Musik mit Botschaft - Fulminanter Live-Auftritt: Die S­tärke der Sängerin und Komponistin ­Lylit liegt in der Intensität und Verletzlichkeit, die ihre Songs auszeichnen. - © Michael  Geißler
Musik

Rebellisch und widerspenstig

1945 1960 1980 2000 2020

Die bereits 40. Ausgabe des Jazzfestivals in Saalfelden setzt auf junge Talente und verhilft dem Free Jazz zu neuen Ehren.

1945 1960 1980 2000 2020

Die bereits 40. Ausgabe des Jazzfestivals in Saalfelden setzt auf junge Talente und verhilft dem Free Jazz zu neuen Ehren.

Eigentlich könnte man sich in Saalfelden – das Steinerne Meer wacht eindrucksvoll über die Stadt im Pinzgau – gut Idyllen vorstellen. Nicht, dass die Welt deshalb gleich in Ordnung wäre, aber ganz so nahe rücken einem die Probleme, wenn man von außen kommt, nicht. Und dann findet dort ein Jazzfestival statt, zum 40. Mal bereits am vergangenen Wochenende, und der Eindruck, dass etwas nicht stimmt mit dieser unserer Welt, stellt sich unverzüglich ein. Die Veranstalter – Mario Steidl zeichnet für die vorzügliche Musikauswahl verantwortlich – setzen nicht auf die ganz großen Namen, von denen sowieso bekannt ist, was zu erwarten ist, sondern auf jüngere Talente, von denen gewiss ist, dass ihre Zeit kommt. Sie sind rebellisch und widerspenstig, wie es sich gehört, wenn der Befund über den Zustand von Gesellschaft und Politik nur katastrophal ausfallen kann.

Natürlich ist Musik politisch, auch wenn sie sich nicht ausdrücklich so zu erkennen gibt. In jedem Fall ist sie ein Ausdruck der Gegenwart, und dass wir uns auf dünnem Eis bewegen, ist den Musikern bewusst. Deshalb die vielen Bands, die einem Scheinfrieden den Widerstand entgegensetzen. Wenn Freiheit schon kein Geschenk ist, dann holen sich Musiker diese eben, und das fällt kraftvoll, oft sperrig aus, Kampf ist eben keine harmonische Angelegenheit. Es gab Jahre, in denen der Spiritualität eine besondere Rolle zukam, in anderen suchte man den Schulterschluss mit anderen Kulturen im Zusammenführen des eigentlich nicht Zusammengehörenden. Politisch war das allemal, indem sich der schöne Gedanke der Utopie im zukunftsfrohen Miteinander einstellte.

Der Lärm der Zeit

Und heute? Nicht zufällig kommen zahllose Anleihen beim Free Jazz zustande. Schauen wir uns nur einmal das großartige Quintett des 1983 in Buffalo geborenen Tenorsaxophonisten James Brandon Lewis an. Er ist aufgewachsen in der Tradition der Gospel-Musik. Gewiss arbeitet diese in ihm weiter, aber er erweitert sie um das Erbe des Free Jazz, der zu einer Zeit entstand, als in den USA die Rassenfrage in Gewalt eskalierte und wegen des Kalten Krieges der Frieden in Europa auf dem Spiel stand. Diese Band sieht keinen Grund, mit ihren kompromisslos aufgepeitschten Improvisationen unsere Gegenwart freundlich zu empfangen. Sie verkörpert die totale Intensität, vier Männer und eine Frau auf Crashkurs mit Zwängen, die uns neuerdings aufgehalst werden sollen. Diese Truppe allein stellt eine Art Anti-Trump-Kampftruppe mit Instrumenten dar. Locker mithalten können hierbei die „Sunwatchers“ aus den USA um den Saxophonisten Jeff Tobias, bei denen eine rockbasierte Freiheitssuche im Experimental-Look zu spüren ist. Wenn Free Jazz und Rock als Tradionsmuster durchscheinen, wird an eine Vergangenheit erinnert, als Musik und Leben unmittelbar ineinander aufgingen, einander stimulierten und in die Gesellschaft eingreifen wollten. Ken Vandermark, Nate Wooley, Sylvie Courvoisier und Tom Rainey stellen ihr Programm unter den Titel „Noise of Our Time“ und machen so darauf aufmerksam, dass es mit der Harmlosigkeit vorbei ist. Der Lärm der Zeit ist nichts für Wirklichkeitsverweigerer.

Eigentlich könnte man sich in Saalfelden – das Steinerne Meer wacht eindrucksvoll über die Stadt im Pinzgau – gut Idyllen vorstellen. Nicht, dass die Welt deshalb gleich in Ordnung wäre, aber ganz so nahe rücken einem die Probleme, wenn man von außen kommt, nicht. Und dann findet dort ein Jazzfestival statt, zum 40. Mal bereits am vergangenen Wochenende, und der Eindruck, dass etwas nicht stimmt mit dieser unserer Welt, stellt sich unverzüglich ein. Die Veranstalter – Mario Steidl zeichnet für die vorzügliche Musikauswahl verantwortlich – setzen nicht auf die ganz großen Namen, von denen sowieso bekannt ist, was zu erwarten ist, sondern auf jüngere Talente, von denen gewiss ist, dass ihre Zeit kommt. Sie sind rebellisch und widerspenstig, wie es sich gehört, wenn der Befund über den Zustand von Gesellschaft und Politik nur katastrophal ausfallen kann.

Natürlich ist Musik politisch, auch wenn sie sich nicht ausdrücklich so zu erkennen gibt. In jedem Fall ist sie ein Ausdruck der Gegenwart, und dass wir uns auf dünnem Eis bewegen, ist den Musikern bewusst. Deshalb die vielen Bands, die einem Scheinfrieden den Widerstand entgegensetzen. Wenn Freiheit schon kein Geschenk ist, dann holen sich Musiker diese eben, und das fällt kraftvoll, oft sperrig aus, Kampf ist eben keine harmonische Angelegenheit. Es gab Jahre, in denen der Spiritualität eine besondere Rolle zukam, in anderen suchte man den Schulterschluss mit anderen Kulturen im Zusammenführen des eigentlich nicht Zusammengehörenden. Politisch war das allemal, indem sich der schöne Gedanke der Utopie im zukunftsfrohen Miteinander einstellte.

Der Lärm der Zeit

Und heute? Nicht zufällig kommen zahllose Anleihen beim Free Jazz zustande. Schauen wir uns nur einmal das großartige Quintett des 1983 in Buffalo geborenen Tenorsaxophonisten James Brandon Lewis an. Er ist aufgewachsen in der Tradition der Gospel-Musik. Gewiss arbeitet diese in ihm weiter, aber er erweitert sie um das Erbe des Free Jazz, der zu einer Zeit entstand, als in den USA die Rassenfrage in Gewalt eskalierte und wegen des Kalten Krieges der Frieden in Europa auf dem Spiel stand. Diese Band sieht keinen Grund, mit ihren kompromisslos aufgepeitschten Improvisationen unsere Gegenwart freundlich zu empfangen. Sie verkörpert die totale Intensität, vier Männer und eine Frau auf Crashkurs mit Zwängen, die uns neuerdings aufgehalst werden sollen. Diese Truppe allein stellt eine Art Anti-Trump-Kampftruppe mit Instrumenten dar. Locker mithalten können hierbei die „Sunwatchers“ aus den USA um den Saxophonisten Jeff Tobias, bei denen eine rockbasierte Freiheitssuche im Experimental-Look zu spüren ist. Wenn Free Jazz und Rock als Tradionsmuster durchscheinen, wird an eine Vergangenheit erinnert, als Musik und Leben unmittelbar ineinander aufgingen, einander stimulierten und in die Gesellschaft eingreifen wollten. Ken Vandermark, Nate Wooley, Sylvie Courvoisier und Tom Rainey stellen ihr Programm unter den Titel „Noise of Our Time“ und machen so darauf aufmerksam, dass es mit der Harmlosigkeit vorbei ist. Der Lärm der Zeit ist nichts für Wirklichkeitsverweigerer.

Natürlich ist Musik politisch, auch wenn sie sich nicht ausdrücklich so zu erkennen gibt. In jedem Fall ist sie ein Ausdruck der Gegenwart.

Den Anfang der Hauptkonzerte am Freitag bildete jeweils eine Auftragsarbeit. In diesem Jahr durfte der österreichische Bassist Manu Mayr ein Projekt nach eigener Vorstellung verwirklichen. Er stellte nicht, wie sonst oft der Fall, eine breit aufgestellte Band zusammen, sondern vertraute zusammen mit der Bassklarinettistin Susanna Gartmayer auf die Kunst des Duos. Wer meint, dass dabei eine ruhige, intime Angelegenheit entstanden sei, hat die beiden noch nicht gehört. Sie raufen sich nicht nur zusammen, sie raufen auch erbittert gegeneinander. Alles, was im Zusammenleben von Menschen zum Vorschein kommt, Respekt und Zuneigung, Wut und Aggression, Fürsorge und Aufeinanderhören, ein gemeinsamer Plan und der unbedingte Wille, dem anderen seine Freiheit zu lassen, alles von steter Leidenschaft getragen, probieren sie durch. Ein starkes Stück Jazz.

Vom Kongresszentrum auf die Alm

Die wichtigsten Ereignisse finden auf der Hauptbühne im Congress Saalfelden statt, daneben gibt es eine erhebliche Anzahl kleinerer Aufführungen: Die „Shortcuts“ im Kunsthaus Nexus bieten kleineren Formationen Gelegenheit zum Auftritt, außerdem werden Almen ebenso zu Orten musikalischer Begegnungen wie das Bezirksgericht oder eine Buchbinderei. Überraschend ist es schon, wenn sich plötzlich drei Bassisten in einer Apotheke einfinden. Dabei darf es durchaus etwas populärer zugehen.

Ein Genderproblem haben die Jazztage jedenfalls nicht. Es ist selbstverständlich, dass Trompeterinnen, Bassistinnen und Schlagzeugerinnen auftreten. Nach vierzig Jahren gehört das Jazzfestival selbstverständlich zur Stadt, die Einheimischen stehen zu ihm.