6971123-1985_30_06.jpg
Digital In Arbeit

Hoffen auf ein Tauwetter

War es ein sowjetischer Wink, der eine neue Epoche guter Beziehungen zwischen der UdSSR und dem Judenstaat andeutet? Oder war es nur eines der vielen israelisch-sowjetischen Gespräche, die im Endeffekt nichts bringen und deshalb kaum erwähnenswert sind?

Das sind die Fragen, die Israels politische Öffentlichkeit zur Zeit beschäftigen, nachdem Meldungen von einem Treffen zwischen dem sowjetischen Botschafter in Paris, Juli Woronizow, und seinem israelischen Amtskollegen, Ovdio Sofer, vergangene Woche durchgesickert sind.

Begegnet sind sich die beiden Botschafter im Haus des israelischen Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim. Er ist Leiter des Philharmonischen Orchesters in Paris und soll Woronizow persönlich gut kennen.

Bei dem zwei Stunden lang dauernden Treffen, das in englischer Sprache geführt wurde, habe Woronizow zu verstehen gegeben, daß er nicht nur seiner persönlichen Meinung Ausdruck verleihe, sondern daß das Gespräch nach Rücksprache mit Moskau stattfände.

Konkret soll Botschafter Woronizow folgende Vorschläge gemacht haben: Israel solle sich verpflichten, die antisowjetische

Propaganda einzustellen und die Juden der westlichen Welt zu veranlassen, keine Protestversammlungen vor sowjetischen Botschaften mehr abzuhalten, die zumeist unter der Losung „Let my people go” („Laß mein Volk ziehen”) standen.

Als Gegenleistung würde die Sowjetunion ihren zweieinhalb Millionen Staatsbürgern jüdischer Herkunft die freie Wahl überlassen, nach Israel auszuwandern. Freilich müßten die jüdischen Auswanderer wirklich nach Israel reisen und nicht — wie in der Vergangenheit oft geschehen — in die USA oder andere westliche Länder abspringen.

Darüberhinaus sei die Sowjetunion auch bereit, mit Israel die 1967 abgebrochenen Beziehungen wieder aufzunehmen. Allerdings müßten sich die Israelis bereit erklären, sich zumindest partiell von den Golanhöhen zurückzuziehen und Friedensverhandlungen mit Syrien aufzunehmen.

Die israelisch-sowjetischen Beziehungen waren seit der Gründung des Judenstaates problematisch und immer wieder Krisen unterworfen: Am 14. Mai 1947 überraschte der damalige Sowjetbotschafter bei der UNO, Andrej

Gromyko, den noch zu gründenden Judenstaat, indem er sich für die Teilung Palästinas einsetzte und sich für einen jüdischen und einen arabischen Staat aussprach.

Die Sowjets wollten auf diese Art und Weise Großbritannien aus dem Nahen Osten verdrängen. Anfang 1948, nach Ausbruch des israelischen Befreiungskrieges, waren die Sowjetunion und ihre Verbündeten gleichwohl die ersten gewesen, die den Judenstaat anerkannten. Sie belieferten das kriegführende Israel'auch mit tschechischen Waffen.

In den Jahren 1949 bis 1953, während des Kalten Krieges also, wurde in Moskau eine Gruppe jüdischer Ärzte verhaftet, die beschuldigt wurden, die Ermordung Stalins geplant zu haben. Als dann im Juli in Tel Aviv eine Bombe gelegt wurde, brach Moskau seine Beziehungen zu Israel ein erstes Mal ab und nahm sie erst 1957 wieder auf.

In der Zwischenzeit fanden in der UdSSR, in der CSSR und in Ungarn Schauprozesse statt, in die unter anderem auch die zionistische Bewegung miteinbezogen wurde. Ab 1957 waren die israelisch-sowjetischen Beziehungen dann wieder korrekt, auch ein Kulturaustausch in kleinem Maßstab setzte zwischen 1963 und 1967 ein.

Dann kam im Juni 1967 der Sechs-Tage-Krieg und Moskau brach seine Beziehungen zu Israel abermals ab — eine überstürzte Handlung, die Moskau bis heute schwer bereuen dürfte.

Seit 1975 kam es zwar immer wieder zu Treffen zwischen sowjetischen und israelischen Diplomaten, zweimal begegneten sich auch die Außenminister zu mehrstündigen Gesprächen. Einen Durchbruch brachten diese Begegnungen freilich bis heute nicht.

Anlaß zu Optimismus?

Warum aber sollte dann ausgerechnet das jüngste Treffen der beiden Botschafter in Paris Anlaß zu Optimismus geben? In Jerusalem nimmt man an, daß die Sowjetunion anläßlich der bevorstehenden Gipfeltreffen zwischen KPdSU-Chef Michail Gorbatschow und dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand sowie zwischen Gorbatschow und dem US-Präsidenten Ronald

Reagan eine angenehme Atmosphäre schaffen will, die auch nicht durch antisowjetische Demonstrationen getrübt werden soll. Eine Klimaverbesserung in den israelisch-sowjetischen Beziehungen wäre in dieser Hinsicht jedenfalls gewiß nicht unnützlich.

Höchst fraglich ist allerdings, ob die UdSSR jemals einen Massenexodus ihrer Juden zulassen wird. Denn ein solcher Schritt würde gewiß ähnliche Forderungen anderer Minderheiten in der Sowjetunion nach sich ziehen.

Erst mit Anbahnung diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion wird sich Israel bereit erklären, einer Nahost-Friedenskonferenz zuzustimmen, an der sich auch die UdSSR beteiligen kann. Und so paradox es klingen mag: Aber gerade diplomatische Beziehungen zu Israel könnten die Position der Sowjetunion in der arabischen Staatenwelt stärken.

Auch eine Verbesserung der Beziehungen Israels zu Bulgarien, Ungarn und Polen hat sich zuletzt wieder angebahnt. Diese Länder hatten 1967 die diplomatischen Beziehungen zum Judenstaat ebenfalls abgebrochen. Heute werden die gegenseitigen Handelsbeziehungen wieder ausgebaut und auch im Tourismus bahnen sich Steigerungen in den gegenseitigen Besucherbilanzen an. Es ist wohl anzunehmen, daß diese Staaten solche Schritte mit dem „großen Bruder” vorher genau absprechen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau