwa Gerechtigkeit haben heute die gleiche Bedeutung. Wir haben heute das Problem der Verteilungsgerechtigkeit zu lösen, das eine gerechte Verteilung knapper Güter beinhaltet. Wasser ist ein knappes Gut, das möglicherweise bald Kriegsursache sein wird. Im Nahen Osten wird um Wasserreservoirs erheblich gestritten. Während es in großen Teilen der Welt Engpässe, Knappheit und Not gibt, leben wir in der westlichen Welt in einem unglaublichen Überfluss. Deshalb müssen wir uns dem Thema der Verteilungsgerechtigkeit stellen.

DIE FURCHE: Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit scheinen in der Finanzwirtschaft kein Thema zu sein. Sie kritisieren vor allem Warentermingeschäfte, die sogenannten Futures. Warum?

Berschneider: Ich bin kein grundlegender Gegner von Futures, weil sie Händler und Abnehmer von Waren vor Preisschwankungen schützen. Aber der Handel damit hat sich völlig abgelöst von der Realwirtschaft und es gibt Spekulationen. Das hat dazu geführt, dass die Preise für Grundnahrungsmittel erheblich gestiegen sind Das bedeutet für viele arme Menschen in der sogenannten Dritten Welt, dass sie sich ihre Nahrungsmittel nicht mehr leisten können. Die Spekulationspapiere etwa mit Weizen tragen dazu bei, dass Menschen schlicht nicht mehr ernährt werden können. Das ist ein Verbrechen.

DIE FURCHE: Sie sagen, der Zweck stehe heute in der Rangordnung der Handlungsziele über dem Sinn. Wie manifestiert sich dieser Vorrang des Zwecks in der Bildung?

Berschneider: In der Bildung ist es vor allem die Ökonomisierung, die hier eintritt. Bildungsangebote werden in hohem Maße nicht mehr als Selbstzweck verstanden. Das Augenmerk liegt nicht mehr auf einem guten Bildungsangebot, sondern auf Kriterien der Ökonomie. Und das hat negative Auswirkungen. In Deutschland ist das äußere Erscheinungsbild vieler Schulen verkommen. In Initiativen reinigen und pflegen die Eltern diese Schulräume, damit die Kinder eine einigermaßen angemessene Umgebung vorfinden. Viele Lehrer sind arbeitslos geworden, während auf der anderen Seite Lehrer fehlen und dadurch Klassen viel zu groß geworden sind. Das alles ist der Ökonomisierung aller Lebensbereiche geschuldet.

DIE FURCHE: Neben einer zunehmenden Ökonomisierung und Individualisierung konstatieren Sie einen Trend zur Banalisierung. Woran äußert sich dieser?

Berschneider: Banalisierung bedeutet für mich eine relativ oberflächliche Lebensgestaltung. Im Rahmen der Pluralisierung hat sich ein enorm breites Angebot an Ablenkungsmöglichkeiten entwickelt. Wir laufen dadurch Gefahr, den wirklich tiefreichenden Fragen des Lebens auszuweichen und uns einfach den Genüssen und den Vergnügungen der Welt zu widmen. Das Fernsehprogramm, das sehr, sehr konsequent nach Einschaltquoten gestaltet wird, ist voll von Klamauk und Blödelei. Ich sage nicht, dass Spaß und Zerstreuung nicht Platz haben dürfen, aber sie dürfen nicht den wesentlichen Teil des Lebens ausmachen.

DIE FURCHE: Müssen wir es erlernen, wieder vom Spaß zur tiefer gehenden Freude zu kommen?

Berschneider: Das wäre für mich sogar ein sehr tief gehendes Anliegen. Ich will die Spaßjünger nicht verurteilen. Sie tun mir oft sogar leid, weil ich bemerke, wer sich zu sehr diesem Spaß-Erleben hingibt, verliert Zug um Zug die Fähigkeit zu tiefer Freude. Und tiefe Freude setzt oftmals voraus, dass ein innerer Widerstand überwunden wird, um sich den tieferen Fragen zuwenden zu können.

DIE FURCHE: Um sinnvoll zu handeln und ein Bewusstsein für Unrecht zu entwickeln bräuchten wir - Ihren Aussagen nach - einen Konsens darüber, was Sinn sei. Bis zur Aufklärung erfüllte vor allem die Kirche diese Aufgabe. Wer sollte heute diesen Konsens schaffen?

Berschneider: Ich bin überhaupt nicht dafür, dass dies irgendwelche Autoritäten in die Hand nehmen. Weder ist die Politik geeignet, zu definieren, was sinnvoll ist, noch sind es die Kirchen oder irgendwelche NGOs. Meiner Überzeugung nach brauchen wir einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, was wir heute als sinnvoll empfinden wollen. Das darf aber nicht von egoistischen Motiven geprägt sein.

DIE FURCHE: Wie soll dieser gesellschaftliche Konsens konkret erzeugt werden?

Berschneider: Ich bin überzeugt, dass der Einzelne seinen Beitrag leisten muss, indem er dort aktiv wird, wo er tätig ist. Das kann am Arbeitsplatz sein oder in einer ehrenamtlichen Organisation. In Österreich bekommt fairer Handel eine zunehmende Bedeutung. Wer nicht fair gehandelten Kaffee kauft, kann sicher sein, dass ausbeuterische Kinderarbeit dahinter steckt und dass Zehnjährige bis zu 50 Kilo schwere Säcke zu tragen haben. Das ist ein unerträglicher Zustand. Wenn wir als Gesellschaft Konsens erzeugen, und das tut jeder Einzelne, tragen wir dazu bei, dass im internationalen Geschehen mehr Sinnorientierung eintritt.

DIE FURCHE: Gibt es auch Konsensbildung, die über den Einzelnen hinausgeht?

Berschneider: Social Media leisten einen Beitrag, dass gesellschaftlicher Konsens eine Rolle spielt. Der arabische Frühling hat es uns gezeigt. Nur über Social Media war es möglich, dass sich dort Menschen austauschten und feststellten, dieses unerträgliche Regime nicht mehr zu akzeptieren und es abzuschaffen. In gleicher Weise entstehen in vielen Bereichen solche Kristallisationspunkte für gesellschaftlichen Konsens.

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