Digital In Arbeit

Zentralorgane des Undergrounds

1945 1960 1980 2000 2020

Im Schlepptau der 68er entstand eine Vielzahl von Alternativzeitschriften - nicht vorwiegend politischer, sondern literarisch-künstlerischer Ausrichtung.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Schlepptau der 68er entstand eine Vielzahl von Alternativzeitschriften - nicht vorwiegend politischer, sondern literarisch-künstlerischer Ausrichtung.

In Bottrop stieg ich aus dem Zug und marschierte den Bahndamm entlang und dann die Straße mit den Klinkerhäusern runter, bis ich das Haus gefunden hatte, das ich suchte. Aldo Moll empfing mich mit einem tiefen Gähnen und einer Flasche Bier. Er arbeitete als Programmierer bei Krupp, und wenn er nachmittags seine Siesta hinter sich hatte, hockte er sich in eine Abstellkammer und beackerte die Gegenkultur. So etwas hatte ich noch nie gesehen - bis zum Plafond war alles gestapelt, was in der Bundesrepublik, in der Schweiz, in Österreich die kleinen Klitschen und die libertinären Grüppchen, die Makrobiotiker und die Anhänger von Gesundheitssandalen, die Anthroposophen und die Anarcho-Syndikalisten, die Befürworter des bewaffneten Kampfs und all die frommen Adepten der Gewaltlosigkeit, des handgeschöpften Büttenpapiers und des Siebdrucks ans Licht der Öffentlichkeit brachten. Daß dieses Licht sich mehre, hatte Aldo Moll zu seiner Freizeitbeschäftigung, ja zu seiner revolutionären Aufgabe, zu seinem Lebenszweck erklärt. Hier in seinem Abstellraum, in dem es nach abgestandenem Bier, kaltem Schweiß und Druckerschwärze roch, befand sich die Relaisstation für all die ungezählten Wirrköpfe, Geschäftemacher, politischen und religiösen Fanatiker, angehenden und abgehenden Schriftsteller, ernsthaften Büchermacher und tanzenden Derwische sämtlicher Spielarten des Irrationalismus, die offenbar das ausmachten, was Moll die "Szene" nannte.

Jörg Fauser, einst selbst Mitglied der "Szene" in Frankfurt, hat in seinem Roman "Rohstoff" dem Bottroper Schriftsteller Josef Wintjes in der Figur des Aldo Moll ein äußerst realitätsgetreues Denkmal gesetzt. 1969 hatte Josef Wintjes in seiner Wohnung das "Literarische Informationszentrum" gegründet und von dort aus mehr als 20 Jahre lang im Alleingang über 1.000 deutschsprachige Alternativ-Zeitschriften vertrieben, die vom etablierten Distributionswesen verschmäht wurden.

Kein ,Recht auf Zensur' Seit dem frühen Tod von Wintjes 1995 stapeln sich die Bestände aus der Bottroper Abstellkammer nun im Büro von Sonja Jastram, Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität in Berlin. Dorthin wanderte der gesamte Nachlaß von Wintjes, um gesichtet, geordnet und als Ausgangspunkt dafür verwendet zu werden, neue Erkenntnisse in der Subkulturforschung zu gewinnen. Erstes Ergebnis war eine Ausstellung im Institut Ende vergangenen Jahres, wo die Schätze von Wintjes unter dem Titel "Zentralorgane des Undergrounds" erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Die eigentliche Forschung kommt aber erst in Gang. Sie wird sich zunächst einmal dem Menschen Josef Wintjes selbst widmen, meint der Leiter des Instituts für Europäische Ethnologie, Professor Rolf Lindner: "Er war jemand, an den sich alle wenden konnten, auch wenn ihn manches genervt hat. Sein Grundsatz lautete: es gibt ein Menschenrecht, sich zu äußern und eines, das Geäußerte zu kritisieren, aber es gibt keines auf Zensur."

Als Vertriebsinstrument fungierte ein Katalog mit dem zufälligen Titel "Ulcus molle" (der medizinische Fachausdruck für die Geschlechtskrankheit "Weicher Schanker" - Wintjes war darauf gestoßen, als er seine Frau beim Lernen medizinischer Fachausdrücke abprüfte), ein DIN-A4-Blättchen am Anfang und ein dickes Heft am Höhepunkt des Erfolgs Ende der siebziger Jahre, als über 2.000 Abonnenten beliefert wurden.

"Die hundert Blumen blühten wirklich", erklärt Lindner in Anlehnung an ein Mao-Zitat. Er hält die publizistische Vielfalt des Nachlasses im Verhältnis zu anderen vergleichbaren Sammlungen für einmalig: von Literaturzeitschriften und Anarchoblättern über Comics und Organe der Anti-AKW- und Kommunebewegung, Stadtteil- und Regionalzeitschriften, Publikationen esoterischer und ökologischer Zirkel bis zu Musikzeitschriften reicht das Spektrum. "Stoppt den Kauf kommerzieller Zeitungen", appellierte etwa die Allensbacher "Tiltpress" 1969: "Beteiligteeuch dafür an freien Zeitungen wie Tilt, Hotcha, Engelmacher. Wir wären sehr froh, Material zu bekommen, Tilt soll kein revolutionäres Blatt sein, wie manche aus der Luft gegriffen behaupten. Uns ist es auch völlig egal, wie ihr uns nennt, underground, aboveground, uns ist es wichtig, daß ihr mitarbeitet und nicht alles hinnehmt." Das Konzept der Underground-Presse war aus den USA über England in den deutschsprachigen Raum gedrungen, Kultfiguren wie der Erfolgsautor William S. Borroughs propagierten sie als "einziges wirksames Gegenmittel gegen die wachsende Macht und immer raffinierteren Techniken, die von den etablierten Massenmedien eingesetzt werden, um Informationen ... die den Interessen des Establishments abträglich sein könnten, zu verfälschen."

Alternative Kultur Tatsächlich bildeten den Kern der publizistischen Gegenkultur aber nicht politische Blätter, sondern literarisch-künstlerische, die in einer international vernetzten, bis in die frühen sechziger Jahre zurückreichenden alternativen Kunst- und Kulturszene wurzelten. Sie ist nach Ansicht von Rolf Lindner als Vorlauf der "politischen" 68er-Bewegung zu sehen, werde dieser gegenüber aber in ihrer Bedeutung erheblich unterschätzt: "Genauere Analysen müssen zu einer Korrektur der Geschichtsschreibung führen", meint Lindner.

In Österreich blieb die Gegenkultur der 68er weitgehend in Literatur und Kunst verhaftet. Die Mehrzahl der rund 70 österreichischen Titel, die zwischen 1969 und 1980 in das Archiv von Wintjes eingingen, sind Zeitschriften für Literatur und Kunst: der "Fettfleck" etwa oder "Freibord", "Frischfleisch", "Astma", "Inn" oder "707". Noch heute existiert das 1969 gegründete "Wespennest", zu dessen Erfindern u. a. der Schriftsteller Peter Henisch zählt. Er erinnert sich an den "Freundeskreis" rund um den heute in Kassel lehrenden Devianzforscher Rolf Schwendter, der in den frühen sechziger Jahren in Wien mit seinen Literatur-, Koch- und Nacktbade-Happenings so etwas wie einen Underground mitbegründete. Politisch, meint Henisch, habe dieser Underground aber kaum eine Äußerung gefunden, weil "die Gegensätze für eine Revolution einfach nicht groß genug waren". Der Wiener Aktionismus wurde zur besonderen künstlerischen Spielart der Szene in Österreich, auf dem literarischen Sektor entwickelte sich zu einem Kristallisationspunkt die Redaktion des "Neuen Forum" mit Chefredakteur Günther Nenning - allerdings "in österreichischer Manier auf zwei Fiaß" stehend, so Nenning: immer sei das "Neue Forum" eine Mischung aus alternativem und "offiziösem" Kultur- und Literaturblatt geblieben.

Im Gegensatz zu Deutschland ist die Alternativpublizistik in Österreich niemals dokumentiert oder gar wissenschaftlich ausgewertet worden, erst 1991 hat die Wiener Kommunikationsforscherin Johanna Dorer mit einer aktuellen Erhebung begonnen. In Österreich, meint Dorer, würden derlei Forschungen als "Luxus" betrachtet, für den die öffentliche Hand kein Geld auszugeben bereit ist.

Für Rolf Lindner eröffnen sich derweil noch jede Menge weiterer Perspektiven: die Frage etwa nach dem Einfluß der alternativen auf die etablierte Publizistik - ganz klar, so Rolf Lindner, hätten die Blätter rund um '68 Ästhetik wie fachspezifische Diversifizierung der Magazinlandschaft beeinflußt. Außerdem entpuppten sie sich bei genauerem Hinsehen als "protestantisches", stark provinziell gefärbtes Phänomen, das es noch weiter zu untersuchen gälte.

Sonja Jastram ist sich nach dem Andrang der Ausstellungsbesucher, insbesondere junger Leute, sicher, daß die Zeit für eine intensive Forschung gekommen ist: "Die jungen Leute haben immer nur von RAF und Ohnesorg und Dutschke gehört. Bei uns stoßen sie plötzlich auf Literaturzeitschriften und Comics und Musikzeitschriften und werden ganz neugierig. Die wollen einfach wissen, was damals nun wirklich war."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau