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Kein Dank an Kosovo

In einem Bericht über seine Eindrücke von Milosevic nach vielen Gesprächen und Begegnungen schreibt der ehemalige amerikanische Botschafter in Belgrad, Warren Zimmermann, unter anderem von der „üblichen Verlogenheit" des serbischen Präsidenten und erwähnt als Beispiel „Milosevics' unerhörte Verdrehungen der serbischen Verhaltensweise im Kosovo".

Trotz dieser klaren Erkenntnis der Mentalität des serbischen Präsidenten und der Qualität seiner politischen Erklärungen, setzt in diesen Tagen unter der Führung von Mr. Holbrook eine neue amerikanische Verhandlungsrunde ein, die dieses Mal der Regelung des Kosovo-Problems dienen soll. Und zwar eine Regelung, die offensichtlich darauf abzielt, die Gefühle des Herrn Milosevic nicht allzu sehr zu strapazieren. Denn unter Regelung des Kosovo-Problems verstehen die amerikanischen Vermittler, Rückgabe der Autonomie, die der Provinz Kosovo 1989 genommen worden war.

Gleichzeitig wurde im Kosovo, weil die albanische Mehrheitsbevölkerung der Region mit Massendemonstrationen gegen die serbischen Maßnahmen protestierte, eine brutale Okkupationspolitik mit Hilfe von Armee und Polizei in Gang gesetzt, deren erklärtes Ziel es war, Kosovo zu serbisieren.

Daß in der Folge ein Massenexodus vor allem junger Albaner einsetzte, die nicht in der serbischen, feindlichen Armee ihren Wehrdienst - nicht in Friedenszeiten, schon gar nicht in einem innerjugoslawischen Krieg - absolvieren wollten, entsprach den Zielen Belgrads.

Die Albaner im Kosovo und ihre politische Führung haben in einer beispiellosen Kraftanstrengung, unter den schlechtest möglichen Bedingungen, ein „illegales" Parlament, eine zum Teil im Exil agierende Regierung zustande gebracht, einen Präsidenten, Ibrahim Rugova, gewählt, die unabhängige Republik Kosovo innerhalb des noch existierenden Jugoslawien ausgerufen, „illegale" Schulen, Kliniken, Gesundheitswesen, Universitätsbetrieb auf die Beine gestellt.

Statt nun den Kosovo-Albanern mindestens zu dem gleichen Status zu verhelfen, wie das Dayton-Ab-kommen der „Republika Srpska" innerhalb Bosnien-Herzegowinas einräumt - obwohl diese Republik ohne historische oder wirtschaftliche, wohl aber mit unglaublich blutigen und grausamen Methoden entstand - dürfen sie auf keine Unterstützung für eine „Republik Kosovo" hoffen.

Mr. Holbrook, der Prokrustes unserer Zeit, erlaubt ihnen lediglich die Rückkehr zur 1989 verlorenen Autonomie. Keine Belohnung für Disziplin und Humanität für die Albaner. Aber auch keine Strafe für die Täter in Belgrad.

Slobodan Milosevic darf noch einmal sein politisches Gesicht wahren. Nichts erscheint der westlichen Diplomatie offenbar wesentlicher als das Erhalten eines „stabilen" Serbiens, keine Opfer scheinen für dieses Ziel zu hoch.

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