Leitartikel

Ist da jemand?

1945 1960 1980 2000 2020

Wie es Weihnachten werden kann.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie es Weihnachten werden kann.

Die religiösen Inhalte des Weihnachtsfestes träten zunehmend in den Hintergrund, hat der Papst dieser Tage kritisiert. Und eine österreichische Umfrage bestätigte die Einschätzung: Kaum mehr als zehn Prozent sehen Weihnachten als religiöses Fest, für weniger als 40 Prozent ist es noch das viel zitierte "Fest der Familie" - aber eine deutliche absolute Mehrheit verbindet es primär mit den kommerziellen Aspekten.

Nun ist zwar zu vermuten, dass nach wie vor gerade Weihnachten Zielscheibe vielfältigster diffuser Sehnsuchtsprojektionen ist: durchaus auch in einem - sehr weit gefassten - religiösen Sinn, und dann vor allem hinsichtlich des Gelingens von menschlichem Miteinander. Am Gesamtbild ändert das aber freilich wenig: Weihnachten hat seinen religiösen Charakter für breite Schichten eingebüßt; und allen Sehnsüchten und gegenteiligen Absichten zum Trotz brechen gerade zu Weihnachten schlecht verheilte Beziehungswunden wieder auf, bahnt sich lange aufgestautes innerfamiliäres Konfliktpotenzial seinen Weg nach außen, vom Unfrieden in der "Welt draußen" gar nicht zu reden. Alles in allem also ein ziemlich scharfer Kontrast zu den Bildern von Licht und Glanz, zur Botschaft des "Friedens den Menschen seiner Gnade" und der Umkehrung der Verhältnisse - dass Vertreter der Bildungseliten (die "Magier") vor einem unterprivilegierten Kind in die Knie gehen.

Die religiösen Inhalte des Weihnachtsfestes träten zunehmend in den Hintergrund, hat der Papst dieser Tage kritisiert. Und eine österreichische Umfrage bestätigte die Einschätzung: Kaum mehr als zehn Prozent sehen Weihnachten als religiöses Fest, für weniger als 40 Prozent ist es noch das viel zitierte "Fest der Familie" - aber eine deutliche absolute Mehrheit verbindet es primär mit den kommerziellen Aspekten.

Nun ist zwar zu vermuten, dass nach wie vor gerade Weihnachten Zielscheibe vielfältigster diffuser Sehnsuchtsprojektionen ist: durchaus auch in einem - sehr weit gefassten - religiösen Sinn, und dann vor allem hinsichtlich des Gelingens von menschlichem Miteinander. Am Gesamtbild ändert das aber freilich wenig: Weihnachten hat seinen religiösen Charakter für breite Schichten eingebüßt; und allen Sehnsüchten und gegenteiligen Absichten zum Trotz brechen gerade zu Weihnachten schlecht verheilte Beziehungswunden wieder auf, bahnt sich lange aufgestautes innerfamiliäres Konfliktpotenzial seinen Weg nach außen, vom Unfrieden in der "Welt draußen" gar nicht zu reden. Alles in allem also ein ziemlich scharfer Kontrast zu den Bildern von Licht und Glanz, zur Botschaft des "Friedens den Menschen seiner Gnade" und der Umkehrung der Verhältnisse - dass Vertreter der Bildungseliten (die "Magier") vor einem unterprivilegierten Kind in die Knie gehen.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Verwundern kann all das freilich wenig, und Umfragen wie die oben zitierte, deren Ergebnisse man grosso modo getrost auf die Mehrzahl europäischer Länder wird übertragen können, zählen seit Jahren zum medialen Inventar der Vorweihnachtszeit.

Warum sollte denn ausgerechnet zu Weihnachten die Welt anders "ticken" als sonst? Wie sollten denn just zu dieser Zeit ihre globalen ökonomischen Antriebskräfte zur Ruhe kommen und anderen, "edleren" Motiven Platz machen? Weshalb sollten wir selbst, jahrein jahraus auf Schnäppchen und Häppchen dressiert, plötzlich anderen Gesetzen gehorchen?

Ist da jemand, dem Weihnachten mehr bedeutet als niedrige Handy-Tarife und kulinarische Highlights? Mehr als die Fortschreibung des Alltäglichen mit verstärktem Mitteleinsatz?

Müssen wir also die Entwicklungen zur Kenntnis nehmen und den Papst Papst sein und sagen lassen, was ihm sein hohes Amt gebietet? Nein, es kann auch heute "Weihnachten" werden - aber es braucht Menschen, die es Weihnachten werden lassen wollen. Das Fest versteht sich nicht mehr von selbst: Der allgemeine religiöse Grundwasserspiegel reicht hierfür nicht mehr aus; verbindliche, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein prägende Normen sind obsolet; schließlich ist die Kirche selbst, mit einem großen Schatz an Traditionen ausgestattet, um den Menschen den Himmel offen zu halten, längst nicht mehr nur verkündendes Subjekt, sondern Objekt der Kritik und als solches von einer generellen Krise der Institutionen voll erfasst.

Mehr denn je kommt es daher auf jeden Einzelnen an: Ist da jemand, dem Weihnachten mehr bedeutet als niedrige Handy-Tarife und kulinarische Highlights? Mehr als die Fortschreibung des Alltäglichen, des "Billiger & Mehr" mit verstärktem Mitteleinsatz?

In diesem Sinne ließe sich auch das altbekannte Wort des Mystikers Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert lesen: "Wird Christus tausendmal in Betlehem geboren und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren." Man mag das als fromme Worte aus längst vergangenen Tagen abtun - und dass man "verloren" sein könnte, gar "ewiglich", will nicht so recht zu einer Zeit passen, in der einem ständig suggeriert wird, man könne nur "gewinnen". Vielleicht aber wird hier doch beschrieben, worauf es ankommt: die unhintergehbare persönliche Entscheidung des Einzelnen.

Was hier von Weihnachten gesagt wurde, gilt auch für anderes, bei dem ein christliches Welt- und Menschenbild, ein spezifisches Verständnis von Wert und Würde des Menschen zur Disposition steht. Von der Sonntagsruhe bis hin zu bioethischen Fragen spannt sich da der Bogen. Auch hier sind kollektive Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten weitgehend verloren gegangen, keine Institution kann hier maßgebliche Autorität für sich in Anspruch nehmen. Was bleibt, ist die gelebte Überzeugung Einzelner. Bewahrt werden wird können, wofür Menschen in Wort und Tat eintreten. Ist da jemand?

Der Autor ist FURCHE-Chefredakteur.