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Hilfe, die Helfer kommen!

Helfen, aber wie? Spenden, aber wofür? Unterstützen, aber wen? Ein professioneller Spendensammler zu den Problemen, die sein Beruf mit sich bringt.

Es muss mich sehr bewegt haben, als ich das erste Mal ein hungerndes Kind im Fernsehen sah. Meine Mutter bestätigt, dass ich unmittelbar danach beschloss, Bäcker zu werden: Wenn ich groß bin, dachte ich, dann backe ich Brot für die hungernden Kinder. Dann organisiere ich Lastautos, die Brot und Semmeln zu den Menschen nach Afrika bringen. So stellte ich mir damals effiziente Hilfe vor. Heute muss ich über solche Ideen lächeln. Mein Plan war nicht wirklich ausgereift. Gemessen an Kriterien für sinnvolle Entwicklungshilfe muss ich gestehen: Mein Plan war weder nachhaltig noch partizipativ. Das Brot wäre in den Lastautos verschimmelt. Wäre es heil angekommen, hätte es nur kurz das Problem dieser Menschen gelöst. Sie hätten bald wieder Hunger gehabt.

Zwangsbeglückte Arme

Und eines hatte mein Plan überhaupt nicht vorgesehen: Was würde passieren, wenn den Afrikanern das Brot nicht schmeckt? In meiner kindlichen Vorstellung wurden diese Menschen zwangsbeglückt, von Mitbeteiligung weit und breit keine Spur. Ich hatte eine relativ einfache Vorstellung: Dort sind arme Menschen, gebt ihnen zu essen. Punkt. Heute arbeite ich für eine Hilfsorganisation, meine Aufgabe ist es, Spenden für Menschen in Not zu organisieren und da bin ich mit mehreren Problemen und Fragen konfrontiert:

1. Dilemma: Es braucht nachhaltige Entwicklungsprojekte, aber gespendet wird lieber für Katastrophenhilfe.

Nie vergessen werde ich den Besuch bei einer Familie in Südindien: Ein abgelegenes Bergdorf, feuchter lehmiger Boden, ein Haus am Hang, der Vater arbeitslos, die Mutter krank. Armut, so wurde mir bewusst, das heißt nicht nur wenig zu essen zu haben. Es bedeutet auch: kein Geld für Medikamente, kein soziales Netz, schlechte Verkehrsanbindungen, kein Wissen. Es bedeutet, von Lebensmöglichkeiten ausgegrenzt zu sein und das nicht einmal artikulieren zu können.

Wie kann man in dieser Situation helfen? Lebensmittel verteilen reicht nicht. Im erwähnten Beispiel ist die Frau Mitglied einer Gruppe. Sie trifft sich alle zwei Wochen mit anderen Frauen, bespricht ihre Sorgen und zahlt ein paar Rupien in die Gemeinschaftskassa. Aus dieser gemeinsamen Kassa wird Geld entnommen, wenn eine von ihnen Medikamente braucht oder wenn sich eine der Frauen eine Kuh kaufen möchte. Es ist ein Kleinkredit-Programm, das vor allem das Selbstbewusstsein dieser Frauen stärkt. Eine langfristige Hilfe, die nicht schnell wirkt, aber in einigen Gebieten schon viel erreicht hat. Es ist Entwicklungs-Zusammenarbeit, die auch vorsorgt, damit es nicht zu Hunger-Katastrophen kommt.

Armut hat viele Ursachen und viele Gesichter. So vielschichtig die Probleme der Armut sind, so vielschichtig müssen auch die Lösungsansätze sein: Es braucht Schulen, Gesundheitsexpertinnen, Kleinkreditprogramme und Genossenschaften um nachhaltig etwas zu bewegen. Dennoch stehe ich jedes Mal, wenn ich einen Spendenaufruf schreibe, vor einem Dilemma: Ich weiß, dass es tolle langfristige Entwicklungs-Projekte gibt. Aber ich weiß auch: Für Katastrophenhilfe spenden die Menschen mehr und lieber. Was tun? Einen Spendenwerbebrief über die hungernden Kinder im Sudan schreiben und wenn mehr Geld als geplant hereinkommt, den indischen Frauen etwas davon geben?

2. Dilemma: Es braucht sorgfältige Projektbetreuung, aber die Spenden sollen ausschließlich in die Projekte gehen.

Nehmen wir an, Sie haben im Fernsehen hungernde afrikanische Kinder gesehen, oder Sie haben auf einer Reise in Indien ein tolles Frauenprojekt besucht und möchten jetzt andere Menschen motivieren, für ein Entwicklungs-Projekt zu spenden. Dann werden Sie merken, dass alle in Frage kommenden Spender und Spenderinnen sehr spezielle Vorstellungen und Wünsche haben: "Ich will, das wirklich das ganze Geld, das ich spende, ankommt." "Ich möchte ganz genau wissen, wofür meine Spende verwendet wird." - "Es soll möglichst wenig für die Organisation oder für die Verwaltung in Österreich verwendet werden." So lauten die Sätze, die man oft in Telefonaten mit Wohltäterinnen und Förderern zu hören bekommt. Als Spendenwerber führt Sie das in ein weiteres Dilemma: Wie oben dargestellt soll Entwicklungshilfe langfristig sein, sie soll professionell abgewickelt werden. Das bedeutet aber auch: Es braucht Menschen, die sich um den Kontakt zu den Projekten bemühen, die kontrollieren, ob auch wirklich das mit dem Geld passiert, was vom Projektpartner z.B. in Indien versprochen wurde.

Auch Geld für Verwaltung

Wenn sich jemand um diese Aufgaben kümmert, dann braucht das Arbeitszeit und die kostet Geld. Und wenn Sie sich selber bemühen, Spenden aufzutreiben, dann werden Sie merken: Ihre Telefonrechnung wird steigen und Sie werden Geld für Briefpapier und Postgebühren brauchen. Daraus folgt: Es ist unmöglich, dass alle Spenden in Projekte fließen. Ein gewisser Prozentsatz wird auch für Verwaltung und Organisation benötigt.

3. Dilemma: Was nützt Entwicklungshilfe, das weltweite Wirtschaftssystem muss gerechter werden.

Es gibt Menschen, die werden Sie trotz aller Bemühungen nicht überzeugen die Geldbörse zu öffnen oder eine Überweisung für Ihr Projekt zu tätigen. Knapp 30 Prozent der Österreicher geben an, nie zu spenden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Neben reinem Desinteresse gibt es auch eine Skepsis gegenüber karitativen Organisationen, die folgendermaßen begründet wird: "Die Staaten z.B. in Lateinamerika sollen sich um Schulen und Gesundheitsprogramme kümmern. Man müsste dort politisch aktiv sein, anstatt Sozialprojekte durchzuführen." Oder: "Um Entwicklungszusammenarbeit (EZA) soll sich der Staat kümmern, Österreich als reiches Land sollte sich das leisten." Oder: "Es soll sich das globale Wirtschaftssystem ändern, damit Menschen nicht in Armut fallen." Wer sich für EZA engagiert, muss sich mit diesen Argumenten auseinander setzen. Fragen von Armut und Entwicklung sind auch Fragen der globalen Wirtschaft. Genau aus diesem Grund wenden viele Hilfswerke einen Teil ihrer Arbeitskraft für Bewusstseinsbildung und Anwaltschaft auf. Bei Aktionen wie der "0,7 Kampagne" fordern mehrere Organisationen die Regierung auf, mehr Geld - 0,7 Prozent des Budgets - in EZA zu investieren.

Fairer Handel statt Almosen

Auch der so genannte Faire Handel wird deshalb unterstützt: Den Kakaobauern in der Elfenbeinküste ist am besten geholfen, wenn sie regelmäßig ihren Kakao zu festgelegten Preisen verkaufen können. Sie wollen keine Almosenempfänger sein, sondern am globalen Wirtschaftssystem zu fairen Bedingungen teilnehmen. Ich bin überzeugt, dass Spenden sammeln nur legitim ist, wenn auch diese politische Lobbyarbeit in einer Organisation Platz hat.

Auch von einer anderen Seite wird EZA skeptisch betrachtet. Aus Unternehmerkreisen hört man Argumente wie: "Die Wirtschaft soll Arbeitsplätze schaffen" und: "Nur Unternehmen bringen Wohlstand, nicht Entwicklungs-Projekte." Deshalb sei der freie Handel in alle Bereiche auszudehnen. NGOs werden von dieser Seite oft skeptisch beäugt, da sie sich meistens gegen absoluten Liberalismus aussprechen.

Als Spendenwerber sehe ich die Argumente und wäge ab. Ich weiß, dass ein Berufsbildungs-Zentrum z.B. in Kapstadt/Südafrika nur dann wirklich effektiv ist, wenn die Jugendlichen nach der Ausbildung Chancen auf einen Arbeitsplatz haben. Da wäre ich sehr froh, wenn es dort einen Konzern gibt, der auf der Suche nach gut ausgebildeten jungen Menschen ist und diesen einen Job anbietet. Ich wäre auch froh, wenn dieser Konzern für dieses Berufsausbildungs-Zentrum spendet. Schließlich bekommt er gut ausgebildete Leute. Aber andererseits will ich als Mitarbeiter einer NGO auch, dass die Jugendlichen in diesem Berufsbildungs-Zentrum nicht nur das Handwerk des Spenglers oder Schlossers lernen, sondern auch lernen, selbstbewusst ihre Meinung zu artikulieren, um sich dann später z.B. als Betriebsrat zu organisieren. Aber ob das im Interesse des Unternehmers ist, der dieses Berufsausbildungs-Zentrum mitfinanziert?

Lieber Sachgüter als Geld

"Wir möchten lieber Sachgüter spenden" lautet ein anderes Argument, mit dem man sich auseinander setzen muss. Als Spendenwerber gerät man da schon wieder in ein Dilemma: Soll man diese Spenden annehmen? Zerstört man nicht durch Lebensmittel oder Baumaterialien, die man in armen Ländern verschenkt, den gerade entstehenden einheimischen Markt? Wäre es nicht viel besser, vor Ort Lebensmittel zu kaufen, um damit den einheimischen Markt zu fördern? (Der Dokumentarfilm We feed the world hat dokumentiert, wie durch billigen Gemüse-Import die Bauern in einigen afrikanischen Ländern ihr Gemüse nicht mehr kostendeckend verkaufen konnten.)

Damit komme ich zu einem Problem, das in NGOs sehr gerne diskutiert wird: Darf man Spenden von Menschen und Unternehmen annehmen, auch wenn man nicht sicher ist, ob dieses Geld auf ethisch korrekte Art und Weise erworben wurde? Ein Beispiel: Ein Ölkonzern möchte für EZA in Afrika spenden. Gleichzeitig betreibt dieser Konzern Ölförderung in einem afrikanischen Land und arbeitet dabei auch mit einem quasi diktatorischen Regime zusammen. Durch die Ölförderung kommt es zu Zwangsabsiedlungen von Menschen und auch zu Umweltverschmutzung. Aber natürlich schafft der Konzern dadurch auch Arbeitsplätze.

Ethisch korrekte Spenden?

Darf eine NGO Spenden von diesem Konzern nehmen? Wenn ja, wie glaubwürdig kann sie dann noch die Interessen der vertriebenen Menschen vertreten? Ist sie dann noch frei genug, um auch das Handeln des Konzerns öffentlich zu kritisieren? Wer entscheidet, was ethisch korrekt ist?

Das hungernde Kind in Afrika ist ein Bild, das jeder kennt und jeden trifft. Deshalb wird es nicht so schnell aus der Spendenwerbung verschwinden. Es macht deutlich, dass das Sammeln von Spenden oft ein Grenzgang ist. Man muss Menschen emotional berühren, aber andererseits auch Zusammenhänge vermitteln. Die Kunst des Fundraisings besteht darin, langfristige Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Nur wenn es gelingt, dabei auch die komplexen entwicklungspolitischen Fragen und Antworten zu thematisieren, ist das Sammeln von Spenden für Entwicklungs-Projekte legitim. Dafür braucht es Menschen, die sich mit Wissen und Erfahrung in dieses Gebiet wagen und ein Gespräch zwischen den verschiedenen Gruppen und Akteuren der Gesellschaft beginnen, einen Dialog zwischen NGOs, Unternehmen, Wohltäterinnen und Spendern - und den Hilfsbedürftigen.

Der Autor ist Fundraiser von "Jugend Eine Welt - Don Bosco Aktion Austria".

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