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Offenlegen statt vernebeln

Würden die Behörden, die mit dem Fall der Linzer Familie betraut waren, Selbstkritik üben und Verantwortung übernehmen, gäbe es vielleicht eine Chance, für die Zukunft etwas zu lernen.

Es kommt einem alles irgendwie sehr bekannt vor: Ein besonders tragischer Fall von Kinder-Vernachlässigung und elterlicher Überforderung tritt an die Öffentlichkeit. Das mediale Interesse ist enorm, die Bevölkerung fragt sich bestürzt "Wie konnte das passieren?", die Behörden tun nichts anderes, als die Schuld von einer Stelle auf die andere zu schieben. Und wenn das Interesse nachlässt, wächst Gras darüber, Verbesserungsvorschläge, die im ersten Entsetzen aufgeworfen wurden, fruchten meist wenig, und man wartet gespannt auf die nächste Tragödie, die leider kommen wird.

Doch warum kann diese verheerende Wiederholung nicht unterbrochen werden? Und vor allem: wie? Zunächst sei den Behörden, die mit diesem tragischen Fall offenbar heillos überfordert waren, ein Rat gegeben: Warum können sich Jugendwohlfahrt, Bezirksschulrat und Gerichte nicht einfach der Verantwortung stellen und sagen: Ja, wir waren mit dem Fall überfordert. Ja, wir haben dies und jenes getan, aber die rechtlichen Auflagen stellten uns vor Grenzen. Ja, wir haben Fehler gemacht! Nur dadurch besteht eine Chance, dass Schwachstellen im System erkannt und Möglichkeiten für Verbesserungen erarbeitet werden können.

Die Gesellschaft, die nun betroffen den Kopf schüttelt, hätte gewiss mehr Verständnis für das offenbare Versagen der Behörden, wenn die zuständigen Personen und deren Vorgesetzte einfach aufzeigen würden, was sie konkret an diesem Fall so überfordert hat, anstelle durch Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen an die jeweils andere Behörde die ganze Geschichte nur zu vernebeln.

Denn eines ist auch klar, ohne die Betreffenden auch nur irgendwie aus der Verantwortung zu entlassen: Die Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt sind um ihren Beruf nicht zu beneiden. Der Großteil der Fälle, die sie anvertraut bekommen, stellt sich nicht schwarz-weiß dar, sondern sie liegen im Graubereich. Nach langem Zögern melden Schule oder Verwandte Auffälligkeiten an das Jugendamt. Die Sozialarbeiter werden mit einer Familie betraut. Die Mitarbeiter der Behörden treffen meist nicht auf ein Haus, das von Müll und Mäusen überläuft, sondern auf Eltern, die einmal halbwegs normal erscheinen, dann wieder weniger, dann wieder Auflagen einhalten, dann wieder nicht. Zudem sind die Mitarbeiter meist, und das kann man ihnen abnehmen, einfach personell überlastet. Und genau daher wäre den zuständigen Behörden zu raten, sich der Öffentlichkeit mutig zu stellen. Denn nur Transparenz schafft den nötigen Respekt vor ihrer Arbeit, ansonsten verliert die Gesellschaft jedes Vertrauen in das Jugendamt.

Doch sollte sich in der von Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer angekündigten und auch notwendigen Untersuchung des Falles der Verdacht erhärten, dass der Akademikergrad der Eltern sowie die Eloquenz der Mutter die Behörden vom Einschreiten abgehalten hätten, dann wäre jedes Verständnis verspielt.

Es muss sich doch bereits auch zu den Mitarbeitern der Jugendwohlfahrt oder der Bezirksschulratsbehörde herumgesprochen haben, dass Verwahrlosung von Kindern und Gewalt gegen Kinder vor keiner sozialen Schicht Halt machen. Aber sollten diese Skrupel der Behörde vor Rang und Namen Grund für das späte Einschreiten gewesen sein, gerade dann wäre ein klares Schuldeingeständnis ein moralisches Muss.

Gewiss, ehrliche Selbstkritik und Schuldeingeständnisse helfen den drei jungen Frauen nun wenig. Gewiss, Fehler eingestehen ist schwierig und wäre eine Ermahnung, die sich an alle Gesellschaftsbereiche richtet: an Medien, Politiker, an die lieben Nachbarn und natürlich an jeden Einzelnen von uns. Erste Ankündigungen für Verbesserungen lassen hoffen: Wie jene von Justizministerin Maria Berger, die einen Rechtsbeistand für alle Kinder bei Scheidungen angekündigt hat. Doch bei allem Lob für diese Initiative - alle Verbesserungsvorschläge greifen zu kurz, wenn nicht die Behörden, die versagt haben, eingestehen, was schief lief. Sonst besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass wir in Kürze die selbe Diskussion erneut führen werden.

regine.bogensberger@furche.at

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