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Damit die Spende auch wirklich ankommt

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Die Affäre um World Vision hat die Spendenfreudigkeit der Österreicher nicht nachhaltig beeinflußt. Die Hilfsorganisationen werben trotzdem um neues Vertrauen der Spender.

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Die Affäre um World Vision hat die Spendenfreudigkeit der Österreicher nicht nachhaltig beeinflußt. Die Hilfsorganisationen werben trotzdem um neues Vertrauen der Spender.

Trotz der noch "frischen" Spendenaffäre um "World Vision" ist die seit 1995 rückläufige Spendenbereitschaft der Österreicher wieder deutlich angestiegen. Das Marktforschungsinstitut "Market" publizierte Ende Dezember 1998 eine Umfrage, die zeigt, daß eine optimistische Zukunftserwartung und die positiven Wirtschaftszahlen die Österreicher wieder spendenfreudiger gemacht haben. Nach den Einschränkungen im privaten Konsum fiel es Ende 1998 wieder leichter, Geld für wohltätige Zwecke auszugeben.

Etwas ist trotz der neu erwachten "Spendenfreudigkeit" jedoch ganz offensichtlich: Man sieht sich sehr genau an, wofür - für welche Aktion beziehungsweise Zielgruppe - man sein Geld ausgibt.

Verschoben haben sich aber auch die Spendenfrequenz und die Spendensumme. Im Vergleich zum Jahr 1991 wird tendenziell weniger häufig gespendet, dafür liegt die durchschnittliche Höhe aber deutlich über der der vergangenen Jahre.

Durchschnittlich 220 Schilling entnimmt der Spender heute seiner Geldbörse, 1991 waren es rund 125 Schilling. Daraus resultiert ein jährliches Gesamtvolumen von 3,3 Milliarden Schilling, das den zahlreichen Spendenorganisationen zufließt. Organisationen, die sich besonders für Kinder einsetzen, das Rote Kreuz und die Freiwillige Feuerwehr stehen in der Gunst der Österreicher zur Zeit ganz oben.

Bei der Beantwortung der Frage nach dem "Wofür" der Spende wird auch der Ruf nach einem sogenannten "Gütesiegel" für caritative Organisationen laut. Die Frage ist allerdings, ob ein solches Siegel Mißbrauch verhindern kann.

"Schwarze Schafe" Der Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf, das immerhin mit 50 Prozent Spitzenreiter in der Beliebtheit der spendenfreudigen Österreicher ist, mahnt zur Vorsicht bei der Berichterstattung von "Affären". Indirekt seien mit solchen Berichten alle Spendenorganisationen betroffen und viele Menschen könnten verunsichert werden. Wilfried Vyslozil: "Wir bedauern jeden Spendenmißbrauch, appellieren aber an die Bevölkerung und an die Medien, damit negative Einzelfälle nicht das Spendenwesen allgemein und die seriöse Arbeit der meisten Hilfsorganisationen in Frage stellen."

Spendenmißbrauch sorgt auch innerbetrieblich für Unruhe. Durch einen externen Anlaß wie der bekanntgewordene Fall von World Vision werden Einrichtungen, Projekte und Abteilungen plötzlich - ohne ersichtlichen internen Grund - noch genauer beobachtet, geprüft und revidiert, was auch bei guten Vertrauensstrukturen innerhalb der SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter Unbehagen und Verwunderung auslöst. Wenn auch derzeit keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Spendenbereitschaft feststellbar waren, so könnten doch erst mittel- bis langfristig eventuelle finanzielle Einbußen wirksam werden, meint Vyslozil.

Reagieren müsse man aber auf solche und ähnliche Affären. "Unsere Antwort kann nur heißen: Aktive Information und Transparenz gegenüber allen unseren Spendern und der Öffentlichkeit. Das Interne Kontrollsystem, laufende Prozeßkostenrechnungen und ständige Kassenprüfungen sowie die externe Prüfung der Buchhaltung durch Buch- und Wirtschaftsprüfer, sowie die jährliche Veröffentlichung eines Geschäftsberichtes mit allen Zahlen und Fakten sind verläßliche Eckpfeiler für die Nachvollziehbarkeit der Mittelverwendung. Schließlich sind wir die Treuhänder der Spenden, die den Kindern und Jugendlichen, nicht aber uns gehören!"

Gemeinsam mit sieben Projektpartnern befaßt sich "CARE" Österreich mit der Erstellung eines sogenannten "Gütesiegels" für "non-profit-Organisationen". Ein solches gibt es ja bereits für den Firmenbereich zur Feststellung eines bestimmten Qualitätsstandards. Da für Firmen aber primär das Ertrags- und Gewinnkriterium bestimmend ist, mußte das "Gütesiegel" für Spendenorganisationen modifiziert werden. Mit der Erarbeitung eines solchen ist man bereits fertig. An diesem Projekt haben sich beteiligt: CARE Österreich, CARITAS Österreich, "DREIKÖNIGSAKTION-Hilfswerk der Katholischen Jungschar", IZ - Instiut für Internationale Zusammenarbeit, KMBÖ - Katholische Männerbewegung Österreich, KFS - Kofinanzierungsstelle, und der ÖED - Österreichischer Entwicklungsdienst.

Strengste Kontrollen 1999 wird mit Hilfe des "Moderators" des Projekts, der "frey Akademie" (mit Sitz in Dornbirn) die Qualität der jeweiligen Organisation festgestellt, und dieses sogenannte "Self-Assessment" der "European Foundation for Quality Management" zur Prüfung und Ausstellung eines "Zertifikats" übergeben.

Das "Quality Management Programm" beurteilt die Gesamtqualität der Organisation, während das sogenannte "Gütesiegel" lediglich die Höhe der Administrationskosten in ein Verhältnis zu den Gesamteinnahmen setzt. Das ist, nach Meinung des Stellvertretenden Direktors von "CARE" Österreich, Leopold Röhrer, "problematisch". Wenn man, wie es bei CARE der Fall war, von einem halben Geschäftsjahr auf ein Kalenderjahr umstellen muß, sind Ergebnisse und Zahlen nicht mehr repräsentativ. Für ein Gütesiegel müßte in jedem Fall eine Mehrjahresperiode herangezogen werden, die sowohl den Durchschnitt der Administrationskosten als auch den Durchschnitt der Bemessungsgrundlage, das heißt der Gesamteinnahmen betrifft.

Diese Vorgangsweise hätte in jedem Fall mehr Aussagekraft. Das Qualitätszertifikat der "European Foundation for Quality Management" könnte nach Meinung von Röhrer das Gütesiegel ganz ersetzen, weil ja bei ersterem weit mehr Kriterien zur Beurteilung herangezogen werden als lediglich die Einnahmen und die Kosten der Administration. Das Qualitätszertifikat mißt unter anderem die Qualität der Mitarbeiter-Führung, die Qualität der angewandten Politik und Strategie, die Qualität von Ressourcen, die Zufriedenheit von Mitarbeitern und Kunden, sowie die Auswirkungen eines Projekts auf die Gesellschaft. Jedes Kriterium enthält noch zusätzliche Unter-Kriterien, die ebenfalls zu erfüllen sind. Es ist also nicht leicht, die Standards zu erreichen. Die durchgeführten Beurteilungen sind viel umfangreicher, da das Gesamtunternehmen durchleuchtet wird.

Auch CARE ist nicht erst nach Auffliegen des "World Vision" Skandals um Transparenz bemüht. Seit Beginn des Bestehens in Österreich (1986) werden jährlich 6.000 Geschäftsberichte erstellt, veröffentlicht und an Spender und Mitglieder versandt. Vereinsrechtlich gibt es zwei Rechnungsprüfer, die in jeder Generalversammlung neu gewählt werden. Das international renommierte Prüfungsunternehmen "Price-Waterhouse" untersucht regelmäßig, ob der Spenderwille respektiert wurde und die Gelder entsprechend eingesetzt werden. Da CARE eine weltweite Organisation mit regionalen Büros in 70 Entwicklungsländern ist, hätte es auch einen internationen Ruf zu verlieren. Röhrer konnte ebenfalls bis jetzt keinen Spendenrückgang feststellen. "Was wir deutlich gemerkt haben, waren die Sparpakete von vor etwa eineinhalb Jahren. Um die Konvergenz-Kriterien für den EURO zu erreichen, verfügten die österreichischen Haushalte des Mittelstandes zu dieser Zeit über ein Minus von monatlich 1.000 Schilling. Das führte zu einer Rückläufigkeit der Spenden. Da wir aber unsere Projekte weiter bedienen wollten, mußten wir mehr Mittel aufwenden um das bestehende Niveau zu halten."

CARITAS-Kommunikationsleiterin Elisabeth Hotter sieht die "Güte" des Umgangs mit Spenden vor allem in der Berücksichtigung der wesentlichen Bedürfnisse von Spendern und Hilfsbedürftigen. Ihrer Meinung nach konzentriert sich die Forderung nach einem "Spendengütesiegel" vor allem auf die Wirtschaftsprüfung der spendensammelnden Organisation. Es ist für die CARITAS aber selbstverständlich, daß strengste Kontrollen durch Wirtschaftsprüfer vorgenommen werden. Wesentliche Bedürfnisse beim "Spenden" seien aber das Recht auf Fairneß, gleichermaßen für den Spender als für den Hilfsbedürftigen. Das Bewußtsein auf Hilfe angewiesen zu sein, ist eine große Belastung. Das bedeutet, daß die Würde des Hilfsbedürftigenm in jedem Fall absoluten Vorrang haben muß. So sieht die CARITAS ihre Hauptaufgabe in der Vermittlung zwischen gleichberechtigten Partnern.

Positives Gefühl Der Spender hat ein Recht darauf, nicht getäuscht zu werden, das heißt, daß die von den Hilfsorganisationen vermittelten Botschaften der Realität entsprechen müssen. Es dürfen auch keine unrealistischen Erwartungen über die Wirkung von Spenden geweckt werden. Wenn das nicht beachtet wird, so führt die Vermittlung von Schein-Welten und Schein-Gefühlen zu einer emotionalen Ausbeutung der Spender. Hotter: "Spenden ist ein positives Lebensgefühl. Man weiß, daß man etwas ändern, etwas zum Guten hin bewegen kann. Die Sinnkomponente spielt ja eine große Rolle. Daß wir unseren Spendern einen jährlichen Rechenschaftsbericht, sowie die Möglichkeit "gewidmet" oder "ungewidmet" zu spenden, anbieten, ist selbstverständlich. Eine Kontrolle von Hilfsorganisationen ist richtig und erstrebenswert. Es greift aber zu kurz, wenn man die Qualität von Hilfe nur von Wirtschaftsprüfern beurteilen läßt. Das wäre so, als würde man die Qualität eines Autos nur danach messen, welche Geschwindigkeit es erreicht. Lebenswichtiger sind Fragen wie: Wie schaut es mit den Bremsen aus? Ist die Lenkung in Ordnung? Eine Hilfsorganisation muß sich zusätzlich noch die Frage stellen: Ist es verantwortungsvoll, mit dem Auto hundert Meter zum Zigarettenautomaten zu fahren?"

Nach dem exorbitanten Erfolg der diesjährigen Sammlung von "Licht ins Dunkel" (zugesagte Spenden vom 24. und 25.12. betrugen 40 Mio Schilling!) sieht die Geschäftsführerin des Vereins, Christine Tschürtz, das anhaltende Vertrauen der Spender durch die Tatsache erhärtet, daß die Überprüfung der Mittelverwendung von zwei gerichtlich beeideten Sachverständigen durchgeführt wird, die beide weder im Vorstand des Vereins noch in einer anderen Funktion im Rahmen der Aktion tätig sind. Eine sparsame und verantwortungsvolle Verwendung der Gelder sowie eine Überprüfung der Ansuchen durch Jugend- und Gemeindeämter sind weitere Kriterien bei der Geld-Vergabe. Projekte werden von "Licht ins Dunkel" nie vollständig finanziert. Es werden lediglich Zuzahlungen geleistet. Monatliche Vergabesitzungen, an der ein Vorstandsmitglied, die Geschäftsführung und ein Rechtsanwalt teilnehmen, entscheiden über die Höhe von Auszahlungen. Diese werden dann jeweils in der folgenden Sitzung überprüft. Auch hier gibt es natürlich die jährlichen Rechenschaftsberichte.

Ein genauer, vorsichtiger, sparsamer und auch in menschlicher Hinsicht befriedigender Umgang mit Spendengeldern scheint also die Maxime für die Zukunft zu sein. Damit die "Güte" von Spenden für alle Beteiligten erhalten bleibt!

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