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"Ideal und Wirklichkeit verbinden"

Clemens Steindl, Präsident des Katholischen Familienverbandes, über seine schwierige Positionierung auf dem "Minenfeld" Familienpolitik.

Seit Oktober steht Clemens Steindl dem Katholischen Familienverband Österreich vor. Wie definiert er "Familie", welche Zukunft hat sie und wie lässt sich jene "Freude" an Familie vermitteln, die Steindl in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellen möchte?

Die Furche: Herr Steindl, Familienpolitik ist bekanntermaßen ein ideologisch stark vermintes Gebiet. Wie bewegt man sich als Präsident einer katholischen Familienorganisation auf diesem Feld?

Clemens Steindl: Wie vermint dieses Gelände ist, wurde mir bewusst, als ich diese Funktion angenommen habe. Wir sind als Katholischer Familienverband natürlich einem Ideal verpflichtet: Die Ehe ist die Leitidee für Familie. Dennoch sind wir dabei, und es entspricht ebenso unserem Leitmotiv, die verschiedenen Lebenswirklichkeiten, in denen sich Familien darstellen, in unsere Politik zu integrieren. Wir vertreten die Anliegen aller Familien. Da ist die Bandbreite eben sehr groß. Konstitutives Kriterium für Familie ist für uns das Zwei-Generationen-Prinzip: Das heißt Eltern-Kind, Mutter-Kind oder Vater-Kind.

Die Furche: Ein katholisch verheiratetes Ehepaar ohne Kinder stellt also keine Familie dar?

Steindl: Das kann zwei Gründe haben: Entweder sie können keine bekommen, dann wird man ihnen den Charakter einer Familie schwer absprechen können. Oder sie haben sich in ihrer Lebenssituation entschieden, keine Kinder zu bekommen. Das heißt auch, dass sie keine Familie gründen wollen. Wenn ein Paar kein Kind will, steht es mir nicht zu, das zu beurteilen. Ich bin keine moralische Instanz, sondern unsere Aufgabe ist es, Politik für Familien zu machen.

Die Furche: Wie positioniert sich der Familienverband innerhalb des katholischen Spektrums?

Steindl: Das halte ich für eine besondere Herausforderung. Die kirchlichen Institutionen vermitteln ein bestimmtes Familienbild, das von einem Teil der Gesellschaft sicher gelebt wird. Unser Job ist es, beide Gruppen zu vertreten: jene, die eine christliche Ehe leben, und jene, die eine andere Lebensform leben.

Die Furche: Diese Offenheit ist innerkirchlich umstritten. Wie sehr hat man da zu kämpfen?

Steindl: Das kann ich noch nicht sagen, ich bin erst seit Kurzem in dieser Position. Ich hatte aber ein sehr konstruktives, offenes und fundiertes Antrittsgespräch bei Familienbischof Klaus Küng, wo wir auch dieses Thema angesprochen haben. Ich hatte das Gefühl, dass es hier ein Verständnis für die gesellschaftliche Wirklichkeit gibt.

Die Furche: Welche Zukunft sehen Sie für die Familie?

Steindl: Wenn jemand im 19. Jahrhundert gefragt hätte, ob es denkbar wäre, eine Familiensituation als "Patchwork" zu beschreiben, hätte man sicherlich gesagt, das ist undenkbar. Ich kann nicht sagen, wie es sich weiterentwickelt. Jüngsten Studien zufolge wird sich die Institution Familie ändern. Sicherlich wird es eine bunte Vielfalt des Zusammenlebens geben - das erleben wir auch schon bei den eigenen Kindern. Die entscheidende Kategorie ist für mich das Miteinander, und es wäre wichtig, würde man auch bei Familien diese Dimension des vertrauensvollen Miteinanders stärker betonen und nicht bloß die formale Institutionalisierung durch Ehe oder rechtliche Vereinbarung.

Die Furche: Vielfach wird von Trendforschern konstatiert, dass es eine Renaissance von überkommenen Werten und Traditionen gebe. Glauben Sie, dass das auch für den Bereich Familie gilt - dass hier das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlägt?

Steindl: Wir leben in Entwicklungen und werden nicht zu dem zurückkehren, was einmal war. Ich glaube, dass es nicht reicht, Werte, die einmal wichtig waren, nur ein bisschen zu adaptieren und erneut einzufordern. Für manche stellen die derzeit leitenden Ideen - wie Individualisierung, Selbstständigkeit, Eigenständigkeit oder Flexibilität und Mobilität - sicher auch eine Überforderung dar. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum traditionelle Werte wie Ehrlichkeit, Vertrauen oder Miteinander wieder mehr an Bedeutung gewinnen.

Die Furche: Und was könnte das für Familien bedeuten?

Steindl: Wenn wir häufig in den Medien über Sinn und Orientierung diskutieren, dann ist das genau das Thema, dessen sich der Familienverband in besonderer Weise annehmen wird müssen. Was ist der Sinn, die Begründung für Familie im 21. Jahrhundert? Und sind wir in der Lage, in diesem doch sehr diffusen Umfeld so etwas wie Orientierung anzubieten?

Die Furche: Wie könnte das gehen?

Steindl: Das ist genau der aktuelle Denkprozess. Ob er ein Ergebnis bringt, weiß ich nicht.

Die Furche: Sie haben in Ihren ersten Stellungnahmen angekündigt, ein positives Bild von Familien zeichnen zu wollen. Warum, glauben Sie, ist es negativ besetzt?

Steindl: Wenn über Familien gesprochen wird, werden oft nur Beispiele misslungener Gemeinsamkeit erwähnt oder es werden Vorgaben für Verhaltensregeln gemacht. Das sind nicht die richtigen Antworten.

Die Furche: Was wären richtige Antworten?

Steindl: Wir können uns zu einem Miteinander auch mit Freude bekennen. Jeder von uns kennt in seinem Bekanntenkreis gelungene Familien. Wir sollten diese positiven Beispiele des Zusammenlebens aufzeigen. Damit will ich aber nicht verdecken, dass es viele negative Entwicklungen gibt, dass es Scheidungen gibt, Streit und Gewalt. Das gilt auch in Bezug auf Kinder. Warum wird so oft vom Mut zu Kindern geredet? Ich finde es besser, motivierend von der Freude mit Kindern zu sprechen.

Die Furche: Warum ist diese Freude gesunken?

Steindl: Durch die ausschließliche Orientierung auf wirtschaftliche Erfolge. Dieser Orientierung haben wir alle vieles untergeordnet. Da ist eine Entwicklung passiert, die für Freude am Leben nur mehr wenig Platz gelassen hat.

Die Furche: Jede Regierung verspricht, Familien besonders in den Mittelpunkt zu stellen und sie zu entlasten. Bei Familienleistungen liegt Österreich international ganz vorne, und trotzdem steigt die Geburtenrate nicht, wenn man das als Erfolgsmaßstab nehmen wollte. Woran könnte das liegen?

Steindl: Ich glaube nicht, dass sich durch finanzielle Anreize die Geburtenrate positiv beeinflussen lässt. Für mich hat Familienpolitik zwei Dimensionen: eine gesellschaftspolitische - wie begreifen wir Familie und was leisten Familien für sich selbst und für eine Gesellschaft in Form von Kindererziehung oder Altenbetreuung? Das andere sind steuerliche und finanzpolitische Unterstützungen, die Familien natürlich auch brauchen, damit sie ihre Aufgaben wahrnehmen können. Die Politik soll helfen, eine positive Stimmung für Kinder zu verbreiten.

Die Furche: Was halten Sie von den Regierungsplänen für Familien?

Steindl: Vorab möchte ich an die politisch Verantwortlichen appellieren, bei familienpolitischen Debatten die ideologische Brille abzunehmen. Was fehlt im Regierungsprogramm, ist die jährliche Valorisierung der Familienbeihilfe, des Kinderbetreuungsgeldes oder des Pflegegeldes. Wir haben einen politischen Forderungskatalog erstellt, 40 Prozent davon finden sich mehr oder weniger detailliert im Regierungsprogramm wieder. Da können wir eigentlich sehr zufrieden sein. Jetzt bleibt abzuwarten, was die Regierung tatsächlich umsetzt.

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